VERGLEICH Schütz (Matthäuspassion) Bach (Johannespassion)

Beschreibung der Eingangschöre

von Jürgen Karl, Mannheim


H. Schütz (1585-1672): Matthäuspassion

J. Seb. Bach (1685-1750): Johannespassion

Zusammenfassung


Heinrich Schütz

Geb. 1585 in Köstnitz, weilte 1609-1612 bei Giovanni Gabrieli in Venedig. Nach Organistendienst am Kasseler Hof leitete er die sächsische Hofkapelle von 1617 bis zu seinem Tod (Dresden, 1672), allerdings durch eine zweite Italienreise (Claudio Monteverdi) und mehrere jahrelange Aufenthalte in Kopenhagen unterbrochen.

Hauptwerke: Die Psalmen Davids, op.2; Cantiones sacrae, op. 4; geistliche Chormusik, op.11; Sinfoniae Sacrae I-III; Passionen, Auferstehungshistorie, Weihnachtshistorie

Schütz vertonte in dieser "Historia des Leidens und Sterbens Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Matthaeus" wortgetreu den Text aus Kapitel 26 und 27, eingerahmt von der freien Eröffnungsformel, dem Introitus und dem Beschluss, der Conclusio, der letzten Strophe des Passionschorals "Ach wir armen Sünder". Die gleiche Form mit Chorumrahmung weisen auch seine anderen beiden Passionen (Johannes und Lukas) auf. Der Passionsbe-richt wird aufgeteilt auf Erzähler (Evangelist), sprechende Personen (Soliloquenten) und Volk (Turba) und ohne Unterbrechung dargestellt.

Merkmale des Eingangschores:

4-stimmiger Chor a-capella, motettischer Satz, durchkomponiert (16 Takte), dorisch (allerdings mit Tendenz nach Dur bzw. äolisch Moll)

Besonderheit: Vorhalt d-es zw. Tenor und Alt als Tonsymbol für Leiden

Funktion: Eingang, Überschrift, Ankündigung


Joh. Seb. Bach   Johannespassion, BWV 245:

entstanden 1723 in Köthen, wahrscheinlich zum ersten Mal am Karfreitag 1724 aufgeführt; Text: Evangelium Johannes (Kapitel 18 u.19),Choräle, freie Dichtungen nach Brockes (1727)-"Der für die Sünde der Welt ge-marterte Jesus"

Merkmale des Eingangschores:

da-capo-Form (A: 58 Takte, B 37 Takte)), Haupttonart g-moll

Teil A: fast immer durchlaufende 16tel Bewegung (deren Nebennoten fortwährend Dissonanzen zum Bass schaffen) entwickelt sich im Vorspiel ein zweistimmiges Liniengewebe von Flöten und Oboen mit scharfen Vorhaltsdissonanzen). 9 Takte wird der Orgelpunkt auf g beibehalten, der die schmerzvolle, lastende Wirkung verstärkt. Eine chromatische Modulation über die Basstöne d-g-c-f-b-es-d-cis-d führt über die Dominante zum 1. Choreinsatz (1. dreimalige "Herrscher"-Anrufung) in g-moll. Die zweite Anrufung wirkt noch drängender durch Vorverlegung um ein Viertel (synkopischer Rhythmus) jetzt in c-moll, bei Takt 33 dritter Anruf (Bass voraus, andere Stimmen imitieren, neue Thematik), bei Takt 40 4.Anruf (ähnlich dem 2.) mit Fortspinnung der Thema-tik in 1/8tel-und 1/16tel-Bewegung.

Teil B:

Beginn in Es-Dur, 1/16tel Bewegung im Orchesterbass; sparsame Orchesterbegleitung von Achtelnoten und Achtelpausen, imitatorischer Beginn des Chorbasses mit synkopischem Thema "Zeig uns durch deine Passi-on..."), es folgen Tenor, Alt und Sopran; bei Takt 70 wieder Chorkoloratur auf dem Wort "verherrlicht" (wie bei "Herrscher"); musikalisch-rhetorische Deutung des Wortes "Niedrigkeit" in Takt 69, danach wieder 1/16tel Koloraturen und forte-Einsatz (Imitation Alt-Tenor-Bass) über "verherrlicht"; Abschluss in D-Dur


Zusammenfassung:

Der Eingangschor ist bei Bach eine theologische Auslegung, den an sich paradoxen Gedanken einer Verherrli-chung in der Niedrigkeit. Als Ausdrucksmusik kann Bach die Darstellung beider Gedanken mit den mittel der Figurenlehre deutlich machen:

"Circulatio (wogende 1/16tel) in der Bedeutung der Figurenlehre: allumfassend, Erdkreis - "Herrscher über alles"

"Leiden": Überbindungen, Synkopen, Vorhalte, Stimmkreuzung