Das Brustschwimmen hat sich in den vergangenen 10 - 15 Jahren, bedingt
durch Regelmodifikationen, stark verändert. Bis 1986 war es verboten, den Kopf ganz unter
Wasser zu nehmen. Heute muss der Kopf nur während eines Zyklus (gemeint ist ein Armzug
und ein Beinschlag) einmal die Wasseroberfläche durchbrechen. Auch die Hände dürfen
über Wasser nach vorne gebracht werden, wobei nur noch der Ellbogen unter Wasser sein
muss. Diese Regeländerungen führten zu einer neuen Wettkampftechnik, die im deutschen
Sprachraum auch als Undulationstechnik bezeichnet wird, während die
veraltete Technik Gleitzugtechnik genannt wird.
Der in diesem Artikel versuchte Vergleich der beiden Techniken soll die
vermeintlichen biomechanischen Vorteile der neuen Technik aufzeigen. Die Beschreibung der
Undulationstechnik bezieht sich auf einen Artikel von Wilke/Daniel in der Zeitschrift
"Sport Praxis" (Ausgabe 5/95). Die Gleitzugtechnik findet man nach wie vor im
"Handbuch des Sportschwimmens" von James Counsilman aus dem Jahr 1980 in
schöner Beschreibung dargestellt.
Interessant im Zusammenhang mit diesem Vergleich ist die Tatsache,
dass
Schule und Verein beim Lehren des Brustschwimmens verschiedene Wege gehen. Die Schule
lehrt weitgehend das Gleitzugschwimmen, während im Wettkampfsport eigentlich nur noch
Varianten der Undulationstechnik auftreten. Im Spitzensport gibt es keine
Gleitzugschwimmer mehr. Der Bewegungsbeschreibung in der Theorie des Sport - LK nach
Ulrich Göhner (zuletzt Sternchenthema im Abitur 1997) liegt jedoch die alte Technik
zugrunde. Gegen die Undulationstechnik im Schulsport sprechen der wesentlich höhere
Kraftaufwand, verbunden mit einem ebenfalls deutlich größeren Energiebedarf.
Abbildung 1 (nach Wilke/Daniel) verdeutlicht die
Namensgebung der neuen Technik. Der Oberkörper und die Hüfte werden bei der alten
Technik während des ganzen Zyklus flach unter der Wasseroberfläche gehalten. Der Kopf
wird beim Einatmen nur wenig angehoben. Begründet wurde diese Körperhaltung zum einen
durch die Regelforderung (Kopf nie unter Wasser - Hände unter Wasser nach vorn), zum
anderen durch den damit verbundenen geringen Wasserwiderstand. Bei der neuen Technik
bewegen sich Kopf und Hüfte in der Vertikalen sehr stark hoch und wieder tief. Verbunden
mit der Vorwärtsbewegung des Körpers kann man beide Körperteile auf einer Wellenlinie
sehen. Der Name Undulation leitet sich vom lateinischen Wort unda,
die Welle, ab.
Brustschwimmen in Undulationstechnik ähnelt wegen dieser Welle etwas dem
Delphinschwimmen. Durch strenge Regelbestimmungen wird jedoch darauf geachtet,
dass das
Brustschwimmen sich nicht zu sehr dem Delphinschwimmen annähert. So sind Bewegungen in
Form eines Delphinbeinschlags verboten, und die Füße müssen während der
Rückwärtsbewegung auswärts gedreht werden. Die Forderung nach der Auswärtsdrehung
der Füße bereitet übrigens vielen Schülern große Schwierigkeiten. Beim
Delphinschwimmen (im Schwimmsport redet man von Schmetterlingsschwimmen, da
Brustbeinschlagbewegungen erlaubt, aber nicht üblich sind) müssen die Arme über Wasser
nach vorne und unter Wasser nach hinten gebracht werden. Beim Brustschwimmen dürfen die
Hände auch nicht weiter als bis zur Hüfte nach hinten gebracht werden, während beim
Delphinschwimmen ja bis zum Oberschenkel gedrückt wird. |
 Abb. 1 Ein vollständiger
Bewegungszyklus mit Untertauchen des Kopfes und angedeuteter Welle |
Wo liegen nun die biomechanischen Unterschiede zwischen den Techniken?
Im Wesentlichen sind vier Unterschiede zu sehen, die wohl die Vorteile der Undulationstechnik begründen.
Abbildung 2 zeigt einen Vergleich der Techniken. Links die Undulationstechnik in 5 Bildern nach
Wilke/Daniel, rechts die Gleitzugtechnik nach Counsilman. Die nebeneinander liegenden Bilder entsprechen nicht ganz dem gleichen
Zeitpunkt während des Bewegungszyklus.

Abb. 2 Vergleich zwischen Undulationstechnik (links) und Gleitzugtechnik
(rechts) in 5 Phasenbildern |
Vorteil 1 ist im 4. Bild von oben zu
sehen. Der größere Rumpfwinkel bei der Undulationstechnik bedeutet einen geringeren
Wasserwiderstand im Vergleich zu dem Bremsschild, der durch die stärkere Hüftbeugung bei
der Gleitzugtechnik erzeugt wird.
Vorteil 2 ist aus den Bildern 1 und 4 abzuleiten. Bei der
Undulationstechnik kommt es zu einer Überlappung der antriebswirksamen Phasen der Arm-
und Beinbewegung. Dagegen ist beim Gleitzugschwimmen eine kraft- und energiesparende,
antriebslose Gleitphase in gestreckter Körperhaltung erwünscht. Sie führt zu einem
relativ starken Abfall der Schwimmgeschwindigkeit innerhalb eines Bewegungszyklus. Bei der
Undulationstechnik ist das intrazyklische Geschwindigkeitstief geringer. Das
biomechanische Prinzip der minimalen Geschwindigkeitsschwankung fordert jedoch für die
Erreichung einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit die Minimierung der
Geschwindigkeitsschwankungen. Im Wettkampfsport lässt sich erkennen, dass die
Antriebsüberlappung auf der 200 m Strecke im Gegensatz zu der 100 m Strecke nicht
durchgehalten werden kann.
Vorteil 3 geht aus den Bildern von Wilke/Daniel nicht hervor. Durch das Vorbringen der
Hände über Wasser soll der Wasserwiderstand verringert werden. |
Vorteil 4 lässt sich aus der Abbildung 3 ableiten.
Durch das hohe Aufrichten des Oberkörpers aus dem Wasser schwappt eine Wassermenge
("added mass" bei Wilke/Daniel genannt) seitlich am Körper vorbei gegen den
Rücken des Schwimmers, die zu einem Anschub führen soll, in dem Moment, wenn der Körper
wieder tiefer geht.
Unter welchen Voraussetzungen
lässt
sich die neue Technik im Schulsport lehren? Die Schüler sollten über gute physische
Voraussetzungen im Kraft- und Ausdauerbereich verfügen. Gute Delphinfähigkeiten sind
wegen der Wellenbewegung wünschenswert. In Schwimm- AG´s oder in Leistungskursen wäre
es denkbar, Übungen zur Undulationstechnik einzubringen. |
 Abb.3
Gegen den Rücken schwappende Wassermasse |
Die Vorstellung von Übungen würde über den Rahmen dieses Artikels
hinausgehen. Sie sind jedoch bei Wilke/Daniel zu finden.
Rudolf Geltz, StR, Landesbeauftragter SW
