Artikel von Andrea Stunk erschienen am 5. Februar
2002 in der "Süddeutschen Zeitung"
Das tragbare Dorf
Eine Stadt wächst über sich
hinaus: Burkina Fasos Kapitale Ouagadougou macht sich
auf, die Moderne zu finden und möglichst viele Touristen.
Ouagadougou hat keinen Anfang und kein Ende. Die Hauptstadt des
westafrikanischen Staates Burkina Faso entwächst der Ebene
und verliert sich wieder in ihr. Keuchend kriecht sie aus
dem Staub, den der Wüstenwind Harmattan solange über
den Himmel trägt, bis alles Licht einem fahlen Gelb
gewichen ist. Unter einem solchen Himmel erhebt sich Ouagadougou
von Süden aus der Dornbuschsavanne, vom Norden aus
der Sahelzone heraus. Erst dünn und zögerlich,
dann immer dichter, Hütten werden zu Häusern,
Stroh zu Wellblech, Niederes zu Hohem. Schließlich
verliert das Einzelne sich im geballten Ganzen, die Geräusche
fließen zu einer schrillen Kakophonie urbanen Wahnsinns
zusammen.
In dieser Stadt braucht man keinen Führer. Zum
Grande Marché findet jeder auch allein, und wenn
nicht, laufen genügend Kinder herum, die weiße
Touristen gern begleiten. Eben diese Kinder von den Touristen
fern zu halten, sie mit Handbewegungen, manchmal lauten Worten
oder sogar leichten Schlägen zu verscheuchen, das
ist die einzige Aufgabe eines Fremdenführers. Sibidou
verscheucht gleichermaßen Bettler, Krüppel,
Souvenirhändler. Zu seinen Diensten als Guide gehört
es auch, die Wagenpolster von Sand zu befreien, die Wagentür
für die Touristen aufzuhalten. Sagt einer dieser
Weißen "Nein danke, lieber Sibidou, ich möchte
lieber laufen und mich nicht wie ein spätkolonialistischer
Großkotz durch die Gegend fahren lassen", dann ist das
zwar politisch korrekt. Für Sibidou aber ist das
ein Tag ohne Verdienst. So viele Touristen, daß
er wählen könnte, kommen nicht.
"Dougou" ist Moré, die Sprache der Mossi, der
größten Ethnie in Burkina Faso. Es bedeutet
"Das Land von ...". Das Land der Ouaga war im 15.Jahrhundert
ein mächtiges Mossi-Königtum, umgeben von 19
weiteren, meist autonomen Mossi-Reichen, die ihre Macht
langsam aber stetig in alle Himmelsrichtungen ausbreiteten und
schließlich die frühen Siedler vom Stamme der Lobi
und der Bobo in ihr Gebiet assimilierten.
Ein Expansions-Vorgang, der, so scheint es, weiter
anhält. In nicht einmal zehn Jahren hat sich die
Bevölkerung von Ouagadougou fast verdoppelt, über
eine Million Menschen leben dort heute. Und noch immer
kommen neue dazu, werden jeden Tag viele Kinder geboren.
Arme Bauern strömen in die Hauptstadt, hoffen, schon
morgen reich zu sein, bauen sich eine Hütte, die eigentlich
nur einen Sommer halten soll, den meisten aber Heim für
ein ganzes Leben wird. Wie Lebensringe eines Baumes legen
sich diese Behausungen um den Stadtkern, ducken sich im
Schatten stinkender Fabrikgebäude, in denen Zuckerrohr
und Baumwolle verarbeitet werden, stehen auf Müllkippen.
Längst haben diese Viertel sich den Busch einverleibt,
sind weiter und weiter in die Peripherie hinausgewachsen,
haben die ersten Dörfer verschluckt, die letzten
Elefanten verjagt.
Es ist dieser Mangel an planerischen Vorgaben, der Ouaga,
wie die Hauptstadt kurz genannt wird, in den Augen der
Europäer wie einen missglückten Stadtversuch
aussehen lässt, ein Chaos aus Zement und Wellblech,
Neonschildern und Satellitenschüsseln. Ja, solle
Afrika denn Busch, Lehmhütten und Strohdächer
bleiben, der weißen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit zuliebe,
fragt Sibidou ärgerlich. Nicht das Wellblech sei
das Problem von Ouaga, das Stroh sei es. "Jeder, der hierher
kommt, bringt sein Dorf mit." Das Private ist immer auch
das Öffentliche. Kalebassen, Brotschieber, Töpfe,
der ganze Hausrat einer Familie, stehen für jedermann
zur Besichtigung frei. Bratende Hühner, saugende
Babys, schimpfende Frauen, murmelnde Bettler. Fromme,
Sittenlose. Friseure schneiden Haare, Mütter waschen
Kinder. Am Abend zieht der Rauch von Feuer durch die Straßen,
Trommeln, Ballaphons werden gespielt, aus einem Ton wird
Musik, aus einer Bewegung ein Tanz.
Ouaga ist seit 1919 Hauptstadt des Landes. Damals war
Burkina noch die französische Kolonie Haute Volta,
Obervolta zu deutsch. An dem Land waren die Franzosen wenig
interessiert, nur an dem Potenzial an Arbeitskräften,
das sie für ihre großen Plantagen an der Elfenbeinküste
und später für den Bau der Eisenbahnstrecke von
Ouaga in die Hafenstadt Abidjan brauchten. Zu Burkina Faso,
dem "Land der unbeugsamen Männer", wurde es unter
seinem Präsidenten Thomas Sankara. Der bei seinem
Amtsantritt erst 34 jährige wollte in den achtziger
Jahren einen "Marxismus ohne Marx und Engels errichten" und
forderte unter anderem die Gleichberechtigung der Frauen. 1987
wurde Sankara ermordet. Der Auftraggeber des Mordes war
sein Freund, der jetzige Präsident Blaise Compaoré.
Daß Sankara für das Volk postum zum Helden wurde,
zum afrikanischen Che Guevara, konnte Compaoré nicht
verhindern, mit dem Sozialismus aber war Schluss.
Trotz des blutigen Anfangs gab es unter Compaoré
Schritte in Richtung Demokratie. Mittlerweile aber wankt
Compaorés Macht, weil seinem Bruder und damit mittelbar
auch ihm der Mord an dem Verleger und Journalisten Norbert
Zongo angelastet wird. Zongo wurde im Dezember 1998 gemeinsam
mit seinem Bruder, einem Freund und seinem Chauffeur erschossen,
danach wurde der Wagen mit Benzin übergossen und angezündet.
Vielleicht war es die Grausamkeit dieses Mordes, die das
Fass zum Überlaufen brachte. Erstmals waren Proteste
so heftig, daß die Regierung gezwungen war zu handeln.
Inzwischen sitzen die vermutlichen Killer hinter Gittern,
nicht aber ihre Auftraggeber.
Wohlhabende Schwarze und die Weißen können
in Ouaga ganz beschaulich leben. Angestachelt durch "mondäne"
afrikanische Städte wie Dakar im Senegal, versucht
auch Ouaga ein Stück vom hippen Lebensgefühl
zu erwischen. Zwischen Garküchen und Zementbaracken gibt es
moderne Supermärkte, Kaffeehäuser, Juweliere, Geschäfte,
die mit europäischem Chic werben. Auch der Grand Marché,
einst eine typisch afrikanische Ansammlung von zusammengehauenen
Ständen, musste Modernisierungen über sich ergehen
lassen. Frauen tragen Miniröcke, Männer haben
den traditionellen Bobo gegen einen Nadelstreifenanzug
getauscht. Telefonzentren werben um "business-people"
und bieten auch Fax- und Kopierservice, Internetanschluss
und cyber-chats. In vielen Fällen allerdings ist
dieses Angebot lediglich Ausdruck des afrikanischen Optimismus.
Als Konsequenz des neuen Kapitalismus wächst die
Anzahl derer, die auf der Straße vegetieren. Vor
allen Kinder sind betroffen. Wer nichts zu verkaufen hat,
bietet an, was sich in seinen Hosentaschen findet. Schmutzige
Kola-Nüsse, kleine Flöten. Will man nichts kaufen,
verlegen sie sich aufs Bitten, bei Allah und seiner Gnade,
um des leeren Bauchs, der kranken Schwester, der sterbenden
Großmutter willen. Nur dieses eine Mal, nur dieses
eine Stück. Nicht selten kaufen die Kinder von dem
erbettelten Geld Drogen. Unter den Männern greift der
Alkoholismus um sich, und vom dolo, dem Hirsebier, hat mancher
seinen Verstand verloren, hat sich mit Federn oder Streifen
von Plastiktüten bekleidet, schläft unter Planen
oder einfach nur im Dreck. Wer nicht betteln mag, verkauft
billige Souvenirs.
Bei allem Elend ist Ouagadougou aber auch eine Metropole,
in der sich kulturelle, ethnische und religiöse Gegensätze
zu einem dynamischen Ganzen verdichten. In den engen Vierteln
leben die verschiedenen Ethnien ohne Konflikte nebeneinander:
Daghara neben Mossi, Peulh neben Bobo, selbst Haussa aus
dem Norden werden akzeptiert. Eine gemeinsame Sprache lässt
sich immer finden. Ouagas kultureller Höhepunkt ist
das 1969 gegründete "Festival Panafrican du Cinéma
de Ouagadougou", kurz Fespaco. Afrikanische Regisseure
wie Gaston Kabore und Idrissa Ouédrago haben die
Fespaco berühmt gemacht. Zwar können es sich wenige
Burkinabé leisten, den Festivalpreis von rund fünf Mark
zu bezahlen, fast 500.000 Zuschauer aus Afrika, Europa,
Japan, Russland und den Staaten sind trotzdem ein Zeichen
für den Erfolg des Ereignisses.
Daß hinter der Möchtegern-Moderne uralte
Traditionen lebendig sind, zeigt ein Schauspiel, dem man
jeden Freitagmorgen am Palast des Mogho Naaba, des Kaisers
der Mossi, beiwohnen kann. Die Mossi-Monarchie nämlich
hat Kolonialherren und Sozialismus überstanden. Sie
ist heute zwar ohne politische Rechte, nicht aber ohne
Einfluss. Noch immer bewohnt der amtierende Mogho Naaba
seinen Palast in Ouaga und gewährt sogar Audienzen.
Anmarsch der Fürsten
Der Inhalt des surreal anmutenden Schauspiels ist folgender:
Der Kaiser will in den Krieg ziehen. Sein Streitross steht
gesattelt bereit, seine Stammesfürsten sind versammelt.
Doch statt mit ihm Strategien zu bereden, bitten die Fürsten
den Kaiser, Frieden zu schließen. Der weise Kaiser
nimmt den Rat an, schickt sein Ross zurück in den
Stall, Sänger und Musikanten feiern das glückliche
Ende. Spannender als das Schauspiel selbst ist das Drumherum.
Auftakt der Veranstaltung ist der Anmarsch der Fürsten.
Die Reichsten unter ihnen werden mit dem Auto direkt
auf ihr Rasenstück vor dem Palast gefahren, zur Schonung von
Gewand und Knie rollt der Chauffeur einen kleinen Teppich aus.
Die zweite Riege kommt auf qualmenden Mobilets angefahren.
Man plaudert, als sei das ein Teestündchen, nicht
einmal der Auftritt des Kaisers bringt die Häuptlinge
zum Schweigen. Lustlos latschen sie in Richtung Palast,
werfen sich vor dem Kaiser in den Staub und kehren gewandklopfend
auf ihre Plätze zurück. Kanonenschüsse
künden von der Friedensentscheidung, in der Ferne
watschelt der Mogho Naaba zurück in seinen Palast.
Wenigstens die Geier sind erschrocken und fliegen davon.
Die Teppiche werden eingerollt, die Handys reaktiviert.
Die Oberbosse steigen in ihre Autos, die Unterbosse ziehen
ihr Stammesgewand aus und schwingen sich in Hemd und
Hose auf den Sattel ihrer Mofas. Die Geier kehren zurück.
"Eine Farce", sagt Sibidou und rennt davon, um schon
mal den Staub von den Autositzen zu klopfen und die Wagentür
aufzuhalten.
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