Variation X
Untersuchungen von Carolin Grosche
Harmoniefolge im Vergleich zum Thema
Die zehnte Variation aus dem Zyklus wirkt äußerst flüchtig. Dieser Eindruck wird durch die Angabe sempre staccato ma leggiermente" -immer staccato, aber leicht- und die Tempoangabe presto" -schnell- vermittelt. Man bekommt beim Hören den Eindruck, als ob die Variation vorbei ist, bevor man sich ihrer richtig bewußt wurde.
Die Idee besteht aus dem Kontrast zwischen flirrendem Tremolo bzw. Triller und Tonleitern, die in Oktaven bzw. parallel geführten Akkorden gespielt werden.
Harmoniefolge im Vergleich zum Thema
Wenn man die Harmonie betrachtet gibt es zwei interessanten Stellen: die Takte 17 bis 32 und 53 bis 63.Auf den ersten Blick erscheinen die Stellen durch den Orgelpunkt in der linken Hand eindeutig dominantisch bzw. tonikal. Wenn man jedoch genauer hinschaut (oder besser gesagt hinhört), könnten auch andere Deutungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden. So hört man die Takte 17 bis 20 tonikal und die Takte 21 bis 24 dominantisch. Dies wäre analog zu den Takten eins bis acht. Durch die vielen Spannungsakkorde und Auflösungen erscheinen die Takte 25 bis 32 sehr lebhaft und vorwärtsdrängend, und nicht, als würden sie auf der Dominante stehenbleiben. Das gleiche gilt für die Takte 53 bis 63. Auch hier trifft der Begriff stehenbleiben" nicht zu. Eher könnte man von einem zum-Schluß-hineilen sprechen.
Die Variation ist in vier mal 16 Takte gegliedert. Es gibt für eine weitere Unterteilung jetzt verschiedene Möglichkeiten.
Die eine wäre, daß ab Takt 17 eine auskomponierte, leicht veränderte Wiederholung der vorherigen 16 Takte steht. Somit wäre Takt 33 der Variation analog zu Takt 17 des Themas, ebenso Takt 49.
Dafür spricht vor allem die Harmonik wie man sie hört. Ab Takt 17 kommt vier Takte lang die Tonika, es folgen vier Takte Dominante, an die sich verschiedene Spannungsakkorde und Auflösungen schließen, die in Takt 32 auf der Dominante enden. Dieses Harmoniegerüst entspricht dem der ersten 16 Takte.
Im Thema kommt in Takt 17 die Dominante. Im entsprechenden Takt in der Variation, Takt 33, kommt diese ebenfalls. Es folgen vier Takte (D7)->S. Dieser Spannungsakkord steht, wie in vielen anderen Variationen, anstelle der Tonika. Anschließend kommen wieder Spannungsakkorde und die Auflösung. In Takt 48 müßte die Tonika stehen, vergleicht man mit Takt 32 des Themas. Bei der Wiederholung Takt 64 steht sie jedoch korrekt.
Die zweite Möglichkeit der Unterteilung bezieht sich nicht auf die Harmonik, sondern ausschließlich auf das Verständnis des Hörers. Das Schema der ersten 32 Takte wiederholt sich in den Takten 33 bis 64. So kommt in den Takten eins bis 8 ein Tremolo in der rechten Hand und Tonleiterausschnitte in der linken Hand. Dies ist in den Takten 33 bis 40 ebenfalls der Fall. Es folgen verschiedene Spannungsakkorde, die zu einem Halbschluß in Takt 16 bzw. 48 hinführen. Nun kommen erneut Tonleiterausschnitte, diesmal jedoch in der rechten Hand. Diese Tonleitern werden nahtlos in verschiedene Spannungsakkorde überführt, die im Takt 32 bzw. 64 enden. Während dieser zweiten 16 Takte spielt die linke Hand einen Triller in einer tiefen Lage.
Bei der Betrachtung des Verlaufs fallen Strukturwechsel an den dafür typischen" Stellen auf. So befinden sich zwischen den Takten vier und fünf, 20 und 21, 36 und 37 und 52 und 53 Lagenwechsel. Zwischen acht und neun und zwischen 40 und41 erfolgt der Wechsel dadurch, daß die Notenwerte der rechten Hand auf Viertel verlängert werden und die linke Hand keine Tonleitern mehr spielt. Der Wechsel zwischen den Takten 12 und 13 bzw. 44 und 45 wird durch den in der linken Hand auftauchenden Orgelpunkt betont: Zwischen 16 und 17 und zwischen 48 und 49 ist ebenfalls ein Orgelpunkt für den Wechsel verantwortlich. Diesmal jedoch in Form eines Trillers. Der Wechsel wird hier noch durch nun in der rechten Hand gespielte Tonleitern verstärkt.
Im Vergleich fällt auf, daß die Harmonik in groben Zügen erhalten ist.
Bei der Dynamik lassen sich keine großen Ähnlichkeiten finden. So tauchen zwar auch in der Variation sforzati auf, sie stehen jedoch auf ZZ.1 und verursachen somit keine rhythmische Störung wie in der Variation.
Die Taktart ¾ stimmt mit dem Thema überein. Auch die Strukturwechsel sind, wie schon erklärt, an den entsprechenden Stellen vorhanden.
Die Variation scheint eine Art Abschluß eines Großabschnittes zu bilden. Da sie die mit Abstand schnellste Variation bisher ist, wirkt sie als eine Art Höhepunkt. Ihre Sonderstellung wird auch dadurch betont, daß sie als einzige Variation bisher ohne Wiederholungszeichen auskommt.