Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe. Diese Seiten wurden 25. Juni
1997 veröffentlicht.
Auszug aus dem Sport-Info 1/96
PAUSENSPORT AM GYMNASIUM KARLSBAD
KONZEPTION: "Schüler-Ranger"
Das Gymnasium Karlsbad plant, ab dem Schuljahr 1995 / 96 verstärkt
Bewegungsreize während der Pausen und in der unterrichtsfreien Zeit (unbeaufsichtigte
Hohlstunden, Mittagspause) anzubieten, um dem alarmierenden Bewegungsmangel
entgegenzuwirken, durch Spiel und Sport den Schüler/innen einen Ausgleich zum Sitzen zu
verschaffen und das Schulklima insgesamt günstig zu beeinflussen.
Es ist notwendig geworden, die Schüler/innen unter dem Gesichtspunkt
des Bewegungsverhaltens auch außerhalb des Sportunterrichts anzuschauen und auch
die Kolleg/innen Nicht - Sportlehrer/innen dafür zu gewinnen, die Kinder, die vor ihnen
im Klassenzimmer sitzen, als Wesen mit (manchmal leidender und zivilisationsbedingt
vernachlässigter) leiblicher Existenz zu betrachten.
KLASSE 5 / 6
Die Fünft- und Sechstklässler dürfen bei uns seit Herbst in einem "Spielbereich"
innerhalb des Pausenbereichs mit eigenen mitgebrachten Spielgeräten spielen.
Der Spielbereich wurde verbal definiert, jedoch nicht durch
irgendwelche baulichen Maßnahmen oder optische Merkmale verändert oder gekennzeichnet.
Wir wollten lieber mit minimalem Aufwand sofort mit dem Spielbetrieb beginnen als
lange warten, bis irgendwelche Bauarbeiten genehmigt und getätigt wären. Das
Hauptproblem besteht eigentlich nur darin, die unbeteiligten Schüler/innen, die nicht
spielen wollen, vor Bällen u. ä. zu schützen. Die "Gefährlichkeit" des
Spielbetriebs, die einen aufsichtführenden Lehrer dazu zwingen kann, einzuschreiten und
das Spiel zu untersagen, besteht ja nicht im Spiel selbst, sondern vielmehr in der
Möglichkeit, daß Unbeteiligte ohne Vorwarnung von einem Ball o. ä. getroffen oder
gerempelt werden könnten. Diese Überlegung setzt einen pädagogischen Konsens über "Spiel"
und " Gefährdung" voraus: Spiel und Bewegung ist erfreulich und
erwünscht und in einem klar beschriebenen Bereich erlaubt. "Gefährdung" geht
von einem unkontrollierbaren Durcheinander von Spielenden und Nicht - Spielenden aus;
deshalb ist räumliche Trennung notwendig. Die Praxis gibt diesen Überlegungen
recht: Bis jetzt wurden noch keine Pausenunfälle, die mit dem jetzt erlaubten
Spielbetrieb in Zusammenhang stehen, gemeldet.
Die Spielgeräte werden von den Schüler/innen selbst
angeschafft und im Klassenzimmer an einem vereinbarten Ort aufbewahrt. Im Sportunterricht
wurden den Klassen ebenso wie den Eltern auf den Klassenpflegschaftssitzungen Empfehlungen
ausgesprochen: Softbälle, Indiaca, Badminton usw.: Alle "weichen" Bälle, mit
denen sich in kurzer Zeit ein Spielchen zu mehreren arrangieren läßt. Fußball ist bei
uns im Pausenbereich wegen des großen Platzbedarfs und der scharf geschossenen Bälle
nicht möglich. Jedes Kind darf über seine mitgebrachten Spielgeräte selbst verfügen;
es gibt keinen Zwang zur Abgabe in einen gemeinsamen Fundus. Selbstverständlich
dürfen die Bälle im Schulhaus nicht gespielt werden. Die Kinder dürfen Bälle, die auf
den Vordächern gelandet sind, nicht selbst herunterholen, sondern sie müssen auf einen
wöchentlichen "Ballholservice" durch Oberstufenschüler warten. Seitdem hat
sich die Zahl der auf den Dächern gelandeten Bälle drastisch verringert. Anfängliche
Befürchtungen aus der Lehrerschaft, daß die Kinder zu spät aus der Pause in den
Unterricht kämen, haben sich nicht bestätigt.
KLASSE 7 BIS 13
Wir erweitern derzeit unseren geschlossenen Hartplatz ("Käfig") um Basketballkörbe und den Platz vor der Turnhalle um zwei Tischtennisplatten. Nach Abschluß der Bauarbeiten sollen die Klassen 7 bis 13 dort in den Pausen, während eventueller unbeaufsichtigter Hohlstunden und in der Mittagspause spielen können.
Während der großen Pausen ist die Aufsicht durch die normale
Hofaufsicht gewährleistet. Wenn die Schüler/innen aber während einer eventuellen
Freistunde hinübergehen wollen, müssen sie von einem Schüler oder einer Schülerin
begleitet werden, die eigens dafür eingewiesen wurden, den Sportbetrieb unter Schülern
in Eigenverantwortlichkeit zu regeln. Wir haben dafür ein hauseigenes
Schülermentorensystem: die "Ranger".
Diese "Ranger" sind in der Zwischenzeit zu einem Sportwochenende
in einer gemeindeeigenen Turnhalle (Spielberg) eingeladen worden. Dort standen die großen
Sportspiele auf dem Programm, die samt und sonders von Übungsleitern aus den Reihen der
Schülerschaft angeboten wurden. Außerdem erfolgte eine theoretische Einweisung, auch in
Form von Rollenspielen, um die Ranger auf die Lösung von möglichen Konflikten
vorzubereiten. Selbstverständlich übernachteten die Schüler auch in der Turnhalle.
Bälle, Ballspielen und überhaupt Spiel waren allgegenwärtig.
Jetzt warten wir auf die Eröffnung des Platzes für den Pausenbetrieb,
denn die Infrastruktur steht.
Die Klassen wurden im Sportunterricht auf das sportgerechte Verhalten auf dem Platz
hingewiesen.
(Fast) Jede Klasse hat mindestens zwei Ranger gemeldet.
Die Finanzierung ist gewährleistet.
Die Gutachten liegen vor.
ORGANISATORISCHE VORARBEITEN
Bis alle Beteiligten an der Schulgemeinschaft einverstanden waren,
mußte viel Gremienarbeit geleistet werden:
Die Lehrerschaft:
Es liegt ein GLK - Beschluß zur Erweiterung des Pausenbereiches vor.
Auch der Zeitpunkt der jeweiligen Eröffnung wurde von der GLK beschlossen
Der pädagogische Konsens war die Voraussetzung für das Gelingen.
Die Eltern:
Ich habe die Zustimmung des Elternbeirats eingeholt, das Vorhaben in
den Klassenpflegschaftssitzungen vorgestellt und um ideelle und materielle Unterstützung
gebeten.
Der Schulträger, die Gemeinde Karlsbad:
Die Gemeinde Karlsbad hat freundlicherweise das Konzept mitgetragen und
übernimmt die anfallenden Bauarbeiten. Diese stellten sich als umfangreicher dar, als der
sportbegeisterte Laie zunächst annimmt.
Die anderen Schulen in unserem Schulzentrum
Da unser erweiterter Pausenbereich auch von anderen Schulen mitbenutzt
wird, mußte die Zustimmung der anderen beiden Schulen unseres Schulzentrums eingeholt
werden. Insbesondere müssen wir uns darüberakzeptieren,, daß zwar unsere Schule die
Neuinstallationen bezahlt, wir aber eine Mitbenutzung durch andere nicht verhindern
können. Anders hätte das Vorhaben gar nicht realisiert werden können.
Finanzierung:
Die Fördergemeinschaft des Gymnasiums Karlsbad hat zusammen mit der
Gemeinde die Kosten übernommen. Es wurde ein Finanzierungs- und ein Zeitplan vorgelegt.
Auch das Sportwochenende wurde von der FÖG "gesponsert".
Die Kappen (immerhin brauchten wir 100 gleiche!), die als von weither erkennbares
optisches Signal wirken sollen ("Es ist alles in Ordnung, es ist jemand
dabei".), wurden von der Firma COCA - COLA gestiftet.
Rechtliche Gutachten:
Es wurde ein rechtliches Gutachten des Oberschulamts Karlsruhe
eingeholt, um die Frage zu klären, ob Schüler ohne Lehreraufsicht während
eventueller Hohlstunden etc. spielen dürfen. Sie dürfen! Unser "Ranger" -
system genügt den Anforderungen an einen geordneten Sportbetrieb.
Des weiteren wurde ein Gutachten des Badischen Gemeinde-Unfallversicherungsverbandes eingeholt,
um das Vorhaben von seiten des Versicherers zu durchleuchten. Auch hier wurden unsere
Vorarbeiten (Ranger, Einweisungder Klassen im Sportunterricht etc.) als
sicherheitsdienlich begrüßt. Ansonsten sind natürlich die lokalen Gegebenheiten
für jede Schule anders.
Insgesamt hat die Gremienarbeit einen bei weitem größeren Anteil an
den Vorbereitungsarbeiten eingenommen als ich zunächst angenommen hatte.
Man geht im Deutschen Sportlehrerverband (Dr. Sigloch) davon aus, daß
etwa 25% der Schülerschaft ein solches erweitertes Bewegungsangebot in Anspruch nehmen..
Manch Außenstehendem mag das wenig erscheinen. Für unser Projekt haben wir noch keine
Zählung durchgeführt. Wir wären jedoch, neben einer tatsächlichen Steigerung der
Bewegungszeit der uns anvertrauten Kinder, auch damit zufrieden, wenn wir einen sozialen
Lerneffekt erreichten: "Bewegung gehört zur Schule, zum Alltag, ist normal und ich
mache mit!"
Weitere Informationen über unser Vorhaben "Pausensport"
werden folgen, wenn Erfahrungen mit den "Rangern" vorliegen. Wir würden uns
freuen, wenn andere Schulen sich von unser Vorhaben "anstecken" ließen und auch
ihr Bewegungsangebot erweitern würden
Gabi Kleber STD´ in
Gymnasium Karlsbad