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Expressionismus (1910-1925)
    

     
Begriff:

Von lat. expressio = Ausdruck; zuerst Sammelbezeichnung für die gegen Naturalismus und Impressionismus gewandten Stiltendenzen verschiedener Gruppen von jungen Malern vor dem 1. Weltkrieg (Die Brücke, Der Blaue Reiter - großflächige Bildkomposition, sich verselbständigende Farben, verzerrte Konturen); später auf die Literatur übertragen.

Datierung:

Relativ klar umreißbare literarische Strömung.

Tragende Schicht:

Junge Generation, die an der Zeit leidet. Ziel: geistige Erneuerung einer erstarrten, korrupten und heuchlerischen Gesellschaft.

Selbstverständnis des Künstlers:

Kunst und Wirklichkeit passen nicht mehr zusammen: Der Künstler steht einer Welt gegenüber, in der er nur Zufall, Unordnung, Disharmonie wahrnehmen kann; Kunst = "Kampf mit dem Irrsinn" (H. Ball). Wirklichkeitsbegriff: Die Wirklichkeit schließt das Geistig-Seelische, das Irrationale mit ein. Das Sein, das Wesen muss erfasst werden; inneres Erlebnis steht über äußerem Leben: Dichter als "Künder".

Grundzüge:

Erlebnis der Auflösung aller tradierten Orientierungssysteme; Aufbruchsstimmung (Gedichtsammlung Menscheitsdämmerung); Katastrophenstimmung als kollektive Stimmungslage (Halleyscher Komet 1910); Vorahnung der Kriegskatastrophe; Zivilisationskritik, Protest gegen Mechanisierung des Lebens; Erlebnis der Sinnleere und der Beziehungslosigkeit (Georg Heym, Tagebuch, 29.9.09: Ich weiß auch gewiß nicht, warum ich noch lebe. Ich meine, keine Zeit war bis auf den Tag so inhaltlos wie diese); Leiden an der Monotonie, Unausgefülltheit, Banalität des Lebens: Unsere Krankheit ist, in dem Ende eines Welttages zu leben, in einem Abend, der so stickig ward, daß man den Dunst seiner Fäulnis kaum ertragen kann (Heym, 1911); Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. (Tagebuch, 15.9.11); Sehnsucht nach Aktion; Angst vor der modernen, wissenschaftl.-technischen Zivilisation als Bedrohung des Geistes. Ich-Zerfall: Das Ich erlebt sich nicht mehr als autonom Handelnder, sondern als Opfer einer übermächtigen Umwelt, die auf ihn eindringt.
Intensivierung des Fühlens: Pathos, Ekstase, Aufbegehren, "Schrei".

Vor dem Weltkrieg ästhetisch orientierte Bewegung. Nach den Kriegserfahrungen auch politisches Engagement: Pazifismus, Sehnsucht nach besserer Welt, nach einer neuen Menschheit.

Themen:

Großstadt als Ort der Ich-Zerstörung. Negative Themen als Ausdruck der Ich-Gefährdung: Wahnsinn, Selbstmord, Krankheit, Tod, Verfall, Untergang (vgl. Benn Morgue, Trakl); hässliche und schreckliche Inhaltselemente. Schock und Provokation als Kritik an der zeitgenössischen Kultur, in der die grausame Wirklichkeit verharmlost wird.

Darstellungsmittel:

Reihungsstil der Lyrik: Gleichzeitigkeit (Simultaneität) des Disparaten, nicht Zusammengehörigen in der raschen Folge wechselnder Bilder; Ästhetik der Hässlichkeit: schockierende Bilder, präzise Wiedergabe grauenhafter Details; parodistische Verwendung traditioneller literarischer Formen und Elemente; Stilelemente des Pathos, Aufbegehrens, der Gefühlsintensität, der Ekstase.
Typische formale und sprachliche Mittel: Metapher als wichtigstes Stilmittel; Farbe als Stimmungsträger; Synästhesie als Möglichkeit, alle Sinnesbereiche zu erfassen, zu verbinden; Mittel zur Verfremdung; Montage/Collage: Versuch der Darstellung einer vielschichtigen, disparaten Wirklichkeit; Antithese, Paradox als Strukturprinzip: Diskrepanz, Zusammenfügen von Widersprüchlichem; das Groteske: Verzerrung der Wirklichkeit; Ziel: Aufdecken von Hintergründen, Kritik; Wort-, Bildschöpfungen, Zerreißen der Syntax, Sprachfetzen; Sprachexperimente: Ringen um neue Ausdrucksmöglichkeiten (Benn spricht von "Wirklichkeitszertrümmerung", d.h. "sein innerstes Wesen mit Worten zu zerreißen, der Drang sich auszudrücken").

Bevorzugte Formen:

Zu Beginn Vorherrschen der Lyrik; nach dem Weltkrieg tritt an ihre Stelle das Drama (Vorbilder: Büchner, Strindberg); hinter Lyrik und Drama tritt der Roman zurück; epische Kleinformen.

 
Autoren:

    

 

Georg Heym: Umbra Vitae

Frontispiz von Ernst Ludwig Kirchner, 1924

 
 

Ein Gedicht als Initialzündung der expressionistischen Lyrik:
  

Jakob von Hoddis, Weltende
 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

 
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
 

(veröffentlicht am 11.1.1911)

   

   

   

   

   

   

   

   

   

  

 

   

   

   

  

  

  

   

   

  

  

  

  

  

   

   

   

   

  

 

   

  

  

  

  

    

   

    

   

  

   

   

© Willi Vocke

2000

      

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