TEXT 1: aus dem vierten Kapitel des fünften Buches

Freilich, wenn wir die Sache näher überlegen, erscheint es wenig wahrscheinlich, daß der allweise Schöpfer gerade bei den Wegen der Planeten für Harmonien gesorgt haben soll. Denn wenn die Proportionen der Wege harmonisch sind, so ergeben sich alle Besonderheiten, die die Planeten an sich haben als notwendige Folge aus diesen Wegen, und es ist keine Möglichkeit mehr da, an anderen Stellen Harmonien herzustellen. Aber was sollen denn Harmonien zwischen den Wegen ? Wer wird diese Harmonien wahrnehmen ? Zwei Dinge sind es, die uns die Harmonien in der Natur kundtun, das Licht und die Töne.

Das erste wird durch das Auge oder durch den Augen entsprechende verborgene Sinnesorgane, die letzteren durch das Ohr aufgenommen. Wenn der Geist diese Spezies aufgenommen hat, unterscheidet er das Melodische vom Unmelodischen, sei es rein instinktmäßig (wovon im IV. Buch ausführlich genug die Rede war), sei es durch astronomische oder harmonische Überlegung. Nun gibt es aber am Himmel keine Töne, und die Bewegung ist nicht so heftig, daß durch die Reibung der Himmelsluft ein Summen oder Pfeifen entstünde. So bleibt nur das Licht übrig. Wenn dieses über die Wege der Planeten unterrichten soll, so wird es entweder die Augen oder ein ähnliches Sinnesorgan unterrichten, das an einem ganz bestimmten Ort sich befindet. Soll nun das Licht für sich sofort unterrichten, so muß offenbar der Sinn zugegen sein. Es wird also der Sinn in der ganzen Welt sein, damit es nämlich ein und derselbe Sinn ist, der gleichzeitig bei den Bewegungen aller Planeten zugegen ist. Denn jener Weg, der von den Beobachtungen durch die weiten Umwege der Geometrie und Arithmetik über die Proportionen der Bahnen und alles andere, was zuvor festgestellt werden muß, bis zu diesen Weggrößen führt, ist allzu lang für irgendeinen natürlichen Instinkt, zu dessen Erregung man die Einführung der Harmonien für zweckmäßig halten möchte.

FOLGERUNGEN UND ERGEBNISSE SIEHE MATERIALIEN Seiten 295-301

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TEXT 2:

Titel:

Daß in den Proportionen der scheinbaren Planetenbewegungen ( gleichsam für einen Beobachter auf der Sonne ) die Stufen des Systems, d.h. die Noten der Tonleiter, sowie die Tongeschlechter Dur und Moll ausgedrückt sind.

Daß also zwischen diesen zwölf Werten oder Bewegungen der sechs um die Sonne kreisenden Planeten nach aufwärts und abwärts überallhin harmonische Proportionen oder solche Proportionen, die jenen bis auf einen unmerklichen Teilbetrag des kleinsten melodischen Intervalls nahekommen bestehen, das ist im bisherigen durch Zahlen, wie sie einerseits die Astronomie andererseits die Harmonik liefert, bewiesen worden. Wie wir nun aber im III. Buch zuerst die harmonischen Proportionen einzeln für sich im I. Kapitel aufsuchten und dann erst im II. Kapitel sie alle, so viele ihrer waren, zu einem gemeinsamen System oder einer Tonleiter zusammenfügten oder vielmehr eine von ihnen, die Oktav, die die übrigen der Potenz nach umfaßt, mit Hilfe der übrigen in ihre Stufen aufteilten, so daß hierdurch die Tonleiter entstand, so müssen wir auch jetzt nach der Auffindung der Harmonien, die Gott selber in der Welt verwirklicht hat, die Frage erheben, ob diese Harmonien einzeln für sich so dastehen ohne gegenseitige Beziehung, oder ob sie alle untereinander übereinstimmen. Freilich ist es leicht, auch ohne weitere Untersuchung den Schluß zu ziehen, daß diese Harmonien nach höchstem Ratschluß einander so angepaßt sind, daß sie sich gegenseitig gleichsam als Teile eines einzigen Bauwerks tragen und keine die andere zerdrückt. Sehen wir doch bei unserer so vielfältigen Gegenüberstellung immer der gleichen Werte, daß uns überall Harmonien begegnen. Wären nämlich nicht alle allen angepaßt zu einer Leiter, so hätte es leicht geschehen können (und ist auch da und dort zwangsläufig geschehen), daß mehrere Dissonanzen auftreten. Wollte jemand z. B. zwischen dem ersten und zweiten Wert eine große Sext, zwischen dem zweiten und dritten eine gleichfalls große Terz ohne Rücksicht auf das erste Intervall festsetzen, so würde er zwischen dem ersten und dritten Wert eine Dissonanz, das unmelodische Intervall 12/25, zulassen.

FOLGERUNGEN UND ERGEBNISSE SIEHE MATERIALIEN Seiten 305-306

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SCHLUSSWORT:

Schließlich kam ich zu den fünf räumlichen Figuren. Hier ergab sich eine bestimmte Zahl der Planetenkörper und eine Größe der Abstände, die nahezu richtig war so nahe richtig, daß ich wegen der noch bestehenden Abweichung an eine vollkommene Astronomie appellierte. Die Astronomie wurde nun in den vergangenen 20 Jahren vervollkommnet; aber siehe da, die Abstände stimmten immer noch nicht mit den räumlichen Figuren; auch zeigten sich keine Ursachen für die in so ungleicher Weise auf die Planeten verteilten Exzentrizitäten. Ich hatte eben an diesem Haus der Welt nichts als Steine gesucht, zwar solche von gefälliger Form, aber eben doch nur von einer Form, wie sie Steine haben. Ich wußte nicht, daß der Weltbaumeister die Steine nach dem wohlgegliederten Bild eines belebten Körpers gestaltet hatte. So kam ich allmählich, besonders in den letzten drei Jahren auf die Harmonien, indem ich ganz kleine Abweichungen der räumlichen Figuren duldete. Dazu bestimmte mich einerseits der Gedanke, daß die Harmonien die Rolle der Form spielten, die die letzte Hand anlegte, die Figuren dagegen die Rolle der Materie, die in der Welt die Zahl der Planetenkörper und die rohe Ausdehnung der räumlichen Bereiche ist. Andererseits lieferten die Harmonien auch die Exzentrizitäten, welche die räumlichen Figuren nicht einmal in Aussicht stellten. Oder: die Harmonien gaben der Statue Nase, Augen und die übrigen Glieder, während die räumlichen Figuren nur die äußere Größe der rohen Masse vorgeschrieben hatten.

FOLGERUNGEN UND ERGEBNISSE SIEHE MATERIALIEN Seiten 349-350

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