Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe. Diese Seiten wurden am 10.
August 1997 veröffentlicht.
Auszug aus dem Sport-Info 1/97
"Tauch ein - leb auf" Reise in eine andere
Dimension
Die Motivation für ein Eintauchen in diese neue Welt mag sehr unterschiedlich sein: manche treibt sicherlich der sportliche Ehrgeiz unter die Wasseroberfläche, für andere ist es die Schwerelosigkeit, die eine besondere Anziehungskraft ausübt, wieder andere wollen die Vielfalt der Unterwasserwelt erleben und fragen nach den Zusammenhängen innerhalb dieser einzigartigen Ökosysteme. Hier wird deutlich, daß Tauchen mehr als nur reiner Sport im Sinne von Körperertüchtigung sein kann. Tauchen als moderne und zugleich naturbezogene Sportart bedeutet vielmehr, sich einer neuen Umwelt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten auszusetzen.
Eine ähnliche Motivationslage wie beim oben geschilderten Tauchsport
liegt wohl auch bei anderen Natursportarten - Kanufahren, Klettern, Mountainbiking, Segeln
- vor. Ebenso zählen alle zu den expandierenden Sportarten. Ein zunehmender Nutzungsdruck
auf die von den Natursporttreibenden favorisierten naturnahen Landschaften bleibt
infolgedessen nicht aus. Der Streit der beteiligten Konfliktparteien Naturschutz und Sport
- ausgetragen auf Erwachsenenebene - gipfelt nicht selten in unbedachten
Absolutheitsansprüchen (generelle Aussperrung des Menschen aus der Natur, genereller
Naturzugang, flächendeckende Kampfansage an alle Natursportarten), die jedoch dem
(hochgesteckten!) Ziel einvernehmlicher Lösungen der Nutzung unter umweltverträglicher
Beanspruchung naturnaher Landschaften nicht zuträglich sein können.
Dabei könnte gerade dieses Problemfeld Sport - Umwelt die Chance für
den Naturschutz bieten, die Umwelt auch wieder für Jugendliche "interessanter"
zu machen, beklagen doch die Naturschutzverbände ein nachlassendes Interesse an der
"aktiven Umweltrettung". Aber wer ist schon bereit, in einem Zeitalter, das von
einer wachsenden Individualisierung und der Abkehr von Sekundärtugenden geprägt wird,
seine ganze Freizeit der "Idee Umweltrettung" unterzuordnen? Gilt nicht die
Maxime, alles muß Spaß nachen, Hobbys müssen immer rascher und individuell kombinierbar
und abrufbar sein? Und gerade hier gilt es über die Entwicklung von Projekten mit
umweltverträglichen Sportarten, die auch Naturerlebnisse vermitteln, diesen Spaß und den
Naturschutz zu kombinieren. Der Sport und der Naturschutz werden sich verstärkt den
Lebensgewohnheiten der Jugendlichen öffnen müssen.
Betroffenheit auf Schülerseite hervorzurufen dürfte angesichts der
Assoziation des (Freizeit-) Sports mit Aktivität, Spaß und Abenteuer nicht besonders
schwerfallen. Schwieriger gestaltet sich die Standortbestimmung des Jugendlichen zur
Natur. Oftmals ist das Verhältnis (nicht nur) der Heranwachsenden zur Natur recht
oberflächlich. Wer kennt sie schon bzw. wer hat die Natur überhaupt erlebt? Jugendliche
kennen oft weniger Vogelarten als Automarken. Dabei gilt es zu berücksichtigen, daß der
Begriff "Natur" bei den Beteiligten keine einheitliche Vorstellung hervorruft,
da es sich bei vielen Landschaftsausschnitten eigentlich schon um reproduzierte Natur
handelt. Dies wird auch von Landschaftsdarstellungen (der Freizeitindustrie) beeinflußt,
die mit der Absicht gefertigt werden, ästhetische Landschaft mit betriebswirtschaftlichen
Gesetzen zu kombinieren.
Dieses öffentliche Thema Sport - Umwelt genügt zweifellos jeglichen
Legitimationsansprüchen, um auch in den Unterricht unserer Schüler hineingetragen zu
werden. Neben ökologisch - gesellschaftlicher Relevanz kann auch problemlos der Bezug zu
dem Lebens- und Erfahrungsraum der Schüler hergestellt werden. Es besteht hierdurch
einerseits die Möglichkeit, die Schüler für umweltgerechten Umgang mit unserer
naturnahen bzw. traditionell gewachsenen Kulturlandschaft zu sensibilisieren, andererseits
diese über Gestaltungsmöglichkeiten im demokratischen Mitwirkungsprozeß zu informieren.
Für die Schüler nachvollziehbare Interessenkonflikte / Analogiebeispiele aus der Praxis
(Petition - Eingabe der Jugend der Kanuvereine Karlsruhe betr. Naturschutz und Wassersport
auf dem Fermasee) bieten die geeignetste Ausgangssituation.
"Natur"- oder "Kulturlandschaftskonferenzen" können
als fächerverbindendes Planspiel - auch im Rahmen von Projekttagen - eine Plattform
bieten, um die unterschiedlichsten Leitbilder (nutzungsorientierte / ökosystemorientierte
Leitbilder) durch die Schüler für unsere zukünftige Natur- / Kulturlandschaft
entwickeln zu lassen. Verschiedene Schüler - Interessenvertreter (Naturschutzverband,
Sportorganisation, aber auch Forst, Landwirtschaft, Tourismus etc.) haben nun bei diesen
Anhörungsverfahren (in der Realität in Landratsämtern, Regierungspräsidien) ihre
jeweiligen Nutzungen und Interessen an diesen Zielvorstellungen zu orientieren und müssen
Bereitschaft entwickeln, Kompromisse einzugehen. Neben den inhaltlich - fachlichen
Wirkungszusammenhängen wird gerade durch die notwendige Kooperation innerhalb der
Arbeitsgruppen die soziale kommunikative Kompetenz als unerläßlicher Bestandteil der
ökologischen Handlungskompetenz gefördert.
Ein Scheitern solcher Konferenzen - als Planspiel aber auch als
tatsächlich stattfindende Anhörung bzw. Erörterung - wird nur zu verhindern sein, wenn
der Naturschutz nicht mehr von einem grundlegenden Mensch - Natur - Antagonismus ausgeht
und andererseits der Sport als eine Nutzergruppe nicht mehr glaubt, Belastbarkeitsgrenzen
selbst setzen zu können.
Entscheidend ist, daß die Natur von allen beteiligten Interessengruppen
- hier besonders Naturschutz und Sport - als etwas Faszinierendes erlebt und empfunden
wird und gemeinsam Lösungen mit größtmöglicher Akzeptanz für naturverträgliche
Nutzungen durch Sport und Freizeitaktivitäten entwickelt werden.
Klaus Lipinski, OStR
Gymnasium Gernsbach