Autoren | Epochen
 

Johann Anton Leisewitz

Lebensdaten | Werk


* 9. Mai 1752 Hannover

+ 10. September 1806 Braunschweig

Grabstätte: Braunschweig, Magni-Friedhof

 

 
 Stich von Uhlemann
 

   

Sohn des Weinhändlers Johann Eobald Leisewitz (1719-1759) und seiner Ehefrau Catharina Louise, geb. von d. Vecken (1731-1816). Kindheit in Celle; Gymnasium in Hannover. Relativ ruhiger Verlauf seines Lebens; lebt aber lange Zeit in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Verstummt als Dichter, als bei einer 1775 ausgeschriebenen Dramenkonkurrenz sein Julius von Tarent Klingers Zwillingen unterliegt. Hypochondrische und melancholische Anlagen.

  

1781

Heirat mit Sophie Seyler (1762-1833; Tochter des Hamburger Theaterdirektors Abel Seyler)

    

Einzig vollendetes Werk: das Trauerspiel Julius von Tarent. Gebaut nach den Regeln Lessings; Sturm-und-Drang-Elemente; Brudermord-Geschichte; Gefühl, Leidenschaft, Tatendurst als treibende Mächte. Großer Erfolg (Lieblingslektüre Schillers auf der Karlsschule): Lessing hält zunächst Goethe für den Autor.

In zwei Szenen von 1775 scharfe Kritik am Absolutismus.

 


Wichtige Lebensdaten:

1770

Jura-Studium in Göttingen. Kontakt mit Bürger, Boie, Hölty.

1774

Erfolgreicher Studienabschluss. Beginn der Studien zu einer Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs (jahrzehntelange Arbeit; unvollendet). Aufnahme in den "Göttinger Hain". Okt.: Advokatenexamen in Celle. Als Anwalt in Hannover offenbar wenig erfolgreich.

1775

Mit Julius von Tarent  Teilnahme an einem Dramenwettbewerb in Hamburg (Sieger: Klinger mit Die Zwillinge).

1775-76

Im Literatenkreis des "Braunschweiger Parnaß" (Lessing).

1776

Reise nach Berlin (Friedrich Nicolai); Bemühungen um eine Geschichtsprofessur in Halle.

1777

Anstellung bei einer Kreditanstalt in Braunschweig. Übersiedlung nach Braunschweig.

1780

Reisen an die Höfe von Meiningen, Gotha, Weimar (Goethe, Wieland, Herder). Erfolglose Versuche, eine feste Anstellung zu erlangen.

1781

Die Hoffnungen, nach Lessings Tod die Stelle als Wolfenbütteler Bibliothekar zu erhalten, erfüllen sich nicht.

1786

Als Erzieher des braunschweigisch-lüneburgischen Erbprinzen Karl Georg August gewinnt L. das Vertrauen des regierenden Herzogs und macht Karriere.

1790

Ernennung zum Hofrat.

1791

Kanonikus.

1801

Geheimer Justizrat.

1805

Präsident des Obersanitätskollegiums; Einsatz für eine Reform des Armenwesens.

1806

Vernichtung des literarischen Nachlasses aufgrund einer testamentarischen Verfügung.


Werke:
(a = Uraufführung)

Dramatische Werke

1775

Die Pfandung (Szene)
Der Besuch um Mitternacht (Szene)

1776 (a Berlin)

Julius von Tarent. Ein Trauerspiel (anonym)

1776 e

Selbstgespräch eines starken Geistes in der Nacht (Frgm.)
Konradin (Frgm.)
Alexander und Hephästion (Frgm.)

Übersetzung

1777

Aus dem Englischen: Geschichte der Entdeckung und Eroberung der Kanarischen Inseln

Essay

1802

Über die bei Einrichtung öffentlicher Armenanstalten zu befolgenden Grundsätze

Tagebücher

1916-20

Tagebücher (2 Bde.)

Werkausgaben

1816

Schriften, hg. v. A, Klingemann, Wien: Kaulfuß & Armbruster

1838

Sämmtliche Schriften, hg. v. Franz Ludwig Anton Schweiger, Braunschweig: Leibrock

1889

Julius von Tarent und die dramatischen Fragmente, hg. v. Richard Maria Werner, Stuttgart


   

 Die Pfandung

 

Ein Bauer und seine Frau. Abends in ihrer Schlafkammer.

DER MANN. Frau, liegst du? so tu ich das Licht aus. Dehne dich zu guter Letzt noch einmal recht in deinem Bette. Morgen wird's gepfandet. Der Fürst hat's verpraßt.

DIE FRAU. Lieber Gott!

DER MANN indem er sich niederlegt. Bedenk einmal das wenige, was wir ihm gegeben haben, gegen das Geld, was er durchbringt; so reicht es kaum zu einem Trunke seines köstlichen Weins zu.

DIE FRAU. Das ist erschrecklich, wegen eines Trunkes zwei Leute unglücklich zu machen! Und das tut einer, der nicht einmal durstig ist! Die Fürsten können ja nie recht durstig sein.

DER MANN. Aber wahrhaftig! wenn auch in dem Kirchengebet das kommt: »Unsern durchlauchtigen Landesherrn und sein hohes Haus«, so kann ich nicht mitbeten. Das hieße Gott spotten, und er läßt sich nicht spotten.

DIE FRAU. Freilich nicht! – Ach! ich bin in diesem Bette geboren, und, Wilhelm, Wilhelm! es ist unser Brautbett!

DER MANN springt auf. Bedächte ich nicht meine arme Seele, so nähm ich mein Strumpfband, betete ein gläubig Vaterunser, und hinge mich an diesen Bettpfosten.

DIE FRAU schlägt ein Kreuz. Gott sei mit uns! – Da hättest du dich schön gerächt!

DER MANN. Meinst du nicht? – Wenn ich so stürbe, so würdest du doch wenigstens einmal seufzen!

DIE FRAU. Ach Mann!

DER MANN. Und unser Junge würde schreien! Nicht?

DIE FRAU. Gewiß!

DER MANN. Gut! An jenem Tage ich, dieses Seufzen und Schreien auf einer Seite – der Fürst auf der andern! Ich dächte, ich wäre gerächt.

DIE FRAU. Wenn du an jenen Tag denkst, wie kannst du so reden? Da seid ihr, der Fürst und du, ja einander gleich.

DER MANN. Das wolle Gott nicht! Siehe, ich gehe aus der Welt, wie ich über Feld gehe, allein, als ein armer Mann. Aber der Fürst geht heraus, wie er reist, in einem großen Gefolge. Denn alle Flüche, Gewinsel und Seufzer, die er auf sich lud, folgen ihm nach.

DIE FRAU. Desto besser! – So sieh doch dies Leben als einen heißen Erntetag an! – Darauf schmeckt die Ruhe so süß; und dort ist Ruhe von Ewigkeit zu Ewigkeit.

DER MANN legt sich wieder nieder. Amen! Du hast recht, Frau. Laß sie das Bette nehmen, die Unsterblichkeit können sie mir doch nicht nehmen! Schlaf wohl.

DIE FRAU. Und der Fürst und der Vogt sind ja auch unsterblich. – Gute Nacht! Ach, morgen abend sagen wir uns die auf der Erde!

 

   

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