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Peter-Petersen Gymnasium
Klasse 11.3
Juni 1997/ Barockprojekt 2000
Referat: Andreas Kurpiers





Leibniz

Kurztext:

Gottfried Wilhelm Leibniz war der letzte Universalgelehrte, der diesen Titel verdient. Als Mathematiker und Physiker, als Historiker und Sprachwissenschaftler, u.v.m. stand er an der Spitze der Wissenschaften seiner Zeit.

Schon in seiner Kindheit zeigte sich, dass er den anderen Kindern weit voraus war. Er brachte sich Sprachen wie Latein und Griechisch selbst bei. Schon mit 14 Jahren begann er ein Studium in seiner Geburtsstadt Leibzig. Nach seinem Studium ging er nach Mainz, wo er unter anderem seine Logischen Studien durchführte und seine Rechenmaschine, die Infinitesimalrechnung und die Dyadik, das Grundprinzip jedes Computers, entwickelte. Nach dem Tod seines Herren ging er nach Hannover, wo er bis zu seinem Tod auch blieb und weitere Dinge entwickelte, jedoch hauptsächlich mit der Geschichte der Welfen beschäftigt war. Schließlich starb er am 14.11.1716, was unter anderem auch in der Zeittafel festgehalten wurde.

Das Referat:

Kindheit

„21.Junii am Sontag 1646 ist mein Sohn Gottfried Wilhelm ... ¼ uff 7 uhr abents zur welt gebohren". Dies vermerkte Friedrich Leibnütz, Aktuar und Professor der Moral an der Universität Leipzig, in der Familienchronik. Seine Frau Catharina ( geb. Schmuck ), Tochter eines angesehenen Leipziger Juristen, heiratete er 1644. Eine Schwester, Anna Catharina, kam 1648 auf die Welt. Im September 1652 starb Friedrich Leibnütz, als Gottfried gerade 6 Jahre alt war. Seine Mutter starb 1664.

Im Juli 1653 begann Gottfried Wilhelm seine Schulzeit in der Nicolaischule, die er bis Ostern 1661 besuchte. Die mit dem Schulbeginn erfolgte Einschreibung an der Leipziger Universität war ein Privileg, das ihm als Professorensohn zustand. Mit 8 Jahren begann er lateinische Texte zu lesen. Bei der alten Ausgabe des Livius, übersetzte er das Buch anhand seiner Bilder: „... weil es eine alte Ausgabe mit Holzschnitten war, betrachtete ich diese eifrig, las hier und da die darunterstehenden Worte ... und was ich gar nicht verstand, übersprang ich. Als ich dies öfter getan, das ganze Buch durchgeblättert hatte ... verstand ich viel mehr davon. Darüber hoch erfreut, fuhr ich ohne irgendein Wörterbuch fort, bis mir das meiste ebenso klar war, und ich immer tiefer in den Sinn eindrang." 1654 erlaubte ihm sein Vater seine Bibliothek zu benutzen, was er dann auch sofort tat und sich so weitere lateinische Klassiker, die Grundlagen der aristotelischen Logik und die Metaphysik der Scholastiker aneignete. Bald beherrschte er das Lateinische in Wort und Schrift so gut, dass er 1659 anstelle eines erkrankten Schülers an einer Schulfeier ein Gedicht von 300 Hexametern an einem Nachmittag niederschrieb und unter Beifall der Lehrer vortrug. Durch Schriften von Platon, Seneca und Saurez eignete er sich auch das Griechische an.

Zitat: Leibniz - der Autodidakt

Studium

Im April 1661 beginnt er, 14 Jahre alt, sein Studium der Philosophie an der Leipziger Universität. Neben der Philosophie hört er auch Lesungen in Mathematik, Physik, griechischer und lateinischer Poesie. 1663 schreibt er die „Disputatio metaphysica de principio individui" („Über das Prinzip der Individuation"), in der er Grundlagen für seine spätere Metaphysik niederschreibt und dafür den Grad eines Baccalaureus erhält. Im Sommer 1663 wechselt er für ein Semester nach Jena, wo er den Mathematiker und Philosoph Erhard Weigel, der mit mathematischer Beweisführung die Widersprüche der Scholastiker aufdeckt, kennenlernt. Durch ihn kommt er auch in den Kontakt mit der Astronomie, der Mechanik und der Theorie der Naturrechte. Im Wintersemester 1663 beginnt er wieder in Leipzig ein juristisches Fachstudium. 1664 verfaßt er sein „Specimen difficultatis in jure" („Schwierige Rechtsfragen") wofür er Magister der Philosophie wird. Da man ihm in Leipzig für seine Arbeit „De arte combinatoria" („Von der Kunst der Kombinatorik") den Doktortitel wegen seines Alters verweigert, geht er nach Nürnberg, wo er sich mit seiner Schrift „Disputatio de casibus perplexis in jure" („Über verwickelte Rechtsfälle") den Doktorgrad im Bereich der Rechtswissenschaften verdient. Nach Abschluß seiner Arbeit lehnt er einen Beruf an der Universität ab und hat vor nah Holland zu gehen. Doch er bleibt für kurze Zeit noch in Nürnberg, wo er sich einer Sekte anschließt, die sich mit der Alchimie befasst.

Mainz

Leibniz reiste im Sommer oder Herbst aus Nürnberg ab und traf in Frankfurt den Diplomat Johann Christian von Boineburg, der Minister beim Kurfürsten von Mainz war und wurde sein persönlicher Berater. Er entwarf Abhandlungen zu religiösen Streitfragen, philosophischen, philologischen, physikalischen, mathematischen und historischen Problemen, widmete sich weiterhin der Justizreform und war für Boineburg als Anwalt tätig. In dieser Zeit knüpfte er viele Verbindungen mit Menschen aus 16 Ländern, die für ihn später an Bedeutung gewannen und ihn auch in eine bestimmte Richtung führten. Im Sommer 1670 erhielt Leibniz die Anerkennung für seine Leistungen und wurde zum Revisionsrat am Oberappelationsgericht des Erzbistums ernannt, obwohl er Protestant war und trat so in den Dienst des Kurfürsten von Mainz. Hier in Mainz entwickelte er einen politischen Plan zur Ablenkung des französischen Expansionsdrangs in Europa, den Ägyptischen Plan. 1672 machte er Bekanntschaft mit den Mathematikern Pierre de Carcavy und Christiaan Huygens und gewinnt durch sie Zugang zu mehreren gelehrten Zirkeln. So z.B. zu Jean Gallois, den Sekretär der „ Academie des Sciences", über den er erste Kontakte zu dieser prestigeträchtigsten Vereinigung der Wissenschaften in Frankreich knüpfte. Noch im Dienst des Mainzer Kurfürsten nahm Leipniz im Januar 1673 an einer Gesandtschaft nach England teil. Im Gepäck hatte er bereits ein erstes Modell seiner Rechenmaschine, die er unter den kritischen Augen der Mitglieder der Royal Society mit solchem Erfolg vorführte, dass er im April desselben Jahres zum Mitglied dieser berühmten wissenschaftlichen Gesellschaft ernannt wurde. Während dieses nur gut einmonatigen Englandaufenthaltes gewann er Einblick in die chemischen Experimente von Robert Boyle und wurde durch den Kreis um Newton mit dem neuesten Kenntnisstand der Physik und Mathematik vertraut, den er, zurück in Paris, vor allem im Gespräch mit Christiaan Huygens vertiefte und in der Mathematik bis hin zur eigenständigen Entdeckung des Infinitesimalkalküls fortentwickelte. Durch den Tod seines Gönners und Freundes Boineburg Ende 1672 und des Mainzer Kurfürsten Anfang 1673 verschlechterte sich unterdessen Leibniz` persönliche Situation. 1673 suchte er sich desshalb einen neuen Arbeitgeber, doch betonte er dabei stets, dass es ihm nicht darum gehe, „so viel Geld wie möglich anzuhäufen ... sondern meinen Geist zufriedenzustellen, indem ich etwas Greifbares und Nützliches für das allgemeine Wohl leiste. Ich gestehe auch, daß ich einen Fehler habe, der in der Welt als schwerwiegend gilt : nämlich häufig gegen das Zeremoniell zu verstoßen und bei der ersten Begegnung keinen allzu guten Eindruck zu machen. Wenn man auf diese Dinge großes Gewicht legt ... und wenn es gilt zu trinken, um zu gelten, so wissen Sie selbst, daß ich fehl am Platze bin." 1676 entschloss er sich das Angebot des hannoveranschen Herzogs Johann Friedrich als Hofrat und Bibliothekar anzunehmen. Er verließ im Oktober 1676 Paris, hielt sich noch einmal für zehn Tage in London auf, wo er Einblick in die Papiere Newtons nahm, nutzte die Rückfahrt durch Holland u. a. zu philosophischen Gesprächen mit Spinoza im Haag und traf endlich Mitte Dezember 1676 in Hannover ein, das für die ihm verbleibenden 40 Jahre seines Lebens zur hauptsächlichen Wirkungsstätte werden sollte.

Zitat: Leibniz über Descartes

Infinitesimalrechnung

Die Infinitesimalrechnung ( Unendlichkeitsrechnung ) ist ein Verfahren um beliebig große bzw. kleine und beliebig aussehende Flächen zu berechnen, wie z.B. die Fläche eines Tintenkleckses auf einem karierten Blatt. Da der Fleck einige Karos nur teilweise bedeckt, kann man seinen Flächeninhalt nicht genau bestimmen. Bei der Infinitesimalrechnung verkleinert man nun diese Karos so lange, bis es keine angeschnittenen bzw. keine teilweise bedeckten Karos mehr gibt. Das heißt man arbeitet nun mit ( unendlich ) kleinen Karos, die nicht mehr optisch wahrnehmbar sind, jedoch mathematisch noch erfassbar sind. Dadurch kann man jede beliebige Fläche exakt berechnen. Durch diese Rechenmethode war es nun Möglich Naturprozesse erfassbar und damit auch rechnerisch beherrschbar zu machen, indem man den zu berechnenden Prozess in unendlich kleine Phasen einteilt und diese einzeln ausrechnet. Diese Rechenmethode brachte die Wissenschaft ein großes Stück weiter.

Logische Studien

Leibniz wollte die Verständigungsprobleme, die es durch unsere mehrdeutige Sprache z.B. in der Wissenschaft gibt, lösen, indem er die Sprache logisch neu ordnete und sie so nach klarem, mathematischen Sinn wieder aufbaute. Er fand heraus, dass eine Aussage wie „die Blume blüht" nur stimmt, wenn das Verb „blühen" im Wort „Blume" zu finden ist. Er vergleicht dies mit der Mathematik, in der man z.B. 6 durch 2 teilen kann, 7 aber nicht gerade durch 2 teilbar ist. Da also das Verb „blühen" im Wort „Blume" vorhanden ist, d.h. „ein Teiler von diesem ist", ist diese Aussage logisch und korrekt. Jedoch ist die Aussage „der Mensch ist unsterblich" falsch, weil „unsterblich" nicht in „Mensch" zu finden ist, d.h. kein Teiler ist. Außerdem wollte er jedem Wort nur eine Bedeutung zukommen lassen, so wie die Zahl 1 nur 1 bedeutet und nicht etwa 1,1 oder vielleicht 11. Diese neue Sprachform konnte er nicht durchsetzen, doch sie wird in Form der Logistik bzw. der Dyadik, die er daraus ableitete und heutzutage in jedem Computer benutzt wird. Diese brachte ihm aber z.B. bei seiner Rechenmaschine nichts , da man nicht die technischen Mittel hatte, die uns heute zustehen, um diese feinmechanische Genauigkeit zu gewährleisten.

Originaltext

Dyadik

Im dualen ( zweier ) Zahlensystem werden nur zwei Ziffern benutzt, die 0 ( nicht besetzt ) und die 1 ( besetzt ). Im Alltag nutzen wir auch heute noch das Zehnersystem, das schwieriger ist .Wir lernen es in der Grundschule und desshalb fällt uns dieses auch leichter, weil wir damit vertraut sind.

Im Dualsystem wird eine Zahl durch die Summe von Zweierpotenzen dargestellt.

dekadisches oder Zehnersystem duales oder

Zweiersystem

Die aus Zweierpotenzen gebildeten Summen
1 1 1 * 20
2 10 1 * 21 + 0 * 20
3 11 1 * 21 + 1 * 20
4 100 1 * 22 + 0 * 21 + 0 * 20
5 101 1 * 22 + 0 * 21 + 1 * 20
6 110 1 * 22 + 1 * 21 + 0 * 20
7 111 1 * 22 + 1 * 21 + 1 * 20
8 1000 1 * 23 + 0 * 22 + 0 * 21 + 0 * 20
9 1001 1 * 23 + 0 * 22 + 0 * 21 + 1 * 20
10 1010 1 * 23 + 0 * 22 + 1 * 21 + 0 * 20
11 1011 1 * 23 + 0 * 22 + 1 * 21 + 1 * 20
12 1100 1 * 23 + 1 * 22 + 0 * 21 + 0 * 20

Mit den durch das Dualsystem gewonnenen Charakterenfolgen ( 10 heißt natürlich nicht <<zehn>>, sondern <<eins - null>>, weil ihr nicht der Wert 10, sondern der Wert 2 zukommt; 10 hat im dualen System den Wert 2, im Dreiersystem den Wert 3, ... im Zehnersystem den Wert 10, im Elfersystem den Wert 11, usw. ) lassen sich alle Grundrechenarten ähnlich, aber noch einfacher als im Zehnersystem ausführen :

Rechnen im Dualsystem

Leibniz war zwar stolz auf die Erfindung der Dyadik, wusste aber nicht was er innermathematisch damit anfangen konnte. Zwar war er der erste, der eine Vierspeziesrechenmaschine, eine die Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren kann, entwarf und bauen ließ, musste aber mit dem Zehnersystem arbeiten, weil die feinmechanischen Fertigkeiten der damaligen Zeit weit überfordert gewesen wären. Sein System wird aber heutzutage in jedem Computer genutzt. Eine „Anwendung" fand er in einem ganz anderem Bereich :

Eine der biblischen Grundlehren „ist die erschaffung aller dinge aus nichts durch die allmacht Gottes. Nun kann man wohl sagen daß nichts in der welt sie beßer vorstelle, ja gleichsam demonstrire, als der ursprung der zahlen wie er alhier vorgestellet, durch deren ausdrückung bloß und allein mit Eins und Null oder Nichts, und wird wohl schwehrlich in der Natur und Philosophi ein beßeres vorbild dieses geheimnißes zu finden seyn." Doch die Dyadik, so heißt es an gleicher Stelle, dem sogenannten Neujahrsbrief ( 12.Januar 1697 ) an Herzog Rudolf August von Wolfenbüttel, zeigt noch viel mehr, denn anders als das Zehnersystem ist sie auch Symbol der Vollkommenheit der Welt : „Es ist aber auch dabey nicht weniger betrachtenswürdig, wie schön darauß erscheine nicht nur daß Gott alles aus nichts gemacht, sondern auch daß Gott alles wohl gemacht, und daß alles was er geschaffen, guth gewesen; wie wirs hier denn in diesem vorbild der Schöpfung auch mit augen sehen. Denn anstatt daß bey der gemeinen vorstellung der zahlen keine ordnung noch gewiße folgen in den characteren oder bezeichnungen derselben sich spühren läßet, so erweiset sich hingegen aniezo, da man auff deren innersten grund und urstand siehet, eine wunderbar schöhne ordnung und einstimmung, so nicht zu verbeßern." In der Dyadik sieht Leibniz ein so überzeugendes Sinnbild des christlichen Glaubens, dass er sie sogar als Mittel der Heidenbekehrung einsetzen will. So schlägt er vor, man möge sie dem chinesischen Kaiser, „der ein sehr großer Liebhaber der Rechten Kunst sey," vorlegen, „es möchte vielleicht dieses vorbild des Geheimnißes der Schöpfung dienen, ihm des Christlichen glaubens vortrefflichkeit mehr und mehr vor augen zu legen." Dazu schreibt er einen Brief an den französischen Jesuitenpater Bouvet, der als Missionar in China tätig war, wo es heißt : „Zu Beginn des ersten Tages war die 1, das heißt Gott. Zu Beginn des zweiten Tages die 2, denn Himmel und Erde wurden während des ersten geschaffen. Schließlich zu Beginn des siebenten Tages war schon alles da; deshalb ist der letzte Tag der vollkommenste und der Sabbat, denn an ihm ist alles geschaffen und erfüllt, und deshalb schreibt sich die 7 ( im dualen System ) 111, also ohne Null. Und nur wenn man die Zahlen bloß mit 0 und 1 schreibt, erkennt man die Vollkommenheit des siebenten Tages, der als heilig gilt, und von dem noch bemerkenswert ist, daß seine Charaktere ( nämlich in der Schreibweise 111 ) einen Bezug zur Dreifaltigkeit haben."

Zitat: Zahlen und die wahre Religion

Hannover: Umfassende Tätigkeiten

Das erste Projekt, das vom Herzog unterstützt wurde, war der Vorschlag Leibniz` die Harzer Bergwerke mittels Windkraft zu entwässern, was 1679 in einem Vertrag vereinbart wurde. Während einer Reise erreichte Leibniz Anfang 1680 die Nachricht vom Tod seines Landesherrn. Da er nicht wusste ob er beim neuen Herrn seine Arbeit behält, beschäftigte er sich nun mit der Geschichte des Welfenhauses, wohl um auch auf dem Gebiet der Historiographie ( Geschichte ) dem Haus Braunschweig - Lüneburg seine Dienste anbieten zu können. Im Februar suchte Leibniz den Nachfolger Johann Friedrichs auf, dessen Bruder Ernst Augustus , der als protestantischer Fürstbischof zu dieser Zeit noch in Osnabrück residierte und Leibniz in seinen Ämtern bestätigte. Von seinen bisherigen Aufgaben in der Justizverwaltung wird er weitgehend entbunden. Nun wird er als juristischer, politischer und historischer Sachverständige vor allem eingesetzt, um Erbansprüche, Standeserhöhungen und Glorie des fürstlichen Hauses in Denkschriften, Gutachten, usw. zu untermauern. Der großzügige Etat, den er vorher bekam, wird von 1500 Reichstalern pro Jahr auf weniger als 100 Taler gekürzt. Die Bibliothek ist wegen Umbauten für Jahre für ihn nicht mehr nutzbar. Jedoch interessiert sich die Gemahlin des Herzogs, Sophie von der Pfalz, die er bereits 1679 in Herford kennengelernt hatte, für seine Arbeiten. Aufgrund seiner eingeschränkten Handlungsfreiheit und seiner 1685 gestoppten Versuche der Bergwerksentwässerung versuchte er in Wien vom Kaiser als persönlicher Berater eingestellt zu werden. Der Mißerfolg bei solchen Bewerbungen wie auch Rückschläge bei seinen zahlreichen Projekten zur Wissenschaftsorganisation, die sich in den folgenden Jahren noch des öfteren einstellen werden, entmutigen Leibniz keineswegs, sondern spornen ihn nur um so mehr an, auf allen Gebieten weiter zuarbeiten, nach dem Grundsatz, wie er später einmal an die Kurfürstin Sophie schreibt, „für das öffentliche Wohl zu arbeiten, ohne mich zu sorgen, ob es mir jemand dankt. Ich glaube, dass man damit Gott nachahmt, der sich um das Wohl des Universums sorgt, egal ob die Menschen es anerkennen oder nicht." Ganz im Sinne dieser Überzeugung widmete sich Leibniz neben seinen dienstlichen Aufgaben ebenso der wissenschaftlichen Forschung wie der politischen und der Religionspolitik. Leibniz veröffentlichte einige seiner Erfindungen in der von Otto Mencke, Professor der Philosophie in Leipzig, 1682 neu herausgegebenen wissenschaftlichen Zeitschrift „Acta eruditorum". Aus Empörung über die französische Politik angesichts der Belagerung Wiens durch die Türken schrieb Leibniz 1683 ein Pamphlet ( Kampfschrift ) gegen den „Allerchristlichsten Kriegsgott" Ludwig XIV ( „Mars christianissimus", gedruckt: 1684, deutsche Ausgabe: 1685 ). Nach dem Abbruch der Versuche im Harz erhielt Leibniz im August 1685 eine andere Aufgabe, die ihm den Hofratstitel auf Lebenszeit und eine Sicherung seiner Bezüge garantierte, die ihn aber bis an sein Lebensende beschäftigte : die Erforschung und Darstellung des Welfenhauses, das versuchte die Kurwürde zu erlangen und diesen Anspruch auf Rangerhöhung historiographisch zu untermauern trachtete.

"Leibniz behauptet, daß nicht zwey
Blätter einander völlig ähnlich seyn."
Stich nach Schubert, 1796

Was Leibniz in späteren Jahren wie ein Klotz am Bein von der Forschung abhielt, eröffnete ihm nun erst einmal neue Freiheiten. Im November 1687 begann er eine bis 1690 dauernde Reise zur Erforschung der Welfengeschichte, die ihn über Süddeutschland, Österreich und Norditalien bis nach Rom und Neapel führte. In einer Augsburger Klosterbibliothek gelang Leibniz im April 1688 der Verwandtschaft des italienischen Hauses der Este mit den Welfen, was ihn zur Fortsetzung seiner Reise nach Italien veranlasste. Zuvor erlebte er jedoch den Tag, „den ich vor vielen Jahren schon gewündschet habe", eine Audienz bei Kaiser Leopold I. in Wien, dem er auseinandersetzt, wie er „von jugend auff mein gemüth auf labores Reipublicae profuturos gerichtet gehabt, mit hindansezung eitler delectationen, so sonst deren Menschen die zeit wegzunehmen pflegen, und sonderlich dahin bedacht gewesen bin, wie ich etwas außfinden ... möchte, durch deßen evidenten und großen Nutzen ein hohes Haupt zu protegirung guther gedancken inflammiret werden möchte." Leibniz erhält Gelegenheit, seine Pläne zur Münzreform, zum Geld-, Handels und Manufakturwesen, zur Finanzierung der Reichskriege gegen die Türken, zum Aufbau eines Reichsarchivs und vieles andere vorzutragen, ohne dass ihm allerdings mehr als wohlwollende Aufmerksamkeit zuteil wird. Im März 1689 erreichte Leibniz Venedig und reiste über Ferrara und Bologna weiter nach Rom. In Florenz traf er Vincenzo Viviani, den letzten Schüler Galileis. Dort wertete er wochenlang historische Urkunden mit Hilfe des Bibliothekars und Polyhistors Antonio Magliabechi aus. In Modena entzifferte er zwei Monate lang in täglich zwölfstündiger Arbeit Dokumente zur mittelalterlichen Geschichte des Welfenhauses, um dann berichten zu können, „daß er die wahre Connexion der beyden Durchleuchtigsten Häuser Braunschweig und Este vollkomlich ausgemacht und gefunden" habe. Über Venedig trat Leibniz im Februar 1690 die Rückreise an. Sie führte ihn über Wien, Prag und Dresden nach Hannover ( im Juni 1690 Ankunft ) zurück. Seine Vaterstadt Leipzig passierte er ohne Aufenthalt. Leibniz ging davon aus, dass er in zwei Jahren mit seinem Werk fertig sein müsste, doch müsse er auf die Wolfenbütteler Bibliothek zugreifen können. Er trat desshalb 1691, als Leiter der berühmten Bibliotheca Augusta, in den Dienst der Wolfenbütteler Herzöge Rudolf August und Anton Ulrich. 1693 erschien eine Sammlung wichtiger völkerrechtlicher Verträge der Zeit vor 1500 (Codex Juris Gentium Diplomaticus) und mit den Accessiones historicas ( 1698 ) erschien eine umfangreiche Quellenpublikation zur Reichs- und niedersächsischen Landesgeschichte. 1694 stellte er seine technisch ausgereifte Rechenmaschine vor und veröffentlichte im selben Jahr sein „Systeme nouveau de la nature", die Lehre von einfachen Substanzen. 1696 bekommt er den Titel eines Geheimen Justizrats verliehen. Wegen diffuser Krankheitssymptome konsultiert er 1695/96 einige Ärzte, deren Antworten ihn nicht befriedigen können und er glaubt er würde es nicht mehr schaffen alle seine „Gedanken" niederzuschreiben bevor er stirbt. 1700 gründete er eine Akademie der Wissenschaft in Berlin, zu deren Präsident er am 12.Juli 1700 berufen wird. Diese sollte sich der Mathematik, der Astronomie, dem Bauwesen so wie der Physik, der Chemie und der Botanik, dem Bergwerkswesen und der Medizin widmen. Um an Geld zur Finanzierung dieses Unternehmens zu gelangen, machte er seinen Herren einige Vorschläge, wie z.B. ein Kalendermonopol einzurichten, oder eine Lotterie, den Verkauf von neuartigen Spritzen zur Brandbekämpfung oder die Seidenraupenzucht in staatlich privilegierte Maulbeerplantagen einzuführen. Jedoch wurden diese Vorschläge entweder nicht realisiert oder brachten kein Geld ein. 1712 wird er vom russischen Zaren Peter I. in Karlsbad zum Geheimen Justizrat ernannt und bekommt von ihm 1000 Taler jährlich als Gehalt. Im Januar 1712 wurde er zum Reichshofrat ernannt, was ihm wieder 2000 Gulden pro Jahr einbrachte. Insgesamt war er nun Reichshofrat, Geheimer Justizrat des Zaren, des preußischen Königs und des hannoverschen Kurfürsten, Präsident der Königlich- Preußischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied der Pariser Akademie und der Royal Society in London, Bibliothekar in Hannover und Wolfenbüttel und erhält aus seinen Ämtern insgesamt 8000 Gulden pro Jahr. Nachdem der hannoversche Kurfürst als Georg I. den englischen Thron besteigt, arbeitet Leibniz wieder an der Geschichte des Welfenhauses. „Ich bemühe mich", so schreibt er im September 1715, „es ( das Geschichtswerk ) zu vollenden, solange meine Kräfte reichen, damit die Arbeit nicht verloren ist ... Auf dieses Werk verwende ich nun all meine Zeit, die mir die alltäglichen Pflichten und Sorgen um meine Gesundheit übriglassen und ich bin gezwungen, alle mathematischen, philosophischen und juristischen Überlegungen, zu denen ich mich hingezogen fühle, zurückzustellen." Trotz dieser Anspannung fand Leibniz noch Zeit für einen seiner bedeutendsten philosophischen Briefwechsel, die Auseinandersetzung mit Samuel Clarke über Newtons Weltbild und Gottesvorstellung. Seit 1711 eskalierte mit dem öffentlichen Plagiatsvorwurf von John Kreill gegen Leibniz der Prioritätsstreit mit Newton um die Entdeckung des Infinitesimalkalküls. Die Auseinandersetzung reichte über Leibniz` Tod hinaus. Am 14.November 1716, Samstag abends gegen zehn Uhr, stirbt Leibniz in Hannover im Haus Schmiedestraße 10, das er seit 1698 bewohnt hatte. Der Leichnam wird in die Neustädter Kirche überführt und dort am 14.Dezember bestattet. Aus den Reihen der Hofgesellschaft und der Beamtenschaft nahm niemand an diesem Abendbegräbnis teil.

Zeittafel