Das Otto-HahnGymnasium ist nicht das einzige Gymnasium mit diesem Namen in unserem Lande, und fast jeder weiß mit dem Namen Otto Hahn etwas anzufangen, auch diejenigen, die nicht Schüler eines OHGs waren. Irgend etwas mit Kernspaltung, Radioaktivität und der Atombombe hatte er wohl zu tun. Und den Nobelpreis hat er auch bekommen.
Lise Meitner, 21 Jahre alt.
Fragt man dagegen, wer Lise Meitner war, dann erntet man wohl in den meisten Fällen nur ein Schulterzucken. Dabei war und ist es unbestritten, daß sie einen großen Anteil an der Entdeckung der Uranspaltung hatte, für die Otto Hahn im Jahre 1945 den Nobelpreis erhielt. Der Grundstein für die enge Zusammenarbeit zwischen Lise Meitner und Otto Hahn wurde in den Jahren 1907 - 1912 im Institut von Emil Fischer in Berlin gelegt. In der Fachwelt machte sich die Arbeitsgruppe Meitner - Hahn einen Namen mit Veröffentlichungen über die Radioaktivität, wobei der Chemiker Hahn die Rolle des intuitiven, ausgezeichneten Experimentators übernahm, während die Physikerin Lise Meitner sehr kritisch und systematisch nach dem Warum fragte. Es war die ideale Arbeitsgemeinschaft eines genialen Chemikers und einer hervorragend ausgebildeten, tiefschürfenden Physikerin.
Warum ist Lise Meitner trotz ihrer hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen heute so wenig bekannt? Ein Grund ist, daß sie es als Frau wesentlich schwerer hatte, in der wissenschaftlichen Welt bekannt zu werden. Als sie 1907 als Doktorin der Physik von Wien nach Berlin kam, war hier den Frauen der Zutritt zu den Hochschulen noch verwehrt. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung durfte sie an Vorlesungen teilnehmen. Der Zutritt zu den Laboratorien blieb ihr zunächst verwehrt, bis der Institutsleiter Emil Fischer mit den Worten einlenkte: "Wenn sie im Keller bleibt und niemals das Institut betritt, soll es mir recht sein". Und so begann Lise Meitner ihre Arbeit in Berlin in einer ehemaligen Holzwerkstatt im Keller des Instituts mit separatem Eingang und ohne Toilette. Um Vorlesungen zu hören, "schlich sich die lernbegierige Österreicherin in den hölzernen Hohlraum unter den ansteigenden Sitzbänken eines Hörsaals. Versteckt lauschte sie den Vorlesungen".
Lise Meitner, um 1930.
Erst als sie 1912 erste weibliche Universitätsassistentin bei Max Planck wurde, erhielt sie ein kleines Gehalt, ansonsten arbeitete sie als unbezahlter Gast. Obwohl sie bereits viele wissenschaftlich anerkannte Arbeiten zum Thema Radioaktivität publiziert hatte, wurde sie erst 1922 zum Professor mit Lehrbefugnis ernannt. Vorher war dies in Preußen für Frauen nicht möglich. Aus ihrer Antrittsvoriesung über "Die Bedeutung der Radioaktivität für kosmische Prozesse" machte ein Journalist kurzerhand kosmetische Prozesse, da er es wohl nicht für möglich hielt, daß eine Frau über den Kosmos referierte.
So ist es also nicht verwunderlich, daß Lise Meitner fälschlicherweise immer als die Mitarbeiterin Otto Hahns angesehen wurde und nicht als die selbständige Wissenschaftlerin, die die Erforschung der Kernspaltung jahrelang vorwärtsgetrieben hatte. Sie selbst wehrte sich gegen diese Einordnung, als sie Otto Hahn schrieb: " Was würdest Du sagen, wenn Du auch charakterisiert würdest als der langjährige Mitarbeiter von mir?
Ein betagtes Forscherteam: Lise Meitner und Otto Hahn, 1959.
Ein weiterer Grund dafür, daß wir heute so wenig über Lise Meitner hören, ist wohl sicherlich auch ihre jüdische Abstammung. Nur unter großen Schwierigkeiten konnte sie ab 1933 ihre Forschungen in Berlin aufrechterhalten. Sie verliert ihre Lehrbefugnis und muß 1938 nach Stockholm emigrieren. So ist sie nicht persönlich anwesend, als Otto Hahn im Jahre 1939 die Kernspaltung im Experiment entdeckt. Da sie jedoch im engen Briefkontakt mit Otto Hahn stand, hatte sie erwiesenermaßen an der Deutung der Experimente von Hahn entscheidenden Anteil und veröffentlichte bereits am 11. Februar 1939 gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch eine Arbeit über die Atomspaltung.
Renate Feyl, eine Schriftstellerin aus Berlin, hat das Leben Lise Meitners in folgendem Satz zusammengefaßt: "Ihre Arbeit ist gekrönt worden mit dem Nobelpreis für Otto Hahn." Die Biographie Lise Meitners zeigt, daß besonders Naturwissenschaftlerinnen in der Institution Wissenschaft nicht selten eine "Verschwörung der Entmutigung" erleben müssen. Sie spiegelt sich in den Lebensgeschichten vieler Wissenschaftsfrauen wider, die den Nobelpreis nicht bekamen, obwohl ihre Leistungen sie dazu berechtigt hätten. Vielleicht sind es gerade die fehlenden Vorbilder, die auch heute noch viele Mädchen und Frauen von einem wissenschaftlichen Studium insbesondere in den "harten Naturwissenschaften" abhalten. Vielleicht könnte die Erinnerung an Frauen wie Lise Meitner, die es damals trotz aller Hürden geschafft haben, in den Naturwissenschaften etwas zu leisten, das Selbstvertrauen der Mädchen und Frauen stärken, daß auch sie dies heute schaffen können.