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Ulrich Bräker
 

"Der arme Mann im Tockenburg"
 
Lebensdaten | Werk


* 22. Dezember 1735 Näbis/Toggenburg (Ostschweiz)

+ 11. September 1798 Wattwil/Toggenburg

 

Lithographie von J. H. Füssli
  

 
Ältestes von elf Kindern eines Taglöhners, Kleinbauern und Salpetersieders, "eines blutarmen Vaters von elf Kindern". Die Familie muss dreimal den Wohnsitz wechseln und einmal den Konkurs erklären. Wächst als Hirtenjunge in den Bergen auf; einige wenige Wochen Schulbesuch im Winter; später schwere Arbeit in Feld und Stall. Trostlose Lebensumstände: Verschuldung, Verlust von zwei Kindern durch eine Seuche, unglückliche Ehe.
 Lernbegieriger Autodidakt, literarisches Naturtalent: Drang zur Schriftstellerei, die er als Lebenshilfe erfährt. Der Erfolg seines Buches bringt ihm nicht so viel ein, dass seine Familie davon leben kann; durch seine relative Berühmtheit gerät er vielmehr in eine unglückliche familiäre und gesellschaftliche Position "zwischen allen Stühlen".
 

1761

Heirat mit Salome Ambühl (Tochter eines Tuchfabrikanten); sieben Kinder (1762 Sohn, 1763 Tochter, 1765 Tochter, 1767 Sohn, 1769 Sohn, 1773 zwei Kinder)

 
Literarischer Außenseiter, der durch seine "zur Vermahnung" der Nachkommen verfasste Autobiographie berühmt wird: Die harte Lebenswirklichkeit der Unterschicht wird zum erstenmal detailliert geschildert - in unbeholfener Sprache zwar, aber gerade dadurch umso präziser und anschaulicher. In seinem Tagebuch thematisiert und registriert B. akribisch auf über 3500 Seiten selbstanalytische Betrachtungen, Alltagsereignisse, Familienzwistigkeiten, Dorfklatsch, Preisveränderungen, Wetterverhältnisse, Lesefrüchte und Reiseimpressionen; diese thematische Vielfalt macht es zusammen mit der Frische der Darstellung zu einem Dokument von einzigartigem Rang.

 Völlig eigenständig entdeckt B. Shakespeare, den er als den größten Dichter und als seinen Seelenverwandten bezeichnet.
 


Wichtige Lebensdaten:

1741

Umzug der Eltern auf den Sennhof Dreyschlatt in Krinau.

1741-1747

Im Winter Besuch der Dorfschule in Krinau; im Sommer Hüterbub auf der Alpweide.

1747

Aufgabe des "freien Geißbubenlebens"; Unterstützung des Vaters als Knecht; Lesenlernen anhand pietistischer Traktate und der Bibel.

1752

Abendmahlsunterricht; hohe Verschuldung des Vaters.

1754

Konkurs des Vaters; Umzug vom Dreyschlatt auf die Staig zu Wattwil ins Tal, wo der Vater ein Gut "zu Lehen" erhält; Knecht (Taglöhner) bei einem Bauern; Liebe zur Stieftochter des Nachbarn Anna Lüthold von Horgen ("Ännchen").

1755

Salpetersieder. Der Rechen- und Gabelmacher Laurenz Aller, ein Bekannter des Vaters, bringt B. mit Versprechungen dazu, sein Dorf zu verlassen, um Soldat zu werden. In Schaffhausen prellt er seinen Schlepper; B. wird Diener bei einem preußischen Werbeoffizier und zieht mit ihm nach Rottweil.

1756

Reise mit seinem Herrn nach Straßburg; B. sieht zum ersten Mal eine große Stadt. Sein Herr kommt in finanzielle Schwierigkeiten, schickt B. unter einem Vorwand nach Berlin (einmonatiger Fußmarsch); B. merkt bald, dass er als Rekrut an die preußische Armee verkauft worden ist. Teilnahme an der ersten Schlacht des Siebenjährigen Kriegs bei Lobositz; Flucht aus dem Kampfgetümmel und auf abenteuerlichen Wegen (über Prag, Pilsen, Regensburg, Ingolstadt, Bregenz) Rückkehr in die Heimat. Ännchen ist verheiratet und Mutter eines Kindes.

1757

Wieder Salpetersieder.

1759

Erfolgloser Kleinstunternehmer (Garnhausierer).

1761

Gründung einer Familie (um seine "Sinnlichkeit im Zaum zu halten"): Das erträumte Glück bleibt aus; seine Frau erweist sich als streng und zänkisch; Verschuldung durch Hausbau.

1762

Unfalltod des Vaters beim Holzholen im Wald: B. muss vier kleine Geschwister miternähren; lernt Weben. Lesen und das eigene Schreiben (von seiner Frau missbilligt) werden ihm zum Halt.

1768

Beginn der Tagebuchaufzeichnungen während einer großen Hungersnot (bis zum Tod weitergeführt).

1770

Hungerjahr.

1772

Tod der beiden ältesten Kinder (Ruhr).

1773

Schuldenlast; Schreiben als Kompensation der erbärmlichen Wirklichkeit.

1776

Eine Preisschrift ermöglicht ihm die Aufnahme in die "Moralische Gesellschaft zu Lichtensteig"; Zugang zu ihrer Bibliothek: B. kann jetzt seiner Leseleidenschaft frönen und sich weiterbilden. Lesen und Schreiben entfremdet ihn seiner Familie, erhebt ihn aber aus der Trostlosigkeit und Enge des Alltags in die "Welt in seinem Kopf". Lieblingsautor: Shakespeare.

1777

Selbstmordgedanken wegen der Schulden.

1779

Größerer Auftrag, Baumwolltücher zu weben.

1780

Vergrößerung seiner Webanstalt; Fertigung von Tüchern auf eigene Kosten.

1783

Pfarrer Imhof schickt Textproben an den Verleger Füssli in Zürich, der in seinem Kalender zunächst Auszüge aus dem Tagebuch veröffentlicht und mit unerwartet großem Erfolg die Lebensgeschichte als Buch herausbringt.

1785

Verluste aufgrund einer Rezession.

1791

Aufnahme in die Literarische Gesellschaft in St. Gallen; Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse.

1798

Br. erklärt den Bankrott.


Werke:
(e = entstanden)

Autobiographisches

1768 e

Büchlein zum Trost und Heil

1789
(1781-85 e)

Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg (= Sämmtliche Schriften Erster Theil; anonym)

1792 (ab 1768 e)

Tagebuch des Armen Mannes im Tockenburg (= Sämmtliche Schriften Zweyter Theil; anonym))

Essays

1942 (1780 e)

Etwas über William Shakespeares Schauspiele

1780 e

Der große Lavater

1788 e

Gespräch im Reiche der Toten (dialogische Meditationen über das Jenseits)

1985

Räisonierendes Baurengespräch über das Bücherlesen und den üsserlichen Gottesdienst (2 Bde.)

Drama

1987 (1977 a)

Die Gerichtsnacht oder Was ihr wollt (2 Bde.)

Werkausgaben

1852

Der arme Mann im Tockenburg. Nach den Originalhandschriften hg. v. E. v. Bülow, Leipzig: Wigand

1945

Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im Tockenburg, hg.v. Samuel Voellmy, Basel: Birkhäuser (3 Bde.)

                          


      

Vorrede zum "Armen Mann im Tockenburg"

Obschon ich die Vorreden sonst hasse, muß ich doch ein Wörtchen zum voraus sagen, ehe ich diese Blätter, weiß noch selbst nicht mit was vor Zeug überschmiere. Was mich dazu bewogen? Eitelkeit? – Freylich! – Einmal ist die Schreibsucht da. Ich möchte aus meinen Papieren, von denen ich viele mit Eckel ansehe, einen Auszug machen. Ich möchte meine Lebenstage durchwandern, und das Merkwürdigste in dieser Erzählung aufbehalten. Ist's Hochmuth, Eigenliebe? Freylich! Und doch müßt' ich mich sehr mißkennen, wenn ich nicht auch andere Gründe hätte. Erstlich das Lob meines guten Gottes, meines liebreichen Schöpfers, meines besten Vaters, dessen Kind und Geschöpf ich eben so wohl bin als Salomon und Alexander. Zweytens meiner Kinder wegen. Ich hätte schon oft weiß nicht was darum gegeben, wenn ich so eine Historie meines sel. Vaters, eine Geschichte seines Herzens und seines Lebens gehabt hätte. Nun, vielleicht kann's meinen Kindern auch so gehen, und dieses Büchlein ihnen so viel nutzen, als wenn ich die wenige daran verwandte Zeit mit meiner gewohnten Arbeit zugebracht hätte. Und wenn auch nicht, so macht's doch mir eine unschuldige Freude, und ausserordentliche Lust, so wieder einmal mein Leben zu durchgehen. Nicht daß ich denke, daß mein Schicksal für andre etwas seltenes und wunderbares enthalte, oder ich gar ein besondrer Liebling des Himmels sey. Doch wenn ich auch das glaubte – wär's Sünde? Ich denke wieder Nein! Mir ist freylich meine Geschichte sonderbar genug; und vortrefflich zufrieden bin ich, wie mich die ewig weise Vorsehung bis auf diese Stunde zu leiten für gut fand. Mit welcher Wonne kehr' ich besonders in die Tage meiner Jugend zurück, und betrachte jeden Schritt, den ich damals und seither in der Welt gethan. Freylich, wo ich stolperte – bey meinen mannigfachen Vergehungen – o da schauert's mir – und vielleicht nur allzugeschwind werd' ich über diese wegeilen. Doch, wem wurd's frommen, wenn ich alle meine Schulden herzählen wollte – da ich hoffe, mein barmherziger Vater und mein göttlicher Erlöser haben sie, meiner ernstlichen Reue wegen, huldreich durchgestrichen. O mein Herz brennt schon zum Voraus in inniger Anbetung, wenn ich mich gewisser Standpunkte erinnere, wo ich vormals die Hand von oben nicht sah, die ich nachwärts so deutlich erkannte und fühlte. Nun, Kinder! Freunde! Geliebte! Prüfet alles, und das Gute behaltet.

 

  

 

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