Johann Gottfried Herder

Lebensdaten | Werk


* 25. August 1744 Mohrungen (Ostpreußen)

+ 18. Dezember 1803 Weimar

Grabstätte: Stadtkirche zu Weimar

 

 
Gemälde von Anton Graff
(1785)
  

 
Drittes Kind des Glöckners, Kantors und Mädchenschullehrers Gottfried Herder (1706-1763) und seiner zweiten Frau Anna Elisabeth, geb. Peltz (1717-1772). Wächst in "einer dunklen, aber nicht dürftigen Mittelmäßigkeit" auf. Enge pietistische Atmosphäre des Elternhauses. Frühreife Anlagen. Besuch der Lateinschule in Mohrungen.
 

1773

Heirat mit Caroline Flachsland (1750-1809; frühverwaiste Tochter eines Württembergischen Amtsschaffners). Kinder: Gottfried (*1774), August (*1776), Wilhelm (*1778), Adalbert (*1779), Luise (*1781), Emil (*1783), Alfred (*1787), Rinaldo (*1790)

 
H. gehört mit Hamann und Kant zu den drei großen Ostpreußen des 18. Jh.s. Umfangreiches Gesamtwerk als Geschichts- und Sprachphilosoph, Kunsttheoretiker, Theologe, Literaturkritiker, Übersetzer und Nachdichter. Die eigene dichterische Produktion (verstreut veröffentlichte Gedichte) tritt dahinter zurück.
 1770 in Straßburg Begegnung mit dem jungen Goethe, dessen entscheidender Lehrer er wird: eigentlicher Beginn des "Sturm und Drang". Forderung nach "originaler" und nationaler Kunst, die sich aus der Volkspoesie speist (1773 Programmschrift "Von deutscher Art und Kunst"). Volk als lebendiger Organismus: Literatur entwickelt sich aus Lebensumständen und Entwicklungsstand eines Volkes und offenbart so auch den jeweiligen Volkscharakter. Für Volkspoesie, gegen Bildungsdichtung: Poesie als allgemeine Welt- und Völkergabe. Begriff "Volkslied" von H. geprägt. Einfluss auf die Romantiker ("Des Knaben Wunderhorn", Brüder Grimm).
 Sprachphilosophie ("Abhandlung über den Ursprung der Sprache"): Sprache ist nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs. Voraussetzung aller kulturellen Leistungen.
 Philosophisches Hauptwerk: "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit". In der Geschichte offenbaren sich allgemeine und ewige Gesetzmäßigkeiten. Erstmals Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken; Vorbereitung der dialektischen Philosophie Hegels.
  "Briefe zu Beförderung der Humanität" (1793ff.): In der Idee der Humanität liegt die höchste Bestimmung des Menschen (harmonische Ausbildung aller im Menschen angelegten Kräfte; Einfluss auf die deutsche Klassik, den deutschen Bildungsroman).
 Wirkungsgeschichte: Einfluss auf Volkskunde, Sprachwissenschaft, Anthropologie, Theologie, Kulturphilosophie, Pädagogik, Literaturwissenschaft, Geschichtsphilosophie bis ins 19. Jh. hinein. Man hat H. als den "vielleicht größten Anreger und Beweger in der Geschichte des deutschen Geistes" bezeichnet (Benno von Wiese, 1939).
 


Wichtige Lebensdaten:

1760

Kopistendienste beim Diakon der Mohrungener Stadtkirche Trescho gegen freie Unterkunft; autodidaktische Studien in der Pfarrbibliothek. Auf Vermittlung des russischen Militärarztes Schwartz-Erla nach Königsberg.

1762

Aug.: Einschreibung an der Universität als Student der Theologie; Schüler Kants; Freundschaft mit Hamann, der ihm englischen und italienischen Sprachunterricht erteilt, und seinem künftigen Verleger Johann Friedrich Hartknoch.
Seinen Lebensunterhalt verdient H. als Hilfslehrer am Collegium Fridericianum.

1764

Auf Empfehlung Hamanns Kollaborator (Aushilfslehrer) an der Domschule in Riga (u.a. Naturkunde, Geschichte, Deutsch). Prediger an zwei Hauptkirchen.

1765

Theologisches Examen; Prediger an der Domkirche; feste Anstellung als Lehrer. Beiträge in den Rigaischen Anzeigen und der Königsbergischen Zeitung.

1766

Aufnahme in die Freimaurer-Loge Zum Schwert in Riga.

1769

Mai: Seereise nach Frankreich; vier Monate in Nantes, anschließend Paris (Bekanntschaft mit Diderot); im Dez. Rückreise über Brüssel, Antwerpen nach dem Haag.

1770

Über Leyden nach Amsterdam und Hamburg; Besuche bei Lessing und Claudius. Abreise nach Eutin: Erzieher beim Erbprinzen von Holstein-Gottorp. Juli: Beginn der Bildungsreise; in Darmstadt erste Begegnung mit Caroline Flachsland. August: Verlobung. Sept.: in Straßburg Trennung von der fürstlichen Reisegesellschaft, um ein Augenleiden (Tränenfistel) behandeln zu lassen; die Operation misslingt. Bekanntschaft mit Goethe.

1771

Mai: Hofprediger und Konsistorialrat beim Grafen von Schaumburg-Lippe in Bückeburg. Gewinn der Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften mit der Abhandlung über den Ursprung der Sprache; zwei Jahre Mitarbeit an Friedrich Nicolais Allgemeiner Deutscher Bibliothek; Freundschaft mit der Gräfin Maria zu Schaumburg-Lippe (1744-1776).

1772

Febr.: Besuch bei dem Altphilologen Christian Gottlob Heyne in Göttingen; Kuraufenthalt in Pyrmont im Sommer; theologische und geschichtsphilosophische Studien.

1773

Mai: Heirat in Darmstadt.

1775

Superintendent in Bückeburg; Reise nach Darmstadt und Pyrmont (Gleim).

1776

Sommer: Kur in Pyrmont. Auf Anregung Wielands und Vermittlung Goethes Ernennung zum Generalsuperintendenten, Oberkonsistorialrat und Hofprediger in Weimar; 1. Okt.: Ankunft in Weimar und Antrittspredigt in der Stadtkirche.

1777

Sommer: Kur in Pyrmont. Konflikt mit Goethe anlässlich der Einführung ins Konsistorium.

1779

Preisschrift Über den Einfluß der Schönen Literatur in den höheren Wissenschaften. Spannungen im Verhältnis zu Goethe: H. sieht seine politische und schulpolitische Arbeit nicht genügend gewürdigt.

1780

Die Abhandlung Vom Einfluß der Regierungen auf die Wissenschaften und der Wissenschaften auf die Regierung wird von der Berliner Akademie der Wissenschaften preisgekrönt. Freundschaft mit Johann Georg Müller; Streit mit Nicolai.

1781

Die Abhandlung Über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten wird von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften preisgekrönt.

1783

Beginn der Freundschaft mit Sophie von Schardt (1755-1819). Reise nach Halberstadt (Gleim) und Hamburg (Klopstock); Begegnung mit Matthias Claudius in Wandsbeck. Wieder Annäherung an Goethe.

1784

Besuch von Claudius und Friedrich Heinrich Jacobi in Weimar.

1785

Maßgeblicher Anteil Herders an der Schulreform in Weimar. Bekanntschaft mit Georg Forster. Aufenthalt in Karlsbad.

1786

Reise nach Karlsbad.

1787

Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften.

1788-89

Aug. - Juni: Italienreise zusammen mit dem Trierer Domherrn Friedrich von Dalberg: über Verona und Rom (Freundschaft mit Angelika Kauffmann) und in Gesellschaft der Herzoginmutter Anna Amalia von Sachsen-Weimar weiter nach Neapel.

1789

Rückreise über Florenz und Venedig. Ernennung zum Vizepräsidenten des Oberkonsistoriums. Besuch beim Prinzen August von Gotha. Zunächst positives Urteil über die Französische Revolution (später Enttäuschung).

1790

Wiederholte Krankheiten. Arbeitsüberlastung.

1791

Reise nach Karlsbad.

1792

Leber- und Gichtleiden. Badekur in Aachen. Besuch bei F. H. Jacobi in Pempelfort.

1794

Besuch bei Gleim in Halberstadt.

1795

Beiträge für Schillers Zeitschrift Die Horen.

1796

Weitere Beiträge in den Horen und im Musenalmanach Schillers. Beginn der Freundschaft mit Jean Paul.

1798

Treffen mit Jean Paul in Jena. Okt.: Umzug Jean Pauls nach Weimar; enger Kontakt.

1801

Ernennung zum Präsidenten des Oberkonsistoriums. Herders Zeitschrift Adrastea beginnt zu erscheinen (bis 1803, 6 Bde.). Okt.: Erhebung in den Adelsstand durch den Kurfürsten Maximilian IV. Joseph von Bayern.

1802

Reise nach Aachen. Rückreise über Frankfurt, Nürnberg, Regensburg.

1803

Krankheit. Kuraufenthalte in Eger und Franzensbad. Aug.: Reise nach Dresden.


Werke:

(e = entstanden)

Gedichte

1765

Über die Asche Königsbergs. Ein Trauergesang
Der Opferpriester. Ein Altarsgesang (anonym)

1802

Aeon und Aeonis. Eine Allegorie

Dramatische Werke

1774

Brutus. Ein Drama zur Musik (anonym)

1808 (1802 e)

Admetus Haus. Der Tausch des Schicksals. Ein Kranz ehelicher Liebe und Tugend

Tagebuch

1846 (1769 e)

Journal meiner Reise im Jahre 1769

Editionen/Sammlung von "Volksliedern" 

1774

Alte Volkslieder (2 Teile)

1778

Lieder der Liebe. Die ältesten aus Morgenlande. Nebst 44 alten Minneliedern

1778/79

Volkslieder. Nebst untermischten andern Stücken (2 Bde.; 1807 Neuauflage u. d. T. Stimmen der Völker in Liedern); u.a.

  • Edward [II, 5]

  • Röschen auf der Heide [II, 23]

  • Erlkönigs Tochter [II, 27]

Sprachphilosophische Schrift

1772 (1770 e)

Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Geschichtsphilosophische Schriften

1774

Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit

1784-91

Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (4 Bde.; 1784 [1], 1785 [2], 1787 [3], 1791 [4]; Vorstellung von einem Prozess der stufenweisen Höherentwicklung der Menschheit)

Aufsätze zur Literatur, Kunst, Religionsgeschichte, Philosophie und Theologie (Auswahl)

1766-67

Über die neuere Deutsche Litteratur. Fragmente (3 Bde.: 1766 [1, 2], 1767 [3]; gegen die Nachahmung fremder Literatur; anonym)

1768

Über Thomas Abbts Schriften (anonym)

1769

Kritische Wälder oder Betrachtungen, die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend (3 Bde.)

1769

Studien und Entwürfe zur Plastik

1773

Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker; Shakespeare (in: Von deutscher Art und Kunst, einige fliegende Blätter; anonym)

1774

Wie die Alten den Tod gebildet (anonym)
An Prediger, fünfzehn Provinzialblätter

1774/76

Älteste Urkunde des Menschengeschlechts (2 Bde.; Schöpfungsgeschichte als literarischer Mythos)

1775

Ursachen des gesunkenen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblühet
Erläuterungen zum Neuen Testament aus einer neueröffneten Morgenländischen Quelle (anonym)
Briefe zweener Jünger Jesu in unserm Kanon

1777

Von der Ähnlichkeit der mittleren englischen und deutschen Dichtkunst

1778

Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele (anonym; frühere Fassungen 1774, 1775)

1778
(1768-70 e)

Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume (anonym)

1779

MARAN ATHA. Das Buch von der Zukunft des Herrn, des Neuen Testaments Siegel (anonym)
Über den Einfluß der schönen Literatur in den höheren Wissenschaften

1780

Vom Einfluß der Regierungen auf die Wissenschaften und der Wissenschaften auf die Regierung

1781

Über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten
Über die Seelenwandrung. Drei Gespräche
Lessing

1782/83

Vom Geist der Ebräischen Poesie (2 Bde.; Untersuchung der Bibel unter literaturhistorischen Aspekten)

1787

Gott, einige Gespräche (über Spinoza)
Persepolis. Eine Muthmassung

1792

Tithon und Aurora (anonym)
Spruch und Bild, insonderheit bei den Morgenländern

1794

Von der Auferstehung, als Glauben, Geschichte und Lehre
Von der Gabe der Sprachen am ersten christlichen Pfingstfest

1795/96

Terpsichore (3 Bde.; 1795 [1,2], 1796 [3])

1796

Vom Erlöser der Menschen. Nach unsern drei ersten Evangelien
Iduna oder der Apfel der Verjüngung

1797

Von Gottes Sohn, der Welt Heiland. Nach Johannes Evangelium

1798

Vom Geist des Christenthums
Von Religion, Lehrmeinungen und Gebräuchen

1799

Verstand und Erfahrung. Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft. - Vernunft und Sprache. Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft (2 Bde.; Kritik an Kants Transzendentalphilosophie)

1800

Kalligone. Vom Angenehmen und Schönen (3 Teile; gegen Kants Ästhetik)

1802

Aeon und Aeonis. Eine Allegorie
Preußische Krone

1803 (1788 e)

Idee zum ersten patriotischen Institut für den Allgemeingeist Deutschlands

1812

Der deutsche Nationalruhm. Eine Epistel

1814 (1777 e)

Über die dem Menschen angeborene Lüge

1846

Viertes kritisches Wäldchen

1882 (1778 e)

Denkmal Johann Winckelmann's

1883 (1792 e)

Luther, ein Lehrer der Deutschen Nation

1960

Zum Sinn des Gefühls

Sammlungen

1780/81

Briefe, das Studium der Theologie betreffend (4 Bde.)

1784-97

Zerstreute Blätter. Sechs Sammlungen: 1784 [1], 1786 [2], 1787 [3], 1792 [4], 1793 [5], 1797 [6])

1793-97

Briefe zu Beförderung der Humanität. Zehn Sammlungen (1793 [1, 2], 1794 [3, 4], 1795 [5, 6], 1796 [7, 8], 1797 [9, 10])

1794-98

Christliche Schriften. Fünf Sammlungen (1794 [1], 1796 [2], 1797 [3], 1798 [4, 5])

1801-03

Adrastea (Miszellen-Sammlung, 6 Bde.: 1801 [1, 2], 1802 [3, 4], 1803 [5, 6])

1810

Sophron. Gesammelte Schulreden

Übersetzungen/Nachgestaltungen

1762

Gesang an den Cyrus. Aus dem Hebräischen (anonym)

1787

A. Pope: The Dying Christian to his Soul. An Ode

1803

Der Cid (Romanzen 1-22; vollst. 1805; Romanzen über den span. Nationalhelden)

1883 (1792 e)

Benjamin Franklin's Rules for a Club established in Philadelphia

Werkausgaben

1805-1820

Sämmtliche Werke, hg. v. Maria Carolina von Herder u.a., Tübingen: Cotta (45 Bde.)

1827-1830

Sämmtliche Werke, hg. v. Maria Carolina von Herder u.a., Stuttgart/Tübingen: Cotta (60 Bde.)

1852-1854

Sämmtliche Werke, hg. v. Maria Carolina von Herder u.a., Stuttgart/Tübingen: Cotta (40 Bde.)

1867-1879

Werke, hg. v. Heinrich Düntzer, Berlin: Hempel (24 Bde.)

1877-1909

Sämmtliche Werke, hg. v. Bernhard Suphan, Berlin: Weidmann (33 Bde.; Neudruck Hildesheim: Olms 1967/68)

1903

Werke, hg. v. Theodor Matthias, Leipzig: Bibliogr. Institut (5 Bde.)

1912

Werke, hg. v. Ernst Naumann, Berlin: Bong (15 Teile)

1939-1943

Gesammelte Werke, hg. v. Franz Schultz, Potsdam: Rütten & Loening (5 Bde.)

1957

Werke, ausgew. u. eingel. v. Wilhelm Dobbek, Weimar: Aufbau (5 Bde.)

1984-2002

Werke, hg. v. Wolfgang Proß, München/Wien: Hanser (3 in 4 Bde.)

1985-2000

Werke, hg. v. Günter Arnold u.a., Frankfurt/M.: Dt. Klassiker-Verlag (10 Bde.)


   
    
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