Arbeitsmaterialien zum Thema "Jazz"

zusammengestellt von Jürgen Karl

Moll-Gymnasium Mannheim


Jazz - Begriff

Der Begriff „JAZZ" kommt als Terminus erst um 1915; als Begriff ohne musikalischen Bezug wurde er allerdings schon mindestens ein Jahrhundert vorher nachgewiesen. Er wurde aber nicht Jelly Roll Morton erfunden.

Mögliche Herkunft des Namens:           1.) La chasse  (frz.) = Die Jagd;

2.) Jazzmusiker namens Jass.

Daher sind auch verschiedene Schreibweisen überliefert.

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Jazz - Definitionsversuche

Joachim - Ernst Berendt (wissenschaftliche Definition):

„Der Jazz ist eine in den USA aus der Begegnung der Schwarzen mit der Europäischen Musik entstandenen Musizierweise. Das Instrumentarium, die Melodik, die Harmonik des Jazz entstammen zum großen Teil der abendländischen Musik - Tradition. Rhythmik, Phrasierungsweise und Tonbildung sowie Elemente der Blues - Harmonik entstammen der Afrikanischen Musik und dem Musikgefühl des Amerikanischen Negers.

Der Jazz unterscheidet sich von der Europäischen Musik durch drei Grundelemente:

  1. Durch ein besonderes Verhältnis zur Zeit, das mit dem Wort „Swing" bezeichnet wird,
  2. Durch eine Spontaneität und Vitalität der Musikalischen Produktion, in der Improvisation eine Rolle spielt.
  3. Durch eine Tonbildung bzw. Phrasierungsweise, in der sich die Individualität des spielenden Jazzmusikers spiegelt."

Duke Ellington:

„Jazz ist die Freiheit, viele Formen zu haben.“

Fats Waller:

„Jazz ist nicht, was du machst, sondern wie du es tust.“

Das heißt, alles kann Jazz sein (z.B. ein Volkslied o.ä.), wenn es mit dem Gefühl und der Tongebung des Jazz gespielt wird, vor allem aber, wenn das melodische Material improvisatorisch behandelt wird.

Archie Shepp:  (in den 60er Jahren)

„Jazz ist Freiheit.“

Daraus folgt: musikalische Freiheit bedeutet auch gesellschaftliche Freiheit.

Dave Brubeck:

„Jazz ist wahrscheinlich die einzige heute existierende Kunstform, in der es die Freiheit des Individuums ohne den Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls gibt.“

Dizzy Gillespie:

„Jazz ist, warum dieses Jahrhundert anders klingt als andere.“


Vorgeschichte

1517 erteilt Karl V., König von Spanien, flämischen Schiffen die Erlaubnis, jährlich 4000 afrikanische Sklaven in die Kolonien nach Amerika einzuführen, da die Indianer für die Arbeit in den Minen und Plantagen ungeeignet waren.

 

 

 

 

 

 

 


Frühformen

 

Der Worksong:

Der Worksong war eine der wenigen „erlaubten„ Äußerungen der schwarzen Sklaven:

Denn er diente der Arbeitserleichterung und der Produktivität der Arbeit.

Formen kollektiver Arbeit waren in Afrika durchaus üblich: Dort allerdings, waren die Lebensbereiche, zu denen gesungen wurde, sehr viel zahlreicher - vom Jagen bis zum Dankopfer an die Götter. In Amerika waren die Neger ausschließlich zu Arbeitstieren geworden. Dieser eingeengte Lebensbereich schlug sich in einer thematischen Einengung der schwarzen Musik nieder. Die Worksongs begleiteten jetzt beaufsichtigte Fronarbeit:

Arbeit in Bergwerken, Bauwollpflücken, Tabakernte, Hacken des Feldes, Bäumfällen, und später das Verlegen von Eisenbahnschienen. Dennoch kommt die „Innenwelt“ der Schwarzen in diesen Liedern noch deutlich zum Ausdruck, ihre versteckte Auflehnung gegen das ihnen zugefallene Los sowie ihre oft ironisch-verächliche Haltung gegenüber ihren Herren.

(Hörbeispiel: Worksong von Plantagenarbeitern auf dem Feld).

Der Field Holler:

Eine ebenso ursprünglich afrikanische Form stellten die „Hollers“ dar. Ihr Name ist vom „Holla“-Rufen, dem Einander-Zurufen, abgeleitet.

Sie dienten der Verständigung während der Feldarbeit über weite Strecken hinweg.

Hörbeispiel: Julie:

I call you Julie, before day Julie, Julie would not answer Julie, that’s all right Julie.

Julie wird noch vor Sonnenaufgang von einem Freund gerufen, sie soll sich melden, antwortet aber nicht. Der Rufer antwortet, zur eigenen Beruhigung, sich selbst:

„That´s alright Julie.”

 

Der obenaufgeführte Holler ist ein recht kultivierter Holler, der nicht die typischen Merkmale afrikanischer Melodik und Intonation aufweist, nämlich das oft hohe Beginnen auf einem langangehaltenen Signalton und das im weiteren Verlauf Abfallen bis zu einem tieferen Brummen. Wenn  überhaupt, werden Hollers nur durch Klatschen, Stampfen o.ä. begleitet.

 

Grundbedürfnisse der Kommunikation zu befriedigen, war also Hauptaufgabe der Hollers, deren Überlieferung uns deutlich macht, unter welchen Schwierigkeiten eine Verständigung unter den Schwarzen in der Sklaverei aufrecht erhalten werden konnte.


Negro Spiritual und Gospel Song

Religiöse Lieder der Afro - Amerikaner in den USA (Blues-weltlich):

entstanden durch die Missionierung (Hauptsächlich von den protestantischen Sekten vorgenommen); Symbiose aus europäischem Kirchenlied und afrikanischen, musikalischen und religiösen Traditionen. Das Negro Spiritual ist die ältere, mehr europäische Form, der Gospel Song die neuere , spontanere, städtische Form schwarzer religiöser Musik.

Texte

Verwenden biblische Themen, die sich auf die konkrete Situation der Sklaven anwenden lassen. Oft vermischt sich die jenseitige Erlösungshoffnung mit dem realen Wunsch nach Freiheit (mehrere Sinnebenen , z.B. in „Swing low, Sweet Chariot, Coming for to Carry me home“; „Home“ = Jenseits + Afrikanische Heimat, oder ein Leben in Freiheit. Vielfach verwenden die Texte plastische Bilder aus dem Alltagsleben, mit denen Überirdisches erklärt werden soll (Eisenbahn, Telefon, usw).

Musik

Enthält viele afrikanische Elemente, die den beschwörenden, ekstatischen Charakter der Kirchenlieder bewirken (vgl. afrikanische Kultur):

 

 

 

Ragtime

Komponierte afro-amerikanische Klaviermusik, neben Spiritual und Blues wichtige Vorform und Quelle des Jazz; relativ große Nähe zur europäischen Musik: Die schwarzen Pianisten ahmten europäische Tanz und Marschmusik nach und formten  sie dabei gleichzeitig um; sie spielten sie „in a Ragged Style“ (Ragged = zerrissen; Ragtime= Zerrissener Takt), d.h., sie verschoben die rhythmischen Akzente der Melodie (rechte Hand) gegenüber den Taktschwerpunkten (linke Hand). Die linke Hand spielte also den gleichmäßigen Beat (Oktavbass +
Akkordnachschlag), die rechte Hand setzt Gegenakzente (stilisierter, aufgeschriebener Off-Beat). Der Ragtime regte viele europäische Komponisten (Debussy, Strawinsky, Hindemith) zu ähnlich rhythmisierten Kompositionen an.

Titelblatt „Maple Leaf Rag“

Der Blues

Bedeutung

Wichtige Vorform und Quelle des Jazz; Der Blues ist ein weltliches Sologesangsstück der Afroamerikaner.

Name

blue – schwermütig, melancholisch, so nannten die Weißen die ihnen fremde Musik, die für sie nach Moll klang.

Texte

Keinesfalls sentimentale Klagen, sondern Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen (Armut, Rassenprobleme, Liebe und Eifersucht,...) und ihre Bewältigung durch Anklage, Hoffnung, Ironie etc..

Anschauliche Alltagssprache, der Blues ist ursprünglich Stegreifdichtung.

Modellhafter Aufbau:

A         statement / call           Formulierung eines Sachverhaltes

A         statement / call           (meist) unveränderte Wiederholung

B         response                     Bestätigung, Begründung oder Pointe

Musik

Einstimmiger Vortrag, der sich selbst auf einem Instrument begleitet (später auch Bandbesetzung).

Der musikalische Aufbau entspricht dem Textaufbau: die ersten beiden Abschnitte ähneln sich meist, der dritte bringt neues Material (A A’ B), die Melodielinie ist in der Regel nach unten gerichtet.

Zu den melodischen Abschnitten kam im Laufe der Bluesentwicklung eine harmonische Gliederung, das sog. Bluesschema (Taktzahl 3 x 4 = 12)

Harmonik: C/ C/ C7/ C7// F7/ F7/ C/C// G7/ G7/ C/ C

 

Das Bluesschema kehrt in allen Stilen des Jazz und im Rock’n Roll wieder; ebenso die Blue Notes, die typisch für die Bluesmelodik sind: neutrale (zwischen Dur und Moll liegende) Intonierungen der III. und VII. Stufe.

Ursprung der Blue Notes: afrikanische Tonleitern


Oldtime Jazz

New Orleans Jazz

New Orleans

Reiche Hafenstadt; 1718 von den Franzosen gegründet, großes Vergnügungsviertel (Storyville); seit 1803 gehörte New Orleans zu den USA; Völkergemisch, d.b. viele Arten von Musik (europäische Tanz- und Marschmusik, Volkslieder, Kirchenlieder, Spirituals, Blues, Ragtime, usw.), aber auch Rassismus

Instrumente

Die Schwarzen spielten zunächst auf eigenen, selbstgebastelten Instrumenten (Washboard Fands), später übernahmen sie das Instrumentarium der weißen Blechblaskapellen und ahmten deren Spiel nach. Obwohl sie größtenteils die gleichen Instrumente verwendeten (melody section: Tp, Tb, Cl;  rhythm section: tuba, dr, dazu bj oder g, später auch p) entstand um 1900 eine ziemlich neue Art von Musik, die sich in der Art des Zusammenspiels, in der Tonbildung und in rhythmischer Hinsicht deutlich von den weißen Märschen unterscheidet.

Zusammenspiel

Nicht durch Noten organisiert; eine Melodie (tp) wird von den anderen Melodieinstrumenten (tb, cl) improvisierend umspielt (genauer: beantwortet; vgl. dazu das Call-and-Response-Modell), es entsteht ein Geflecht aus drei melodischen Linien. Das gleichzeitige Improvisieren nennt man Kollektivimprovisation. Ab den 20er Jahren - gewinnt die Soloimprovisation immer mehr Raum.

Tonbildung

Unsaubere Töne (dirty Tones), gepresste Töne (vgl. den Gesangsstil  in Blues und Negro Spiritual), Glissandi, gestoßene Töne, usw.

Rhythmus

Rhythmische Grundlage sind die vier Grundschläge (Beats) eines Taktes, mit den Betonungen auf 1 und 3 (wie beim Marsch, man spricht von Two-Beat), späterwerden zum Ausgleich auch 2 und 4 betont, aber von anderen Instrumenten. Dadurch entsteht ein hüpfender Grundrhythmus.

Der Beat wird von kleinsten Akzentverschiebungen überlagert, sowohl in den Melodieinstrumenten als auch durch Entwürfe der Rhythmusgruppe. Dieses Einschieben von Akzenten zwischen (vor und nach) den Schlägen des Beats nennt man Off-Beat. Wir haben also zwei rhythmische Ebenen: Den Beat, und darüber den Off-Beat; zwischen beiden Ebenen entsteht ein Spannungsverhältnis, ein „Konflikt“, der beim Hörer durch (unbewusste) Körperbewegung ausgeglichen wird.

Musiker

Der legendäre Kornettist Buddy Bolden leitete einige der ersten Jazzbands, von denen jedoch nur noch wenige Beispiele überliefert sind. Frühe Musikaufzeichnungen zeigen zwar den Einfluß des Jazz auf die damalige Musik, doch machte erst im Jahr 1917 die erste wirkliche Jazzband eine Musikaufnahme. Diese Jazzgruppe, die “Original Dixieland Jazz Band”, eine Gruppe aus weißen Musikern aus New Orleans, erregte in den USA und der ganzen Welt mit ihrer Musik Aufsehen. Ein neuer Stil war geboren: der Dixieland-Jazz der Weißen aus dem Süden der USA. Damit zeigte sich jedoch auch zum ersten Mal ein Prozess, der später für die Geschichte des Jazz typisch werden sollte: Nachdem schwarze Musiker neue Stile entwickelt hatten, wurden sie von Weißen dem Geschmack eines breiteren Publikums angepasst und anschließend kommerziell verwertet. Nach dieser Gruppe wurden zwei weitere Bands berühmt: die “New Orleans Rhythm Kings” (1922) und die “Creole Jazz Band” (1923, unter der Leitung des stilbestimmenden Kornettisten King Oliver). Die Aufnahmen von King Oliver und seiner Band sind die bedeutendsten Beispiele im New-Orleans-Stil. Andere führende Musiker aus New Orleans waren die Trompeter Bunk Johnson und Freddie Keppard, der Sopransaxophonist Sidney Bechet, der Schlagzeuger Warren “Baby” Dodds und der Pianist und Komponist Jelly Roll Morton. Zu einer der einflußreichsten Persönlichkeiten des Jazz sollte später jedoch King Olivers zweiter Trompeter Louis Armstrong werden.

Louis Armstrong und sein Einfluss

Der erste echte virtuose Solist des Jazz, Louis Armstrong, war ein atemberaubender Improvisator, sowohl in technischer als auch in emotionaler und intellektueller Hinsicht. Er veränderte das Bild des Jazz entscheidend, indem er den Solisten in den Mittelpunkt rückte. Seine Bands, die “Hot Five” und die “Hot Seven”, demonstrierten, dass Jazzimprovisation weit über die einfache Ausschmückung der Melodie hinausgehen konnte (Armstrong schuf auf Basis der Akkorde der ursprünglichen Melodie neue Melodien). Er setzte den Maßstab für alle späteren Jazzsänger, nicht nur durch die Art, in der er Wörter und Melodien abwandelte, sondern auch durch den sogenannten Scat-Gesang (das Singen von improvisierten Silben und Lauten, oft als rhythmische und ausdrucksmäßige Nachahmung eines Instruments).

Dixieland

Nennt man die weiße Nachahmung des schwarzen New-Orleans Jazz (ca. 1910)

(Dixieland = Südstaaten der USA)

Chicago Jazz

In diese Stadt wanderten die meisten Jazz - Musiker ab 1917 (Schließung des

Vergnügungsviertels in New Orleans). Dort wurde der Jazz weiter verbreitet; erste

Schallplattenaufnahmen; wiederum Nachahmung durch Weiße (Chicagoans). Die

Jazzepoche ab 1920 könnte man „New Orleans in Chicago“ nennen.


Jazzklavier

Einen wichtigen Beitrag zum Wandel des Jazz in den zwanziger Jahren leistete die Klaviermusik. Der New Yorker Bezirk Harlem wurde zum Mittelpunkt des sehr technischen, treibenden Solostiles mit der Bezeichnung Stride Piano (englisch stride: schnell und mit großen Schritten gehen). Meisterhaft zum Ausdruck brachten ihn Anfang der zwanziger Jahre James P. Johnson und sein Protegé Fats Waller, ein talentierter Sänger und Unterhalter, der einer seiner berühmtesten Vertreter wurde.

Zur gleichen Zeit entstand ein weiterer Klavierstil, der Boogie-Woogie, eine auf dem Klavier gespielte Bluesform. Dabei spielt die linke Hand ein kurzes, scharf akzentuiertes Baßmuster in endlosen Wiederholungen, während die rechte Hand frei spielt, ohne sich an einen bestimmten Rhythmus zu halten. Besondere Beliebtheit errang der Boogie-Woogie in den dreißiger und vierziger Jahren. Zu den führenden Pianisten dieser Richtung gehörten Meade Lux Lewis, Albert Ammons, Pete Johnson und Pine Top Smith.

Der innovativste Pianist der zwanziger Jahre, ähnlich einflußreich wie Louis Armstrong und Mitwirkender bei einigen der besten Aufnahmen Armstrongs, war Earl “Fatha” Hines. Sein Stil, zusammen mit dem eleganteren Ansatz von Waller, prägte fast alle Pianisten der nächsten Generation, besonders Teddy Wilson, der in den dreißiger Jahren in Benny Goodmans Band spielte, und Art Tatum, der meist als Solist auftrat und wegen seiner atemberaubenden Virtuosität geschätzt wurde.

Die Ära der Big Bands – Der Swing

Stilperiode des Jazz von ca. 1930 bis 1945

Ebenfalls in den zwanziger Jahren taten sich große Gruppen von Jazzmusikern nach dem Modell der Gesellschaftstanzorchester zusammen, woraus die sogenannten Big Bands entstanden. Sie leiteten das Zeitalter des Swing ein und erlebten ihre Blütezeit in den dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre. Der Swing errang als erster Jazzstil weltweit riesige kommerzielle Erfolge (wenn auch zunächst fast ausschließlich als weißer Stil) und machte den Jazz „gesellschaftsfähig”.

Merkmale

Im Swing rückten die afrikanischen Elemente des Jazz weiter in den Hintergrund. Eine der wichtigsten Neuerungen hierbei war ein rhythmischer Wandel: Der Zweier-Rhythmus (Two-Beat) des New-Orleans-Jazz wurde geglättet und zu einem fließenderen Vierer-Rhythmus (Four Beat) geformt, bei dem alle vier Taktschläge gleichmäßig betont wurden.

 

 

 

Außerdem bürgerten sich kurze melodische Muster, die sogenannten Riffs, ein, die im Call-and-Response-Schema gespielt wurden. Dazu teilte man das Orchester in Instrumentalgruppen auf (Bläsersätze: z.B. 3 tp, 2tb, 3 sax; die Rhythmusgruppe bleibt erhalten), von denen jede ein eigenes Riff spielte und den einzelnen Musikern breiten Spielraum für ausgedehnte Soli (vorwiegend Soloimprovisation)ließ.

Die notwendige Folge der Besetzungserweiterung (mit so vielen Instrumenten kann man nicht mehr im Kollektiv improvisieren) war das Aufschreiben von Bläsersätzen, und damit kam ein besonders europäisches Element in den Jazz herein.

Geschichte

Die Entwicklung der Big Band als Jazzorchester war größtenteils ein Verdienst von Duke Ellington und Fletcher Henderson. Henderson und sein Arrangeur Don Redman führten geschriebene Partituren in der Jazzmusik ein, versuchten aber gleichzeitig, die lebendige Ausstrahlung der Improvisation zu bewahren, welche die Musik kleinerer Ensembles kennzeichnete. Diese Lebendigkeit blieb nicht zuletzt durch so begabte Solisten wie den Tenorsaxophonisten Coleman Hawkins erhalten.

Duke Ellington leitete während der zwanziger Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1974 eine Band im Cotton Club in New York. Er komponierte sehr unterschiedliche experimentelle Stücke mit einer Dauer zwischen drei Minuten (Koko, 1940) bis zu einer Stunde (Black, Brown, and Beige, 1943, sowie Solitude und Sophisticated Lady). Ellingtons Musik war komplexer als die Hendersons, und sie fügte das Orchester zu einem geschlossenen Ensemble zusammen. Andere Orchester in der Tradition von Ellington und Henderson wurden von Jimmie Lunceford, Chick Webb und Cab Calloway geleitet.

In Kansas City entwickelte sich Mitte der dreißiger Jahre mit dem Orchester von Count Basie eine eigene Variante des Big-Band-Jazz. Dieses Orchester spiegelte die im Südwesten bevorzugte Betonung der Improvisation wider, bei der die geschriebenen Partien relativ kurz und einfach gehalten waren. Die Bläser seines Orchesters tauschten die Riffs in einer freien, stark rhythmusbetonten Interaktion miteinander aus, wobei genügend Pausen für die ausgedehnten Instrumentalsoli blieben. Besonders Count Basies Tenorsaxophonist Lester Young spielte mit einer bis dahin kaum gekannten rhythmischen Freiheit. Sein feinfühliger Stil und seine langen, fließenden Melodien, aufgelockert durch gelegentliches Hupen oder Glucksen, öffneten dem Jazz eine neue Dimension, ähnlich wie es Armstrong mit seinem Stil in den zwanziger Jahren getan hatte.

Weitere stilbestimmende Figuren der ausgehenden dreißiger Jahre waren der Trompeter Roy Eldridge, der E-Gitarrist Charlie Christian, der Schlagzeuger Kenny Clarke und der Vibraphonist Lionel Hampton. Jazzgesang gewann zu dieser Zeit enorm an Bedeutung. Berühmte Jazzinterpretinnen waren Ivie Anderson, Mildred Bailey, Ella Fitzgerald und vor allem Billie Holiday.

Wechselwirkung mit populärer Unterhaltungsmusik und Klassik

Die Pionierarbeit von Armstrong, Ellington, Henderson und anderen machten den Jazz zu einer einflußreichen Kraft in der amerikanischen Musik der zwanziger und dreißiger Jahre. Populäre Musiker wie der Orchesterleiter Paul Whiteman flochten einige der einfacheren rhythmischen und melodischen Formen des Jazz in ihre Musik ein. Whitemans Orchester versuchte eine Verschmelzung mit leichter klassischer Musik und führte in diesem Bereich als erster verjazzte sinfonische Werke amerikanischer Komponisten auf (z. B. George Gershwins Rhapsody in Blue). Der so entstandene “Symphonic Jazz” gehörte aber weniger zum Jazz als zur populären klassischen Musik oder gar der Unterhaltungsmusik. Näher an der authentischen Jazztradition der Improvisation und des virtuosen Solos lag die Musik der Bands von Benny Goodman (der zahlreiche Arrangements von Henderson verwendete), Glenn Miller, Gene Krupa und Harry James.

Klassik goes Jazz

Seit den frühen Tagen des Ragtime hatten Jazzkomponisten die Klassik bewundert. Eine Reihe von Musikern der Swingära verjazzten klassische Werke in Aufnahmen wie Bach Goes to Town (Benny Goodman) und Ebony Rhapsody (Ellington und andere) und machten dadurch den “Baroque Jazz” populär. Auch die klassische Musik erwies dem Jazz ihre Reverenz, z. B. in Werken wie Contrasts (1938, für Benny Goodman) von Béla Bartók und Ebony Concerto (1945, für Woody Herman’s Jazz-Band) von Igor Strawinsky. Auch andere Komponisten ließen sich bei ihren Werken vom Jazz inspirieren, so etwa Aaron Copland und Darius Milhaud.


Vierziger Jahre und Nachkriegszeit

Bebop

Der herausragende Jazzmusiker der vierziger Jahre war Charlie Parker, der Wegbereiter eines neuen Stiles, des Bebop (auch Rebop oder Bop). Wie Lester Young, Charlie Christian und andere exzellente Solisten hatte Parker lange Zeit in Big Bands gespielt. Während des 2. Weltkrieges jedoch litten viele Bands unter den schlechten wirtschaftlichen Bedingungen. Dies und der Wandel im Publikumsgeschmack trieben viele Orchester in den Ruin. Der Niedergang der großen Bands und der Aufstieg des Bebop, eines radikal neuen Stiles, als Reaktion auf den kommerzialisierten Swing kam einer Revolution in der Welt des Jazz gleich.

Bebop wurzelte zwar noch im Prinzip der Improvisation über ein Akkordschema, charakteristisch für diesen Stil waren jedoch

ð     schnelle Läufe, (basierend auf den vielen Gegenschlägen zum Four-Beat des Beckens, was den Grundbeat verunklarte)

ð     hektische Melodiesprünge

ð     komplizierte Harmonien

ð     der hohe Anteil an Improvisation

ð     die Combobesetzung

Der Bebop war also zunächst eine “Musik für Musiker”, d. h. die Künstler bemühten sich nicht, dem Geschmack eines breiten Publikums gerecht zu werden.

Treibende Kraft dieser Bewegung war Charlie Parker, der auf dem Saxophon jede nur vorstellbare Melodie in beliebiger Geschwindigkeit und Tonart spielen konnte. Seine wunderschönen Melodien verwoben sich auf nie da gewesene Weise mit den zugrundeliegenden Akkorden, seine Musik besaß eine schier endlose rhythmische Vielfalt. Häufige Zusammenarbeit verband Parker mit dem Trompeter Dizzy Gillespie, der für seine unglaubliche Virtuosität, die Bandbreite seines emotionalen Ausdrucks und seine kühnen Harmonien berühmt war, sowie mit dem Pianisten Earl “Bud” Powell und dem Schlagzeuger Max Roach. Weitere führende Persönlichkeiten des Bebop waren der Pianist und Komponist Thelonious Monk und der Trompeter Fats Navarro. In den Kreisen der Bop-Musiker, vor allem um Gillespie und Parker, bewegte sich auch die Jazzsängerin Sarah Vaughan.

Ende der vierziger Jahre erlebte der Jazz eine wahre Explosion an Experimenten. Modernisierte Big Bands unter Gillespie und Stan Kenton existierten neben kleinen Gruppen innovativer Musiker, wie dem Pianisten Lennie Tristano. Diese kleinen Ensembles schöpften intensiv aus den Werken zeitgenössischer Komponisten wie Bartók und Strawinsky.


Cool Jazz

Eines der bahnbrechendsten Experimente mit klassisch inspiriertem Jazz waren die Aufnahmen, die 1949/1950 von einer ungewöhnlichen neunköpfigen Gruppe um einen Protegé von Charlie Parker, den jungen Trompeter Miles Davis, gemacht wurden. Die von Davis und anderen geschriebenen Arrangements begründeten den neuen Stil des Cool Jazz. Diese Musik war zugleich weich und äußerst komplex.

ð     Entspannte Melodiebögen wurden von sparsam eingesetzter Schlagzeugbegleitung akzentuiert

ð     man spielte mit wenig Vibrato und verhaltener, kühler Tongebung.

Zahlreiche Ensembles übernahmen den Cool Jazz. Das Interesse daran verlagerte sich in den fünfziger Jahren vorübergehend an die amerikanische Westküste, so dass dort vom West Coast Jazz gesprochen wurde. Durch den Saxophonisten Stan Getz, Vorbild zahlreicher Cool-Saxophonisten, verstärkte sich der Einfluß südamerikanischer Musik auf den Cool Jazz. Auch der Tenorsaxophonist Zoot Sims und der Baritonsaxophonist Gerry Mulligan prägten diesen Stil und trugen zu seiner großen Popularität in den fünfziger Jahren bei. Weitere herausragende Figuren dieser Zeit waren Dave Brubeck (ein Schüler Milhauds) und der Altsaxophonist Paul Desmond.

Hard Bop

Die Mehrzahl der Musiker, besonders an der Ostküste der USA, entwickelte jedoch den “heißeren”, treibenderen Stil des Bebop weiter. Hauptvertreter dieser Hard Bop oder East Coast Jazz genannten Richtung waren der Trompeter Clifford Brown, der Schlagzeuger Art Blakey und der Tenorsaxophonist Sonny Rollins, dessen einzigartiger Stil ihn als eines der großartigsten Talente seiner Generation auswies.

Ein weiterer Ableger von Parkers Stil war der Soul Jazz, den der Pianist Horace Silver, der Altsaxophonist Cannonball Adderley und dessen Bruder, der Kornettist Nat Adderley, verkörperten.


Die späten fünfziger Jahre,
die sechziger und die siebziger Jahre

Der Jazz in diesem Zeitraum des Jahrhunderts war gekennzeichnet durch mehrere neue Ansätze. Dabei stehen die Jahre um 1960 den späten zwanziger und den späten vierziger Jahren in puncto Ideenreichtum und Experimentierfreude in nichts nach.

Modal Jazz und Free Jazz

1955 stellte Miles Davis ein Quintett um den Tenorsaxophonisten John Coltrane zusammen, dessen Stil in krassem Gegensatz zu Davis’ eigenem facettenreichen, entspannten und ausdrucksstarken Melodielinien stand. Coltranes Vortrag war geprägt von Leidenschaft und geschmeidigem, schnellem Tempo. Er erkundete jede nur mögliche Melodieidee, mochte sie noch so exotisch sein, und spielte ebenso langsame Balladen mit größter Sensibilität. In seinen Soli bewies er einen außergewöhnlichen Sinn für Form und Tempo. 1959 wirkte er bei einem Album von Miles Davis mit, das sich als Meilenstein in der Geschichte des Jazz erweisen sollte: Kind of Blue. Zusammen mit dem Pianisten Bill Evans schrieb Davis für diese Langspielplatte eine Reihe von Stücken, die 16 Takte lang in einer einzigen Tonart, einem einzigen Akkord und einem “Modus” blieben (was zu der Bezeichnung Modal Jazz führte); daraus ergab sich für den Solisten ein Höchstmaß an Improvisationsfreiheit.

Coltrane trieb die Komplexität des Bop mit seinem Album Giant Steps (1959) auf die Spitze, dann wandte er sich dem Modal Jazz zu, der sein Repertoire in den Jahren nach 1960, als er My Favourite Things komponierte, dominierte. Hier verwendete er ein Arrangement mit offenem Ende, bei dem jeder Solist so lange, wie er wollte, in ein und demselben Modus spielen konnte. Zu Coltranes Quartett gehörten der Pianist McCoy Tyner und der Schlagzeuger Elvin Jones.

Fast zur gleichen Zeit kam es mit dem Free Jazz zum endgültigen Bruch mit den klassischen Traditionen des Jazz: Sämtliche formalen Prinzipien wurden über Bord geworfen, und an die Stelle gestalteter Formschemata trat die “offene Form”. Die Gesetze von Harmonie (tonale Klangbeziehungen), Melodie und Rhythmus (durchlaufender Beat) verloren an Bedeutung, und jede Art von Klängen und Klangverbindungen war erlaubt. Einer der kreativsten (und umstrittensten) Musiker dieser Phase war der Altsaxophonist Ornette Coleman, dessen Improvisationen, zuweilen fast atonal, ganz ohne Akkordschemata auskamen, während er den durchlaufenden Beat noch beibehielt. Colemans klagender Ton und seine ungewöhnliche Technik schockierten anfangs viele Kritiker, andere dagegen erkannten den unbedingten Experimentierwillen, die Ernsthaftigkeit und den seltenen Sinn für Form, durch den sich seine Soli auszeichneten. Coleman inspirierte eine ganze Schule des Avantgarde-Jazz, der seine Blütezeit in den sechziger und siebziger Jahren erlebte und zu dessen wichtigsten Vertretern so berühmte Namen wie das “Art Ensemble of Chicago”, der Klarinettist Jimmy Giuffre oder der Pianist Cecil Taylor gehörten.

Third Stream und Avantgarde

Ein weiteres Produkt der Experimentierphase der späten fünfziger und der sechziger Jahre war der Versuch des Komponisten Gunther Schuller und des Pianisten John Lewis, zusammen mit dem Modern Jazz Quartet Jazz und klassische Musik zu einem “dritten Strom” (third stream) zu verschmelzen, indem man Musiker aus diesen beiden Bereichen zusammenbrachte und ein Repertoire schuf, das aus dem Vokabular beider musikalischer Sprachen schöpfte.

Die Entwicklung im Mainstream-Jazz

In der Zwischenzeit fuhr man im Mainstream-Jazz fort, Improvisationen auf den Akkordschemen populärer Stücke aufzubauen, obwohl viele Melodieideen von Coltrane und sogar einige Modal-Jazz-Elemente einflossen. Brasilianische Musik fand Anfang der sechziger Jahre Eingang in das Repertoire, vor allem in Form von Bossa-Nova-Songs. Ihr lateinamerikanischer Rhythmus und ihre erfrischenden Akkordschemata sprachen die Jazzmusiker mehrerer Generationen an, besonders Stan Getz und den Flötisten Herbie Mann. Selbst nachdem der Bossa Nova aus der Mode gekommen war, blieb die Samba, in der die Wurzel der lateinamerikanischen Musik liegt, fester Bestandteil des Jazzvokabulars, und viele Gruppen erweiterten ihr Standardschlagzeug durch Perkussionsinstrumente aus dem südamerikanischen und Karibikraum.

Das von dem Pianisten Bill Evans gegründete Trio behandelte populäre Songs mit neuer Tiefe, wobei die Musiker in einem ständigen wechselseitigen Austausch standen, anstatt einfach einer nach dem anderen ein Solo zu spielen.

Fusion Jazz

In den späten sechziger Jahren erlebte der Jazz eine Krise: Das jüngere Publikum zog Soul- und Rockmusik vor, und die älteren Jazzfans wandten sich von der Abstraktheit und der emotionalen Rohheit des modernen Jazz ab. Die Jazzmusiker übernahmen Formen aus der Rockmusik, die meisten Elemente flossen jedoch aus den Tanzrhythmen und Akkordschemata von Soulmusikern wie James Brown ein. Andere Jazzbands wiederum integrierten Elemente aus der Musik anderer Kulturen. Die ersten Formen dieses neuen Stiles, des Fusion Jazz, stießen auf mäßigen Erfolg. Im Jahre 1969 jedoch veröffentlichte Miles Davis sein Album Bitches Brew, in dem er Soulrhythmen und elektronisch verstärkte Instrumente mit kompromisslosem, höchst dissonantem Jazz kombinierte. Es überrascht nicht, dass einigen von Davis’ ehemaligen Schülern und Bandmitgliedern (Herbie Hancock, Wayne Shorter und dem in Österreich geborenen Pianisten Joe Zawinul, die zusammen die Gruppe “Weather Report” leiteten, sowie dem englischen Gitarristen John McLaughlin und dem brillanten Pianisten Chick Corea und seiner Band “Return to Forever”) eine der erfolgreichsten Fusion-Jazz-Aufnahmen der siebziger Jahre gelang. Rockmusiker wiederum übernahmen die verschiedenen Jazzelemente in ihre Musik. Besonders die Gruppen “Chase”, “Chicago” und “Blood, Sweat and Tears” bedienten sich der Vielfalt der Jazzformen.

Zur gleichen Zeit hatte der frühere Davis-Schüler Keith Jarrett größte Erfolge. Seine Konzerte mit Trio oder Quartett, bei denen er bekannte Standards und Eigenkompositionen präsentierte, ebenso wie seine Soloimprovisationen am Klavier machten ihn zu einem der größten zeitgenössischen Jazzpianisten.

Die achtziger Jahre

Seit Mitte der achtziger Jahre geben Jazzmusiker verschiedener Richtungen wieder Konzerte vor großem Publikum, und das Interesse an ursprünglichem (im Gegensatz zu Pop-orientiertem) Jazz nahm wieder zu.