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Der König trinkt!
von Jacob Jordaens
Eine Bildbetrachtung
"Der König trinkt!" ruft die Tischgesellschaft, wenn der alte 
Mann mit Krone den Kelch an die Lippen führt, und alle leeren
die Gläser. So war es in vielen katholischen Ländern Europas Brauch
am Dreikönigsfest. 

Hier wird geschrien und wild gestikuliert, 
der Spruch auf der hinteren Wand scheint 
niemanden zu stören: Nil simillus insano quam ebrius steht 
da -Nichts gleicht einem Irren mehr als ein Betrunkener
Der Blick durchs Fenster zeigt, daß es draußen hell ist. 
Von Mittag bis Mitternacht dauerte so ein Gelage, 
zwischen den Gängen amüsierten sich die Feiernden mit
Liedern und Spielen. Zum Dreikönigsessen, auch  
"Fest des Bohnenkönigs" genannt, wurden Verwandte, gute 
Freunde und Dienstboten eingeladen, auch die Kinder 
durften dabeisein und einen Schluck aus dem Glas nehmen 
wie das blonde Mädchen im Vordergrund. Hund und
Katze gehörten dazu. 
Wahrscheinlich hat Jacob Jordaens (1593 bis 1678) seine 
Familienmitglieder und sein Gesinde als Modelle benutzt und
das Interieur des eigenen Hauses an der Hoogstraat in 
Antwerpen gemalt. Das Bild entstand zwischen 1640 und 1645.
Dem Künstler ging es gut, er hatte Erfolg, besonders mit 
Werken dieser Art. Sechsmal hat er das Dreikönigsessen 
auf die Leinwand gebracht, ahnlich oft wie eine andere 
fröhliche Tischgesellschaft mit dem Titel "Wie die Alten 
sungen, so zwitschern auch die Jungen". Er feierte damit die
Werte, die seiner Kundschaft wichtig waren: Familie, 
Wohlstand, Lebensgenuß.
Auch derbe Szenen wie der speiende Trinker wurden nicht 
ausgespart. Auf anderen Darstellungen sind es Kinder, 
die ihren Hintern zum Abwischen hinhalten. Wichtig war 
den Käufern eine repräsentative Größe; dieses Werk, 
das im Wiener Kunsthistorischen Museum hängt, mißt 242 
mal 300 Zentimeter. Auch auf eine Fülle von Figuren wurde 
Wert gelegt. Die meisten seiner Kunden fand Jordaens im
wohlhabenden Bürgertum der südlichen Niederlande, einem 
Gebiet, das etwa dem heutigen Belgien entspricht. Damals 
gehörte es zum spanischen Reich.
Die südlichen wie auch die nördlichen Provinzen hatten 
versucht, sich von der Herrschaft der Spanier zu befreien, 
aber nur den nördlichen war es nach langen Kämpfen gelungen.
Jetzt blühte der Norden, der Süden stagnierte. Jordaens' 
Kunden machten keine großen Geschäfte mehr, sie lebten vom 
einst erworbenen Reichtum und liebten wohl eben deshalb
die Art, wie der Maler sie schilderte: vital und ungebrochen.
Dieses Bild allerdings bekam keiner von ihnen, sondern 
ein Habsburger: Leopold Wilhelm, der als Statthalter des 
spanischen Königs in Brüssel regierte. 1656 nahm er
das Gemälde mit nach Wien.
Weiterlesen: Info zum Bild
Quelle: Bildbefragungen, Alte Meister im Detail; Rose-Marie & Rainer Hagen,
Denedikt Taschen Verlag GmbH, 1994