Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe. Diese Seiten wurden am 2. Juni 2000 veröffentlicht.
Auszug aus dem Sport-Info 1/2000 Heft 15

Überlegungen zu einer modernen Vermittlung der Sportspiele

"Spielen lassen, irgendwas mit Bällen",

so lautet das Ergebnis einer Untersuchung Heidelberger Sportwissenschaftler. Gemäß diesem Motto wollen die Heidelberger Sportwissenschaftler Spieler von morgen formen - nach den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie und der experimentellen Psychologie. Den Kleinen spezielle Bewegungsabläufe wie den Schuss mit dem Außenrist oder den Fallrückzieher beizubringen, macht nach Ansicht der Forscher keinen Sinn. Vielmehr sollte den Stars von morgen zuerst durch vielseitiges Spielen Spielfähigkeit vermittelt werden.

Gerade in den letzten Jahren hat sich das Konstrukt der Spielfähigkeit zu einer zentralen Leitidee in der Vermittlung von Sportspielen entwickelt. Was hat man unter dem Begriff der Spielfähigkeit zu verstehen, und wie kann diese Spielfähigkeit sinnvoll entwickelt bzw. vermittelt werden? 

Erfahrungen aus Unterrichtsbesuchen und zahlreichen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen zeigen, dass trotz intensiven Übens technischer und taktischer Spielelemente (Bagger, Innenseitstoss, Korbleger, Fast-Break etc.) - getreu den Vorgaben vieler Lehrbücher - und trotz größtem Engagement seitens der Sportkollegen, ein gutes Spielniveau im Schulsportunterricht nicht zwingend beobachtbar ist. Erfolgt eine strenge Orientierung an den Wettkampfregeln, so fällt die „Spielbewertung“ noch negativer aus. Die Entscheidung über Gelingen oder Misslingen des Spiels hängt nämlich in nicht unerheblichem Maße von der Ausprägung der allgemeinen Spielfähigkeit der Spieler ab. Gute Spielfähigkeit, die jeder „Spielertyp“ besitzt, zeichnet sich neben einer entsprechenden Ballbeherrschung und ausgeprägten Koordinationsfähigkeit in besonderem Maße durch die Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Antizipationsfähigkeit aus, d.h. die Fähigkeit, spielerisch relevante Situationen in ihrer Struktur und ihrem Bedeutungsgehalt zu erfassen, in ihrem Fortgang vorwegzunehmen und mit der erfolgversprechenden Gegenaktion (Reaktion) zu beantworten.

Infolgedessen kann sich eine Vermittlung von Spielfähigkeit (in o. g. Sinne) also nicht darin erschöpfen, die Spielkomplexität derart zu reduzieren, dass in stark isolierten Übungs- und Situationsreihen nur technische, taktische und eventuell gar konditionelle Elemente vermittelt werden. Erfolgversprechender als eine solche fertigkeitsorientierte Spielvermittlung, die das Einschleifen von Bewegungsmustern mit der Angleichung an den idealtypischen Bewegungsablauf zum Ziel hat, scheint ein spielgemäßes Konzept zu sein, das an die primäre Motivation der Schüler zum Spielen anknüpft, das schon dem Anfänger in Klasse 5 und 6 wechselnde Spielsituationen anbietet.

In solchen Spielsituationen bleibt die eigentliche Spielidee erhalten und bietet den Schülern die Möglichkeit, immer wieder experimentierend eine adäquate Bewegungshandlung (Beispiel: Durchbruchsaktion im Handball, Basketball) zu suchen. Der Technikanspruch (z. B. die Form des Balltransports) muss allerdings bei diesen Spielaktivitäten in solch einem Maße reduziert werden, dass die Funktionalität der vom Schüler gewählten Bewegungsaktion als Lösung der eigentlichen Spielaufgabe ermöglicht wird. Die Technik ist nur Mittel zum Zweck in diesem Anfangsstadium, sie ist spielfolgend, aber nicht spielbedingend. Erst mit zunehmender Entwicklung der Spielfähigkeit gewinnen die technischen Fertigkeiten größere Bedeutung und somit auch das zeitweilig vom Spielgeschehen isolierte Üben. Zu einer solchen Technikreduktion und deren differenzierter Anwendung veranlassen uns neben der Zielfestlegung des Sportunterrichts, nämlich Spiel- und Lernmöglichkeiten für alle zu schaffen, auch die recht unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen der Schüler. Ein Beispiel: Volleyballspielen mit unterschiedlicher Anzahl an Ballkontakten oder Bodenkontakten des Balles, unterschiedlichen Pritschtechniken etc. Bei der Umsetzung spielen Mut im freien Umgang mit den Regeln und Elementen sowie die Kreativität der Lehrenden eine besondere Rolle.

Und wenn man den Schülern etwas von der vielfältigen Faszination des Sports vermitteln möchte, sollte der Schüler im mehrperspektivischen Sportunterricht auch die unterschiedlichen Sinnrichtungen von Sport an geeigneten Beispielen erfahren können. Im Bereich Spiel sorgen nun einmal das Spannungsmoment und der emotionale Gewinn durch Entscheidungsfreiräume, die sowohl die Gefahr der Fehlentscheidung eines Schülers bergen als auch die mögliche Kompensation durch die Mannschaft, für dessen Attraktivität.

Differenziert man das Konstrukt Spielfähigkeit etwas weiter aus, so stellt sich die Spielfähigkeit auch als didaktisches Prinzip der Handlungsfähigkeit im Lehrplan dar. Während des Spielunterrichts kann ein Lernender auf vielfältige Art Einfluss auf die Lernchancen eines anderen nehmen und dies nicht nur in förderlicher Weise. Darum sind die Lernenden mitverantwortlich für den Unterrichtsfortgang. Die Lehrenden sollten versuchen, den Schülern die notwendige Zeit und die Chancen einzuräumen, um Eigeninitiative, Selbständigkeit und Kreativität beim Spielen zu entwickeln, d. h. Spiele zu erfinden, zu verändern, weiterzuentwickeln. Um diesen grundlegenden Anforderungen von Spielfähigkeit gerecht zu werden, muss die Fähigkeit zu entsprechenden sozialen Interaktionen innerhalb von zunächst kleinen Spielgruppen entwickelt werden. Dabei sollen die Kleingruppen selbständig die Einhaltung von Regeln überwachen und Leistungsschwächere in das Spiel einbeziehen. Denn die Gefahr könnte - einfach formuliert - lauten: Wenn alles über den Lehrer abläuft, dann kann es passieren, dass ohne ihn nichts läuft.

Möglichst viele dieser angesprochenen Dimensionen als integrale Bestandteile der Spielfähigkeit zu entwickeln, versucht die sogenannte integrative Sportspielvermittlung. Die Besonderheit bei diesem Ansatz ist ein sportspielübergreifendes Angebot gerade in den Klassen 5 bis 7, durch das die Schüler befähigt werden, Grundsituationen zu erkennen und zu bewältigen. Durch dieses Vorgehen lernen Schüler schnell die ähnlichen Grundideen der Spiele, schneller als beim traditionellen Nacheinander der Spielvermittlung. Erst danach erfolgt eine Vertiefung innerhalb der einzelnen Sportspiele. Neben der knappen Ressource Zeit sprechen noch weitere Aspekte für diese Art der Spielvermittlung besonders im Anfängerunterricht: Der Schulsportunterricht soll über die reine Sportarteninstruktion hinaus gehen und kann gemäß der integrativen Sportspielvermittlung auch der unterschiedlichen Interessenlage der Schüler sowie dem Abbau der Defizite ballspezifischer Vorerfahrungen aufgrund der veränderten außerschulischen Spielwelt gerecht werden. Des Weiteren wird dem Prinzip Vielseitigkeit statt Spezialisierung entsprochen.

Bilanziert man abschließend die von der Sportspieldidaktik vorgelegten Unterrichtshilfen, so fällt auf, dass gerade für den Bereich der Zielschussspiele (Handball, Basketball; weniger Fußball) schon ein recht beträchtliches Angebot zur Entwicklung von Spielfähigkeit vorliegt, der Aspekt der integrativen Vermittlung in o. g. Sinne jedoch noch nicht gebührend berücksichtigt wird. Ein allmählich feststellbares Abrücken vom traditionellen Konzept der Spielevermittlung im Rahmen des Sportstudiums an den Hochschulen (die Universität Karlsruhe bietet in diesem Semester zum ersten Mal ein Seminar zur integrativen Sportspielvermittlung an) sowie die erkennbare Bereitschaft zur Zusammenarbeit der für die Ausbildung und Fortbildung Verantwortlichen am Staatlichen Seminar für Schulpädagogik und dem Oberschulamt könnten einen möglichen Weg darstellen, in diesem Sportbereich wichtige Inhalte zu lehren.

Klaus Lipinski, OStR
Lehrbeauftragter am Staatlichen Seminar für Schulpädagogik (Gymnasium) Karlsruhe


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