Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe. Diese Seiten wurden am 19. Mai 2001 veröffentlicht.

Auszug aus dem Sport-Info 1/2001

Sportartübergreifende Spielvermittlung unter integrativen Aspekten


1.  Bezug: Bildungsplan 1994 

„Die sportartspezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Sportspielen bauen auf der 
Schulung der allgemeinen Grundlagen im konditionellen, koordinativen und sozialen/psychosozialen Bereich auf." „Die Schüler werden über ausgewählte Spielformen an Basketball als Mannschaftsspiel herangeführt. Sie erwerben unter vereinfachten technischen und taktischen Anforderungen Spielfähigkeit und lernen, die wesentlichen Basketballregeln einzuhalten. Die erforderlichen Techniken sollen soweit ausgebildet werden, dass das Spiel gelingt." „In der Klasse 5 werden die Grundlagen zu einer allgemeinen Spielfähigkeit für alle 
Mannschaftssportarten angestrebt. In der Klasse 6 werden die Grundlagen für eine allgemeine Spielfähigkeit vertieft." Zur Einführung der Spiele wird auf die „integrative Spielvermittlung" verwiesen."

Aus diesen Forderungen des fortgeschriebenen Lehrplans ergibt sich für die Lehrkraft die Verpflichtung, der Spielfähigkeit eine hohe Wertung zukommen zu lassen. Sie definiert sich als komplexe Fähigkeit, Spielhandlungen situationsadäquat anzuwenden und damit die Spielanforderungen zweckmäßig zu erfüllen. Hierbei kann Spielfähigkeit nicht nur als die Summe von Technik, Taktik und Kondition gesehen werden. Sie besitzt weitere dominante Faktoren wie koordinative, konstitutionelle und motivationale Fähigkeiten. Durch technische und taktische Elemente kann zwar die Spielfähigkeit verbessert werden, „Spielen lernt das Kind aber nur durch das Spiel", d.h. es muss Spielsituationen erfahren, die es auch bewältigen kann. Nur dann kann der hohe Motivationscharakter der Sportspiele erhalten und sinnvoll eingesetzt werden. Im Spiel ist das Kind immer Wahrnehmungs-, Informationsverarbeitungs- und Entscheidungsoptimierungsprozessen ausgesetzt. Deshalb sollte die Spielvermittlung immer mit diesen Prozessen gekoppelt sein. Diese Forderung gilt für alle Sportspiele, so dass sich die integrative Spielvermittlung im Schulsport nicht nur anbietet, sondern zur Notwendigkeit erhoben wird. Einziges Unterscheidungsmerkmal ist der Ball. Seine Behandlung (Technik) muss gegenüber den Forderungen, die das Schulspiel an Lehrer und Schüler stellt, zurückstehen. Das Konzept zielt auf Herausbildung von Handlungskompetenz, wie sie dem „Spielertyp" eigen ist, der unabhängig von sportartspezifischen Techniken über Fähigkeiten verfügt, die ihm in allen Sportspielen schnell die kompetente Teilnahme ermöglicht. Hierbei gilt es, sich von den raumbezogenen Normen wie Linien, Feldern und Toren, zu verabschieden.

Die Ausrichtung am wettkampf- und leistungsorientierten Sportspielbetrieb der Sportfachverbände ist wenig sinnvoll, da der Schulsport im motivationalen Bereich der Schüler und im räumlich-materiellen Feld Unterschiede aufweist. Zeitliche Einschränkung und konstitutionell heterogene Gruppen zwingen zur Abkehr von institutionellen Regeln und zum Erfinden neuer, dem Schulspiel angemessenen Gestaltungsmöglichkeiten. Es sollten schon früh gruppendynamische Prozesse in den Vordergrund unserer Denkweise gestellt werden wie Selbstorganisation von Spielen, Spiele initiieren und aufrechterhalten, gemeinsame Bewältigung von Frustration und Misserfolg oder Integration von leistungsschwachen Schülern in den Spielprozess. Über allem steht aber die Forderung: Bei der Spielvermittlung muss die gestellte Aufgabe von allen Kindern erfüllt werden können. Gelingt dies nicht, muss das Spiel neu organisiert und neu begonnen werden. Eine Korrektur ist nicht möglich! Dazu muss die Lehrkraft von der Veränderbarkeit der inhaltlichen Gestaltungsmöglichkeiten wie Spielfeld, Spielerzahl, Spielball und vor allem Spielregel, Gebrauch machen.

2.  Integrative Spielvermittlung

Die bildungstheoretische Auseinandersetzung des Sportlehrers mit dem Bildungsauftrag sieht die Spielvermittlung nicht nur als technisch-qualifikatorische Ausbildung. Sie definiert sich vielmehr als Angebot des Lehrers zur Verbesserung der Handlungsfähigkeit der Schüler. Dabei dürfen sozial-affektive Ziele nicht vergessen werden. Bei der Herausbildung von Handlungskompetenz darf die Qualifikation des Einzelnen keine Rolle spielen. Der doppelte Bildungsauftrag für die körperlich-sportliche Grundausbildung an Schulen sieht das Schulspiel auf der Seite der „sportlichen Allgemeinbildung" und als Ergänzung zur „körperlichen Allgemeinbildung", welche u.a. auch die Individualsportarten leisten sollen. Viel schwieriger als die technische Ausbildung gestaltet sich bei den Schulsportspielen die Vermittlung von Bewegungshandlungen (Spielhandlungen), da Handlungskompetenz vom Schüler erfahren werden muss und vom Lehrer nur wenig gesteuert werden kann. Über Spielvermittlung, Spielerziehung und Spieltraining erhalten die Begriffe Lernen, Üben und Trainieren und ihre Differenzierung eine neue Wertigkeit. Das Modell der integrativen Sportspielvermittlung im Sportunterricht orientiert sich an der Forderung, dass alle gestellten Aufgaben auch von weniger begabten Kindern erfüllt werden können. Darüber muss die Behandlung des Balls (Technik) zurückstehen. 

Durch Binnendifferenzierung steuert die Lehrkraft „ihr" Spielangebot so, dass der Motivationscharakter für alle Leistungsgruppen erhalten bleibt (soziale Integration). Dies geschieht durch Lernangebote, Übungs- und Trainingsangebote, durch welche die Verschmelzung der Einzelperson mit der Gruppe gesteuert wird. Es wird versucht, allen Leistungsgruppen in der Klasse gerecht zu werden. Im konkreten Fall der sportartübergreifenden (integrativen) Spielvermittlung beschränkt sich der Lehrer auf die Vermittlung von Basistechniken und sportspielübergreifenden, vortaktischen Fähigkeiten wie Freilaufen, Ball erobern, Partner helfen, Gegner stören. In der unterrichtlichen Tätigkeit wird nicht ein Sportspiel isoliert von den andern vermittelt, sondern immer Fähigkeiten und Fertigkeiten, die einer ganzen Gruppe von Sportspielen in der Schule gerecht werden. Schüler erwerben unter vereinfachten technischen und taktischen Anforderungen Spielfähigkeit. Hierbei ist das Anforderungsprofil immer durchgängig. Es orientiert sich an der allgemeinen Spielfähigkeit, welche sich im Gegensatz zur speziellen Spielfähigkeit (Regelkenntnis, Spielidee, motorisches Können mit Ball, taktisches Verhalten) auf das Vermögen Spielen zu lernen, Spiele zu initiieren, aufrecht zu erhalten oder wieder 
herzustellen, beschränkt.

Körpergerecht bewegen, Spiele(n) losgelöst von normierten Sportarten entdecken, Spielräume nutzen und Spielen unter verschiedenen Regelbedingungen sind Bereiche, die die Spielvermittlung in der schulischen Bildungsidee leisten muss, womit ein Teil (sportliche Allgemeinbildung) der Forderung der körperlich-sportlichen Grundlagenbildung im binären Zuschnitt des Schulsports erfüllt wäre.

3. Gestaltungsmöglichkeiten einer Spielstunde 

1. Aufwärmen

Psycho-physische Einstimmung durch abwechslungsreiche, leicht koordinierbare, dynamische Bewegungen (Ganzkörperbewegungen) -gymnastische Schwerpunkte können in der Spielstunde durch Ballgewöhnung ersetzt werden- Belastungssteigerung durch Koordinationsschulung, Reaktionsübungen und Intensivierung der Bewegungsabläufe. 
Bemerkung: Gymnastische Grundformen zum Dehnen und Kräftigen haben bei den Individualsportarten einen höheren Stellenwert als in der Spielstunde. Diese Tatsache sollte bei der Jahresplanung (Stoffverteilungsplan) berücksichtigt werden. Auf alle Fälle gilt: Immer Aufwärmen.

2. Technikvariationen mit Bällen (Prellen, Passen, Fangen, Stoppen, Werfen, Schießen):

Prellen/Dribbeln ( Bewegungsaufgaben ) - prellen/dribbeln (rechts/links) - mit einem Ball / mit zwei Bällen prellen/dribbeln - „Ballhai" - Königsprellen/dribbeln - Indiball mit einem Ball / mit zwei Bällen - Indiball an die Wand - Indiball ( 2:2; 3:3) - Zielschussspiele. 
Bemerkung: Mit steigendem Spielniveau (Spielfähigkeit) wachsen die Ansprüche an die technischen Fertigkeiten. Auf diese Tatsache muss bei höher entwickelten Gruppen durch ergänzende Übungsreihen zur Schulung technischer Fertigkeiten auf der „Nebenstraße"  reagiert werden. Die Auswahl der Spiel- oder Übungsformen unterliegt keiner festen Methodik, sondern orientiert sich an Alter, Leistungs- und Spielvermögen der Gruppe.

3. Spielschule / Spielreihen

Kombi(nations)ball in Variationen bis Burgball - Ballspiele über Bank, Band oder Netz - Parteiball in Variationen: Indi(rekt)ball - Ablegeball - Mattenball - Stangentorball - Zielspiel mit Regelvariationen.
Bemerkung: Alle Spielformen sind aus der Spielreihe beliebig zu entnehmen. Die Auswahlkriterien berücksichtigen räumliche Gegebenheiten und Spielniveau der Klasse. Grundsätzlich sollten alle Spiele „körperlos" (körperkontaktarm) und möglichst ohne Prellen gespielt werden. Die Zahl der Störspieler ( Fuchs, Hai, Indianer, Tiger) sollte anfänglich gering sein, kann aber laufend erhöht werden. Spielerballungen werden durch kleinere Mannschaften, mehrere Spielfelder, Zuordnung mehrerer Zielfelder (Tore) und Einführung von Kombinationspunkten vermieden. Auf die grundsätzliche Problematik der Rückschlagspiele wird verwiesen. Aber auch hier sollte der Balltransport mit Abspiel als integratives Spielvermittlungsmodell (Kombiball) Berücksichtigung finden. Einmaliges Aufspringen des Balles fördert hierbei den Spielfluss und die Motivation.

4. Kleinfeld- und Sektorenspiele

Bemerkung: Kleinfeld- und Sektorenspiele dienen zunächst der Verbesserung der Zusammenarbeit im Angriffsspiel. Geschult werden die Angriffsprinzipien wie Freilaufen, Raumordnung, Positionswechsel, An- und Abspiel. Das aus der Spielreihe bekannte Verteidigungssystem der Manndeckung sollte in eine für den Schulsport akzeptable Form der Raumdeckung mit Übergeben, Übernehmen, Helfen und Sichern weiterentwickelt werden (nur offene Raumdeckungssysteme fördern das Schulspiel!). Spielfeldgröße und Sektorenbreite bewirken den Schwierigkeitsgrad der Spielaufgabe. Es erfolgt eine Differenzierung in Angriffsrollen und damit eine Erweiterung spezieller positionsgebundener Spielhandlungen. Methodisch bewährt haben sich Überzahlsituationen, die durch den „fliegenden" Torhüter oder den neutralen Anspieler entstehen. Endziel sind Gleichzahlspiele auf verschiedene Zielfelder mit und ohne Torwart (fliegend!).

Wolf Dieter Nagel, StD Fachberater Sport

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