Bericht über eine Unterrichtserprobung zum Thema:" Simulation Dynamischer Vorgänge" an der Integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried

Ein Bericht von Manfred Berberich (StD)

Im zweiten Schulhalbjahr 1993/94 konnte ich in zwei Klassen parallel das Unterrichtsthema "Simulation dynamischer Systeme" durchführen.
 
 

Hardwareausstattung der Integrierten Gesamtschule

In der Schule sind drei Computerräume mit folgender Ausstattung vorhanden:

- 10 Stück 486er-Rechner, mit Windows 95, Anschaffungsjahr 1996
- 10 Stück 286er-Rechner, Farbmonitore, DOS 5.0 Anschaffungsjahr 1990
- 16 Stück 486er-Rechner mit 4MB-RAM, NOVELL-Netz mit 486er-Server, Windows 3.1 , Anschaffungsjahr 1993

 Im Netz ist ausschließlich Software installiert, die unter WINDOWS läuft. Die 10er-Version von MODUS befindet sich auf den 286er-Rechnern.
 
 

Klassen und Unterrichtsfach

Der Unterricht fand in einer 9. (nur außnahmsweise) und in einer 10. Klasse im mathematischen-naturwissenschaftlichen Zug der Schule statt. Ich unterrichtete die Klasse im Fach Arbeitslehre-Wirtschaft, 2-stündig pro Woche. Für die Unterrichtserprobung habe ich 26 Wochenstunden, wie auch im Lehrplan vorgesehen, angesetzt. Durch unvorhersehbare Ereignisse sind jedoch 8 Stunden ausgefallen.
 
 

Erfahrungsbereich der Schüler

Eine mündliche Umfrage am Anfang des Unterrichts ergab, daß ungefähr die Hälfte der Schüler Zugriff auf einen Computer haben. Dies ist entweder der eigene Computer, der Computer der Eltern oder der eines Freundes. (Ich glaube diese Situation ist nicht repräsentativ. Die Verfügbarkeit über einen Computer ist üblicherweise nicht so hoch).Ungefähr 80% dieser Computer wurden in den letzten zwei Jahren gekauft. Das Betriebssystem WINDOWS ist überwiegend installiert und den Schülern bekannt.

Vorwissen der Schüler, Sollzustand

In den 8. Klassen wird die Unterrichtseinheit "Informationstechnische Grundbildung" vermittelt. Bis zur 10. Klasse ist an der IGMH die Einführung in das Betriebssystem WINDOWS geplant. Im Rahmen des Faches Arbeitslehre-Technik werden Konstruktionszeichnungen mit MEGA-CAD for WINDOWS erstellt. Im Fach Deutsch und Arbeitslehre-Wirtschaft wird mit WINWORKS gearbeitet.
 
 

Istzustand

In der Klasse 9 waren die meisten Kenntnisse aus der 8. Klasse noch vorhanden. Der Umgang mit WORKS und dort speziell mit den Modulen Textverarbeitung und Tabellenkalkulation stellten für die Schüler kein Problem dar. Dies ist auf die vertiefte Anwendung der Software in den Fächern Deutsch, Mathematik und Arbeitslehre zurückzuführen.
Die 9. Klasse hatte bis zu diesem Zeitpunkt im Unterricht noch keine Erfahrungen mit WINDOWS gemacht, sodaß es hier sinnvoll erschien, mit dem Simulationssystem MODUS zu arbeiten.
Für die Klasse 10 war die Anwendung der Programme mit WINDOWS-Oberfläche kein Problem. Es lag daher nahe, mit POWERSIM die geplante Unterrichtseinheit zu realisieren.

Unterrichtsverlauf

Nach der allgemeinen Einführung konzentrierten sich die Unterrichtsbeispiele mehr auf den Bereich Gemeinschaftskunde/Wirtschaft. Modelle selbst zu erstellen.

In beiden Klassen wurde mit den gleichen Beispielen gearbeitet. Die verwendeten Werkzeuge waren jedoch unterschiedlich. Zum Einstieg in das Thema wurden die verschiedenen Wachstumsformen in Klasse 9 mit WORKS 2.0 und in der Klasse 10 mit WINWORKS gearbeitet. Darauf folgten die einfachen Bevölkerungsmodelle. Bei zunehmender Komplexität wurde auf die Modellbildungswerkzeuge MODUS, bzw. POWERSIM umgestellt. Die Schüler erledigten die Aufgaben mit hoher Motivation und viel Phantasie, aber auch mit Kritik und Diskussion über die Berechtigung, mit geschätzen Zahlen die Zukunft zu prognostizieren.
Im weiteren Verlauf wurden Bevölkerungsmodelle mit realistischen Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des Amtes für Statistik und Wahlen der Stadt Mannheim erstellt und diskutiert. Einige Schüler hatten sich bereiterklärt, das Material selbst zu beschaffen. Danach wurden die grundlegenden Wachstumsstrukturen der Bevölkerungsmodelle auf das Wachstumsverhalten des Produktionsfaktors Kapital in Industrieländern übertragen.
 
 

Anwendung komplexer Modelle

Im weiteren Verlauf wurden folgende Modelle bearbeitet:

 - "Generation" Wie zuverlässig sind Prognosen? Sind unsere Renten gesichert?
- "Tourismus und Umwelt" Eine Insel wird erobert.
- "Fischfangquoten" Die Europäische Union berät über Fischfangquoten.
- "Umweltdynamik" Dem Raumschiff Erde droht der Untergang

 (Aufgaben und Lösungsvorschläge finden Sie im Arbeitsbuch von Dieter Koller: (Hrsg.) Simulation dynamischer Vorgänge, Klett-Verlag, Stuttgart, 1995) .

 Das letzte Thema wurde besonders intensiv systemdynamisch im Unterricht bearbeitet, denn es hatte einen besonders aktuellen Bezug: Vom 5. bis 13. September 1995 fand in Kairo die "Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung" statt. Abgesandte aus 184 Nationen trafen sich, um über die katastrophale Bevölkerungsexplosion zu beraten.. Grundlage war das Modell "Umwelt" von H. Bossel ("Modellbildung und Simulation", vieweg -Verlag, 1992).
Im weiteren Verlauf ergaben sich interessante Diskussionen über die Schuldfrage des ökologischen Crash-Kurses auf der Erde. Ungebremstes Konsumdenken in den Industrieländern, oder ungezügeltes Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländen, oder auch beides?

 Für den Gemeinschaftskundeunterricht, so meine Erkenntnis, ergeben sich durch dieses fächerverbindende Thema enorme Möglichkeiten, Lernziele zu verwirklichen, die bislang nur schwer oder überhaupt nicht erreicht werden konnten.
 
 

Besonderes im Unterrichtsverlauf der Klasse 9

Die Schüler der 9. Klasse hatten kaum Probleme, den exponentiellen, begrenzen und logistischen Verlauf eines Wachstumsprozesses zu verstehen. Auch die Einführung in das Programm MODUS am Beispiel des einfachen Bevölkerungsmodells, bereitete keine Schwierigkeiten. Die Schüler konnten verblüffend schnell mit dem Werkzeug umgehen. Ganz im Gegensatz zu meinen eigenen Erfahrungen, die ich Anfangs mit diesem Programm gemacht hatte. Mir bereitete das atypische Verhalten der Maus und die eigenwillige Fenstertechnik, das Bearbeiten des Tabelleneditors, das Ausdrucken der Flüssediagramme und Formeln für Arbeitsblätter, erhebliche Schwierigkeiten, nachdem sich bei mir durch den häufigen Umgang mit WINDOWS andere Bearbeitungsvorgänge eingeschliffen hatten.

Besonderes im Unterrichtsverlauf der Klasse 10

Geringe Kritik gab es am Anfang in der 10. Klasse nach der Ankündigung, daß ein neues Programm eingeführt werden sollte. Die Klasse schien mit neuen Programmen überlastet. Der Hinweis auf ein WINDOWS-Programm beruhigte die Schüler, da dies auf eine kurze Einarbeitungszeit hoffen ließ.
Die Einarbeitung in das System und das gleichzeitige Erstellen des einfachen Bevölkerungsmodells nahm dann auch nur eine Unterrichtsstunde in Anspruch. Mir gab der Einwand der Schüler zu denken. Es ist sicherlich richtig aufpassen, daß die Schüler nicht mit Spezialprogrammen überfrachtet werden. Ziel muß es sein, mit möglichst einer Systemoberfläche in allen Anwendungen auszukommen. Im weiteren Verlauf des Unterrichts zeigte sich dann, daß mit POWERSIM lieber gearbeitet wurde, als mit der Tabellenkalkulation.
Ich könnte mir vorstellen, daß aus den genannten Gründen in der 10. Klasse das Programm MODUS nicht auf die gewünschte Akzeptanz gestoßen wäre.
 
 

Was nicht mehr möglich war

Ursprünglich hatte ich geplant, in den letzten Stunden die beiden Klassen zusammenzuführen. Sie sollten sich gegenseitig, in Partnerarbeit, die erstellten Modelle mit ihrem Werkzeug präsentieren. Ich wollte in dieser Phase weitgehend stiller Beobachter sein und die Arbeitsweise und Kommentare der Schüler registrieren. Leider kam es nicht mehr dazu. Ich hatte übersehen, daß in den letzten 14 Tagen vor den Sommerferien ein gemeinsamer Termin für beide Klassen sehr schwierig zu finden ist.

Ausblick

In die Konstruktion von Modellen kann mit den Aufgaben zur Kapitalverzinsung und mit den einfachen Bevölkerungsmodellen gut eingeführt werden. Der Einstieg über die Tabellenkalkulation und der Übergang auf ein Modellbildungssystem bei zunehmender Komplexität der Modelle, ist bestimmt der beste und sicherste Weg.
Wenn der Umgang mit der Tabellkalkulation nicht neu ist, erscheint mir der Einsatz eines Taschenrechners überflüssig. Es war jedoch nicht einfach, den Schülern zu Beginn der Unterrichtseinheit zu vermitteln, was vernetztes Denken, das Denken in Zusammenhängen eigentlich bedeutet. Es fehlt diesen ersten Modellen die Komplexität, das Netz im eigentlichen Sinne. Vielleicht sollte man bei dieser Vorgehensweise den Begriff "vernetztes Denken" erst dann besprechen, wenn die Modelle komplexer werden und ein Netz zu erkennen ist. Meines Erachtens lernten die Schüler vernetztes Denken sehr gut durch die Anwendung komplexer Modelle. Auch die Motivation der Schüler steigerte sich mit zunehmender Komplexität von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde.
Ich halte es für sehr wichtig, daß für das Fach Gemeinschaftskunde komplexe Modelle entwickelt und im Unterricht bearbeitet und diskutiert werden.

 In einer Fortbildungsveranstaltung des Oberschulamts Karlsruhe mit dem Thema "Computereinsatz im Gemeinschaftskunde- und Geschichtsunterricht" wird auch das Thema "Simulation dynamischer Vorgänge" bearbeitet.

Zur Philosophie "System-Dynamics"

Die Methode der Diagrammform geht auf Forrester (1961, Massachusetts Institute of Technology - MIT) zurück. Wichtigstes Kennzeichen dieser Methode ist die explizite Darstellung der "Flüsse" der einzelnen Zustandsgrößen. Man unterscheidet:
 
 



 





Bestandsgrößen (Bevölkerung, Kapital) zeigen zu jedem Zeitpunkt einen bestimmten Wert, der durch Flußgrößen (Änderungsraten) zunimmt oder abnimmt.
Flüßgrößen kann man sich wie Ventile vorstellen, die bestimmen, um wieviel sich die Bestandsgröße pro Zeiteinheit ändert. Diese Notation wurde zunächst von STELLA auf dem Macintosh realisiert und in neuerer Zeit von anderen Softwareherstellern übernommen. Die Darstellung bei MODUS ist etwas anders. Zustandsgröße ist das Symbol der Tonne. Das ist einleuchtend. Eine explizite Unterscheidung in Flüsse und Wirkungen wird nicht vorgenommen. Von einem Flüssediagramm per Definition kann man nicht sprechen.
Soll ein Bestand abnehmen muß in der Formel das Subtraktionszeichen gesetzt werden, da sonst z.B. die Sterberate zur Bevölkerung addiert wird. Der Übergang vom Wirkungsdiagramm in das Modellbildungssystem scheint dadurch etwas leichter. Einen grundlegenden didaktischen Vorteil habe ich in dieser Darstellungsform jedoch nicht erkannt.
Bei Systemen mit traditionellen Flüssediagrammen (STELLA, POWERSIM, VENSIM) wird ein Abfluß immer von der Zustandsgröße subtrahiert und somit eine Fehlerquelle verhindert. Übernimmt man Flüssediagramme aus der Literatur (Bossel, Ossimitz oder Meadows) in MODUS, bereitet das dem ungeübten Anwender Schwierigkeiten.
Ich möchte mich daher Günther Ossimitz anschließen in dem er auf S. 29 seines Buches "Materialien zur Systemdynamik" vorschlägt, sich an die "für den schulischen Einsatz auf ein von Forrester zurückgehenden Typus von Flußdiagrammen zu konzentrieren."

 (Vgl: Günther Ossimitz "Materialen zur Systemdynamik"; Schriftenreihe Didaktik der Mathematik, Universität für Bildungswissenschaften in Klagenfurt, Band 19)
 
 

Empfehlungen

Wir können davon ausgehen, daß WINDOWS ein Standard ist, der noch lange Zeit unser Leben begleiten wird. Wenn eine Wahlmöglichkeit besteht, setzt das Kollegium der Integrierten Gesamtschule Mannheim nur noch Progamme ein, die unter dem Betriebssystem WINDOWS laufen. Andere Programme finden nur noch in Ausnahmefällen Anwendung. Die Kollegen möchten nicht immer wieder neue Benutzeroberflächen lernen. Neben fächerübergreifenden Aspekten der Informatik sind auch softwareübergreifende Aspekte zu beachten.

Die Schule ist keine von der Umwelt abgeschnitte Institution, sondern vielmehr eingebunden in viele gesellschaftliche Prozesse, Strömungen und Entwicklungen. Die Schule ist Teil eines gesellschaftlichen Netzwerks. Außerhalb der Schule vollzieht sich auf dem Gebiet der neuen Technologien ein sehr schneller Wandel. Standards auf dem Gebiet der Computertechnologie kann die Schule nicht setzen. Sie werden ihr von außen vorgegeben. Die Schule sollte sich diesen Standards nicht entziehen, sondern die Schüler auf die Praxis vorbereiten. Ich möchte im kommenden Schuljahr versuchen, mit einem komplexen Modell (z.B. mit dem Umweltmodell von Bossel) zu beginnen. Die Schüler haben im vorgegeben Modell ausschließlich die Aufgabe, die Parameterwerte zu ändern und ihre Auswirkungen zu beobachten und zu diskutieren.
Die kommende Version von POWERSIM ermöglicht das partielle Sperren der Eingabe. Die Schüler hätten durch diese Vorgehensweise gleich eine Vorstellung von vernetztem Denken und wie komplex die Zusammenhänge in der Realität sind.
Ich bin davon überzeugt, daß es für alle beteiligten Personen in der Schule sinnvoll ist, mit Werkzeugen zu arbeiten, die grundlegenden Charakter und langen Bestand haben. Ich kenne die Klagen von vielen Kollegen, die sich in zeitraubenden Selbststudien neue, angeblich wichtige Programmiersprachen und Anwenderprogramme beigebracht haben, um sie im Unterricht einzusetzten. Zum Teil waren diese Mühen umsonst, da die Software von der Entwicklung überholt wurde und eine Weiterentwicklung auf neue Systemplattformen nicht mehr stattfand.
 
 

Am Beispiel des Bevölkerungsmodells wird eine Einführung in die Handhabung des Modellbildungssystems POWERSIM veröffentlicht.

 Hier können Sie weitere Berichte von Unterrichtserprobungen finden


Studiendirektor Manfred Berberich, 08.01.1997; e-mail : Berberich@lehrer1.rz.uni-karlsruhe.de
überarbeitet: 11.01.1999