Arbeitsmaterialien zum Thema "Jazz"
zusammengestellt von Jürgen Karl
Moll-Gymnasium Mannheim
Der Begriff JAZZ" kommt als Terminus
erst um 1915; als Begriff ohne musikalischen Bezug wurde er allerdings schon
mindestens ein Jahrhundert vorher nachgewiesen. Er wurde aber nicht Jelly
Roll Morton erfunden.
Mögliche Herkunft des
Namens:
1.) La
chasse (frz.)
= Die Jagd;
2.) Jazzmusiker namens
Jass.
Daher sind auch verschiedene Schreibweisen
überliefert.
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Der Jazz ist eine in den USA aus
der Begegnung der Schwarzen mit der Europäischen Musik entstandenen
Musizierweise. Das Instrumentarium, die Melodik, die Harmonik des Jazz entstammen
zum großen Teil der abendländischen Musik - Tradition. Rhythmik,
Phrasierungsweise und Tonbildung sowie Elemente der Blues - Harmonik entstammen
der Afrikanischen Musik und dem Musikgefühl des Amerikanischen
Negers.
Der Jazz unterscheidet sich von der
Europäischen Musik durch drei Grundelemente:
Jazz ist die Freiheit, viele Formen
zu haben.
Jazz ist nicht, was du machst, sondern
wie du es tust.
Das heißt, alles kann Jazz sein
(z.B. ein Volkslied o.ä.), wenn es mit dem Gefühl und der Tongebung
des Jazz gespielt wird, vor allem aber, wenn das melodische Material
improvisatorisch behandelt wird.
Jazz ist
Freiheit.
Daraus folgt: musikalische Freiheit bedeutet
auch gesellschaftliche Freiheit.
Jazz ist wahrscheinlich die einzige
heute existierende Kunstform, in der es die Freiheit des Individuums ohne
den Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls
gibt.
Jazz ist, warum dieses Jahrhundert
anders klingt als andere.
Vorgeschichte
1517 erteilt Karl V., König von Spanien,
flämischen Schiffen die Erlaubnis, jährlich 4000 afrikanische Sklaven
in die Kolonien nach Amerika einzuführen, da die Indianer für die
Arbeit in den Minen und Plantagen ungeeignet waren.
Der Worksong war eine der wenigen
erlaubten Äußerungen der schwarzen
Sklaven:
Denn er diente der Arbeitserleichterung
und der Produktivität der Arbeit.
Formen kollektiver Arbeit waren in Afrika
durchaus üblich: Dort allerdings, waren die Lebensbereiche, zu denen
gesungen wurde, sehr viel zahlreicher - vom Jagen bis zum Dankopfer an die
Götter. In Amerika waren die Neger ausschließlich zu Arbeitstieren
geworden. Dieser eingeengte Lebensbereich schlug sich in einer thematischen
Einengung der schwarzen Musik nieder. Die Worksongs begleiteten jetzt
beaufsichtigte Fronarbeit:
Arbeit in Bergwerken, Bauwollpflücken,
Tabakernte, Hacken des Feldes, Bäumfällen, und später das
Verlegen von Eisenbahnschienen. Dennoch kommt die Innenwelt der
Schwarzen in diesen Liedern noch deutlich zum Ausdruck, ihre versteckte
Auflehnung gegen das ihnen zugefallene Los sowie ihre oft
ironisch-verächliche Haltung gegenüber ihren
Herren.
(Hörbeispiel: Worksong von
Plantagenarbeitern auf dem Feld).
Eine ebenso ursprünglich afrikanische
Form stellten die Hollers dar. Ihr Name ist vom
Holla-Rufen, dem Einander-Zurufen,
abgeleitet.
Sie dienten der Verständigung
während der Feldarbeit über weite Strecken
hinweg.
I
call you Julie, before day Julie, Julie would not answer Julie, thats
all right Julie.
Julie wird noch vor Sonnenaufgang von einem Freund gerufen, sie soll sich melden, antwortet aber nicht. Der Rufer antwortet, zur eigenen Beruhigung, sich selbst:
That´s
alright Julie.
Der obenaufgeführte Holler ist ein
recht kultivierter Holler, der nicht die typischen Merkmale afrikanischer
Melodik und Intonation aufweist, nämlich das oft hohe Beginnen auf einem
langangehaltenen Signalton und das im weiteren Verlauf Abfallen bis zu einem
tieferen Brummen. Wenn
überhaupt, werden Hollers nur durch Klatschen, Stampfen o.ä.
begleitet.
Grundbedürfnisse der Kommunikation
zu befriedigen, war also Hauptaufgabe der Hollers, deren Überlieferung
uns deutlich macht, unter welchen Schwierigkeiten eine Verständigung
unter den Schwarzen in der Sklaverei aufrecht erhalten werden
konnte.
Religiöse Lieder der Afro - Amerikaner
in den USA (Blues-weltlich):
entstanden durch die Missionierung
(Hauptsächlich von den protestantischen Sekten vorgenommen); Symbiose
aus europäischem Kirchenlied und afrikanischen, musikalischen und
religiösen Traditionen. Das Negro Spiritual ist die ältere, mehr
europäische Form, der Gospel Song die neuere , spontanere, städtische
Form schwarzer religiöser Musik.
Verwenden biblische Themen, die sich auf
die konkrete Situation der Sklaven anwenden lassen. Oft vermischt sich die
jenseitige Erlösungshoffnung mit dem realen Wunsch nach Freiheit (mehrere
Sinnebenen , z.B. in Swing low, Sweet Chariot, Coming for to Carry
me home; Home = Jenseits + Afrikanische Heimat, oder ein
Leben in Freiheit. Vielfach verwenden die Texte plastische Bilder aus dem
Alltagsleben, mit denen Überirdisches erklärt werden soll (Eisenbahn,
Telefon, usw).
Enthält viele afrikanische Elemente, die den beschwörenden, ekstatischen Charakter der Kirchenlieder bewirken (vgl. afrikanische Kultur):
Komponierte afro-amerikanische Klaviermusik,
neben Spiritual und Blues wichtige Vorform und Quelle des Jazz; relativ
große Nähe zur europäischen Musik: Die schwarzen Pianisten
ahmten europäische Tanz und Marschmusik nach und
formten sie dabei gleichzeitig
um; sie spielten sie in a Ragged Style (Ragged = zerrissen; Ragtime=
Zerrissener Takt), d.h., sie verschoben die rhythmischen Akzente der Melodie
(rechte Hand) gegenüber den Taktschwerpunkten (linke Hand). Die linke
Hand spielte also den gleichmäßigen Beat (Oktavbass +
Akkordnachschlag), die rechte Hand setzt Gegenakzente (stilisierter,
aufgeschriebener Off-Beat). Der Ragtime regte viele europäische Komponisten
(Debussy, Strawinsky, Hindemith) zu ähnlich rhythmisierten Kompositionen
an.
Titelblatt Maple Leaf
Rag
Der Blues
Wichtige Vorform und Quelle des Jazz;
Der Blues ist ein weltliches Sologesangsstück der
Afroamerikaner.
blue
schwermütig,
melancholisch, so nannten die Weißen die ihnen fremde Musik, die für
sie nach Moll klang.
Keinesfalls sentimentale Klagen, sondern
Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen (Armut, Rassenprobleme, Liebe und
Eifersucht,...) und ihre Bewältigung durch Anklage, Hoffnung, Ironie
etc..
Anschauliche Alltagssprache, der Blues
ist ursprünglich Stegreifdichtung.
Modellhafter Aufbau:
A
statement /
call
(meist) unveränderte Wiederholung
Einstimmiger Vortrag, der sich selbst
auf einem Instrument begleitet (später auch
Bandbesetzung).
Der musikalische Aufbau entspricht dem
Textaufbau: die ersten beiden Abschnitte ähneln sich meist, der dritte
bringt neues Material (A A B),
die Melodielinie ist in der Regel nach unten gerichtet.
Zu den melodischen Abschnitten kam im
Laufe der Bluesentwicklung eine harmonische Gliederung, das sog. Bluesschema
(Taktzahl 3 x 4 = 12)
Harmonik:
C/ C/ C7/ C7// F7/ F7/ C/C// G7/ G7/
C/ C
Das Bluesschema kehrt in allen Stilen
des Jazz und im Rockn Roll wieder; ebenso die Blue Notes, die typisch
für die Bluesmelodik sind: neutrale (zwischen Dur und Moll liegende)
Intonierungen der III. und VII. Stufe.

Ursprung der Blue Notes: afrikanische
Tonleitern
Oldtime Jazz
Reiche Hafenstadt; 1718 von den Franzosen
gegründet, großes Vergnügungsviertel (Storyville); seit 1803
gehörte New Orleans zu den USA; Völkergemisch, d.b. viele Arten
von Musik (europäische Tanz- und Marschmusik, Volkslieder, Kirchenlieder,
Spirituals, Blues, Ragtime, usw.), aber auch Rassismus
Die Schwarzen spielten zunächst auf
eigenen, selbstgebastelten Instrumenten (Washboard Fands), später
übernahmen sie das Instrumentarium der weißen Blechblaskapellen
und ahmten deren Spiel nach. Obwohl sie größtenteils die gleichen
Instrumente verwendeten (melody section: Tp, Tb,
Cl; rhythm section: tuba, dr,
dazu bj oder g, später auch p) entstand
um 1900 eine ziemlich neue Art von Musik, die sich in der Art
des Zusammenspiels, in der Tonbildung und in rhythmischer Hinsicht deutlich
von den weißen Märschen unterscheidet.
Nicht durch Noten organisiert; eine Melodie
(tp) wird von den anderen Melodieinstrumenten (tb, cl) improvisierend umspielt
(genauer: beantwortet; vgl. dazu das Call-and-Response-Modell), es entsteht
ein Geflecht aus drei melodischen Linien. Das gleichzeitige Improvisieren
nennt man Kollektivimprovisation. Ab den 20er Jahren - gewinnt die
Soloimprovisation immer mehr Raum.
Unsaubere Töne (dirty Tones), gepresste
Töne (vgl. den Gesangsstil in
Blues und Negro Spiritual), Glissandi, gestoßene Töne,
usw.
Rhythmische Grundlage sind die vier
Grundschläge (Beats) eines Taktes, mit den Betonungen auf 1 und 3 (wie
beim Marsch, man spricht von Two-Beat), späterwerden zum Ausgleich auch
2 und 4 betont, aber von anderen Instrumenten. Dadurch entsteht ein
hüpfender Grundrhythmus.

Der Beat wird von kleinsten
Akzentverschiebungen überlagert, sowohl in den Melodieinstrumenten als
auch durch Entwürfe der Rhythmusgruppe. Dieses Einschieben von Akzenten
zwischen (vor und nach) den Schlägen des Beats nennt man Off-Beat. Wir
haben also zwei rhythmische Ebenen: Den Beat, und darüber den Off-Beat;
zwischen beiden Ebenen entsteht ein Spannungsverhältnis, ein
Konflikt, der beim Hörer durch (unbewusste) Körperbewegung
ausgeglichen wird.
Der legendäre Kornettist Buddy Bolden
leitete einige der ersten Jazzbands, von denen jedoch nur noch wenige Beispiele
überliefert sind. Frühe Musikaufzeichnungen zeigen zwar den
Einfluß des Jazz auf die damalige Musik, doch machte erst im Jahr 1917
die erste wirkliche Jazzband eine Musikaufnahme. Diese Jazzgruppe, die
Original Dixieland Jazz Band, eine Gruppe aus weißen Musikern
aus New Orleans, erregte in den USA und der ganzen Welt mit ihrer Musik Aufsehen.
Ein neuer Stil war geboren: der
Dixieland-Jazz der Weißen
aus dem Süden der USA. Damit zeigte sich jedoch auch zum ersten Mal
ein Prozess, der später für die Geschichte des Jazz typisch werden
sollte: Nachdem schwarze Musiker neue Stile entwickelt hatten, wurden sie
von Weißen dem Geschmack eines breiteren Publikums angepasst und
anschließend kommerziell verwertet. Nach dieser Gruppe wurden zwei
weitere Bands berühmt: die New Orleans Rhythm Kings (1922)
und die Creole Jazz Band (1923, unter der Leitung des
stilbestimmenden Kornettisten King Oliver). Die Aufnahmen von King
Oliver und seiner Band sind die bedeutendsten Beispiele im New-Orleans-Stil.
Andere führende Musiker aus New Orleans waren die Trompeter Bunk
Johnson und Freddie Keppard, der Sopransaxophonist Sidney
Bechet, der Schlagzeuger Warren Baby Dodds und der
Pianist und Komponist Jelly Roll Morton. Zu einer der einflußreichsten
Persönlichkeiten des Jazz sollte später jedoch King Olivers zweiter
Trompeter Louis Armstrong werden.
Der erste echte virtuose Solist des Jazz, Louis
Armstrong, war ein atemberaubender Improvisator, sowohl in technischer als
auch in emotionaler und intellektueller Hinsicht. Er veränderte das
Bild des Jazz entscheidend, indem er den Solisten in den Mittelpunkt
rückte. Seine Bands, die Hot Five und die Hot
Seven, demonstrierten, dass Jazzimprovisation weit über die einfache
Ausschmückung der Melodie hinausgehen konnte (Armstrong schuf auf Basis
der Akkorde der ursprünglichen Melodie neue Melodien). Er setzte den
Maßstab für alle späteren Jazzsänger, nicht nur durch
die Art, in der er Wörter und Melodien abwandelte, sondern auch durch
den sogenannten Scat-Gesang (das
Singen von improvisierten Silben und Lauten, oft als rhythmische und
ausdrucksmäßige Nachahmung eines Instruments).
Nennt man die weiße Nachahmung des
schwarzen New-Orleans Jazz (ca. 1910)
(Dixieland = Südstaaten der
USA)
In diese Stadt wanderten die meisten Jazz
- Musiker ab 1917 (Schließung des
Vergnügungsviertels in New Orleans).
Dort wurde der Jazz weiter verbreitet; erste
Schallplattenaufnahmen; wiederum Nachahmung
durch Weiße (Chicagoans). Die
Jazzepoche ab 1920 könnte man New
Orleans in Chicago nennen.
Einen wichtigen Beitrag zum Wandel des Jazz in
den zwanziger Jahren leistete die Klaviermusik. Der New Yorker Bezirk Harlem
wurde zum Mittelpunkt des sehr technischen, treibenden Solostiles mit der
Bezeichnung Stride Piano (englisch
stride: schnell und mit großen
Schritten gehen). Meisterhaft zum Ausdruck brachten ihn Anfang der zwanziger
Jahre James P. Johnson und sein Protegé Fats Waller,
ein talentierter Sänger und Unterhalter, der einer seiner berühmtesten
Vertreter wurde.
Zur gleichen Zeit entstand ein weiterer Klavierstil,
der Boogie-Woogie, eine auf dem
Klavier gespielte Bluesform. Dabei spielt die linke Hand ein kurzes, scharf
akzentuiertes Baßmuster in endlosen Wiederholungen, während die
rechte Hand frei spielt, ohne sich an einen bestimmten Rhythmus zu halten.
Besondere Beliebtheit errang der Boogie-Woogie in den dreißiger und
vierziger Jahren. Zu den führenden Pianisten dieser Richtung gehörten
Meade Lux Lewis, Albert Ammons, Pete Johnson und Pine Top
Smith.
Der innovativste Pianist der zwanziger Jahre,
ähnlich einflußreich wie Louis Armstrong und Mitwirkender bei
einigen der besten Aufnahmen Armstrongs, war Earl Fatha
Hines. Sein Stil, zusammen mit dem eleganteren Ansatz von Waller,
prägte fast alle Pianisten der nächsten Generation, besonders
Teddy Wilson, der in den dreißiger Jahren in Benny Goodmans
Band spielte, und Art Tatum, der meist als Solist auftrat und wegen
seiner atemberaubenden Virtuosität geschätzt
wurde.
Ebenfalls
in den zwanziger Jahren taten sich große Gruppen von Jazzmusikern nach
dem Modell der Gesellschaftstanzorchester zusammen, woraus die sogenannten
Big Bands entstanden. Sie leiteten das Zeitalter des
Swing ein und erlebten ihre
Blütezeit in den dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre.
Der Swing errang als erster Jazzstil weltweit riesige kommerzielle Erfolge
(wenn auch zunächst fast ausschließlich als weißer Stil)
und machte den Jazz
gesellschaftsfähig.
Im Swing rückten die afrikanischen Elemente
des Jazz weiter in den Hintergrund. Eine der wichtigsten Neuerungen hierbei
war ein rhythmischer Wandel: Der Zweier-Rhythmus (Two-Beat) des New-Orleans-Jazz
wurde geglättet und zu einem fließenderen Vierer-Rhythmus
(Four Beat) geformt, bei dem alle vier Taktschläge
gleichmäßig
betont wurden.
Außerdem bürgerten sich kurze melodische
Muster, die sogenannten
Riffs, ein, die
im Call-and-Response-Schema gespielt
wurden. Dazu teilte man das Orchester in Instrumentalgruppen auf
(Bläsersätze: z.B. 3 tp, 2tb, 3 sax; die Rhythmusgruppe
bleibt erhalten), von denen jede ein eigenes Riff spielte und den einzelnen
Musikern breiten Spielraum für ausgedehnte Soli (vorwiegend
Soloimprovisation)ließ.
Die notwendige Folge der Besetzungserweiterung
(mit so vielen Instrumenten kann man nicht mehr im Kollektiv improvisieren)
war das Aufschreiben von Bläsersätzen, und damit kam ein besonders
europäisches Element in den Jazz herein.
Die Entwicklung der Big Band als Jazzorchester
war größtenteils ein Verdienst von
Duke Ellington
und Fletcher Henderson. Henderson
und sein Arrangeur Don Redman führten geschriebene Partituren in der
Jazzmusik ein, versuchten aber gleichzeitig, die lebendige Ausstrahlung der
Improvisation zu bewahren, welche die Musik kleinerer Ensembles kennzeichnete.
Diese Lebendigkeit blieb nicht zuletzt durch so begabte Solisten wie den
Tenorsaxophonisten Coleman Hawkins erhalten.
Duke Ellington leitete während der zwanziger
Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1974 eine Band im Cotton Club in New York.
Er komponierte sehr unterschiedliche experimentelle Stücke mit einer
Dauer zwischen drei Minuten (Koko,
1940) bis zu einer Stunde (Black, Brown,
and Beige, 1943, sowie Solitude
und Sophisticated Lady). Ellingtons
Musik war komplexer als die Hendersons, und sie fügte das Orchester
zu einem geschlossenen Ensemble zusammen. Andere Orchester in der Tradition
von Ellington und Henderson wurden von Jimmie Lunceford, Chick Webb und Cab
Calloway geleitet.
In Kansas City entwickelte sich Mitte der
dreißiger Jahre mit dem Orchester von
Count Basie eine eigene Variante
des Big-Band-Jazz. Dieses Orchester spiegelte die im Südwesten bevorzugte
Betonung der Improvisation wider, bei der die geschriebenen Partien relativ
kurz und einfach gehalten waren. Die Bläser seines Orchesters tauschten
die Riffs in einer freien, stark rhythmusbetonten Interaktion miteinander
aus, wobei genügend Pausen für die ausgedehnten Instrumentalsoli
blieben. Besonders Count Basies Tenorsaxophonist Lester Young spielte mit
einer bis dahin kaum gekannten rhythmischen Freiheit. Sein feinfühliger
Stil und seine langen, fließenden Melodien, aufgelockert durch
gelegentliches Hupen oder Glucksen, öffneten dem Jazz eine neue Dimension,
ähnlich wie es Armstrong mit seinem Stil in den zwanziger Jahren getan
hatte.
Weitere stilbestimmende Figuren der ausgehenden
dreißiger Jahre waren der Trompeter Roy Eldridge, der E-Gitarrist Charlie
Christian, der Schlagzeuger Kenny Clarke und der Vibraphonist Lionel Hampton.
Jazzgesang gewann zu dieser Zeit enorm an Bedeutung. Berühmte
Jazzinterpretinnen waren Ivie Anderson, Mildred Bailey, Ella Fitzgerald und
vor allem Billie Holiday.
Die Pionierarbeit von Armstrong, Ellington, Henderson
und anderen machten den Jazz zu einer einflußreichen Kraft in der
amerikanischen Musik der zwanziger und dreißiger Jahre. Populäre
Musiker wie der Orchesterleiter Paul Whiteman flochten einige der
einfacheren rhythmischen und melodischen Formen des Jazz in ihre Musik ein.
Whitemans Orchester versuchte eine Verschmelzung mit leichter klassischer
Musik und führte in diesem Bereich als erster verjazzte sinfonische
Werke amerikanischer Komponisten auf (z. B. George Gershwins
Rhapsody in Blue). Der so entstandene Symphonic Jazz
gehörte aber weniger zum Jazz als zur populären klassischen Musik
oder gar der Unterhaltungsmusik. Näher an der authentischen Jazztradition
der Improvisation und des virtuosen Solos lag die Musik der Bands von Benny
Goodman (der zahlreiche Arrangements von Henderson verwendete), Glenn
Miller, Gene Krupa und Harry James.
Seit den frühen Tagen des Ragtime hatten
Jazzkomponisten die Klassik bewundert. Eine Reihe von Musikern der Swingära
verjazzten klassische Werke in Aufnahmen wie
Bach Goes to Town (Benny Goodman)
und Ebony Rhapsody (Ellington und
andere) und machten dadurch den Baroque Jazz populär. Auch
die klassische Musik erwies dem Jazz ihre Reverenz, z. B. in Werken
wie Contrasts (1938, für Benny
Goodman) von Béla Bartók und
Ebony Concerto (1945, für
Woody Hermans Jazz-Band) von Igor Strawinsky. Auch andere Komponisten
ließen sich bei ihren Werken vom Jazz inspirieren, so etwa Aaron
Copland und Darius Milhaud.
Der herausragende Jazzmusiker der vierziger Jahre
war Charlie Parker, der Wegbereiter eines neuen Stiles, des
Bebop (auch Rebop oder Bop). Wie Lester Young, Charlie Christian
und andere exzellente Solisten hatte Parker lange Zeit in Big Bands gespielt.
Während des
2. Weltkrieges jedoch litten viele Bands unter den schlechten
wirtschaftlichen Bedingungen. Dies und der Wandel im Publikumsgeschmack trieben
viele Orchester in den Ruin. Der Niedergang der großen Bands und der
Aufstieg des Bebop, eines radikal neuen Stiles, als Reaktion auf den
kommerzialisierten Swing kam einer Revolution in der Welt des Jazz
gleich.
Bebop wurzelte zwar noch
im Prinzip der Improvisation über ein Akkordschema, charakteristisch
für diesen Stil waren jedoch
ð
schnelle
Läufe, (basierend auf den vielen Gegenschlägen zum Four-Beat des
Beckens, was den Grundbeat verunklarte)
ð
hektische
Melodiesprünge
ð
komplizierte
Harmonien
ð
der
hohe Anteil an Improvisation
ð
die
Combobesetzung
Der Bebop war also zunächst eine Musik
für Musiker,
d. h. die Künstler bemühten sich nicht, dem
Geschmack eines breiten Publikums gerecht zu
werden.
Treibende Kraft dieser Bewegung war Charlie
Parker, der auf dem Saxophon jede nur vorstellbare Melodie in beliebiger
Geschwindigkeit und Tonart spielen konnte. Seine wunderschönen Melodien
verwoben sich auf nie da gewesene Weise mit den zugrundeliegenden Akkorden,
seine Musik besaß eine schier endlose rhythmische Vielfalt. Häufige
Zusammenarbeit verband Parker mit dem Trompeter Dizzy Gillespie, der
für seine unglaubliche Virtuosität, die Bandbreite seines emotionalen
Ausdrucks und seine kühnen Harmonien berühmt war, sowie mit dem
Pianisten Earl Bud Powell und dem Schlagzeuger Max
Roach. Weitere führende Persönlichkeiten des Bebop waren der
Pianist und Komponist Thelonious Monk und der Trompeter Fats
Navarro. In den Kreisen der Bop-Musiker, vor allem um Gillespie und Parker,
bewegte sich auch die Jazzsängerin Sarah
Vaughan.
Ende der vierziger Jahre erlebte der Jazz eine
wahre Explosion an Experimenten. Modernisierte Big Bands unter Gillespie
und Stan Kenton existierten neben kleinen Gruppen innovativer Musiker, wie
dem Pianisten Lennie Tristano. Diese kleinen Ensembles schöpften intensiv
aus den Werken zeitgenössischer Komponisten wie Bartók und
Strawinsky.
Eines der bahnbrechendsten Experimente mit klassisch
inspiriertem Jazz waren die Aufnahmen, die 1949/1950 von einer
ungewöhnlichen neunköpfigen Gruppe um einen Protegé von
Charlie Parker, den jungen Trompeter Miles Davis, gemacht wurden.
Die von Davis und anderen geschriebenen Arrangements begründeten den
neuen Stil des Cool Jazz. Diese Musik war zugleich weich
und äußerst komplex.
ð
Entspannte Melodiebögen wurden von sparsam eingesetzter
Schlagzeugbegleitung akzentuiert
ð
man spielte mit wenig Vibrato und verhaltener, kühler Tongebung.
Zahlreiche Ensembles übernahmen den Cool Jazz.
Das Interesse daran verlagerte sich in den fünfziger Jahren
vorübergehend an die amerikanische Westküste, so dass dort vom
West Coast Jazz gesprochen wurde. Durch den Saxophonisten Stan
Getz, Vorbild zahlreicher Cool-Saxophonisten, verstärkte sich der
Einfluß südamerikanischer Musik auf den Cool Jazz. Auch der
Tenorsaxophonist Zoot Sims und der Baritonsaxophonist Gerry
Mulligan prägten diesen Stil und trugen zu seiner großen
Popularität in den fünfziger Jahren bei. Weitere herausragende
Figuren dieser Zeit waren Dave Brubeck (ein Schüler Milhauds)
und der Altsaxophonist Paul
Desmond.
Die Mehrzahl der
Musiker, besonders an der Ostküste der USA, entwickelte jedoch den
heißeren, treibenderen Stil des Bebop weiter. Hauptvertreter
dieser Hard Bop oder East Coast Jazz genannten Richtung
waren der Trompeter Clifford Brown, der Schlagzeuger Art Blakey
und der Tenorsaxophonist Sonny Rollins, dessen einzigartiger Stil
ihn als eines der großartigsten Talente seiner Generation auswies.
Ein weiterer Ableger
von Parkers Stil war der Soul Jazz, den der Pianist
Horace Silver, der Altsaxophonist Cannonball Adderley und dessen
Bruder, der Kornettist Nat Adderley,
verkörperten.
Der Jazz in diesem Zeitraum des Jahrhunderts war
gekennzeichnet durch mehrere neue Ansätze. Dabei stehen die Jahre um
1960 den späten zwanziger und den späten vierziger Jahren in puncto
Ideenreichtum und Experimentierfreude in nichts
nach.
1955 stellte Miles Davis ein Quintett um den
Tenorsaxophonisten John Coltrane
zusammen, dessen Stil in krassem Gegensatz zu Davis eigenem
facettenreichen, entspannten und ausdrucksstarken Melodielinien stand. Coltranes
Vortrag war geprägt von Leidenschaft und geschmeidigem, schnellem Tempo.
Er erkundete jede nur mögliche Melodieidee, mochte sie noch so exotisch
sein, und spielte ebenso langsame Balladen mit größter
Sensibilität. In seinen Soli bewies er einen außergewöhnlichen
Sinn für Form und Tempo. 1959 wirkte er bei einem Album von Miles Davis
mit, das sich als Meilenstein in der Geschichte des Jazz erweisen sollte:
Kind of Blue. Zusammen mit dem Pianisten Bill Evans schrieb Davis
für diese Langspielplatte eine Reihe von Stücken, die
16 Takte lang in einer einzigen
Tonart, einem einzigen Akkord und einem Modus blieben (was zu
der Bezeichnung Modal Jazz
führte); daraus ergab sich für den Solisten ein Höchstmaß
an
Improvisationsfreiheit.
Coltrane trieb die Komplexität des Bop mit
seinem Album Giant Steps (1959) auf die Spitze, dann wandte er sich
dem Modal Jazz zu, der sein Repertoire in den Jahren nach 1960, als er My
Favourite Things komponierte, dominierte. Hier verwendete er ein Arrangement
mit offenem Ende, bei dem jeder Solist so lange, wie er wollte, in ein und
demselben Modus spielen konnte. Zu Coltranes Quartett gehörten der Pianist
McCoy Tyner und der Schlagzeuger
Elvin
Jones.
Fast zur gleichen Zeit kam es mit dem
Free Jazz zum endgültigen
Bruch mit den klassischen Traditionen des Jazz: Sämtliche formalen
Prinzipien wurden über Bord geworfen, und an die Stelle gestalteter
Formschemata trat die offene Form. Die Gesetze von Harmonie (tonale
Klangbeziehungen), Melodie und Rhythmus (durchlaufender Beat) verloren an
Bedeutung, und jede Art von Klängen und Klangverbindungen war erlaubt.
Einer der kreativsten (und umstrittensten) Musiker dieser Phase war der
Altsaxophonist Ornette Coleman, dessen Improvisationen, zuweilen fast atonal,
ganz ohne Akkordschemata auskamen, während er den durchlaufenden Beat
noch beibehielt. Colemans klagender Ton und seine ungewöhnliche Technik
schockierten anfangs viele Kritiker, andere dagegen erkannten den unbedingten
Experimentierwillen, die Ernsthaftigkeit und den seltenen Sinn für Form,
durch den sich seine Soli auszeichneten. Coleman inspirierte eine ganze Schule
des
Avantgarde-Jazz, der seine Blütezeit in den
sechziger und siebziger Jahren erlebte und zu dessen wichtigsten Vertretern
so berühmte Namen wie das
Art Ensemble of
Chicago, der Klarinettist
Jimmy Giuffre oder der Pianist
Cecil Taylor
gehörten.
Ein weiteres Produkt der Experimentierphase der
späten fünfziger und der sechziger Jahre war der Versuch des
Komponisten Gunther Schuller und
des Pianisten John Lewis, zusammen
mit dem Modern Jazz Quartet Jazz und klassische Musik zu einem dritten
Strom (third stream)
zu verschmelzen, indem man Musiker aus diesen beiden Bereichen zusammenbrachte
und ein Repertoire schuf, das aus dem Vokabular beider musikalischer Sprachen
schöpfte.
In der Zwischenzeit fuhr man im
Mainstream-Jazz fort, Improvisationen auf den Akkordschemen
populärer Stücke aufzubauen, obwohl viele Melodieideen von Coltrane
und sogar einige Modal-Jazz-Elemente einflossen.
Brasilianische Musik fand Anfang
der sechziger Jahre Eingang in das Repertoire, vor allem in Form von
Bossa-Nova-Songs. Ihr
lateinamerikanischer Rhythmus und ihre erfrischenden Akkordschemata sprachen
die Jazzmusiker mehrerer Generationen an, besonders
Stan Getz und den Flötisten
Herbie Mann. Selbst nachdem der
Bossa Nova aus der Mode gekommen war, blieb die Samba, in der die Wurzel
der lateinamerikanischen Musik liegt, fester Bestandteil des Jazzvokabulars,
und viele Gruppen erweiterten ihr Standardschlagzeug durch Perkussionsinstrumente
aus dem südamerikanischen und
Karibikraum.
Das von dem Pianisten
Bill Evans gegründete Trio behandelte populäre Songs
mit neuer Tiefe, wobei die Musiker in einem ständigen wechselseitigen
Austausch standen, anstatt einfach einer nach dem anderen ein Solo zu
spielen.
In den späten sechziger Jahren erlebte der
Jazz eine Krise: Das jüngere Publikum zog Soul- und Rockmusik vor, und
die älteren Jazzfans wandten sich von der Abstraktheit und der emotionalen
Rohheit des modernen Jazz ab. Die Jazzmusiker übernahmen Formen aus
der Rockmusik, die meisten Elemente flossen jedoch aus den Tanzrhythmen und
Akkordschemata von Soulmusikern wie James Brown ein. Andere Jazzbands wiederum
integrierten Elemente aus der Musik anderer Kulturen. Die ersten Formen dieses
neuen Stiles, des Fusion
Jazz, stießen auf mäßigen Erfolg. Im Jahre
1969 jedoch veröffentlichte Miles Davis sein Album Bitches Brew,
in dem er Soulrhythmen und elektronisch verstärkte Instrumente mit
kompromisslosem, höchst dissonantem Jazz kombinierte. Es überrascht
nicht, dass einigen von Davis ehemaligen Schülern und Bandmitgliedern
(Herbie Hancock, Wayne Shorter und dem in Österreich geborenen Pianisten
Joe Zawinul, die zusammen die Gruppe
Weather Report leiteten, sowie dem englischen Gitarristen
John McLaughlin und dem brillanten
Pianisten Chick Corea und seiner
Band Return to Forever) eine der erfolgreichsten
Fusion-Jazz-Aufnahmen der siebziger Jahre gelang. Rockmusiker wiederum
übernahmen die verschiedenen Jazzelemente in ihre Musik. Besonders die
Gruppen Chase, Chicago und Blood, Sweat and
Tears bedienten sich der Vielfalt der
Jazzformen.
Zur gleichen Zeit hatte der frühere
Davis-Schüler Keith Jarrett
größte Erfolge. Seine Konzerte mit Trio oder Quartett, bei denen
er bekannte Standards und Eigenkompositionen präsentierte, ebenso wie
seine Soloimprovisationen am Klavier machten ihn zu einem der größten
zeitgenössischen
Jazzpianisten.
Seit Mitte der achtziger Jahre geben
Jazzmusiker verschiedener Richtungen wieder Konzerte vor großem Publikum,
und das Interesse an ursprünglichem (im Gegensatz zu Pop-orientiertem)
Jazz nahm wieder zu.