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Andreas Gryphius

eigentl.: Andreas Greif(f)

Lebensdaten
| Werk


* 2. Oktober 1616 Glogau (Glogów)/Schlesien


+
16. Juli 1664 Glogau (Schlaganfall)

  

 
Stich von Philipp Kilian
 

 
Sohn des Archidiakons der lutherischen Kirche Paul Greif (1560-1621) und seiner Frau Anna, geb. Erhard (1592-1628). Jugend geprägt durch Kriegswirren, Konfessionsstreitigkeiten und persönliche Schicksalsschläge, die eine kontinuierliche Ausbildung verhindern. Seine außergewöhnliche Begabung (er soll 11 Sprachen beherrscht haben) ermöglicht es ihm trotzdem, sich eine auf der Höhe der Zeit stehende Bildung anzueignen.
  

1649 

Heirat mit der Kaufmannstochter Rosina Deutschländer; 4 Söhne, 3 Töchter; 4 Kinder sterben früh; Christian (1649-1706; Gelehrter und Dichter; gibt 1698 das Werk seines Vaters heraus); Daniel (1663-1687, gest. in Neapel); Anna Rosina erkrankt mit 5 Jahren an Kinderlähmung (gest. mit 44 Jahren im Hospital).

 
Lyriker und Dramatiker. Bedeutendster deutscher Barockdichter. Eindringlicher Schilderer irdischer Eitelkeit und Vergänglichkeit (vanitas), Hinweis auf erlösendes Jenseits. Erster deutscher Dramatiker, der sich mit ausländischen Bühnendichtern vergleichen lässt.

  

Ehrungen:
  

1637

Erhebung in den Adelsstand
Krönung zum "poeta laureatus"


Wichtige Lebensdaten:

1621

5.12.: Tod des Vaters; Einschulung im Glogauer evangelischen Gymnasium.

1622

Wiederverheiratung der Mutter mit Michael Eder (+1648), Magister am Glogauer evangelischen Gymnasium.

1628

Tod der Mutter; Übersiedlung zum Stiefvater Michael Eder, der inzwischen in Driebitz eine Pfarrstelle versieht.

1631

Wegen der Kriegswirren keine Möglichkeit zum Schulbesuch in Görlitz; beim Stiefbruder Paul (Pfarrer) in Rückersdorf; dann Glogau.

1632

Gymnasium in Fraustadt, wo Eder inzwischen als Pfarrer wirkt. Die erste größere Dichtung entsteht.

1634-36

Akademisches Gymnasium in Danzig; Präzeptor im Haus eines polnischen Admirals; G. kommt in Berührung mit der neuen deutschen Dichtung.

1636

Febr: wieder in Fraustadt; "Ephorus" für die Kinder des Rechtsgelehrten und Gutsbesitzers Georg Schönborner in der Nähe von Freistadt.

1637

Adelstitel, Magisterwürde, Krönung zum "poeta laureatus" durch Schönborner; Dez.: Tod Schönborners.

1638-44

Studium an der Universität Leiden als Begleiter der Schönborner-Söhne; Studienfächer u.a. Philosophie, Anatomie, Jurisprudenz. G. hält bald auch selbst Kollegs (Repetierkurse?) ab. Freundschaft mit dem Landsmann Christian Hofmann von Hofmannswaldau. Einfluss der holländischen Jahre auf den späteren Dramendichter (Joost van den Vondel).

1640

Tod des Stiefbruders Paul.

1640-41

Schwere Erkrankung.

1644-46

Als Begleiter des Stettiners Wilhelm Schlegel Reise durch Frankreich (Paris, Marseille) und Italien; Florenz, Rom (Begegnung mit Athanasius Kircher), Ferrara, Venedig.

1647

Straßburg; Heimreise über Leiden, Stettin nach Fraustadt (Nov.); G. lehnt Berufungen an die Universitäten Frankfurt (als Professor der Mathematik), Heidelberg und Uppsala ab.

1648

Nov.: Verlobung.

1649

12.1.: Heirat.

1650

Syndicus in Glogau (Rechtsberater der Landstände).

1653ff.

Häufige Reisen nach Breslau.

1656

Pestepidemie; G. zieht vorübergehend auf das Landgut seines Freundes und früheren Schülers Johann Christoph Schönborner.

1658

Dez.: G. seziert in Breslau eine Mumie.

1662

Aufnahme in den "Palmenorden" (= "Fruchtbringende Gesellschaft"; bedeutendste Sprachgesellschaft) mit dem Beinamen "Der Unsterbliche".

1664

Tod während einer Sitzung der Glogauer Landstände.

1698

Christian G. gibt die gesammelten Werke heraus.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Gedichte

1637

Sonnete (Lissaer Sonettbuch)

1639

Son- undt Feyrtags-Sonnete

1643

Epigrammata Oder Bey-Schrifften (1. Buch)

1643

Oden. Das erste Buch

1643

Sonnete. Das erste Buch 

1650

Teutsche Reim-Gedichte (Sammlung: 2 Oden-, 3 Sonettbücher; 2. Buch Oden)

1652

Thränen über das Leiden Jesu Christi (= 4. Buch Oden) 

1657

Andreae Gryphii Deutscher Gedichte Erster Theil (2., 3. u. 4. Buch Sonette; 3. u. 4. Buch Oden) 

1657

Kirchhoffs-Gedancken 

1663

Epigrammata Oder Bey-Schrifften (3 Bücher) 

1698

Um ein merckliches vermehrte Teutsche Gedichte (2 Bde.; Sonette, Geistliche Lieder, Begräbnis-Gedichte, Hochzeit-Gedichte, Vermischte Gedichte)

Dramen

1650
(1647 e; 1651 a)

Leo Armenius Oder Fürsten-Mord (Trauerspiel)

1657
(1650 e; 1651 a)

Catharina von Georgien. Oder Bewehrete Beständigkeit (Trauerspiel) 

1657

Cardenio und Celinde Oder Vnglücklich Verliebete (Trauerspiel) 

1657

Ermordete Majestät. Oder Carolus Stuardus König von Groß Britannien (Trauerspiel) 

1657 (1658?)

Absurda Comica. Oder Herr Peter Squentz ("Schimpff-Spiel"; Komödie) 

1657
(1653 a Glogau)

Majuma ("Freuden-Spiel") 

1659 (1658 a)

Großmüttiger Rechts-Gelehrter Oder Sterbender Aemilius Paulus Papinianus (Trauerspiel)

1660
(1660 a Glogau)

Verlibtes Gespenste ("Gesang-Spil")/Die gelibte Dornrose ("Schertz-Spil")

1661

Der Schwermende Schäfer Lysis

1663

Freuden und Trauer-Spiele auch Oden und Sonnette

1663

Horribilicribrifax. Teutsch (Komödie)

1698 (1660 e)

Piastus ("Lust- und Gesangspiel")

Prosa

1637

Fewrige Freystadt (Bericht über den Brand Freistadts) 

1649

Schlesiens Stern in der Nacht, zu Ehren Tit. Herrn Sigismund Müllern (Trauerrede)

1662

Mumiae Wratislavienses (Beschreibung einer Mumiensektion)

1666

Dissertationes Funebres. Oder Leich-Abdanckungen (Leichenreden)

Lateinische Epen

1634

Herodis Furiae et Rachelis lachrymae

1635

Dei Vindicis Impetus et Herodis Interitus

1636

Parnassus renovatus

1646

Olivetum. Libri tres (1648 überarb.)

Übersetzungen (Auswahl)

1657

Causinus: Beständige Mutter Oder Die Heilige Felicitas (Märtyrertragödie) 

1663

H. Razzi: Seug-Amme oder untreues Gesind (La balia; "Lust-Spiel"

1663

R. Baker: Betrachtungen über Das Gebett des Herren (Meditations and Disquisitions upon the Lords Prayer)

1687

R. Baker: Betrachtungen der 1. Sieben Buß-Psalm

1698

Vondel: Die Sieben Brüder Oder Die Gibeoniter (De Gebroeders)

 Werkausgaben

1878-84

Werke, hg. v. H. Palm u.a., Tübingen (3 Bde.; Reprint: 1961 Hildesheim: Olms)

1938

Lat. u. deutsche Jugenddichtungen, hg. v. W. Wentzlaff-Eggebert, Leipzig: Hiersemann

1961

Lustspiele, Trauerspiele, lyrische Gedichte, lat. u. dt. Jugenddichtungen, hg. v. E. Mannack u.a., Stuttgart: Hiersemann

1963-83

Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke, hg. v. M. Szyrocki u. H. Powell, Tübingen: Niemeyer (12 Bde.)

   
Internationale Andreas-Gryphius-Gesellschaft e.V.
 


      

Es ist alles eitel.
 

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

 

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

 

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,

 

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.

 

Menschliches Elende.
 

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

 

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

 

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

 

Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn,
Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn, wie Rauch von starken Winden.

Abend.

 
Der schnelle Tag ist hin; die Nacht schwingt ihre Fahn
Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und Werk, wo Tier und Vögel waren,
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.
Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren
Ich, du, und was man hat, und was man sieht, hinfahren.
Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

  

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten!
Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!
Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,
So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir!
 

Thränen des Vaterlandes.
Anno 1636.

Wir sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwerdt, die donnernde Carthaun
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrath auffgezehret.

 

Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret.
Das Rathauß liegt im Grauß, die Starcken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest und Tod, der Hertz und Geist durchfähret.

 

Hir durch die Schantz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreymal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut,
Von Leichen fast verstopfft, sich langsam fort gedrungen.

 

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnoth:
Das auch der Seelen Schatz so vilen abgezwungen.

  

  

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