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Goethe und sein
Umfeld
Hausarbeiten des LK Deutsch 13
Schuljahr 2000/2001
Christian
Breun: Goethes Reise nach Italien 1786 |
Ulrike Bacher: Zum Abschied! Briefe der Charlotte
von Stein |
Natascha Buch: Das Tagebuch der Charlotte von
Stein |
Eva Nagel: Christiane Vulpius. Ein Leben
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Veronica Catalán, Diane Geiß: Schiller und
Goethe
Myriam Günth:
Italienreise
In Rom hab ich mich selbst
zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig
geworden..." 1
So lautet ein Zitat des
Dichterfürsten"2 und Bildungsklassikers"2
Goethe, der sich hier als offener Mensch präsentiert, der mit Konventionen spielt, sie
durchbricht und dieses Glücksgefühl voll auskostet. Doch der Weg den Goethe zurücklegen
musste, um diesen Geisteszustand zu erreichen, war lang. Er begann in Weimar, führte
über Karlsbad nach Italien und Rom und von dort aus wieder zurück.
Am Anfang dieser Reise steht jedoch ein großes Geheimnis, ein Geheimnis um
das Ziel und die Dauer der Reise und sogar um den Plan einer Reise selbst.
Seit 1776 befindet sich Goethe in den Diensten des Herzogs Carl August von
Sachsen-Weimar. Als Mitglied des Geheimen Rates, des höchsten Regierungsorgans, gehörte
er den Kommissionen an, die für den Bergbau, den Straßenbau, die Kriegs- und
Finanzangelegenheiten zuständig waren. Daneben beschäftigte er sich noch mit tausend
anderen Dingen. Am 11. Juli 1782 schrieb Herder sarkastisch an den Magus des
Nordens", Johann Georg Hamann, Goethe sei zugleich auch Directeur des
plaisirs,
Hofpoet, Verfasser von schönen Festivitäten, Hofopern, Ballets, Redoutenaufzügen,
Inscriptionen, Kunstweken usw.", als Direktor der Zeichenakademie habe er den Winter
über Vorlesungen über Osteologie gehalten, sei selbst überall der erste Akteur,
Tänzer ...",3 kurzum das Faktotum des Weimarer Hofs. Zur gleichen Zeit
war Goethe jedoch auch Schriftsteller. Sein zuletzt erschienenes Werk Werther war
ein großer Erfolg und gilt mit recht als einer der ersten Bestseller des europäischen
Raumes. Da es jedoch kein allgemein gültiges Gesetz gab, das die Rechte des Autors
schützte, begruben Raubdrucke die vom Verfasser autorisierten Ausgaben unter sich. Der
Autor musste sich mit einem Bruchteil der Einnahmen begnügen, die skrupellose Verleger
aus dem Verkauf seines Buches einstrichen. In dieser Lage war Goethe dringend auf das Geld
angewiesen, das der Herzog ihm zahlte, ja er musste sogar nach einer Erhöhung seines
Gehaltes trachten. Aus diesem Grunde bemühte er sich, seiner Reise von vornherein den
Charakter eines bezahlten Urlaubs zu geben, an dessen Ende früher oder später
unweigerlich die Rückkehr nach Weimar stand.
Goethe brach von Karlsbad aus nach Italien auf. In den böhmischen Badeort
hatte er sich Ende Juli 1786 begeben, um hier mit seinen Freunden vom Weimarer Hof die
übliche Trinkkur zu machen. Am 3. September verließ er Karlsbad um drei Uhr nachts mit
einer Postkutsche. Zurück ließ er mehrere Briefe an Herzog Carl August, an Charlotte von
Stein, an den treuen Diener und Sekretär Philipp Seidel und an das Ehepaar Johann
Gottfried und Caroline Herder, denen er auftrug auch die anderen Freunde zu grüßen:
Saget den Überbleibenden", schrieb er, viel Schönes und wo möglich
etwas Vernünftiges in meinem Nahmen, damit sie mir den heimlichen Abschied
verzeihen."4 Dem Herzog versicherte er vor allem, dass er die
Regierungsgeschäfte in guten Händen wisse, und äußerte die Überzeugung, dass sie auch
ohne ihn bequem weitergeführt weden könnten, ohne Schaden zu leiden. Ja",
schrieb er, ich dürfte sterben und es würde keinen Ruck tun."5
Dieser scheinbar so unschuldige Hinweis auf die Möglichkeit eines plötzlichen Todes,
leitete zum heikelsten Punkt über, der Dauer seiner Reise, für die er um einen
unbestimmten Urlaub" bat. Verschiedene Umstände, fuhr er etwas theatralisch fort,
dringen und zwingen mich in Gegenden der Welt mich zu verlieren, wo ich ganz
unbekannt bin, ich gehe allein unter einem fremden Nahmen und hoffe von dieser etwas
sonderbar scheinenden Unternehmung das beste." Außerdem schrieb er weiter er habe
Muße und Stimmung" nötig, um die letzten vier Bände zu vervollständigen,
die er dem Leipziger Verleger Georg Joachim Göschen zur Publikation versprochen habe.
Ich habe die Sache zu leicht genommen", rechtfertigte er sich, und sehe
jetzt erst was zu thun ist, wenn es keine Sudeley werden soll."5 Der
Herzog konnte Goethes Brief entnehmen, dass es sich um eine besondere Situation handelte,
die mit der Herausgabe der Werke zusammenhing. Von einer Unvereinbarkeit zwischen der
literarischen und der Regierungstätigkeit sprach Goethe nicht ausdrücklich. Aus dem
Gesagten konnte man auch schließen, dass alles wieder in die alten Bahnen zurückkehren
würde, wenn in ein paar Monaten die Vorarbeiten für die Publikation der Werke
abgeschlossen waren. Es war ihm jedoch nicht bekannt wie lange die Reise dauern, noch
wohin sie führen sollte. Auch Frau von Stein war dies nicht bekannt. Goethe verriet es
ihr selbst dann nicht, als er ihr den Tag der Abreise mitteilte. Dies hat viel zu
bedeuten, denn in den zehn Jahren seines Aufenthaltes in Weimar verband ihn mit dieser
Frau eine intime Freundschaft, der Goethe den Charakter eines Liebesverhältnisses hatte
geben wollen. Dank ihrer Herkunft übernahm sie die Aufgabe, Goethe, der sich bei seiner
Ankunft in Weimar noch ganz wie ein ungestümer Bär und lautstarker Wilder benahm,
diskret, aber mit fester Hand die guten Manieren eines Höflings beizubringen. Mit ihr
sprach er mehr als mit anderen Höflingen über sich selbst. Selbst Herzog Carl August,
mit dem ihn ein sehr vertrautes Verhältnis verband, erfuhr von ihm nicht so viel
Persönliches. Und dennoch ließ Goethe auch seine Herzensfreundin nur selten etwas von
seinem Unbehagen spüren; seine Anspielungen darauf blieben vage und kontrolliert. Er
wünschte zwar, dass sie etwas davon merkte, gab ihr aber nur karge Hinweise und diese
wohlkalkuliert erst nach und nach , sozusagen in Tropfenform. Sie sollte sich darüber
klar werden, dass es ihrem Freund nicht gut ging, dass er sich in einer Krise befand und
dem Hof gegenüber nicht das gleiche Interesse an den Tag legen konnte wie früher. Wo das
wahre Problem lag, sollte ihr ebenso dunkel bleiben wie dem Herzog und den anderen
Freunden in Weimar. Am 25. Juni schrieb er ihr: Ich korrigiere am Werther und finde
immer dass der Verfasser übel gethan hat sich nicht nach geendigter Schrifft zu
erschiesen."6 In einem langen Brief vom 9.Juli heißt es: Ich bin
nun fast so überreif wie die fürstlich Frucht, und harre eben so meiner Erlösung; meine
Geschäffte sind geschlossen und wenn ich nicht wieder von vorne anfangen will muss ich
gehen." Aber wohin? Und dann: Es lässt sich in dieser Werckeltags Welt nichts
auserordentliches zu Stande bringen." Schließlich : Denn ich sage immer wer
sich mit der Administration abgiebt, ohne regierender Herr zu seyn, der muß entweder ein
Philister oder ein Schelm oder ein Narr seyn."7 Nachdem er sie von
Karlsbad aus auf dem Rückweg nach ihrem Gut Kochberg bis nach Schneeberg begleitet hatte,
legte er am 23. August das erstaunliche Versprechen ab: Und dann werde ich in der
freyen Welt mit dir leben, und in glücklicher Einsamkeit, ohne Nahmen und Stand,
der Erde näher kommen aus der wir genommen sind."8
Eine konkrete Reiseabsicht tat Goethe seiner geliebten Lotte, wie er Frau von
Stein vertraulich nannte, erst in einem Breif vom 30. August kund: Nun geht es mit
mir zu Ende meine Liebste, Sonntag den 3ten September denck ich von hier
wegzugehn."9
Ein zweiter Hinweis ist in einem Brief vom 1.September enthalten: Wenn meine
Rechnung nicht trügt, kannst du Ende September ein Röllgen Zeichnungen von mir haben,
die du aber niemanden auf der Welt zeigen mußt. Du sollst alsdann erfahren wohin du mir
schreiben kannst. Lebe wohl! ... und laß niemand mercken daß ich länger
ausbleibe."10 Am 2.September verabschiedete er sich das letzte Mal von
ihr: Morgen Sonntags den 3ten September geh ich von hier ab, niemand weiß es noch,
niemand vermuthet meine Abreise so nah. Ich muß machen daß ich fortkomme, es wird sonst
zu spät im Jahr..."11 Goethe verteilte den Abschied von Frau von Stein
also auf drei Briefe: Zunächst die knappe Mitteilung von der bevorstehenden Abreise ohne
genaues Ziel aus Karlsbad, wobei er noch die Möglichkeit offen ließ, daß es sich nur
darum handelte, auf irgendwelchen Wegen nach Weimar zurüchzukehren; dann im zweiten Brief
das Versprechen, Ende des Monats eine Rolle zu schicken, die niemandem gezeigt werden
soll, aber durch welche sie sich ein Bild von der Gegend machen könne, wohin es ihn
verschlagen habe. Im dritten Brief findet sich noch eine weitere Anspielung auf die Ferne
des Ziels und die Länge des Weges, der zurückzulegen war, um es zu erreichen, denn
Goethe verwies auf den Beginn der kälteren Jahreszeit, der die Abreise dringlich mache.
Die Ankündigung der Abreise erfolgte also stufenweise, mit stetem Crescendo, erst ganz
zum Schluss wurde der genaue Beginn der Reise angezeigt eine Mitteilung, die in
ihrem Zögern mehr verbarg als offenbarte. Die kunstvoll ausgefeilte Form dieses
Abschiedes ist ein wahres literarisches Meisterwerk. Die Idee von heller Aufregung und
starker Gemütsbewegung sollte vermittelt und ein Mensch gezeigt werden, der sich
anschickt, einen äußersten Schritt zu tun, von dem sein ganzes künftiges Leben
abhängt; den zugleich aber auch die Angst befällt, weil er sich von einer dunklen Gefahr
bedroht fühlt und fürchtet, an der Abreise gehindert zu werden, weshalb er um strengste
Verschwiegenheit bittet.
Goethe hatte die Italienreise tatsächlich schon seit langem im Geheimen
vorbereitet, doch erst im Hochsommer begann er mit der Ausführung des Plans. Wie sehr ihm
die Angst, dass ihn jemand an der Abreise hindern könne, begründet war, lassen die
Briefe an Seidel erkennen. Seinem vertrauten Mitarbeiter, dem einzigen, der in das
eifersüchtig gehütete Geheimnis eingeweiht war, erteilte Goethe schon kurz vor der
Abreise nach Karlsbad schriftlich am 23. Juli die ersten detaillierten Instruktionen. Am
13. August gab Goethe von Karlsbad aus Seidel nochmals Anweisungen. Diesmal drückte er
seine Sorge, man könne ihm Steine in den Weg legen offen aus, denn er schrieb: Noch
hat sich nichts zugetragen, das mich an Ausführung meines Plans hindern könnte. Gegen
Ende des Monats werde ich die Reise antreten. Mit der Post welch Freytag den 18. von
Weimar abgeht schicke mir das letzte von Briefen oder Auszügen, alsdann sammle und
schicke nicht eher bis du von mir hörst."12 An jenem
schicksalsträchtigen 2. September, als Goethe sich in Karlsbad der Korrespondenz mit
seinen Freunden widmete, schickte er, wie gesagt, auch zwei Briefe an Seidel mit den
letzten Instruktionen. Ende September hoffe er, ihm die ersten Nachrichten geben zu
können, doch sei er erst in Rom unter einer bestimmten Adresse wieder erreichbar.
Die Stränge dieser verwickelten Geschichte sind nun entflochten; sie liegen
offen da und lassen sich unterscheiden und voneinander trennen. So können wir endlich
auch klären, warum Goethe seine Flucht" nach Italien mit solch großem
Geiheimnis umgab und welches Ergebnis er sich von der Reise erhoffte. Das Ziel, nach dem
Goethe strebte und auf das er mehrmals anspielte, ohne es ausdrücklich zu nennen, war die
Befreiung vom Staatsdienst, um sich wieder hauptsächlich seiner dichterischen Tätigkeit
widmen zu können. Dabei wollte er jedoch nicht auf das Gehalt verzichten, das der Herzog
ihm zahlte. Er war sich sehr ungewiss darüber, ob er dieses Ziel erreichen könne, denn
Carl August von Sachsen-Weimar hatte ihn ja für den Staatsdienst und nicht als Dichter
nach Weimar berufen und dort zehn Jahre an seinem Hof festgehalten. Es war sehr schwierig,
eine solche radikale Änderung seiner Stellung durchzusetzen. Um den Herzog dazu zu
bringen, bedurfte es der ganzen Anstrengung, Phantasie und Geschicklichkeit eines Mannes
wie Goethe. Das Geheimnis um Ziel und Dauer der Reise war eine notwendige
Vorsichtsmaßnahme. Die weite Entfernung vom Weimarer Hof gab ihm den Vorsprung, von dem
aus er die Bedingungen seiner Rückkehr aushandeln konnte. Es war jedenfalls schwieriger,
ihn aus Rom zurückzurufen als aus Verona oder Venedig. Die Distanz war die Vorbedingung
für die Dauer der Reise. Goethe hatte es nötig, längere Zeit in Rom zu bleiben, um den
Herzog zu zwingen, ihn so lange vom Dienst zu dispensieren, dass damit schon der Rückzug
aus den Ämtern mit all dem, was daraus folgte, vorausbestimmt war. Der Herzog musste vor
die vollendete Tatsache einer langen Abwesenheit gestellt werden, die als bezahlter Urlaub
gerechtfertigt war. Damit begann eine längere Probezeit, die beweisen sollte, dass die
Verwaltung des kleinen Staates auch ohne ihn funktionierte, und zwar so gut, dass leicht
und für immer auf seine Dienste verzichtet werden konnte.
Das Inkognito
In der Tat schienen diese ersten Schritte
seines Planes aufzugehen. Am 1. November unterrichtete Goethe seine Freunde von seiner
Ankuft in Rom. Dem Herzog schrieb er unteranderem: Endlich kann ich den Mund aufthun
und Sie mit Freuden begrüßen, verzeihen Sie das Geheimnis und die gleichsam
unterirdische Reise hierher." Darauf folgt die Bitte um einen nicht näher
präzisierten, längeren Urlaub, in der Hoffnung, dass man ihn in Weimar entbehren könne,
um dann zu schließen: ... so laßen Sie mich das gut vollenden was gut angefangen
ist und was jetzt mit Einstimmung des Himmels gethan scheint."13 Die
Antwort des Herzogs konnte für Goethe nicht besser ausfallen. Dieser Brief des Herzogs
ist zwar nicht mehr erhalten, aber man kann anhand eines Briefes an seine Mutter auf seine
Zustimmung schließen: Goethens Aufenthalt wissen Sie nun endlich. Die guten Götter
mögen ihn begleiten: ich habe ihm gestern geschrieben und ihn gebeten, so lange
wegzubleiben, als er es selbst möchte."14
Goethe konnte sein Ziel auch deshalb so lange
geheimhalten, weil
er vorsichtshalber ein Inkognito angenommen hatte. Nur Seidel hatte er den Namen in seinen
Instruktionen vom 23. August gegeben. Hier erscheint zum ersten Mal der falsche Name
Johann Philipp Möller, den Goethe für seine Reise gewählt hatte, wobei Johann sein
eigener, Philipp der Name seines Dieners war. Das Inkognito, zu dem Goethe seine Zuflucht
nahm, war keineswegs überflüssig und erwies sich bei allen Etappen der Reise als sehr
nützlich, vor allem auch schon in Deutschland, wo der Dichter bekannter war als in
Italien. Wenn Goethe aber verhindern wollte, dass man aus seinem Aufenthalt in
Süddeutschland auf die Reiserichtung schloss, so wäre es natürlich klug gewesen, alle
jene Orte zu vermeiden, wo man ihn hätte erkennen können. Aber gerade dieses Risiko
bereitete ihm einen angenehmen Schauder. In Regensburg betrat er eine Buchhandlung, wo ihn
ein Gehilfe, der im vorigen Jahr bei einem Buchhändler in Weimar gearbeitet hatte, sofort
erkannt. Er leugnete aber ganz schamlos, Goethe zu sein. Zu solchen und änlichen
Begebenheiten schreibt Goethe selbst: Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein
groses Kind bin und bleibe, und ietzt ist mir es so wohl daß ich ohngestraft meinem
kindischen Wesen folgen kann."15 In Italien begann das Inkognito dann in
ganz ähnlichem Sinne Früchte zu tragen. In Vincenza und auch in Venedig war es ihm ein
Spaß sich als italienischer Kaufmann zu verkleiden und unter den Leuten spazieren zu
gehen: Heute bin ich ganz unbemerkt durch die Stadt und auf dem Bra gegangen. Ich
sah mir ab, wie sich ein gewisser Mittelstand hier trägt und lies mich völlig so
kleiden. Ich hab einen unsäglichen Spas daran."16 An einer anderen Stelle
seines Reisetagebuchs ist zu lesen: Nun ists mein Spas sie mit den Strümpfen irre
zu machen, nach denen sie mich unmöglich für einen Gentleman halten können."17
Der Unterschied war schon hier zu Beginn der Reise
überwältigend. Goethe entdeckte plötzlich eine ganz andere Form von Geselligkeit, bei
der es möglich war, die Distanz aufzugeben, sich unter die anderen zu mischen und jene
menschlichen Beziehungen herzustellen, welche die gesellschaftliche Hierarchie gewöhnlich
verhinderte. Am Abend des 25. Septembers wandte er sich im Tagebuch direkt an Frau von
Stein und schrieb: Ich kann dir nicht sagen was ich schon die kurze Zeit an
Menschlichkeit gewonnen habe. Wie ich aber auch fühle was wir in den kleinen Souverainen
Staaten für elende einsame Menschen seyn müssen weil man, und besonders in meiner Lage,
fast mit niemand reden darf, der nicht was wollte und mögte. Den Werth der Geselligkeit
habe ich nie so sehr gefühlt..."17 Der wahre Grund für seine Reise war
also nicht die Sehnsucht nach Italien, sondern der Überdruss am Staatsdienst, am
Hofleben, der Etikette und den Regeln der guten Gesellschaft, welche Frau von Stein ihm
beizubringen versucht hatte. Das Tagebuch registriert das Scheitern dieser erzieherischen
Bemühungen. Der Bär hatte in Italien seine Freiheit zurückgewonnen und war endlich
wieder glücklich. Eine Römische Elegie, die er kurz nach der Rückkehr schrieb,
aber nicht zu drucken wagte, enthält eine giftige Attacke gegen die feine Gesellschaft
und ihre einzwängende Etikette, die sich scheinbar auf die römische Gesellschaft
bezieht, in Wirklichkeit aber gegen den Hof von Weimar zielt:
Ehret wen ihr auch wollt! Nun bin ich
endlich geborgen!
Schöne Damen und ihr Herren der feineren Welt;
Fraget nach Oheim und Vettern und alten Muhmen und Tanten;
Und dem gebundnen Gespräch folge das traurige Spiel.
Auch ihr übrigen fahret mir wohl in großen und kleinen
Zirkeln, die ihr mir oft nah der Verzweiflung gebracht."18
So gebrauchte der Dichter das Inkognito in
Rom vor allem auch um jeglichen gesellschaftlichen Zwängen zu entgehen.
Außerdem gab es noch einen anderen triftigen Grund auf das Inkognito so
schnell nicht zu verzichten. Goethe war in Italien als Schriftsteller vor allem auch für
das Buch Die Leiden des jungen Werther bekannt. 1774 erschienen, hatte dieses Buch
nicht nur beim Publikum großen Erfolg gehabt, sondern auch einen gewaltigen Skandal
erregt, der alle Hüter der Ordnung auf den Plan rief. Deren Meinung nach stellte das Buch
einen nicht zu tolerierenden Angriff gegen das Recht, die Moral, die Familie und
natürlich die Religion dar. Der erbittertste und unnachgiebigste Kritiker, der Hamburger
Pastor Johann Melchior Goeze, benannte als einer der ersten den Kern des Problems, um den
sich die ganze Diskussion damals und auch später drehte. Dem Werther wurde
vorgeworfen, eine Apologie des Selbstmords zu sein. Die Behauptung, das jeder Mensch auch
Herr über sein eigenes Leben sei, irritierte die christlichen Kirchen, gleich welcher
Konfession. Es kam sogar soweit, dass Goethe in Rom auf den Index der Inquisition gesetzt
wurde und so bei einer Denunzierung mit einem Prozess vor der Kongregation rechnen musste.
Sein Inkognito schützte ihn vor einer solchen Gefahr, aber die Erinnerung an das stets
drohende Ungemach war nicht leicht zu vergessen und so schrieb er in den Römischen
Elegien in einem Distichon, das er nicht in die Endfassung aufnahm:
Wäre Werther mein Bruder gewesen,
ich hätt ihn erschlagen,
Kaum verfolgte mich so rächend sein trauriger Geist."19
Es handelte sich beim Inkognito also auch
um eine Maßnahme, die Goethe vor den päpstlichen Behörden verstecken sollte.
Als Goethe Ende Februar 1787 Neapel betrat, spürte er sofort, dass hier ein
völlig anderer Wind wehte. Die Beziehungen des neapolitanischen Hofes zur römischen
Kirche waren äußerst gespannt und so war dort auch die örtliche Inquisition abgeschafft
worden. Dies war mehr als genug um einem verbotenen Schriftsteller wie Goethe das Gefühl
der Sicherheit zu geben. In Neapel gab er deshalb sein Inkognito auf. Dort und in Palermo,
wo die Situation für Goethe ähnlich wie in Neapel war, bekannte sich Goethe öffentlich
als Autor des Werher und machte die Bekanntschaft von mehreren aufklärerischen
Schriftstellern, die ebenfalls auf dem Index standen. Über diese schreibt er am 27. Mai
an den Herzog Carl August: Ich habe mehrere interessante Menschen kennen lernen, um
derentwillen ich wohl noch eine Zeit bleiben möchte."20 Nach einem
mehrmonatigen Verzicht auf den Namen Möller machte er sich Anfang Juni wider auf den Weg
nach Rom, versehen mit einem Passierschein, der auf den Namen Monsieur Giovanni de
Goethe die Weimar, tedesco"21 lautete.
Spiel und Spaß
Doch war Goethes Leben in Rom nicht nur von
der Angst vor der Inquisition geprägt. Durch das Inkognito geschützt, konnte er doch
weitestgehend das Leben führen, dass er sich vorgestellt hatte. So bat er, als er nach
Rom kam, den Maler Tischbein um ein klein Stüpgen, wo er in Schlaffen und
ungehindert in arbeiten könnte, und ein ganz einfaches Essen"22, so
schrieb Tischbein am 9. Dezember 1786 an seinen Vater. Tischbein überließ Goethe das
kleine Zimmer neben dem seinen, das er gewöhnlich für seine Gäste bereithielt: Da
sitzt er nun jezo und arbeitet des Morgens an seiner Efigenia ferdig zu machen, bis um 9
Uhr, den gehet er aus und sieht die grosen hiesigen Kunstwercke."23 In der
Gesellschaft wollte Goethe allerdings niemandem vorgestellt werden. Seinem Freund Herder
schreibt er: ...mein Leben mit den Künstlern ist einzig diesem Ort angemessen. Das
andre Leben ist schaal wie überall und schaaler wo möglich. Ich will zuletzt nur einige
Becher schlurpfen."24 Herder, der Goethe in Rom besuchen kam, konnte
dessen Rückzug aus der feinen Gesellschaft nicht verstehen und schrieb an seine Frau:
Göthe spricht über Rom, wie ein Kind, und hat auch wie ein Kind, freilich mit
aller Eigenheit, hier gelebt; deshalb ers denn auch so sehr preiset. Ich bin nicht
Göthe, ich habe auf meinem Lebenswege nie nach seinen Maximen handeln können; also kann
ichs auch in Rom nicht."25 Herders ablehnende Haltung war nur allzu
logisch. Er kannte Goethe seit langer Zeit und berührte sogleich den springenden Punkt,
als er seiner Frau in den Briefen den tiefen Gegensatz zwischen ihm selbst und dem Freund
beschrieb. Er selbst repräsentierte in Rom die Norm, das richtige Verhalten, das seine
Stellung als Gelehrter und hoher Geistlicher in der Weimarer Gesellschaft garantierte;
Goethe das Gegenteil davon, nämlich die Übertretung der Norm, die Negierung der
Konventionen, den Dissens, der den Dichter in Gegensatz zur Gesellschaft, in der er lebte,
brachte. Es ist bezeichnend, dass Goethe in Italien in die Rolle des Kindes schlüpfte, um
seinen Dissens auszudrücken. Das Kind steht noch an der Schwelle der Gesellschaft und
sträubt sich, in diese Gesellschaft mit allen ihren Regeln angemessenen Verhaltens
einzutreten. Sein Widerstand ist bizarr und erfindungsreich und irritiert und verärgert
Eltern und Erzieher. Goethe wollte in Italien wieder Kind sein und vor allem wieder
spielen. Denn das Hauptmerkmal der Kindheit ist das Spiel, und es kann zu recht gesagt
werden, dass Goethe in Rom sein Leben als ein Spiel zu leben versuchte.
In den ersten vier Monaten seines römischen Aufenthaltes, vom November bis
zur Abreise nach Neapel, lebte Goethe in engster Lebensgemeinschaft mit Tischbein. Dieser
war ein erfahrener und intelligenter Führer, der genau Bescheid wusste über die antiken
und modernen Monumente, die geistlichen und weltlichen Schauspiele, die die Stadt bot.
Doch war er in Rom nicht nur ein guter Führer, sondern auch ein unzertrennlicher
Spielgenosse. Deutlich wird das in einem Brief Tischbeins vom 14. Mai 1821, in dem von
einem damals in Rom getriebenen Spaß die Rede ist: auch wird Ihnen das noch
gegenwärtig sein", schrieb der Maler an Goethe, wie wir uns übten, dem
Vorbeygehenden den Mantel von der Schulter zu winden."26 Hätte einer der
Deutschen den achtunddreißigjährigen Weimarer Geheimen Rat wie einen verrückt
gewordenen Studenten durch die Straßen rennen sehen, um den Passanten den Mantel von der
Schulter zu winden", dann hätte er wohl seinen Augen nicht getraut. Diese
vielen schönen Erinnerungen veranlassten Goethe am 30. Mai 1814, Kanzler von Müller zu
gestehen: Ich lebte 10 Monate lang zu Rom ein zweytes academisches
Freyheitsleben."27 Zu den Hauptvergnügen jener Monate gehörte auch der
Besuch der Osterien, der dem Ausgabenbuch zufolge sehr häufig vorgenommen wurde. In
diesen Weinschenken versammelten sich die Freunde, wurden Verbindungen angeknüpft, traf
man Dirnen an, entstanden Raufereien, blitzten die Messer, und nicht selten blieb einer
nach solchen Raufereien sogar tot am Boden liegen. Man spielte dort auch und tanzte zur
Musik. Schriftliche Äußerungen zu seinen Besuchen in den römischen Osterien hat Goethe
nicht hinterlassen, aber wir dürfen annehmen, dass seine Sammlung von italienischen,
volkstümlichen Texten, Motti, Liedern und Sprichwörter, die sich unter den Notizen zu
seiner Italienreise finden, den römischen Osterien viel verdanken. Und wo anders schon
als in römischen Osterien konnte man so gotteslästerliche rituelle Verwünschungen
hören wie Verflucht sei der Wolf, weil er Christus nicht fraß, als er noch ein
Lamm war"28 oder Aussprüche von eindeutig antiklerikalem Charakter wie
Heh! Seid ihr vielleicht das Kind eines Bettelmönchs". Schwerlich war wohl
auch in den Salons der Ausruf zu hören: Keine Angst vor einem Skandal, alle, die
hier reinkommen, sind Huren." Besonders viel Spaß bereitete Goethe das Spiel mit
seinen zum Zweck des Inkognitos angenommenen falschen Namen. Im Laufe seines
Romaufenthalts wechselte er je nach Gelegenheit zwischen Möller, Müller und Miller. Die
Krönung dieses Verwirrspiels wurde erreicht als Goethe der Titel Baron angeheftet wurde.
Wenn dieser auch nur für Geschäftsbeziehungen mit Italienern angewendet wurde, so war er
für die unauffällige Wahrung seines Inkognitos doch nicht gerade von Nutzen. Ein
Nachklang von dem Mißbehagen, das der Titel Baron bei ihm auslöste, lässt sich in der
als Hexenküche" betitelten Szene des Fausts ausmachen. Goethe schrieb
sie, wie er später Eckermann und Riemer erzählte, in den ersten Monaten des Jahres 1788
in Rom. Mephistopheles, der wegen seiner vornehmen Kleidung von der Hexe nicht gleich
erkannt wird, gibt zu , sich verkleidet zu haben, will aber dementsprechend angeredet
werden (Vers 2510-2514):
Du nennst mich Herr Baron, so ist die
Sache gut;
Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere.
Du zweifelst nicht an meinem edlen Blut;
Sieh her, das ist das Wappen, das ich führe!
Er macht eine unanständige
Gebärde."29
Der Teufel brüstet sich, ein Kavalier zu
sein, und gebraucht damit jenen Titel, mit dem Sante Collina Goethe auszuzeichnen pflegte
und der hier ebenso wie der Baron" durch die unanständige Gebärde"
ins Lächerliche gezogen wird.
Die enge Lebensgemeinschaft mit Tischbein währte nur vier Monate lang.
Danach kam es zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden, über das Goethe zwar stets
Stillschweigen behielt, das ihn aber dennoch zu folgender Passage in einem Brief
verleitete: Tischbein ist mit allen guten Qualitäten ein wunderliches
Thier, eine
Art Hasenfuß, ist faul, unzuverlässig, seitdem er von den Italiänern in das Metier der
Falschheit, das Wort- und Bundbrüchigkeit zu pfuschen gelehrt hat ... er hällt sich für
fein, und ist nur kleinlich, er glaubt intriguieren zu können, und kann höchstens die
Leute nur verwirren. Er ist unternehmend, hat aber weder Kraft noch Fleiß zum
Ausführen."30 Die Freundschaft mit Tischbein wurde nach und nach durch
eine Freundschaft mit einem anderen Maler ersetzt, dem erst vierundzwanzigjährigen
Friedrich Bury. In ihm meinte er wohl auch Züge Fritz von Steins zu sehen, für dessen
Erziehung er in Weimar zuständig gewesen war. Aus Rom schrieb er Fritz
unteranderem:
Auch ich habe wieder einen Fritz im Hause, einen jungen Maler, der recht geschickt
und gut ist."31 Das Leben, das Goethe wie ein Kind" in Rom
lebte, nahm eine neue Wendung. Dieses große Kind war inzwischen hier ein Stück gewachsen
und konnte nun wieder die Rolle einnehmen, die es in Weimar Fritz von Stein gegenüber
übernommen hatte. Das Wichtige war, den Kontakt zur Kindheit, aus dem Goethe noch Kraft
bezog, lebendig zu erhalten. In dieser neuen Freundschaft war es Goethe möglich die
Erinnerungen an seine eigene Kindheit zu reflektieren.
Die Wirtstochter
Im September 1827 kam der junge Maler und
Archäologe Johann Karl Wilhelm Zahn nach Weimar und verbrachte dort einige Abende im
Gespräch mit Goethe. Zahn zeichnete diese Gespräche auf und so lesen wir bei ihm:
Ja", sagte er, ich habe meine Zeit gut angewendet, sie nicht mit Visiten
vertrödelt, sondern emsig die Stadt und das Volk studiert...". Denn",
fuhr Goethe fort, erst die Liebe lehrte mich Rom verstehen", und zur
Erläuterung rezitierte er die beiden letzten Verse der ersten Elegie:
Eine Welt zwar bist du, o Rom, doch
ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom."32
Es ist jedoch mit gutem Grund anzunehmen,
das Goethe in Rom zu Beginn seiner Reise noch nicht wirklich die Liebe gefunden hat, denn
in einem Brief an den Herzog Carl August vom 29. Dezember 1787 zog Goethe eine Art Summe,
was die römischen Liebesusancen anbelangte. Der Anlass dazu war eine Reise Carl Augusts
nach Holland, für die er dem Herzog den gewohnten Erfolg bei seinen amourösen
Unternehmungen wünschte. Im Rom fügte er entmutigt hinzu, sei auf diesem Gebiet nicht
viel zu machen, und zu Erläuterung der Lage legte er einen detaillierten, scherzhaft
Beytrag zur statistischen Kenntnis des Landes" überschriebenen Bericht bei. In
diesem führte er an erster Stelle die Dirnen an, unsicher wie überall", an
zweiter Stelle kamen die Zitellen (unverheuratete Mädchen)". Die seien, wie er
schrieb, in Rom keuscher als irgendwo, sie lassen sich nicht anrühren ... . Denn
entweder man soll sie heurathen oder sie verheurathen und wenn sie einen Mann haben, dann
ist die Messe gesungen."33 Diese Erfahrung machte Goethe mit der
zwanzigjährigen Costanza Roesler. Sie half ihren Eltern als Bedienung in deren Osteria,
die von Goethe häufig frequentiert wurde. In einem Brief von ihr an Goethe heißt es:
Teuerster Freund! Gestern abend wurde mir ein eleganter Fächer gegeben; dann wurde er mir
wieder abgenommen, ich wünsche mir von Euch, dass Ihr sofort einen neuen für mich
findet, um jenem zu zeigen, dass es auch andere und vielleicht noch schönere Fächer
gibt. Verzeiht meine Kühnheit, ich verbleibe Costanza Roesler.34 Um den Sinn
dieses Briefes verstehen zu können, muss man wissen, dass im Italien dieser Zeit das
Verschenken eines Fächers mit einem Verlöbnis gleichzusetzen war. So unterrichtete
Costanza Goethe davon, dass ein Bewerber um ihre Hand einen Rückzug gemacht und den Platz
für ihn, der sie so sehr hofierte, frei gemacht hatte. Aber bekanntlich stellte sich
Goethe auf diesem Ohr immer taub, und sobald er merkte worauf es Costanza abgesehen hatte,
machte er sich aus dem Staub. Welche Art der Beziehung Goethe also im Sinne hatte, ist
leicht zu erraten. Denn, dass auch Goethe ab und zu wie alle Männer seines Alters und
seiner Zeit in Europa Prostituierte aufsuchte, steht außer Zweifel. Die Behauptung des
amerikanischen Psychoanalytikers österreichischer Herkunft Karl Essler, Goethe habe in
Rom zum ersten Mal sexuelle Erfahrungen gehabt, entbehrt jeder Grundlage. In einem Brief
an den Herzog vom 3. Februar 1787 schreibt er: Die Mägden oder vielmehr die jungen
Frauen, die als Modelle sich bey den Mahlern einfinden, sind allerliebst mitunter und
gefällig sich beschauen und genießen zu lassen."35 Goethe spricht hier
also über das übliche sexuelle, mit Geld oder Geschenken entlohnte Verhältnis, wie er
es in Gesellschaft des Herzogs in Deutschland so oft erlebt hatte. Denn schwerlich hätte
er seinem Dienstherren so vertraulich über dergleichen Dinge geschrieben, wenn er in der
Vergangenheit Erfahrungen dieser Art nicht mit ihm geteilt hätte. Goethe hatte sich viele
Illusionen über die Bereitschaft des Mädchens gemacht, sich mit ihm näher einzulassen.
Die Tochter eines bekannten Gastwirts wie Vinzenz Roesler wäre jedoch schwerlich mit
einem Gast ihres Vaters ins Bett gegangen. Costanzas etwas aufdringliche Koketterie, die
auch aus dem Brief spricht, täuschte. Als die Sache auf der Schneide stand, machte sie
offenbar einen Rückzieher. Dass er mit ihr nicht zu seinem Ziel gekommen war, veranlasste
ihn wohl auch zu seinem baldigen Aufbruch nach Neapel, denn er hätte die Abreise sicher
verschoben, wenn das Techtelmechtel mit Costanza bessere Ergebnisse gezeigt hätte. Goethe
machte Costanza vom 17. Januar bis zum 21. Februar den Hof, am 22. Februar 1787 brach er
nach Neapel auf.
Die schöne Mailänderin
Die mit Costanza erlittene Schlappe
schmerzte heftig, die Wunde wollte nicht so schnell verheilen. Der Verdacht drängt sich
auf, dass Goethe seinen Verdruss darüber, mit Costanza nichts zu wege gebracht zu haben,
auf Frau von Stein übertrug. Ihr schrieb er am 21. Februar, dem Tag vor seiner Abreise
nach Italien: An dier häng ich mit allen Fasern meines Wesens. Es ist entsetzlich
was mich oft Erinnerungen zerreisen. Ach liebe Lotte du weist nicht welche Gewalt ich mir
angethan habe und anthue und daß der Gedanke dich nicht zu besitzen mich doch im Grunde,
ich mags nehmen und stellen und legen wie ich will aufreibt und aufzehrt. Ich mag meiner
Liebe zu dir Formen geben welche ich will, immer immer Verzeih mir daß ich dir
wieder einmal sage was so lange stockt und verstummt. Wenn ich dir meine Gesinnungen meine
Gedanken der Tage, der einsamsten Stunden sagen könnte. Leb wohl. Ich bin heute konfus
und fast schwach."36 Rom die Stadt seiner Träume begann ihn abzuweisen
und das war nicht einfach zu ertragen. Er hatte jedoch eine Medizin bereit, die nicht Frau
von Stein hieß, denn diese war zu weit entfernt, um seine Wunden pflegen zu können: die
Schweizer Malerin Angelika Kaufmann. Sie war acht Jahre älter als Goethe und mit einem
venezianischen Maler verheiratet. Über sie schreibt Goethe in einem Brief an Frau von
Stein: Ich habe sie (die soeben vollendete neue Fassung der Iphigenie) der
Angelika vorgelesen und freute mich sehr über die gute Art wie sie das Gedicht empfand.
Sie ist eine trefliche zarte, kluge, gute Frau, meine beste Bekanntschaft hier in
Rom."37 Dem Italienischen Briefverzeichnis" zufolge schrieb er
ihr aus Neapel zwei Briefe, die allerdings verloren gegangen sind. Nach der Rückkehr nach
Rom im Juni wurden seine Beziehungen zu ihr immer enger. Angelika begann an den
Illustrationen zur Iphigenie zu arbeiten. Sie war für den Dichter, der keine
anderen gesellschaftlichen Kontakte pflegte, eine wertvolle Stütze und eine Brücke zu
den römischen Literaten. Die Liebenswürdigkeit der Malerin, die Lebhaftigkeit ihres
Geistes und ihr künstlerisches Prestige machten für Goethe den Besuch von Angelikas
Salon äußerst angenehm. Im Laufe des Sommers 1787 wurden diese Beziehungen noch enger,
wie das Portrait, das Angelika von Goethe malte und das von diesem für sie in seiner
Wohnung am Corso veranstaltete Konzert bezeugen. Auf dem Bild war er jedoch nicht der
reife, energische und entschlossene Mann, der seinen Freunden vertraut war, sondern ein
verlorener, hilfloser, trostsuchender Jüngling. Wahrscheinlich hatte Angelika Kaufmann
dabei übertrieben, wie es in ihrem Wesen lag, ein Zusammenhang mit der Wirklichkeit, mit
dem unglücklichen Moment, den der Dichter damals durchlebte, ist dennoch nicht
auszuschließen. Ein Brief vom 8. Juni an Frau von Stein verrät etwas von seiner
Seelenlage in diesem Moment. Er schrieb: Übrigens habe ich glückliche Menschen
kennen lernen, die es nur sind weil sie ganz sind, auch der Geringste wenn er ganz
ist kann glücklich und in seiner Art vollkommen seyn, das will und muß ich nun auch
erlangen ..."38
Angelika konnte ihm freilich wenig dabei helfen, diese
Ganzheit seiner selbst und jene ganz andere Existenz" zu verwirklichen. Goethe
war sich dessen von Anfang an bewusst, und je öfter er sie besuchte, desto klarer wurde
ihm dies. Es hatte wenig Sinn, zum Ausgleich wieder ein Verhältnis einzugehen, das von
der gleichen Art war wie jenes mehr als zehn Jahre lang in Weimar mit Frau von Stein
unterhaltene. Auch mit Angelika konnte es nur eine rein emotionale Beziehung geben, die
sich auf einer idealen Höhe bewegte und dazu angetan war, jeden wohlgesinnten
Menschen" zu erfreuen. Doch war Goethe auch nach Rom gekommen, weil er die
Aufspaltung seiner Gefühlswelt hier die Sexualität mit Freudenmädchen, dort die
den Damen der Gesellschaft vorbehaltenen schönen Gefühle nicht länger ertragen
wollte. Der Versuch seine Ganzheit bei Angelika zu suchen hätte nur bedeutet, in eine
Vergangenheit zu flüchten, die er in innerster Seele als endgültig abgeschlossen
betrachtete. In Rom mussten Fortschritte, neue Erfahrungen gemacht werden trotz aller
Widerstände, welche die reale Situation diesem Bestreben entgegensetzte. Bei Angelika
konnte er nur in den schwierigsten Augenblicken seines römischen Lebens Trost suchen,
nichts weiter.
Eine weitere Frau lernte Goethe bei seinem Italienaufenthalt kennen, die ihn
nachhaltig prägte und vorallem auch zu neuen literarischen Werken inspirierte. Im Oktober
weilte Goethe drei Wochen lang in Castelgandolfo, einem bekannten Ferienort. In einem
Brief von Goethe können wir lesen: Eine Mailänderin interessierte mich die acht
Tage ihres Bleibens, sie zeichnete sich durch ihre Natürlichkeit, ihren Gemeinsinn, ihre
gute Art sehr vorteilhaft vor den Römerinnen aus. Angelika war, wie sie immer ist,
verständig, gut, gefällig, zuvorkommend."39 Die schöne Mailänderin
hieß Maddalena Riggi. Ihr machte Goethe den Hof. Doch Maddalenas Horizont ging über die
Ehe nicht hinaus, was sie Goethe wahrscheinlich schnell zu verstehen gab. Dies genügte,
um diesen zu veranlassen, nach einer kurzen Annährung sein Werben einzustellen.
Erklärlicherweise übertrug er seine Bitterkeit auf die Gesamtheit der Italiener, die in
einem herrlichen Land lebten, in welchem ausgerechnet für die Liebe kein Platz war. Zwei
Monate später schrieb er am 29. Dezember jenen schon erwähnten Brief an Herzog Carl
August mit dem scherzhaften Beytrag zur Kenntnis des Landes". Die Beschreibung
der römischen Liebessitten war erbarmungslos. Den jungen Mädchen im heiratsfähigen
Alter schrieb er jede Fähigkeit ab, sich zu verlieben: Was das Herz betrifft, so
gehört es gar nicht in die Terminologie der hiesigen Liebeskanzley".
Als Goethe vierzig Jahre später den dritten Teil der Italienischen Reise
über den zweiten Teil seines römischen Aufenthaltes schrieb, wurde auch die Erinnerung
an Maddalena Riggi wieder wach. Diese Erinnerung gab Goethe wohl die erste Idee zu einer
Geschichte von unglücklicher Liebe, die für den Oktoberbericht" der Italienischen
Reise geeignet war. In diesem Oktoberbericht" beschreibt Goethe, dass er
von einem Freund eingeladen wurde, die Ferien in Castelgandolfo zu verbringen. Dort macht
Goethe die Bekanntschaft von einer schönen Römerin und einer schöner Mailänderin. Mit
beiden verlebt er hinreisende Tage und beschreibt beide als äußerst entzückende Wesen.
Die Mutter der Römerin beunruhigt Goethe jedoch durch ihre kaum verhüllten
Heiratspläne, in dem sie Goethe darauf aufmerksam macht, dass es nicht üblich sei zwei
Mädchen gleichzeitig den Hof zu machen. Goethe, der daraufhin sein Werben auf die schöne
Mailänderin beschränkt, die trotz der Gefahr offensichtlicher Heiratspläne eine Bresche
in sein Herz geschlagen hat, erfährt von der Mutter der Römerin, dass die Mailänderin
bereits verlobt sei und stellt sein Werben darauf hin ein.
Die Geschichte war jedoch zu schön um sie so enden zu lassen. Eine
Fortsetzung musste her. Sie findet sich in den Berichten über den Dezember 1787 und die
Monate Februar und April 1788. Goethe, der nach Rom zurückgekehrt ist und seinen
gewohnten Beschäftigungen nachgeht, erhält die Nachricht, das die Verlobung der
Mailänderin gelöst wurde. Das vor Kummer erkrankte Mädchen kann sich von nun an
täglich darüber freuen, dass sich Goethe nach ihrem Befinden erkundigt. Später,
während des Karnevals im Februar trifft Goethe sie wieder in der Begleitung ihrer neuen
Freundin Angelika. Die letzte Begegnung findet kurz vor der Abreise aus Rom statt. Obwohl
Goethe weiß, dass wieder ein junger Mann mit ernsthaften Heiratsabsichten um die Hand der
schönen Mailänderin wirbt, kommt es zu einem zärtlich intimen Adieu. Der Dichter spielt
hier also schon wieder die Rolle des störenden Dritten. Das Dreiecksschema, bei dem das
Mädchen schwankt zwischen der Neigung zu einem Fremden und dem Wort, das es dem Verlobten
gegeben hat, faszinierte Goethe immer noch. So übernahm er es aus dem Werther in
die Italienische Reise und gestaltete nach diesem Vorbild sein Erlebnis in
Castelgandolfo.
Erstaunlich an der Novelle" von der schönen Mailänderin, der
zweifellos römische Erlebnisse zugrunde liegen, ist nicht so sehr die Erfindung an sich.
Vielmehr gilt es festzuhalten, dass hier Wirklichkeit und Fiktion so meisterlich
miteinander verwoben sind, dass das, was Thomas Manns über den Werther schreibt,
ebenso für die Geschichte der schönen Mailänderin gelten kann. Goethe gelang es auch
hier Wirklichkeit und Erfindung mit jener gefährlichen Kunst zu vermischen, die
sich darauf versteht, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben und dem Erfundenen
den Stempel des Wirklichen zu verleihen, so daß der Unterschied zwischen beiden
tatsächlich aufgehoben und eingeebnet scheint."40
Das Rätsel Faustines
Aus Goethes Briefwechsel geht hervor, dass
er die Römischen Elegien im Herbst 1788 zu schreiben begann und im Frühjahr 1790
vollendete. Aber weder in den zahlreichen Briefen, die ihre Entstehung begleiteten, noch
in jenen, die er aus Rom nach Deutschland schrieb, erwähnte er je die Frau, die sie
inspiriert hatte. Es ist daher auch nicht wirklich stichhaltig bewiesen, oder von Goethe
selbst ausgesprochen worden, dass eine solche Frau überhaupt existiert hat. Dennoch
spricht vieles dafür, wie später auch noch gezeigt werden soll und es wird an dieser
Stelle einfach angenommen, dass eine solche Frau existiert hat. Der Name Faustine, der in
den Elegien genannt wird, trägt allerdings nicht viel dazu bei das Geheimnis
dieser Frau zu lösen. Er wird nur ein einziges Mal erwähnt und es scheint so, als sei er
erst nachträglich zugefügt worden. Er erscheint zum ersten Mal in einer der beiden
erhaltenen Handschriften mit dem vollständigen Text der Römischen Elegien. Am 1.
Januar 1791 berichtete Goethe dem Freund Knebel, dass er mit der Durchsicht dieser
Exemplare gerade fertig geworden sei. Ein Blick in diese Handschrift zeigt, dass der Name
Faustine hier die Worte mein Mädchen" ersetzt, die durchgestrichen wurden.
Auch der Umstand, dass Goethe die römische Geliebte in den venezianischen Epigrammen
nennt, stimmt mit diesen Befunden überein. Wenn wir also bedenken, dass die Venezianischen
Epigramme 1790 in Venedig entstanden, dann dürfen wir schließen, dass Goethe erst
nach reiflicher Überlegung und nach der Vollendung aller römischen Elegien
beschloss, den Namen Faustine einzufügen. Er wählte ihn, so dürfen wir vermuten, nicht
zufällig, sondern wegen seines symbolischen Gehalts. In der fünfzehnten Römischen
Elegie zitiert Goethe die Vita Kaiser Haddrians, die erste Lebensbeschreibung in der Historia
Augusta. An dritter Stelle folgt auf diese das Leben des Kaisers Antonius Pius, in
welcher im dritten Paragraphen auch von Faustina, seiner Gemahlin und ihrer
Übermaßigen Freiheit der Sitten" erzählt wird. Der Name Faustina war also
ein Programm, denn er repräsentierte treffend die sexuelle Freiheit, die die antiken
Römerinnen, ja selbst die Frau des Kaisers, der höchsten Autorität im Staate, trotz der
Ehe genossen hatten. Ein weiteres Indiz für die Existenz einer Liebesbeziehung Goethes
könnte der Brief Goethes vom 16. Februar 1788 sein, den er dem Herzog schrieb und in
welchem er ihm mitteilte: Sie schreiben so überzeugend, daß man ein cervello tosto
sein müsste, um nicht in den süßen Blumen Garten gelockt zu werden. Es scheint, daß
Ihre gute Gedancken unterm 22. Januar unmittelbar nach Rom gewürckt haben, denn ich
könnte schon von einigen anmuthigen Spaziergängen erzählen. So viel ist gewiß und
haben sie, als ein Doctor longe experientissmus, vollkommen recht, daß eine dergleichen
mäßige Bewegung das Gemüth erfrischt und den Körper in ein köstliches Gleichgewicht
bringt. Wie ich solches in meinem Leben mehr als einmal erfahren, dagegen auch die
Unbequemlichkeit gespürt habe, wenn ich mich von dem breiten Wege, auf dem engen Pfad der
Enthaltsamkeit und Sicherheit einleiten wollte."41 Die Terminologie ist
sehr euphemistisch. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass wie schon von anderer Seite
nachgewiesen wurde, die Worte Spaziergang" und Garten" zu dieser
Zeit sehr gebräuchliche sexuelle Metaphern waren, dann handelt es sich, so dürfen wir
annehmen, um ein Liebesverhältnis, bei dem auch die Sexualität eine wichtige Rolle
spielt. Man kann annehmen, dass es sich hierbei nicht um käufliche Liebe handelt, da
Goethe in der sechzehnten Elegie schreibt:
Gar verdrißlich ist mir einsam das
Lager zur Nacht.
Aber ganz abscheulich ists auf dem Wege der Liebe
Schlangen zu fürchten und Gift unter den Rosen der Lust;
Wenn im schönen Moment der hin sich gebenden Freude
Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht.
Darum macht mich Faustine so glücklich, sie teilet das Lager
Gerne mit mir und bewahrt Treue dem Treuen genau."42
Was hier aus Goethe spricht, ist zum einen
die Angst vor Geschlechtskrankheiten, die ein weit verbreitetes Übel waren und denen der
Herzog noch selbst, nämlich auf seiner Hollandreise, zum Opfer gefallen war. Auch in Rom
war es leicht sich bei Dirnen anzustecken, wie der Fall von Adrian Camper, dem Sohn des
berühmten holländischen Anatomen Petrus Camper, beweist. Im Brief vom 29. Dezember 1787
hatte Goethe Carl August die Ankunft des jungen Camper in Rom gemeldet, wo dieser dann
einmal bei einer geselligen Gelegenheit die väterlichen Lehren den deutschen Freunden
erläuterte. In einem wahrscheinlich 1790 in Venedig geschriebenen Epigramm, das wegen
seines erotischen Inhalts erst postum veröffentlicht wurde, erinnert Goethe scherzhaft
daran, wie sich der junge Holländer einen in der ewigen Stadt zugezogenen Tripper mit
Quecksilber behandeln lassen musste:
Camper der jüngere trug in Rom die
Lehre des Vaters
Von den Tieren uns vor wie die Natur sie erschuf,
Bäuche nahm und gab, dann Hälse, Pfoten und Schwänze.
Alles gebrochenes Deutsch so wie geerbter Begriff.
Endlich sagt er: Vierfüßiges Tier wir haben s vollendet
Und es bleibet uns nur, Freunde, das Vöglen zurück!
Armer Camper du hast ihn gebüßt den Irrtum der Sprache,
Denn acht Tage darnach lagst du und schlucktest Merkur."43
Ein anderer Hinweis auf die Existenz der
Römerin ist ein Brief, dem allerdings Absender und Datum fehlen. Er ist in aüßerst
mangelhaftem Italienisch geschrieben, das vermuten lässt, dass die Absenderin aus einer
unteren Gesellschaftsschicht kam. In diesem Brief heißt es sinngemäß: Ich möchte
wissen, warum Ihr gestern abend so fortgegangen seid, ohne mir etwas zu sagen. Ich
fürchte, Ihr seid zornig mit mir, aber ich hoffe nicht. Ich bin ganz für Sie. Liebt
mich, wenn ihr könnt, so, wie Ich Sie liebe. Ich hoffe, eine gute Antwort von Ihnen zu
haben, die, ich hoffe, nicht so ist, wie ich gedacht habe. Adieu, Adieu."44
Es handelt sich um einen Liebesbrief, aus dem ein echtes,
aufrichtiges Gefühl spricht; der Text erinnert an die sechste Elegie, die aus diesem Kern
heraus offenbar entwickelt wurde. Er stellt jenen realen Hintergrund dar, der, kunstvoll
verwandelt und bereichert, so oft in Goethes Werken durchschimmert.
Wie im Brief spricht das Mädchen auch in der Elegie in der ersten Person, um
den eifersüchtigen Liebhaber zu beruhigen und seine Treue zu beteuern:
Kannst du, o Grausamer! mich in
solchen Worten betrüben?
Reden so bitter und hart liebende Männer bei euch?"45
Doch es liegen Welten zwischen dem
literarischen Text und dem biographischen Zeugnis. In der Elegie wird die Situation
dramatisch ausgestaltet. Dieser Auszug aus der Elegie zeigt deutlich, dass die Sprecherin
in diesem Fall ein ganz anderes Selbstbewusstsein hat, als die Schreiberin des Briefes. In
der Elegie klagt die Sprecherin an. Im Brief zeigt sich nur die Sorge darüber, den
Geliebten, der in eifersüchtigem Zorn davongelaufen ist zu verlieren. Sie wagt es nicht
ihn mit du anzureden, und schwankt schüchtern zwischen dem Ihr" und dem
Sie", wodurch zwischen den Liebenden eine gesellschaftliche Barriere
aufgerichtet wird. Ganz anders in der Elegie: Das Mädchen spricht in freimütig,
vorwurfsvollem Ton und weist entschieden alle Verdächtigungen zurück, wobei es ihn mit
du anredet. Dieses Du" hebt den gesellschaftlichen Unterschied auf und
verbindet das Paar in einer Intimität, die der Liebe entspringt.
Gehen wir also davon aus, dass es eine Liebesbeziehung gab, so war deren
wichtigster Aspekt, deren spezifische Natur. Es handelte es sich um eine freie Liebe, bei
der es möglich war, sexuell zu verkehren, ohne eine Ehe eingehen zu müssen. Goethe
verabscheute diese Institution, weil die Ehe zu seiner Zeit nur ein zwischen den Parteien
ausgehandelter Vertrag war, der die Familie begründete und Nachkommenschaft garantieren
sollte, ohne dass das Herz dabei etwas zu sagen gehabt hätte.
Dies bedeutet freilich nicht, dass der Stoff der Römischen Elegien
nur aus dieser Liebe gewirkt ist, ebensowenig wie das Liebesverhältnis allein das
poetische Werk erklären kann. Denn die Poesie ist, wie Goethe selbst gelehrt hat, kein
Abbild der Wirklichkeit, so sehr sie selbst auch den Eindruck erwecken mag. Dennoch hatte
das römische Liebeserlebnis tiefen Einfluss auf Goehtes weiteres Leben. Die reifste
Frucht dieser römischen Liebe erntete er in Weimar, als er zwei Wochen nach seiner
Rückkehr Christiane Vulpius kennenlernte, ein Mädchen, das wie seine
Faustine" aus sehr einfachen Verhältnissen stammte. Mit ihr ging er jenes
freie Liebesverhältnis ein, das er in Rom erprobt hatte.
1828 , vier Jahrzehnte nach seinem Aufenthalt in Italien, schaute sich Goethe
die auf seinen Romaufenthalt bezüglichen Papiere in seinem persönlichen Archiv wieder
an, um den letzten Teil der Italienischen Reise vorzubereiten. Damals fiel ihm
vielleicht auch dieser kleine Brief wieder in die Hände und es ist gut möglich, dass er
an die Absenderin dachte, als er am 9. Oktober 1828 Eckermann gegenüber folgende
bedeutsame Erklärung abgab: Ja, ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe,
was eigentlich ein Mensch sei.- Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich
später nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich
nachher nie wieder froh geworden."46 Es wäre doch zu schade würden sich
diese Worte nicht auf die geheimnisvolle Römerin beziehen.
Der Abschied
Für die Rückreise nach Deutschland, die
er am 24. April 1788 in Rom antrat, brauchte Goethe fast zwei Monate; erst am 18. Juni
langte er wieder in Weimar an. Während der Heimreise machte er in Siena, Florenz,
Bologna, Modena, Parma und Mailand Station. Im letzten Teil der Italienischen Reise
berichtet er jedoch nichts von diesem langsamen Rückweg. Das Werk endet mit der Abreise
aus Rom. Goethe wollte seinem Abschied von der ewigen Stadt, mit dem seine wichtigste
Lebenserfahrung ihren Abschluss fand, eine hohe symbolische Bedeutung geben und ließ
deshalb die Italienische Reise mit der Beschreibung der letzten Tage in Rom zu Ende
gehen.
Kurz vor seiner Abreise wandelt er, der für Mondlicht schon immer sehr
empfänglich war, in einer hellen Mondnacht durch Rom. In der Italienischen Reise
schreibt er darüber: Und wie sollte mir gerade in solchen Augenblicken Ovids Elegie
nicht ins Gedächtnis zurückkehren, der, auch verbannt, in einer Mondnacht Rom verlassen
sollte. ´Cum repeto noctem!´ seine Rückerinnerung, weit hinten am Schwarzen
Meer, im trauer- und jammervollen Zustande, kam mir nicht aus dem Sinn, ich wiederholte
das Gedicht, das mir teilweise genau im Gedächtnis hervorstieg, aber mich wirklich an
eigner Produktion irre werden ließ und hinderte; die auch später unternommen, niemals
zustande kommen konnte.
Wandelt von jener Nacht mir das traurige
Bild vor die Seele,
Welche die letze für mich ward in der Römischen Stadt,
Wiederhol ich die Nacht, wo des Teuren so viel mir zurückblieb,
Gleitet vom Auge mir noch jetzt eine Träne herab.
Und schon ruhten bereits die Stimmen der Menschen und Hunde,
Luna, sie lenkt in der Höh nächtliches Rossgespann.
Zu ihr schaut ich hinan, sah dann kapitlische Tempel,
Welchen umsonst so nah unsere Laren gegrenzt."47
Dem melodramatischen Effekt opferte Goethe
die Logik des Sinns. Wie konnte er seine Abreise aus Rom mit der Strafe des Exils
vergleichen, zu dem Kaiser Augustus Ovid verurteilt hatte?
Der Dichter sprach von Exil, weil er gezwungen worden war, Rom zu verlassen,
um seinen alten Platz am Weimarer Hof wieder einzunehmen. Goethe war in den römischen
Urlaub geflüchtet, ohne auf das Gehalt verzichten zu müssen, das der Herzog Carl August
ihm auch während seiner Abwesenheit weiterbezahlte. Mitte März schrieb der Herzog an
Goethe, dass es nun an der Zeit sei nach Weimar zurückzukehren. Er habe auch Vorkehrungen
getroffen, um ihn von allen aufwändigen Regierungsgeschäften zu befreien. Am 17. März
antwortete ihm Goethe mit einem langen Brief, der mit den Worten begann: Ihren
freundlichen, herzlichen Brief beantworte ich sogleich mit einem fröhlichen: ich
komme!"48 Was hätte er auch anderes sagen sollen? Goethe befand sich in
der Lage, dass ihn Existenzbedingungen dazu zwangen, sein Leben im Dienst eines Fürsten
zu verbringen, er aber nun trotzdem in der Lage war das Wichtigste zu retten, nämlich die
intellektuelle Unabhängigkeit. Die Wunde, die der Abschied von Rom in seinem Herzen riss,
verheilte dennoch nie gänzlich und so schrieb er: In der letzten römischen Zeit
hatte ich nichts mehr zu sagen, es ging hart zu da ich mich trennte."49
Und doch hatte Goethe das Ziel erreicht, dass er sich von dieser Reise erhofft hatte und
war um viele Erfahrungen reicher, als er nach Weimar zurückkehrte. Mit Recht kann er also
behaupten:
In Rom hab ich mich selbst
zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig
geworden ..."
Anmerkungen
Goethe, Italienische Reise, insel taschenbuch,
Rückseite
R. Zapperi, Rückseite
R. Zapperi, S. 8 39
R. Zapperi, S. 182
R. Zapperi, S. 7 40
R. Zapperi, S. 200
R. Zapperi, S. 9 41
R. Zapperi, S. 210
R. Zapperi, S. 16 42
R. Zapperi, S. 210
R. Zapperi, S. 16 43
R. Zapperi, S. 211
R. Zapperi, S. 17 44
R. Zapperi, S. 221
R. Zapperi, S. 17 45
R. Zapperi, S. 222
R. Zapperi, S. 18 46
R. Zapperi, S. 238
R. Zapperi, S. 18 47
J. Goethe, S. 733 ff.
R. Zapperi, S. 21 48
R. Zapperi, S. 258
R. Zapperi, S. 35 49
R. Zapperi, S. 259
R. Zapperi, S. 35
R. Zapperi, S. 41
R. Zapperi, S. 42
R. Zapperi, S. 43
R. Zapperi, S. 49
R. Zapperi, S. 93
R. Zapperi, S. 94
R. Zapperi, S. 94
R. Zapperi, S. 95
R. Zapperi, S. 95
R, Zapperi, S. 98
R. Zapperi, S. 100
R. Zapperi, S. 104
R. Zapperi, S. 106
R. Zapperi, S. 107 ff.
R. Zapperi, S. 117 ff.
R. Zapperi, S. 123
R. Zapperi, S. 124
R. Zapperi, S. 133
R. Zapperi, S. 153
R. Zapperi, S. 150
R. Zapperi, S. 140
R. Zapperi, S. 171
R. Zapperi, S. 172
R. Zapperi, S. 175

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