Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe. Diese Seite wurde am 9. März 99 eingestellt.

Auszug aus dem Sport-Info 1/98

Brustschwimmen

Ein Vergleich der alten und neuen Technik

Das Brustschwimmen hat sich in den vergangenen 10 - 15 Jahren, bedingt durch Regelmodifikationen, stark verändert. Bis 1986 war es verboten, den Kopf ganz unter Wasser zu nehmen. Heute muss der Kopf nur während eines Zyklus (gemeint ist ein Armzug und ein Beinschlag) einmal die Wasseroberfläche durchbrechen. Auch die Hände dürfen über Wasser nach vorne gebracht werden, wobei nur noch der Ellbogen unter Wasser sein muss. Diese Regeländerungen führten zu einer neuen Wettkampftechnik, die im deutschen Sprachraum auch als Undulationstechnik bezeichnet wird, während die veraltete Technik Gleitzugtechnik genannt wird.

Der in diesem Artikel versuchte Vergleich der beiden Techniken soll die vermeintlichen biomechanischen Vorteile der neuen Technik aufzeigen. Die Beschreibung der Undulationstechnik bezieht sich auf einen Artikel von Wilke/Daniel in der Zeitschrift "Sport Praxis" (Ausgabe 5/95). Die Gleitzugtechnik findet man nach wie vor im "Handbuch des Sportschwimmens" von James Counsilman aus dem Jahr 1980 in schöner Beschreibung dargestellt.

Interessant im Zusammenhang mit diesem Vergleich ist die Tatsache, dass Schule und Verein beim Lehren des Brustschwimmens verschiedene Wege gehen. Die Schule lehrt weitgehend das Gleitzugschwimmen, während im Wettkampfsport eigentlich nur noch Varianten der Undulationstechnik auftreten. Im Spitzensport gibt es keine Gleitzugschwimmer mehr. Der Bewegungsbeschreibung in der Theorie des Sport - LK nach Ulrich Göhner (zuletzt Sternchenthema im Abitur 1997) liegt jedoch die alte Technik zugrunde. Gegen die Undulationstechnik im Schulsport sprechen der wesentlich höhere Kraftaufwand, verbunden mit einem ebenfalls deutlich größeren Energiebedarf.

Abbildung 1 (nach Wilke/Daniel) verdeutlicht die Namensgebung der neuen Technik. Der Oberkörper und die Hüfte werden bei der alten Technik während des ganzen Zyklus flach unter der Wasseroberfläche gehalten. Der Kopf wird beim Einatmen nur wenig angehoben. Begründet wurde diese Körperhaltung zum einen durch die Regelforderung (Kopf nie unter Wasser - Hände unter Wasser nach vorn), zum anderen durch den damit verbundenen geringen Wasserwiderstand. Bei der neuen Technik bewegen sich Kopf und Hüfte in der Vertikalen sehr stark hoch und wieder tief. Verbunden mit der Vorwärtsbewegung des Körpers kann man beide Körperteile auf einer Wellenlinie sehen. Der Name Undulation leitet sich vom lateinischen Wort unda, die Welle, ab.
Brustschwimmen in Undulationstechnik ähnelt wegen dieser Welle etwas dem Delphinschwimmen. Durch strenge Regelbestimmungen wird jedoch darauf geachtet, dass das Brustschwimmen sich nicht zu sehr dem Delphinschwimmen annähert. So sind Bewegungen in Form eines Delphinbeinschlags verboten, und die Füße müssen während der Rückwärtsbewegung auswärts gedreht werden. Die Forderung nach der Auswärtsdrehung der Füße bereitet übrigens vielen Schülern große Schwierigkeiten. Beim Delphinschwimmen (im Schwimmsport redet man von Schmetterlingsschwimmen, da Brustbeinschlagbewegungen erlaubt, aber nicht üblich sind) müssen die Arme über Wasser nach vorne und unter Wasser nach hinten gebracht werden. Beim Brustschwimmen dürfen die Hände auch nicht weiter als bis zur Hüfte nach hinten gebracht werden, während beim Delphinschwimmen ja bis zum Oberschenkel gedrückt wird.

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Abb. 1 Ein vollständiger Bewegungszyklus mit Untertauchen des Kopfes und angedeuteter Welle

Wo liegen nun die biomechanischen Unterschiede zwischen den Techniken? Im Wesentlichen sind vier Unterschiede zu sehen, die wohl die Vorteile der Undulationstechnik begründen.

Abbildung 2 zeigt einen Vergleich der Techniken. Links die Undulationstechnik in 5 Bildern nach Wilke/Daniel, rechts die Gleitzugtechnik nach Counsilman. Die nebeneinander liegenden Bilder entsprechen nicht ganz dem gleichen Zeitpunkt während des Bewegungszyklus.

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Abb. 2 Vergleich zwischen Undulationstechnik (links) und Gleitzugtechnik (rechts) in 5 Phasenbildern

Vorteil 1 ist im 4. Bild von oben zu sehen. Der größere Rumpfwinkel bei der Undulationstechnik bedeutet einen geringeren Wasserwiderstand im Vergleich zu dem Bremsschild, der durch die stärkere Hüftbeugung bei der Gleitzugtechnik erzeugt wird.

Vorteil 2 ist aus den Bildern 1 und 4 abzuleiten. Bei der Undulationstechnik kommt es zu einer Überlappung der antriebswirksamen Phasen der Arm- und Beinbewegung. Dagegen ist beim Gleitzugschwimmen eine kraft- und energiesparende, antriebslose Gleitphase in gestreckter Körperhaltung erwünscht. Sie führt zu einem relativ starken Abfall der Schwimmgeschwindigkeit innerhalb eines Bewegungszyklus. Bei der Undulationstechnik ist das intrazyklische Geschwindigkeitstief geringer. Das biomechanische Prinzip der minimalen Geschwindigkeitsschwankung fordert jedoch für die Erreichung einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit die Minimierung der Geschwindigkeitsschwankungen. Im Wettkampfsport lässt sich erkennen, dass die Antriebsüberlappung auf der 200 m Strecke im Gegensatz zu der 100 m Strecke nicht durchgehalten werden kann.

Vorteil 3 geht aus den Bildern von Wilke/Daniel nicht hervor. Durch das Vorbringen der Hände über Wasser soll der Wasserwiderstand verringert werden.

Vorteil 4 lässt sich aus der Abbildung 3 ableiten. Durch das hohe Aufrichten des Oberkörpers aus dem Wasser schwappt eine Wassermenge ("added mass" bei Wilke/Daniel genannt) seitlich am Körper vorbei gegen den Rücken des Schwimmers, die zu einem Anschub führen soll, in dem Moment, wenn der Körper wieder tiefer geht.

Unter welchen Voraussetzungen lässt sich die neue Technik im Schulsport lehren? Die Schüler sollten über gute physische Voraussetzungen im Kraft- und Ausdauerbereich verfügen. Gute Delphinfähigkeiten sind wegen der Wellenbewegung wünschenswert. In Schwimm- AG´s oder in Leistungskursen wäre es denkbar, Übungen zur Undulationstechnik einzubringen.

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Abb.3 Gegen den Rücken schwappende Wassermasse

Die Vorstellung von Übungen würde über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Sie sind jedoch bei Wilke/Daniel zu finden.

Rudolf Geltz, StR, Landesbeauftragter SW

 

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