Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe. Diese Seiten wurden am 15. August 2004 veröffentlicht.

Auszug aus dem Sport-Info 1/2004

Bildungsstandards im Fach Sport (Gymnasium) - Fortsetzung

Der Bildungsplan 2004 hat der Schule drei Bildungsaufgaben übertragen: Der Schüler soll über seine persönliche Bildung eine praktische und politische Bildung erwerben, um so zu einem kompetenten Bürger zu werden. Dies geschieht über Erwartungen bezüglich Einstellungen, Fähigkeiten und Kenntnissen. Einstellungen können nicht losgelöst von Fähigkeiten, verbunden mit Sachverständnis, erworben werden. Fähigkeiten müssen als Kompetenzen begriffen werden, die sich in personale und soziale Kompetenz sowie Methoden- und Fachkompetenz gliedern lassen. Kenntnisse sind als relativ fach- oder fächergruppenspezifisch zu betrachten.

Sport bzw. Sportunterricht fördert die Erziehung junger Menschen und deren Persönlichkeitsentwicklung. Sportunterricht arbeitet anderen Fächern zu und unterstützt so auch deren Erziehungsauftrag. Sportunterricht fordert Sportlehrerinnen und Sportlehrer in hohem Maße, denn Sportunterricht ist mehr als die Vermittlung von Sportarten !

Lernprozesse im Sport gehen nicht mehr ausschließlich vom sportlichen Handeln aus, d.h. sie wollen nicht mehr nur motorische Fertigkeiten vermitteln. Unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit werden im Sportunterricht deswegen neben der Fachkompetenz weitere Kompetenzen angestrebt.

Methodenkompetenz kann selbstverständlich auch über den Sport geschult und erreicht werden. Gerade in den kompositorischen Sportarten Gymnastik, Tanz und Gerätturnen lernen Schüler mit den im Vorfeld geleisteten Handreichungen bzw. Hilfestellungen Übungen und Gestaltungen zu planen zusammenzustellen und letztendlich zu „präsentieren“. Kleine und Große Sportspiele werden von Schülern hinsichtlich Aufstellung, Spielerwechsel und Regelwerk organisiert und durchgeführt. Die eigene Fitness kann sehr wohl auch schon von Schülern über persönliche Trainingsprogramme sinnvoll verbessert werden! Dass Sportunterricht schon immer soziale Kompetenzen gefördert und gefordert hat, steht außer Frage. „Fair Play“ und „Teamfähigkeit“ sind Stützen vieler Sportarten. Sportunterricht hat in diesem Bereich schon viele Schülerinnen und Schüler geprägt! Mehr denn je aber beansprucht ein mehrperspektivischer Sportunterricht den Schüler in seiner Eigenverantwortlichkeit. Dazu gehören gerade Anstrengungsbereitschaft und der Wille zu Leistung. Eine umfassende Handlungskompetenz ist ohne personale Kompetenzen nicht denkbar.

Handlungskompetenz und Handlungsfelder bestimmen die inhaltliche Auskleidung der Standards im Sport.

Der Standard LAUFEN wird – je nach Schwerpunktsetzung - inhaltlich unterschiedlich ausfallen müssen. Das Primat der Bewegung bleibt selbstverständlich bestehen! Darüber hinaus, besser begleitend hinzu, kommen weitere Perspektiven, die die methodische Entscheidungen bestimmen werden.

Betrachtet man den Standard LAUFEN – schnell laufen - aus dem Blickwinkel Wahrnehmung, dann wird eine Unterrichtseinheit LAUFEN (besser: Teil der Unterrichtseinheit Leichtathletik) deutlich anders konzipiert werden müssen als wenn man den Fokus auf Kooperation und Konkurrenz oder Leistung gelegt hätte.

Standard : Die Schülerinnen und Schüler können im Bereich Laufen die fundamentalen Bewegungen ausführen und altersgemäße disziplinspezifische Fertigkeiten in unterschiedlichen Variationen und Situationen anwenden.

 

 

SCHWERPUNKT INHALTE KOMPETENZEN
Bewegung
  • Antreten und Beschleunigen aus verschiedenen Positionen

  • Starten aus verschiedenen Ausgangspositionen

  • Freies Sprinten (druck- und frequenzbetont)

Fachkompetenz

 

Wahrnehmung
  • Schulung von Schrittlänge,

  • Kniehub, Ballenlauf, Frequenz,

  • Rhythmus

Personalkompetenz

Fachkompetenz

Leistung
  • 30 m Sprints

  • Wettbewerbsformen

Fachkompetenz

Personalkompetenz

Kooperation &

Konkurrenz

  • Zeitschätzläufe

  • Tandemlaufen

  • verschiedene Staffelformen

  • diverse Wettbewerbsformen

Personalkompetenz

Sozialkompetenz

Fachkompetenz

Somit erfüllt Sportunterricht, der den neuen Bildungsplan ernst nimmt, folgende Kriterien :

  • er ist zielorientiert

  • er ist differenziert

  • er ist mehrperspektivisch

  • er ist kompetenzentwickelnd

Für viele von uns ist dieser Rote Faden hinsichtlich der Konzeption unseres Sportunterrichts nichts Neues. Und trotzdem: Unterricht kann und muss immer wieder neu ausgerichtet und damit optimiert werden!

Mit „Erziehung zum Sport“ und „Erziehung durch den Sport“ erfahren wir Sportlehrer beides: eine ständige komplexe Herausforderung bzgl. unserer Arbeit wie aber auch ungeahnte Möglichkeiten und Chancen unseres Faches.

Niveaukonkretisierungen

Nach Beendigung der Fortbildungen zu den Bildungsstandards im Sport möchte ich an dieser Stelle einige der Fragen aufgreifen, die immer wieder von Interesse waren.

Ich versuche diese nach „bestem Wissen und Gewissen“ zu beantworten, mit dem aktuellen Kenntnisstand (April 2004). Sie alle wissen mittlerweile, dass „alles im Fluss“ ist und dass nicht „alles so heiß gegessen wird wie es gekocht wird“. Wenn man das Phänomen NIKOs pragmatisch angeht, wird man durchaus einen Gewinn daraus ziehen können.

Was ist eine Niveaukonkretisierung ?

Eine Niveaukonkretisierung ist eine Art Erwartungshorizont bezüglich eines Unterrichtsziels. NIKOs bieten drei Stufen von Anforderungsniveaus zu den einzelnen Bildungsstandards an. Über sie sollen die formulierten Standards zu den Leitgedanken sowie Kompetenzen und Inhalten konkretisiert werden.

Welche Anforderungsniveaus werden beschrieben ?

Es werden stets drei Erwartungsniveaus beschrieben. Damit weisen NIKOs eine Progression auf. Der im Bildungsplan aufgeführte Standard gibt in etwa ein mittleres Anspruchsniveau vor (in Baden-Württemberg also ein Regelstandard); mit Hilfe der Niveaukonkretisierung kann dieser Standard (Niveaustufe B) nach oben (Niveaustufe C) oder nach unten (A) modifiziert werden und bietet damit die Grundlage für eine Binnendifferenzierung.

Welche Kompetenzen werden über die Nikos erläutert ?

Niveaukonkretisierungen sollen sich nicht nur auf Fachkompetenzen beziehen. Sie sollen auch Methoden-, Sozial- und/oder Personalkompetenzen abdecken. Diese sind häufig in den Leitgedanken zu finden.

Für wen sind Niveaukonkretisierungen gedacht ?

NIKOs beschreiben ein Unterrichtsziel mit differenziertem Zielplateau, auf die sich der Unterricht ausrichten sollte. Aus diesem Grund sind sie für die Lehrkraft gedacht! NIKOs dienen nicht der individuellen Schülerleistung, sondern sind innerhalb eines Unterrichtskonzepts als eine Art Erwartungshorizont auf drei Ebenen gedacht. Diese drei Ebenen ermöglichen ein differenziertes Unterrichtsangebot und damit eine Förderung und Forderung möglichst aller Schüler.

Sind NIKOs Grundlage für eine Leistungserhebung ?

NEIN! Niveaukonkretisierungen decken nicht das Notenspektrum ab. Sie sind nicht gleichzusetzen mit Tests, Noten oder Klassenarbeiten. Noten im Sport obliegen weiterhin der pädagogischen Freiheit des Sportlehrers (Absprache in der Fachschaft ?!)

Muss für jeden Leitgedanken und für jeden Bildungsstandard eine Niveaukonkretisierung entwickelt werden ?

NEIN. Das wäre weder sinnvoll noch praktikabel. Es gibt keine Mindestanzahl der zu erstellenden NIKOs. Jede Fachschaft bzw. jeder Sportlehrer entscheidet individuell und situativ über Anzahl und Inhalte von Niveaukonkretisierungen.

Sind die im Netz stehenden NIKOs verbindlich ?

JA und NEIN. Die bereits bestehenden NIKOs haben exemplarischen Charakter. Sie dienen lediglich als Modell für weitere (schulindividuelle) Niveaukonkretisierungen.

Das Niveau ist also verbindlich, nicht aber der Inhalt.

Wann sollen NIKOS entwickelt werden ?

NIKOS haben dann einen Sinn, wenn sie einen zu komplexen Bildungsstandard klären, einen abstrakten oder innovativen Standard erläutern und / oder auf Besonderheiten des Sportunterrichts, der Sporthallenbedingungen oder der Schule oder Schülerschaft eingehen.

 

Sinnvoller Einsatz von NIKOs :

Fall 1 :
Eine Sportlehrerin / ein Sportlehrer übernimmt zum wiederholten Male eine 7. Klasse in Sport. Die konditionellen Voraussetzungen, die die Schüler mitbringen, sind – wie schon seit Jahren – auf sehr niedrigem Niveau.

In der Fachkonferenz Sport wird diese Misere auch von den anderen Kollegen bestätigt. Die Fachschaft beschließt, für den Standard „Die Schüler und Schülerinnen haben ihre Fitness verbessert“ eine Niveaukonkretisierung aufzustellen, um so für die Zukunft einen gemeinsamen Erwartungshorizont mit verschiedenen Niveaustufen zu haben.

Bezug : Klasse 6 Fitness und Gesundheit

Standard: Die Schülerinnen und Schüler können eine ausdauernde Belastung zeitlich einteilen und durchhalten

Situation : 20-Minuten-Lauf

A    Schüler kann 20 Minuten laufen mit max. 3 mal Gehen

B    Schüler kann 20 Minuten laufen (ohne Gehpausen)

C    Schüler kann in 20 Minuten eine bestimmte Strecke* zurücklegen 

(*Vorschlag der Multiplikatoren: 3000 bis 3500 m)

Fall 2 :
Eine Schule hat, bedingt durch regionale Besonderheiten, einen Großteil der Sportstunden im benachbarten Schwimmbad. Etwa ¼ des Sportunterrichts der Klassen 5 und 6 findet also im Wasser statt.

a) Aufgrund dieser Umstände beschließt die Fachschaft Sport verstärkt auch allgemeine Inhalte der Standards im Bereich Schwimmen anzugehen. Außer den genannten Fachkompetenzen im Wasser sollen folgende Kompetenzen abgedeckt werden :

Die Schüler und Schülerinnen

  • besitzen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit einem Partner wie z.B. bei Zieh-, Kampf- und Raufspielen

  • können miteinander und gegeneinander spielen

  • haben ihre Fitness verbessert

  • können grundlegende hygienische Maßnahmen im Sport anwenden und wissen um die Notwendigkeit sportgerechter Kleidung

  • Hier wäre es durchaus sinnvoll, eine Niveaukonkretisierung zu entwickeln.

b) Auch könnte die Fachkompetenz „die Schülerinnen und Schüler können zwei Schwimmarten in Grobform ausführen“ durch eine NIKO relativiert werden, insofern als das Leistungsplateau hier sehr wahrscheinlich höher anzusetzen wäre als bei Schulen mit wenig Schwimmhallenanteilen.

Fall 3 :
Die Fachschaft beschließt eine weitere NIKO für den Standard „die Schülerinnen und Schüler können unterschiedliche Geräte überwinden, darauf balancieren und sich darauf stützen und in ihrer natürlichen Umgebung hangeln, klettern, schwingen und hängen.“

Voraussetzung für die Umsetzung der o.g. Fertigkeiten sind nämlich eine fundierte Mittelkörperspannung, Stützkraft, Haltekraft, etc.
Die Fachschaft erarbeitet also einen „turnspezifischen Kraftausdauerparcours für die Klassen 5 (und einen erweiterten für die Klassen 6).
Je nach Konzept liegt dieser Parcours in der Planung vor der Turneinheit. Hinsichtlich des Erwartungsniveaus bietet sich hier eine NIKO an.

In den geschilderten Fallstudien können Sie ersehen, dass sinnvolle NIKOs durchaus einen Gewinn bringen können und auch mittelfristig Defizite abbauen können.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen die ein oder andere wertvolle und zweckmäßige NIKO !

Gaby Fischer-Blüm, Fachberaterin Sport am OSA Karlsruhe



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