Goethe und sein Umfeld

Hausarbeiten des LK Deutsch 13
Schuljahr 2000/2001

Myriam Günth: Italienreise | Christian Breun: Goethes Reise nach Italien 1786 | Natascha Buch: Das Tagebuch der Charlotte von Stein | Eva Nagel: Christiane Vulpius. Ein Leben | Veronica Catalán, Diane Geiß: Schiller und Goethe


Ulrike Bacher
 

Charlotte von Stein: Zum Abschied!

Quellen: „ Charlotte von Stein" von Jochen Klauß
Internet: www. Uni-Frankfurt.de

 

Von Charlotte von Stein

Weimar, den 2.12.1826

Zum Abschied!

Ich, Charlotte von Stein, geborene von Schardt, geboren am 25.12.1742 in Eisenach, verfasse diesen Brief, da ich spüre wie mich langsam der Hauch des Lebens verlässt. Nun wenn ihr diesen, meinen Brief lesen werdet, werde ich schon von Euch gegangen sein und den Weg gen Himmel antreten.
   Nun, da ich den letzten Abschnitt meines Lebens angetreten habe, und mir der Tod so direkt ins Auge sieht, bin ich in mich gekehrt und habe nochmals über alle Ereignisse in meinem Leben nachgesonnen, die manchmal schmerzlich, doch oft beglückend, mein Leben beeinflusst haben. Doch stehen die Ereignisse nicht für sich alleine, denn vielmehr verbinde ich mit ihnen Menschen, die damit verbunden waren und somit zu einem wichtigen Teil meines Lebens wurden. Diesen Menschen möchte ich danken, da sie mein Leben zu dem gemacht haben was es für mich war, nämlich überaus lebenswert. Ich möchte Euch allen aber nicht nur allgemein danken, sondern habe an jeden, der mir im Leben wichtig war und ist einen Brief verfasst. Natürlich sind diese Briefe vor allem für mich nochmals ein Rückblick auf mein Leben. So kann ich es nun beruhigt beenden.
   Dem Tod trete ich ohne Furcht entgegen, denn ich weiß, dass ich nach einem langen, lebenswerten und sinnvollem Leben nun diesen weiteren Schritt gehen muss.
   Meine Lieben, ich danke euch vielmals, dass ihr meinem Leben die Erfüllung und den Sinn gegeben habt, den ich alleine niemals gefunden hätte. Ich verspreche Euch, dass ich immer über Euch von Himmel aus wachen werde.
   Meine Lieben, ich werde euch ganz tief in meinem Herzen mit einschließen und Euch für immer in meinen Gedanken behalten.

Eure Charlotte von Stein.

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An meine geliebte Mutter Concordia Elisabeth von Schardt!

Liebste Mutter ich habe immer Deine klaglose, gradlinige, demütige Art bewundert, wie Du Dein schweres, schicksalhaftes Leben gemeistert hast. Dass Du sechs Deiner Kinder Gott übergeben musstest, bedeutete einen schweren Schicksalsschlag für Dich. Ja, Gott und der Glaube gaben Dir Kraft Schweres würdevoll zu meistern und Deinen elf Kindern die Zuneigung und Liebe zu schenken, die sie benötigten.
   „Die Pflicht ist Dir zur Neigung geworden"², denn alles was Du tatest, hast Du ganz und gar und mit Hingabe getan und manchmal sogar ein wenig darüber hinaus. Deine heroische Art, mit der Du, liebste Mutter, eine Pflichtheirat mit einem dreizehn Jahre älteren Mann auf Dich genommen hast und zehn Jahre lang ihm treu zur Seite standest, ist bewundernswert.
   Liebste Mutter, das schottische Blut, das schnell in Deinen Adern fließt, gab Dir immer innere Seelenstärke.
   Nicht nur meinen wachen Verstand und meinen Realitätssinn, sondern auch meinen dunklen Teint und meine dunklen Augen habe ich alleine Dir zu verdanken. Unzweifelhaft hast Du mich zu der persönlichkeitsstarken Frau gemacht, die ich bis heute bin und immer schon war.
   Du, liebste Mutter, legtest keinen Wert auf materielle Dinge, verkauftest sogar alles nach Vaters Tod, um unsere Schulden zu tilgen, und bewohntest eine kleine Dienstwohnung. Auch Status zählte für Dich nicht viel, bescheiden lebtest Du durch Flick- und Näharbeiten in Selbstgenügsamkeit.
   Einzig und allein zählte für Dich Menschlichkeit und Liebe, und vor allem diese Wesenszüge machten Dich zu der Frau/ Mutter, die ich über alles bewundere, respektiere und vor allem liebe. 

Deine Dich liebende Tochter

Charlotte

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An meinen Vater, Johann Wilhelm Christian von Schardt, herzoglich-weimarischer Reisemarschall, „Exzellenz"!

Du Vater bildest das genaue Gegenbild zu meiner Mutter. Ich habe Dich als einen strengen, ehrgeizigen und materiell eingestellten Menschen in Erinnerung. Dein materiell geprägtes Statusdenken machte uns manchmal lächerlich und führte uns beinahe in den Ruin.
   Deine Unfähigkeit das Mach- und Vertretbare zu erkennen ließ nicht nur Dir die Hofnarrenrolle zukommen, sondern beschämte auch Deine Frau und Deine Kinder. Aussprüche über Dich und Dein Verhalten bei Hofe, wie zum Beispiel „... und es war eine wahre Unterhaltung, seine derartige Geschäftigkeit zu beobachten. Die Herzogin selbst, neben der er, wenn niemand Fremdes da war, den Sitz hatte, lächelte oft darüber."² , von Carl von Lyncker, nahmen wir Kinder voller Scham zur Kenntnis.
   Vor lauter „Geschäftigkeit"² bei Hofe hast Du leider Deiner Familie nicht die gebührende Zeit geschenkt, die sie verdiente. Und so sind wir Kinder Dir fremd geworden.
   Letztendlich war es Deine Eitelkeit, die Dich über alles prägte.
   Die emporgezogene Stirnhaut unter der Perücke, die die Spuren des Alters verdecken sollte, brachte Dir und auch Deiner Familie nur Spott und Hohn ein.
   Darüber hinaus versetzten mir Sprüche, wie „In dieser Familie sind die Weiber gescheit und die Männer dumm bis zum Sprüchwort."² wie Friedrich Schiller sie zu sagen pflegte, immer einen Stich im Herzen.
   Trotz allem danke ich Dir Vater, für all die Unterstützung und Verwirklichung meiner Ausbildung. Dir habe ich es zu verdanken, dass ich nun in Dingen wie Lesen, Rechnen, Schreiben, Musik ,Französisch und Tanzen befähigt bin, und somit dem Sprichwort von Schiller gerecht werden kann.
   Dank Dir habe ich schon früh die Fähigkeit als gute und scharfblickende Beobachterin ausbilden können. Da Mutter und Du Euch im Wesen so völlig unterscheidet, wurde in diesen Jahren in meinem Elternhaus mein Realitätssinn fest geformt. Ich konnte versuchen aus Deinen Fehlern zu lernen und ein besserer Mensch zu werden. Ich hoffe, dies ist mir gelungen, denn dies war es, was ich mir in jungen Jahren einst geschworen habe.

Deine Tochter Charlotte von Stein

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An meine Schwester Louis Franziska Sophie von Imhoff!

Liebste Schwester, schon immer habe ich deine bildhübsche Erscheinung bewundert und geliebt. Wie traurig war ich, als ich erkennen musste, dass Du Dir ausgerechnet einen genauso materiell geprägten und verschwenderischen Mann, wie Vater es war, aussuchtest. Doch trotz allem hat es sein Gutes, denn er hat Dir vier wundervolle Kinder geschenkt, die Deine ganze Zuneigung und Liebe verdient haben. 

Charlotte

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An meine kranke Schwester!

Liebe Schwester, meine arme kränkliche, schwache Schwester, wie konnte ich Dir nur helfen?
Ich hoffe Du hattest ein glückliches, wenn auch kurzes Leben, das durch Deine Arbeit noch erfüllter wurde.

Deine Schwester

Charlotte

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An meine drei Brüder!

Danke, dass Ihr meine Brüder seid.
   Kammerjunker und Oberforstmeister, Friedrich Ernst Ludwig; Ernst Carl Constantin, der Jurist und schließlich mein jüngster Bruder Ludwig Ernst Wilhelm.
   Liebster Louis, leider bist Du in Deiner Natur sehr dem Vater nachgeschlagen, denn „Dein Verstand ist (leider) zu wenig kultiviert"². Trotz allem sollst Du wissen, dass ich Dich liebe.

Eure Schwester Charlotte

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An meinen Mann, Gottlob Ernst Josias Friedrich, Freiherr von Stein!

Mein liebster Josias mit Dir, dem ich fast dreißig Jahre lang treu verbunden war, fällt es mir schwer zu kommunizieren. Wenn ich an Dich zurückdenke, sehe ich Dein männlich- volles Gesicht, das sein Gegenüber mit den Augen immer prüfend betrachtet, vor mir. Deine hohe und breite Stirn, die leicht geschwungenen Brauen über skeptisch dreinschauenden Augen, die etwas gebogene Nase, die sinnlich vollen Lippen und das kräftig ausgebildete Kinn vermittelten mir immer den Eindruck eines energischen, tatkräftigen Menschen, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Deine Erscheinung zeigt keinen Dummkopf, sondern vielmehr einen Praktiker, der den Freuden des Lebens ebenso wenig abgeneigt ist, wie er auch vor Schwierigkeiten nicht zurückschreckt. Du warst seit Lebens ein stattlicher Kavalier, der auf Frauen wie Männer sympathisch wirkte, also das genaue Gegenstück zu meinem Vater bildete. Vielleicht war es genau dies, was mich von Anfang an zu Dir hinzog. Deine elegante, legere Kleidung ließ Dich immer sehr respekt- und würdevoll erscheinen und stand somit im genauen Gegensatz zum Hofnarrenbild meines Vaters. Denn bei Dir konnte Schiller nicht mehr behaupten, dass in dieser Familie die Weiber gescheit sind und die Männer das genaue Gegenstück bilden. Nein, mein Liebster, Du warst immer ein gescheiter Mann.
   Du warst seit Lebens ein treuer, pflichtbewusster, rechtschaffender Ehemann, dem ich und meine Kinder viel zu verdanken haben. Zwar warst Du oft fernab von Zuhause, doch lebtest Du für Deine Arbeit ( Deine technischen Neuerungen beeindruckten mich immer sehr, zeigten sie doch welch kluger Kopf Du bist), dies respektierte ich immer, auch wenn es mir oft sehr schwer fiel.
   Doch nach Deinem schrecklichen Pferdeunfall änderte sich unser Leben. Glaube mir, mich schmerzte es sehr, Dich so zu sehen, so voller Qualen und Schmerzen. Deine pflichtbewusste Erfüllung bei Hofe trotz Deiner schweren Krankheit ist bewundernswert. Alle behaupten, ich hätte mein schweres Los pflichtbewusst getragen, doch ist dies nicht die Aufgabe einer liebenden Ehefrau ihren Mann zu pflegen? Du warst derjenige, der sein schweres Los pflichtbewusst getragen hatte.
   Liebster Josias, „ wohl denen, die die Kraft haben, das Leben wegzuwerfen, wenn es ihnen und anderen zur Last wird", aber dazu warst Du viel zu pflichtbewusst.
   Der Tag Deines Todes war ebenso der traurigste, als auch der befreiendste Tag meines Lebens. Ich hoffe Du vergibst mir diese egoistische Denkart, doch war ich froh Dich endlich von Deinen Schmerzen befreit zu sehen und den Frieden auf Deinem Gesicht wahrzunehmen.
   Goethe war immer nur ein Freund, ein sehr guter Freund zwar, aber ich möchte, dass Du weißt, dass Du immer der einzige Mann an meiner Seite warst, bist und immer sein wirst.
   Ich werde Dich nicht als den von Krankheit gezeichneten Mann in Erinnerung behalten, sondern als den stattlichen, sympathischen, klugen und eleganten Mann, der du zeit Lebens warst und zu dem ich mich immer hingezogen gefühlt habe.

Deine Dir treu ergebene Ehefrau Charlotte

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Liebster Ältester, liebster Carl von Stein!

Mein nüchterner, skeptischer, allem großen Getue abgeneigter ältester Sohn Carl! Dein Vater und auch ich liebten Dich immer sehr, auch wenn Du uns durch Deine Verschwendungslust oft großen Kummer bereitet hast.
   Warum kamst Du Dir seit Lebens denn als benachteiligt Deinen Brüdern gegenüber vor? Haben Dein Vater und ich, Deine Mutter, Dir nicht alles gegeben, was Du brauchtest? Studien in Helmstedt und Göttingen haben wir Dir ermöglicht. Natürlich musst Du mich verstehen, Du als mein Ältester hast weniger Fürsorge benötigt, Dein kleiner Bruder Fritzen hingegen benötigte immer meine volle Aufmerksamkeit. Die Schulden, in die Du Dich verstrickt hast, werde ich Dir nie verzeihen, denn ich habe Dir immer versucht beizubringen, dass der wahre Wert im Leben im richtigen Umgang mit Geld liegt. Aber als Deine Mutter liebe ich Dich, bitte vergiss das nicht. Übrigens, das mit Deinen Schulden, „dass passiert nur Leuten, die solche Narren sind, allen Menschen ihr Geld aufdrängen zu wollen."
   Vielen Dank für mein „ Tochtergen"², Deine wunderhübsche, bezaubernde Frau Amelie, die Dir und mir immer so viel Freude bereitet hat.
   Lieber Carl, mein kleiner Briefeschreiber, mit Deinen Briefen warst Du nie knapp bei der Hand, die mit Metaphorik nur so geziert waren. Ja, mein großer Sohn, vielleicht warst Du immer ein wenig zu schwach für diese Welt, denn mit Deinen Gefühlen warst Du immer schnell bei der Hand, meiner bescheidenen Meinung nach immer ein wenig zu schnell.
   Ich habe, wie Du nun sicherlich vernommen haben wirst, mein Testament geändert und alles unserem kleine geliebten Fritzen vermacht. „ Es ist nicht etwa aus blinder Vorliebe, dass ich Fritzen diese Kleinigkeiten vermache"², sondern weil unser kleiner Fritzen bei der Erbteilung deines Vaters Güter „ sehr viel zu kurz gekommen ist, obgleich diese Wenigkeit von mir ihm nicht entschädigen kann; so möge es ihm segnen"². Ich hoffe, Du als mein Ältester wirst dies respektieren und vielleicht, so hoffe ich, verstehen.
   Trotz allem auf und ab in unserem Leben und all den Spannungen zwischen uns, möchte ich Dich wissen lassen, dass Du immer mein geliebter ältester Sohn bleiben wirst.

Deine Mutter Charlotte

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Mein Sohn Ernst!

Dein tragischer Tod hat uns alle sehr mitgenommen. Dein zwanzig Jahre kurzes Leben, so hoffe ich, war trotzdem ergiebig. Deine Tätigkeit als Jagdtjunker hat Dich hoffentlich glücklich gemacht, mein Ernst. Meine mütterlich Fürsorge hast Du nie gebraucht, denn der brüderliche Zusammenhalt zwischen Dir und Carl war offenbar stärker als die Beziehung zu Deiner Mutter.
   Dein Vater kam kaum über Deinen Tod hinweg, noch ein halbes Jahr später traf man ihn mit Tränen in den Augen an. Auch ich war sehr bewegt über Deinen Tod. Doch hielt ich mir immer vor Augen, dass Du nun befreit warst von all Deinem Pein und Deinen Schmerzen.
   Ich werde Dich immer in meinen Erinnerungen behalten,

Deine Mutter Charlotte.

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Mein über alles geliebter Sohn Fritz von Stein! 

Mein geliebter Sohn, meine „ einzige Poesie des Lebens"², Du warst es, der meinem Leben einen Sinn gab. Mein kleiner hübscher und überaus kluger Junge, wie stolz konnte ich immer auf Dich sein! Mein Fritzen, Du warst immer der allgemeine Liebling der gebildeten Kreise in Weimar, sogar schon in ganz jungen Jahren. Man überschüttete Dich mit Aufmerksamkeiten und ließ mein Mutterherz immer in Freude über Dich schneller schlagen. Wie stolz darf eine Mutter noch sein, wenn ihr über alles geliebter Sohn so verehrt wird? Stolzen Herzens vernahm ich Huldigungen über Dich, wie

„Deine Seel`ist bespannt mit gefühligen Saiten,
Der Schönheit Harmonie, die das All der Natur
Entgegen ihr tönet, bebt sie zurück."²

von Caroline von Beulwitz.
   Mein geliebter Liebling, Du alleine brauchtest meine alleinige Aufmerksamkeit und Zuneigung, denn Du warst der Schatz, den ich immer gesucht habe und nur in Dir alleine finden konnte. Ich dichtete über Dich aus überströmenden Mutterherzen und versuchte meinen Liebling als die lyrisch Person zu zeigen, die Du immer warst und auch immer sein wirst.

„Freude thront dir überall
Auf der Wiesen unter Bäumen
In den jugendlichen Träumen
An den (!) silbern Wasserfall."²

   Liebster Fritz, mein ganzer Stolz, Du alleinig warst es, der Goethe in seinen Bann zog. Goethe sah Dich nicht nur als den begabten Jungen an, der Du warst, vielmehr warst Du sein Zögling und vielleicht sogar noch etwas mehr. Auf jeden Fall hast Du es geschafft sein Herz zu erobern, was eine wahre Kunst ist. Goethe war und ist für Dich eine Art Vaterersatz, da Du meist in Goethes Nähe warst und letztendlich sogar in dessen Gartenhaus eingezogen bist. Doch bitte vergiss Deinen wirklichen Vater nicht, er war vielleicht seltener für Dich da, doch, mein Sohn, er liebte Dich über alles. Kein anderer Heranwachsender hat die prägende Eindrücke der Weimarer Geniezeit so unmittelbar und intensiv erlebt wie Du, mein Junge. Dafür danke dem Himmel, denn Du konntest mehr mitbekommen und erleben als andere jungen Leute Deines Alters. Ich hoffe Du hast von diesen Prägungen profitiert.
   Leider spielte Dir das Leben übel mit, so dass Du nicht zu dem Glück kamst, dass Dir eigentlich hätte beschieden sein müssen. Dein schweres Los hast Du immer mit Achtung getragen und darauf muss eine Mutter stolz sein. Leider gab es für Dich nicht nur berufliche Schicksalsschläge, wie zum Beispiel zuerst Dein Ausscheiden aus dem Weimarer Hofe, den Du für den Preußischen geopfert hast, danach das Verlassen des Preußischen Hofes, da Du Dich, wie mit Stolz behaupten kann, nicht für den Franzosen arbeiten wolltest. Deinen Grundsätzen bist Du immer treu geblieben auch wenn es manchmal schwer war, dennoch hast Du Dein Schicksal immer meisterlich gemeistert. Deine große Leidenschaft fandest Du letztendlich in der Aufgabe den Schwächeren beizustehen. Der Enthusiasmus, mit dem Du Dich für das Institut der Blinden einsetztest war bemerkenswert. Ja, solch edle Taten konnten nur von Dir stammen, mein lieber Fritzen. Leider erwies sich das Schicksal für Dich auch im privaten Leben als sehr wankelmütig. Zuerst fandest Du keine geeignete Lebenspartnerin, als Du mit zweiunddreißig endlich Dein Glück als Ehemann fandest, wurde Dir Deine Frau Helen von Stein schon nach vier Ehejahren im Kindbett genommen. Als Vater für Deine drei Kinder warst Du ein Edelmann, denn Du wagtest nochmals eine Heirat, um Deine drei Lieblinge versorgt zu wissen. Doch die zweite Heirat erwies sich als äußerste Schmach und Pein, da Dich die gesegnete Frau schon nach einem halben Jahr verlassen hat. Liebster Sohn, Deine Mutter hat diese Schicksalsschläge, die Dich heimsuchten, mit schmerzendem Herzen verfolgt. Eine Mutter kann keine größeren Schmerzen erleiden, als sein eigenes Kind solchem Pein ausgesetzt zu sehen. Wie tatest Du mir leid, mein kleiner Fritzen!
   Mein lieber Fritz, ich vermache Dir, mein kleiner, sämtliche Wertsachen, die ich besitze, in der Hoffnung, Du wirst in Zukunft ein glückliches und friedvolles Leben führen können. „ Obgleich diese Wenigkeit von mir ( Dich) nicht entschädigen kann; so möge es ( Dir ) segnen"², möchte ich Dich in materiell sicheren Händen wissen. Da ich nun nicht mehr da bin, um Dich behüten zu können, möge mein Geld Dir diese Obhut schenken.
   Trotz Deines schweren, schicksalhaften Lebens hast Du dieses immer bestens gemeistert und wirst es in Zukunft sicherlich auch tun. Mit dieser Gewissheit, dass mein kleiner Liebling nun in Sicherheit ist, kann ich mich nun langsam auf meinen Abschied vom Irdischen vorbereiten, und mit aller Zufriedenheit die Augen schließen.
   Mein geliebter Fritzen, ich möchte, dass Du weißt, dass Du immer der Hauptbestandteil meines Lebens und meiner Gedanken warst, bist und auf ewig sein wirst. Ich liebe Dich über alles, und werde Dich immer in meine Gedanken mit einschließen.
   In allergrößter Liebe und Achtung,

Deine Dich über alles liebende Mutter Charlotte.

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An meinen Seelenverwandten, an meinen geliebten Goethe!

„Ich war neugierig auf (Dich) Goethe, der neben dem „ Werther" auch die herrlichste Liebesgeschichte geschrieben hat. Mit meiner Erwartung fing es an, mit der Hoffnung auf ein Ereignis, das noch kommen musste, damit sich das Leben gelohnt hat. Ich war dreiunddreißig, verheiratet und Mutter dreier Söhne."³Als ich Dir erstmals begegnete, sah ich Dich als einen jungen energischen Mann, dessen Klugheit man schon an Äußerlichkeiten erkannte da war zum Beispiel die hohe markante Stirn, die Dich erwachsen und welterfahren wirken ließ, trotz Deines erst jungen Lebens. Die markante Nase, die sinnlich vollen Lippen und das kräftig ausgebildete Kinn vermittelten mir den Eindruck eines klugen, energischen Mannes, der mitten im Leben steht. Deine elegante Kleidung und Deine sorgfältig gerichtete Haarpracht verwiesen auf einen Kavalier hin, der den schönen Dingen des Lebens nicht abgeneigt war. Deine hohe und kräftige Gestalt zeigte Dich als einen tatkräftigen und praktisch veranlagten Menschen. Doch es waren Deine Augen, die mich von Anfang an faszinierten.
   ... Mit Zimmermanns Brief hat alles angefangen: „ Herr Goethe ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes... er ist ein großes Genie, aber ein furchtbarer Mensch.... Er hat bei mir sehr lange ihren Schattenriss betrachtet und die Nächte darauf kaum geschlafen, weil er immerfort an Sie denken musste. Er wird sie gewiss in Weimar besuchen."³ Dies war das erste Mal als ich von Dir Kenntnis nahm, doch konnte ich damals noch nicht erahnen welch schicksalhaftes Leben uns für immer verbinden würde.
   Der Unterschied war zu gering, um ein kindliches Gefühl, aber zu groß, um ein erotisches aufkommen zu lassen. Es war also gewissermaßen eine Prädestination zur Freundschaft vorhanden, bedingt durch das Altersverhältnis. Obwohl mir klar ist, lieber Goethe, dass in Deiner Seele dieselbe für einige Zeit unleugbar eine Färbung annahm, die der Liebe glich wie die strahlende Röte des Morgens der sanfteren Glut des Abendrots. Der Gegenstand dieser dichterischen Neigung schwebte wie der klare Mond oder der helle Abendstern in diesen rosigen Wolken, unnahbar dem Irdischen, aber es besänftigend und verklärend. „ Ich kann mir diese Bedeutsamkeit – die Macht – die diese Frau über mich hat, nicht anders erklären als durch Seelenwanderung. – Ja, wir waren einst Mann und Weib! – Nun wissen wir von uns – verhüllt in Geisterduft. – Ich kenne keinen Namen für uns – die Vergangenheit – die Zukunft – das All."³, sagtest Du einmal und sprachest mir damit ganz aus dem Herzen. Ja, mein Seelenfreund, der einzige, der mich immer richtig verstanden hat, Du warst es, der mein Leben bereichert hat und der meinem Leben eine Sinn verleiht. Mein liebster Goethe, welch schöne gemeinsame Zeit haben wir verlebt. Es waren die schönsten elf Jahre meines Lebens.
   Doch „ dieses seltsame Land Italien hat Dich verwandelt, hat Dich mir entfremdet, mir Deine Liebe geraubt."³ Ich verstehe bis heute noch nicht, warum, vielleicht war es Vorsehung, Schicksal oder Zufall, doch seit diesem Tage war ich nie wieder so glücklich und beseelt, wie ich es in unserer zuvor gemeinsam verbrachten Zeit war.
   Dein Verhältnis zu dieser vulgären, gewöhnlichen Dame (Kann man sie eigentlich Dame nennen?) versetzte mir einen riesigen Stich im Herzen. Wie konntest Du mir solche Leiden und Pein zuführen mit so einer unerträglichen, nichtsnutzigen Frau? Die spätere Heirat nahm ich dann nur noch mit einem Gefühl der Ohnmacht auf.
    „Immer wieder suche ich den Beginn unserer Liebe und glaube, wenn ich den Faden durch das Labyrinth der Ereignisse verfolgen könnte, müsste mir auch begreifbar werden, wie und warum es zu diesem Ende kam."³
    „Du hast den Werther geschrieben als Aufopferung, einer großen Liebe mit tiefer Achtung und Zartgefühl zu begegnen. Jeder echte Künstler muss eine große Sensibilität für das haben, was die Menschen stumm bewegt."³, und Du, mein liebster Goethe, warst darin der Meister schlechthin.
   Liebster, ich wartete auf dieses Wunder, wartete in Wahrheit auf die Liebe, auf einen Mann, für den ich nicht nur Gattin, die Mutter seiner Söhne und die Hausherrin bedeutete, sondern die geistige Kameradin, die Gefährtin seiner Pläne und Gedanken, mit dem ich Hand in Hand den gleichen Weg gehen konnte. Ich wollte es genießen, umworben zu werden, angebetet, ja wider alle Vernunft bedrängt und verführt. Ich wünschte mir, dass ich Dir bald begegnen möge. Ich sehnte mich nach der Flamme und glaubte nicht daran, dass die Mücke sich ihr nur für die einzige Sekunde nähern kann, in der sie mit verbrannten Flügeln zu Boden sinkt.
   Hätte mich jemand gewarnt, ich hätte stolz erklärt, dass eine Charlotte von Stein keine Mücke ist und jederzeit in der Lage, sich so weit von der Flamme entfernt zu halten, dass sie sich am Leuchten erfreut, ohne in Gefahr zu kommen.
   „Was wusstest Du von mir? Was wusstest Du von meinen Erschöpfungszuständen? Ahnest Du, wie mich Deine traurigen dunklen Augen, Dein banges, fragendes Gesicht schmerzten? Ich konnte Dir nicht helfen, weil ich selbst hilflos war. Ich musste nach außen ruhig und ausgeglichen wirken, durfte mich keinem Menschen anvertrauen, um Dein und mein Geheimnis nicht zu gefährden. Damals, im Dezember 1775 waren wir ein Geist, ein Herz, eine Seele. Du schenktest mir Blumen mitten im Winter, ließest Schlittschuhe aus Frankfurt kommen. Du schriebst mir Dutzende von Briefen und bettelste fortwährend um einen Zettel oder wenigstens um ein paar Worte von meiner Hand. Vielleicht ist dieses Stadium einer Liebe deshalb das schönste, weil von Liebe noch nicht gesprochen wird, weil man nicht denkt, weil man nur nimmt, sich weder verpflichtet noch verbunden fühlt. Erst später beginnt, was eine Liebe fest und tief, aber auch schmerzlich macht."³
   Oft habe ich mir über das Scheitern unsrer Seelengemeinschaft Gedanken gemacht und ich kann es mir eigentlich nur in einer Weise erklären. Wir wollten zwei Leben führen, das überstieg unsere Kräfte. Ich hatte keine Kraft mehr, Dir Ruhe und Liebe zu geben, so wie Du es von mir verlangtst. Zwar habe ich manchmal gefürchtet, dass Du eines Tages von mir fortgehen könntest, und wollte nicht wahrhaben, dass es zu Ende sein könnte. Dann aber kam das Unabänderliche, und ich musste damit fertig werden.
   Ich bin nicht mehr die Lotte, die Du kanntest und liebtest. Nichts dringt mehr zu meiner Seele vor. Es ist mir auch gleichgültig geworden, dass ich altere. Ich wehre mich nicht mehr. Ich habe aufgegeben, doch verzeihen kann ich Dir deshalb nicht.
   Würde ich wünschen, dass ich alles Gewesene vergessen kann, um auch meinen Kummer zu vergessen? Oder würde ich mir wünschen, mein Leben noch einmal im November 1775 zu beginnen und alles Glück, alles Leid noch einmal über mich ergehen zu lassen? Ja, ja, ja! Alles will ich noch einmal an mich reißen, alle Höhen, alle Tiefen.
   Liebster Goethe, nun da Du diesen Brief von mir gelesen hast, weißt Du sicherlich schon, dass ich von Euch gegangen bin. Nun bin ich im Himmel und ich verspreche Dir, dass ich von da oben immer ein wachsames Auge auf Dich werfen werde. Hoffentlich verlebst Du noch ein paar schöne Jahre in dieser chaotischen aber auch liebenswürdigen Welt. Ich wünsche es Dir.
   Mein liebster Goethe, meine zweite Seele, ich möchte, dass Du weißt, dass ich dich immer in meine Gedanken mit eingeschlossen habe, es noch immer tue und es auch immer tun werde. Du alleinig bist der Mensch, der mein Leben zu etwas Sinnvollem und auf jeden Fall zu etwas ganz Kostbarem gemacht hast, dafür möchte ich Dir danken.
   „Wir sind nicht mehr zu trennen" sagtest Du einmal. Du hattest recht. Solange man Dich kennt, wird man auch von mir wissen."³

Deine Seelenverwandte, Lotte.

* * *

Man muss den Historikern und Autoren, die sich mit Charlotte von Stein beschäftigten, recht geben. Die Familie von Stein ist den Nachlebenden durch Goethe ein Begriff geworden und insofern ein Relikt deutscher Literatur. Aber die Steins waren auch lebendige Menschen, Glück und Sorgen, Freude und Nöte begleiteten sie in einem Rechtschaffendem, arbeitsreichen Leben. Dies fordert Achtung und Anerkennung.
   Charlotte, Josias von Stein und Goethe werden auch in Zukunft kommende Generationen beschäftigen, denn ihre Sorgen und Konflikte waren allzu menschlich.

Literaturnachweise:
²: Jochen Klauß, „ Charlotte von Stein - Die Frau in Goethes Nähe", Verlag: Artemis und Winkler, 1999
³: Internetseite: www.Uni-Frankfurt.de