Einführung in das vernetzte Denken

(Studiendirektor Manfred Berberich, Fachberater am Oberschulamt Karlsruhe )
Im Rahmen der bisherigen Fortbildungsveranstaltungen für Gemeinschaftskunde- und Geschichtslehrer im Oberschulamtsbereich Karlsruhe beschäftigten wir uns auch mit dem "vernetzten Denken", dem Denken in komplexen Strukturen.

In allen Bereichen unserer Gesellschaft, Wissenschaft und Technik wird zunehmend übergreifendes Wissen, das Denken in Zusammenhängen gefordert. Bis vor einiger Zeit konnte die Meschheit es sich erlauben, in linearen Ursache- Wirkungsketten zu denken. Hervorgerufen durch eine stärkere Industrialisierung, beschleunigtes Bevölkerungswachstum und eine stärkere Vernetzung der einzelnen Komponenten ist es jedoch notwendig, die Schüler im vernetzten Denken zu schulen. Die Systeme in der Realität reagieren nicht im Sinne einfacher Ursache- Wirkungsketten, sondern sind äußerst komplex, wirken unterschiedlich stark aufeinander ein und beinhalten Rückkopplungen, die teilweise noch nicht bekannt sind, bestenfalls geschätzt werden können.

Nachdem in die Philosophie SYSTEM DYNAMICS eingeführt wurde und die Teilnehmer das Modellbildungssystem POWERSIM kennen gelernt haben, erfolgt eine Einführung in das "vernetzte Denken".

Problemstellung

Zur Problemstellung wird folgender Zeitungsausschnitt vorgestellt:



 

Brot und Pille

(Auszug aus " DIE ZEIT " vom 24. Juni 1994)

Dort, am Nil müssen die Gesandten und Geschickten aus 184 Nationen nun vom 5. bis 13.September 1994 suchen, was sie kürzlich am Ufer des East River nicht fanden: Konsensformeln für die Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung (ICPD). Beim Konklave von Kairo wird die Völkerfamilie das scheinbar Unmöglich wagen: Mit einem "Aktionsplan" will das höchste Gremium der Weltpolitik während der nächsten zwanzig Jahre das Intimste im Leben eines jeden Menschen beeinflussen - die Sexualität, die Zeugung der Kinder. "Reproduktives Verhalten" nennt die Expertenschar keusch das Objekt ihres Begehrens. An solchen Worthülsen feilen die Experten manchmal tagelang. Ab und zu blicken sie dann gehetzt auf die Saaluhr - schon wieder eine Stunde abgelaufen! Sechzig Minuten, in denen die heute 5,6 Milliarden Exemplare des Homo sapiens auf dem Planeten so allerhand auf die Beine stellen: 4,75 Millionen "Akte des Geschlechtsverkehrs" zum Beispiel oder 16250 Babys. Das jedenfalls behauptet die Statistik.

Und die Statistik schürt die Angst - die Angst des Menschen vor dem Fluch seiner Fruchtbarkeit. Um drei Artgenossen pro Sekunden vermehrt sich die Weltbevölkerung: drei, sechs, neun, zwölf... Das macht 98 Millionen im Jahr, also etwa alle zwei Wochen ein neues Berlin. Binnen drei Generationen, im Jahre 2050, werden es bestenfalls "nur" 7,8, vielleicht aber 12,5 Milliarden sein. Und weil neun von zehn Kindern in Entwicklungsländern geboren werden, verwandeln sich die Zahlenreihen der Demographen schnell in Horrorvisionen. Das Weltbild der Zukunft wird blutrot gemalt: Kriege um Wasser und Brot, Massenelend, Hungerapokalypsen. Jedermann liebt seinen Sohn, jede Frau trägt ihre Tochter auf Händen. Aber alle zusammen sind sie doch nur Atome - bei der Explosion der "Bevölkerungsbombe". 


Im Rahmen der Fortbildung wird das Umweltmodell von Hartmut Bossel ("Modellbildung und Simulation"; vieweg 1992) realisiert mit dem Modellbildungssystem POWERSIM als fertiges Modell vorgestellt und in das vernetzte Denken eingeführt:

Aufgaben:

  • Welches sind die wesentlichen Größen des Modells?
  • Interpretieren Sie die Wechselwirkungen des Modells.
  • Auf welche Größen können Sie Einfluß nehmen?
  • Starten Sie den Simulationslauf mit der Starttaste  und interpretieren Sie das Ergebnis anhand der unten abgebildeten Zeitkurven (vgl: Einführung in POWERSIM)

  • Starten Sie mehrere Simulationsläufe, nachdem zunächst eine, später mehrere mögliche Größen verändert wurden. Beachten Sie, daß die Veränderung der Parameterwerte nachvollziehbar sein muß. Diskutieren Sie z.B. auch über den Begriff "Wohlstand"!
  • Plazieren Sie den Schieberegler  an einer freien Stelle und ziehen Sie die Größen Bevölkerung, Umweltbelastung und Konsum in den Schieberegler hinein. Der Schieberegler wird dann folgendes Aussehen haben:

  • (Falls die Handhabung des Systems Schwierigkeiten macht, lesen Sie bitte den Punkt "8. Diagramm erstellen" in der Einführung durch)
  • Starten Sie nochmals das Modell und halten Sie den Simulationslauf nach ca. 50 Jahren mit der Pausetaste  an.
  • Die Schieberegler erlauben es, auf einfache Weise Werte zu veränden. Danach kann der Simulationslauf durch betätigen der Starttaste  fortgesetzt werden. Beachten Sie, daß eine mathematisch genaue Eingabe der Werte ohnehin nicht von Bedeutung ist, da nicht die absoluten Werte, sondern das Verhalten der Werte zueinander interessieren. Begründen Sie, warum von Ihnen die Werte verändert wurden. Was könnte passiert sein, daß Sie beispielsweise im Modell die Größe Bevölkerung um 1oder 2 Mrd. Menschen reduziert haben (exogene Manipulation des Modells)? Diskutieren Sie das Ergebnis anhand des Diagramms.
  • Weitere Aufgaben und Lösungsvorschläge finden Sie im Arbeitsbuch von Dieter Koller: (Hrsg.) Simulation dynamischer Vorgänge, Klett-Verlag, Stuttgart, 1995.

    Eine kurze Projektbeschreibung "Simulation dynamischer Vorgänge" des Oberschulamts Karlsruhe, sowie weitere Berichte über Unterrichtserprobungen wurden ebenfalls veroeffentlicht.


    Studiendirektor Manfred Berberich, 12.10.1997; e-mail : Manfred.Berberich@lehrer.uni-karlsruhe.de
    überarbeitet: 11..01.1999