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Goethe und sein
Umfeld
Hausarbeiten des LK Deutsch 13
Schuljahr 2000/2001
Myriam
Günth: Italienreise |
Christian Breun: Goethes Reise nach Italien 1786
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Ulrike Bacher: Zum Abschied! Briefe der Charlotte
von Stein |
Eva Nagel: Christiane Vulpius. Ein Leben
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Veronica Catalán, Diane Geiß: Goethe und
Schiller
Natascha Buch
Charlotte von Stein
Charlotte von Stein, die am 25.Dezember
1742 in Eisenach geboren wurde und am 6.Januar 1827 in Weimar starb, ist durch ihren engen
Kontakt mit Goethe der Nachwelt bekannt geworden. Allerdings kann diese Vertraute Goethes,
die eine in vielem typische Frauengestalt des ausgehenden 18. und beginnenden 19.
Jahrhunderts war, nicht nur durch ihre Liebe zu Goethe oder gar durch seine Liebe zu ihr -
durch diese zehn Jahre der engen Beziehung - herausgehoben werden. Ihre Nöte und Freuden,
ihre Beschränkungen und Behinderungen wurden von vielen Frauen dieser Zeit erlebt und
erzeugen somit ein Bild dieser Epoche.
Die Auszüge von Charlotte von Steins Tagebuch sind ein wunderbares Zeugnis
ihres Fühlens und Denkens, und bieten einen Einblick in ihre Beziehungen zu Verwandten
und Bekannten und ihre Liebe zu Goethe.
25. Dezember 1759
Ich habe heute von meiner lieben geschaetzten Mutter dieses Buechlein geschenkt bekommen.
Heute ist naemlich mein 16.Geburtstag. Ich moechte von nun an hierin notieren, was in
meinem Leben vor sich geht zur Erinnerung fuer spaetere Zeiten.
Zunaechst moechte ich mich einmal vorstellen. Mein Name ist Charlotte Albertine
Ernestine von Schardt und ich wurde am 25.Dezember 1742 in Eisenach geboren. Meine Familie
ist aber ein Jahr spaeter bereits nach Weimar umgezogen, da mein Vater, Johann Wilhelm
Christian von Schardt, durch den Tod des Herzogs von Eisenach, bei dem er Kammerjunker
war, an den Weimarer Hof berufen wurde. Mein Vater war der Reisemarschall des Herzogs von
Weimar, wurde aber bald darauf zum Hausmarschall ernannt und mit der Erziehung unseres
kleinen Erbprinzen Konstantin beauftragt. Meine Mutter klagte oft darueber, daß wir nicht
genug Geld hatten, aber Vater war fast nie zu Hause und hoerte es deshalb nicht. Schuld an
unserer finanziellen Misere war aber nicht nur das geringe Gehalt meines Vaters, sondern
auch sein Hang zu Repraesentieren. Bei Festlichkeiten musste immer das Koestlichste und
Erlesenste auf dem Tische stehen.
Meine Liebe Mutter, Konkordia Elisabeth von Schardt, ist schottischer
Herkunft wie sie uns Kindern - wir sind fuenf Geschwister - oft erzaehlt hat. Sie hatte es
nie leicht. Elf Geburten hatte sie hinter sich und es ueberlebten ihr nur drei Maedchen
und zwei Soehne. Außer mir - ich bin die aelteste - , sind da noch: Amalie, Luise, Karl
und Ludwig. Fuer mich ist meine Mutter eine sanfte und guetige Frau, die uns im Gegensatz
zu unserem Vater die Liebe schenkt, die dieser uns versagt.
1755 uebernahm unser lieber Konstantin die Regierung, aber er ist letztes
Jahr an Schwindsucht gestorben und hat seine 18jaehrige Witwe Anna Amalia und zwei
Soehne,
Karl August und den kleinen Konstantin, zurueckgelassen. Die armen Kleinen! Und auch
Amalia hat es nicht leicht jetzt. Sie regiert nun in Weimar. Mein Vater hat sein Amt bei
Hofe nun verloren. Die Herzogin konnte ihn nicht leiden, was sie auch mir einmal in einer
stillen Stunde erzaehlte. Sie meinte, daß er sich und damit auch uns, seine Familie, ganz
allein in die schlechten Umstaende gebracht mit seiner verschwenderischen Art.
Jetzt ist mein Vater zum Haustyrann geworden. Unser Kindergeschrei war ihm
immer ein Greuel. Wir hatten uns sittsam und leise zu betragen und es fehlte uns an
Spielzeug. Ich denke, daß meine Geschwister mir zustimmen werden, wenn ich sage, daß
unsere Kindheit recht ungluecklich war. Wir wurden von einem Hauslehrer und auch teilweise
von Vater erzogen und wir Maedchen erhielten Unterweisungen in allen haeuslichen Arbeiten
und der Religion, im Rechnen, in Franzoesisch, in der Musik und im Tanz. Mutter erklaerte
mir einmal, daß wir schließlich auf eine spaetere Ehe vorbereitet werden
muessen. Sie
las uns auch taeglich aus der Bibel vor und wollte uns Kindern immer Froemmigkeit
vermitteln, die auch ihr Trost spendete. Sie meinte einmal, nicht dazu geboren zu sein,
ihr Dasein zu genießen. Ich persoenlich wuerde mich niemals einfach nur meinem Schicksal
fuegen!
Ich bin nun seit einem Jahr bei der Herzogin Anna Amalia Hoffraeulein und
froh, daß ich aus dem elterlichen Hause entfliehen konnte. Zu Hause hatte es an jeglicher
Lebenslust gemangelt und Vater noergelte staendig nur. Er war sehr streng, pedantisch und
auch unzufrieden mit sich selbst.
Mir ist das Lernen nie schwer gefallen und man sagt mir immer wieder, daß
meine franzoesische Konversation fluessig und elegant wirkt, und daß mein Klavierspiel
sehr huebsch ist. Das Tanzen ist ebenfalls eine meiner großen Leidenschaften, was mir
hier in der hoefischen Umgebung von großem Nutzen ist.
Fuer heute soll dies nun
genuegen.
* * *
12.Juli 1761
Ich sinne heute schon den ganzen Tag ueber meine Familie nach. Zum Glueck beschraenkte
sich die Abneigung der Herzogin nicht auf uns Kinder. Sonst haette ich wohl nie von zu
Hause weg gekonnt. Und auch meinen Geschwistern waere es nicht so gut ergangen. Meinen
aeltesten Bruder ließ Anna Amalia studieren und hat ihn jetzt vor kurzem in die
Justizverwaltung berufen und meiner Schwester Amalie hat sie, da diese etwas
geistesschwach ist, einen Platz in einem Stift besorgt.
Ich bin sehr froh, daß ich die traurige Atmosphaere meines Elternhauses
nicht mehr miterleben muß, auch wenn ich mich eigentlich von einer Abhaengigkeit nur in
eine anders geartete begeben habe. Auch wenn ich jetzt die Launen der Herzogin ertragen
muß, war es mir dies wert.
Meine Aufgaben als Hoffraeulein beschraenken sich noch immer darauf, daß ich
mit der Herzogin speise, sie auf Spaziergaengen und Kutschfahrten begleite, ihr bisweilen
vorlese und mit ihr Konzerte, Baelle, Assembleen und Maskenbaelle besuche.
Die Herzogin ist mal ueberschaeumend lustig, dann wieder mißmutig und
aufbrausend, aber damit komme ich klar. Die Froemmigkeit meiner Mutter und die
Engherzigkeit meines Vaters haben aus mir eine junge Frau gemacht, die sich in jeder
Situation zu beherrschen weiß, nie die Fassung verliert und stets Contenance wahrt.
Ich moechte hier nun eine Beschreibung von mir Einfuegen, die der Cousin
meiner Mutter fuer mich verfasst hat, und die ich fuer sehr treffend empfinde:
Die guetige Natur verband in Deinem Herzen
Der Tugend Strengigkeit mit unschuldsvollen Scherzen!
Des Geistes edler Sinn, der Glieder Reiz und Pracht,
Die Anmut, die Dir stets aus sanften Augen lacht,
Ist ein Geschenk von ihr, die Menschen zu begluecken:
Ach, moechtest Du dereinst ein wuerdig Herz entzuecken!
Andere haben mich schon aehnlich
beschrieben. Ich sei zierlich und klein, womit ich wohl uebereinstimme, und erfreue alle
mit meinem leichten, grazioesen Tanz. Ich wuerde mich wohl elegant kleiden und wisse zu
plaudern. Auf andere wirke ich haeufig ernst, aber sehr ausgeglichen und sanft. Ich bin
mit meiner Wirkung auf diese Menschen recht zufrieden und auch mit dem meisten anderem in
meinem Leben. Auch wenn ich mich nicht unbedingt als gluecklich bezeichnen
wuerde.
Auf ein ander Mal!
* * *
17. August 1774
Meine Tochter Henrietta, die ich am 15.April zur Welt brachte, ist gestorben, wie auch
meine drei anderen Toechter zuvor.
Am 8. Mai war ich jetzt zehn Jahre mit Gottlob Ernst Josias von Stein
verheiratet. Die Erinnerung an damals, als er mit 28 um meine Hand anhielt, ist mir vor
Augen getreten. Das Bild von meinem Mann als junger Stallmeister, der nur aus seinem
Interesse fuer Pferde und die Landwirtschaft diesen Beruf ergriffen hatte. Schließlich
fehlt ihm jegliche Neigung zur Verwaltung hin. Damals galt er als ueberaus gute Partie
fuer mich, da ich ja bereits mein 20. Lebensjahr ueberschritten hatte und er mich aus der
Abhaengigkeit und aus duerftigen Verhaeltnissen errettete mit seinem Wohlstand. Er besitzt
schließlich auch mein geliebtes Rittergut Großkochberg mit umfaenglichen Laendereien und
Wald. Josias war damals ein ausgesprochen schoener Mann, rechtschaffen und fromm. Er
erschien jedem als der vollendete Kavalier und Hoefling und war ein hervorragender Reiter
und Taenzer.
Aber was ist nur aus unserer Ehe geworden? Nein, eine Liebesehe war es
natuerlich nie, aber welche Ehen heutzutage sind das schon?!
Ich bin nicht gluecklich mit ihm! Es gelingt ihm nicht meine
Seelenbeduerfnisse zu befriedigen. Josias ist kein Mann fuer haeusliche Glueckseligkeit!
Mein Mann ist sehr melancholisch, zum Teil auch depressiv, was wohl von
seiner Kopfverletzung, die er sich bei einem Sturz vom Pferd zugezogen hatte, herruehrt.
Seine geistige Leere und sein Desinteresse an feiner Bildung machen den mangelnden
Gespraechsstoff zwischen uns aus.
Ich kann nur sagen, daß ich mich von ihm unverstanden fuehle und dies in
jeder Beziehung.
Natuerlich kann ich im Vergleich zu anderen Frauen noch froh sein. Andere
Maenner sind nicht so grundguetig und bieder wie Josias. Er trinkt ja auch nicht und
verspielt nicht unseren Besitz, geschweige denn, daß er jemals Hand an mich legen wuerde.
Josias behandelt mich noch immer mit Respekt, wofuer ich ihm dankbar bin.
Und trotzdem! Meine Ehe ist maßlos langweilig, und Weimar ist im kulturellen
Angebot wohl nicht gerade der Ort, der mir ueber diese Monotonie hinweghilft. Meine Ehe
ist bestimmt von meinen regelmaeßigen Schwangerschaften. Ich fuehle mich ausgelaugt und
unendlich leidend.
Meine Schwangerschaften waren ein schweres Geschaeft. ,,Von Traenen ermuedet
schlief ich nur ein und schleppte mich wieder beim Erwachen einen Tag, und schwer lag der
Gedanke auf mir, warum die Natur ihr halbes Geschlecht zu dieser Pein bestimmt habe. Man
sollte den Weibern deswegen viele andere Vorzuege des Lebens lassen, aber auch darin hat
man sie verkuerzt, und man glaubt nicht, wie zu so viel tausend kleinen Geschaeften des
Lebens, die wir besorgen muessen, mehr Geisteskraft muß aufgewendet werden, die uns fuer
nichts angerechnet wird, als die eines Genies, der Ehre und Ruh einerntet.´´
In den letzten zehn Ehejahren war ich sieben Mal schwanger von einem Mann,
den ich nicht liebe und der meist abweisend war. Dies bedeutete jeweils neun Monate als
Anhaeufung von Schmerzen, Leid und Ungerechtigkeit. Am 8.Maerz 1765 wurde mein aeltester
Sohn Karl geboren, am 11.Maerz 1766 Konstantine, die bald darauf starb, am 30. September
1767 mein Sohn Ernst, am 5.Maerz 1769 Friederika, die ebenfalls starb wie Sophia, die am
15.April 1770 auf die Welt kam, am 26.Oktober 1772 wurde mein kleiner Liebling Fritz
geboren und nun ist auch noch Henrietta gestorben. Mir bleiben mir also nur noch mein
Karl, mein Ernst und mein geliebter Fritz, den ich sogar selbst gestillt habe.
Ich selbst wuerde von mir behaupten, daß ich wohl meist eine recht kuehle
Mutter bin, aber mir fehlt einfach die Kraft fuer eine wirkliche Liebe zu meinen Kleinen.
Auch waehrend meiner letzten Schwangerschaft erschien ich nie bei Hofe,
sondern durfte mich mal wieder nach Schloß Großkochberg zurueckziehen, was wohl das
einzig positive an der ganzen Plagerei war. Dort kann ich allein, mit Freunden oder meiner
Mutter die Natur genießen und habe Ruhe vor dem Gesellschaftstreiben. Diese ewigen
Zerstreuungen beschneiden meine innigeren Gefuehle.
Ich war in den letzten Jahren meist leidend und dies nicht nur waehrend einer
Schwangerschaft. Mir wurde eine Badereise empfohlen zur Erholung und ich war diese wie
auch letztes Jahr wieder in Bad Pyrmont. Dort habe ich den Arzt Johann Georg Zimmermann
getroffen, mit dem ich jetzt regen Kontakt fuehre. Ich kann mich mit ihm ausgezeichnet
ueber ,,Clavigo´´ und ,,Werthers Leiden´´ unterhalten. Dieser ,,Werther´´ hat mich
wirklich tief beruehrt, aber ich befuerchte, er kann gefaehrlich sein. Zimmermann wird mir
einen großen Wunsch erfuellen: Ich darf den Verfasser kennen lernen, Herrn Goethe.
Zimmermann schrieb mir: ,,Herr Goethe ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes....er
ist ein großes Genie, aber ein furchtbarer Mensch...... Er hat bei mir sehr lange Ihren
Schattenriß betrachtet und die Naechte drauf kaum geschlafen, weil er immerfort an Sie
denken mußte. Er wird Sie gewiß in Weimar besuchen.´´ Ich bin wahnsinnig gespannt auf
diesen edlen Herrn, der mir so viel und meist in den besten Toenen beschrieben wurde. Die
Neugier hat mich in Besitz genommen und laesst mich nicht eher los, als ich Goethe kennen
gelernt habe.
* * *
20.Juni 1775
Am 2.Februar hat meine Schwester Luise den fraenkischen Adligen Karl von Imhoff geheiratet
und sie ist bereits jetzt mehr als ungluecklich. Diese schoene, liebenswerte Wesen hat
zwar einen reichen Mann gefunden, der auch sie versorgen wird, aber er hat einen sehr
schlechten Ruf. Geruechten zu Folge, soll er seine erste Frau Marianne fuer viel Geld an
den Gouverneur von Bengalen, Hastings, verkauft haben, der dann auch deren zwei Kinder
adoptiert habe. Imhoff ist nach Europa zurueckgekehrt, kaufte ein Gut und warb um mein
Schwesterchen.
* * *
17.Oktober 1775
Eine weiter unglueckliche Ehe ist am 3. dieses Monats geschlossen worden. Erbprinz Karl
August heiratete in Karlsruhe die Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt. Ich finde, die
beiden passen nicht zusammen und in diesem Punkt stimmen mir wohl auch viele zu.
* * *
30.Oktober 1775
Zimmermanns Beschreibung von Goethe, die er mir schickte, ist eine Charakteristika eines
aeußerst edlen Herrn. Er sei ,,der schoenste, lebhafteste, urspruenglichste, feurigste,
stuermischste, sanfteste, verfuehrerischste und fuer ein Frauenherz gefaehrlichste
Mann´´. Dieses Zeugnis von Goethe macht mich nur zusaetlich gespannt auf ihn. Ich
verstehe zwar Zimmermanns Warnung, die hierin enthalten ist, lasse mich aber von meiner
bisherigen Meinung nicht abbringen, solange ich den Mann, ,,der neben dem ,,Werther´´
auch die herrlichsten Liebesgedichte geschrieben hatte´´, nicht mit eigenen Augen sah.
Ich bin voller Erwartung und hoffe auch auf ein ,,Ereignis, das noch kommen mußte, damit
sich das Leben gelohnt hat´´.
Gerade gestern erhielt ich einen Brief von Zimmermann, in dem er mir
berichtete, daß er sich mit diesem besonderen Herrn in Straßburg aufhalte. Zimmermann
hatte etliche Schattenrisse dabei, auch einen von mir, und zeigte meinigen Herrn Goethe.
Dieser habe ,,mit seiner sauberen Handschrift auf den Rand des Bildes geschrieben: ,,Es
waere ein herrliches Schauspiel zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt. Sie
sieht die Welt, wie sie ist, und doch durchs Medium der Liebe. So ist auch Sanftheit der
allgemeine Eindruck´´.´´ Ich fuehle mich wirklich aeußerst geschmeichelt von diesen
wundervollen Worten dieses großen Genies, die ganz allein mir gelten. Wie sehr bin ich
erpicht, ihn nun endlich kennen zu lernen. Ob Zimmermann wohl recht behaelt, und Goethe
mich bald besuchen kommt? Zimmermanns Schwaermereien ueber Goethe sind wohl auch sehr
uebertrieben. Kein Mann kann von solcher Perfektion sein! Und trotzdem, sein Verstand muss
das vollkommenste dieser Welt sein.
* * *
12.November 1775
Ich habe gestern Goethe kennengelernt! Er ist seit dem 7. In Weimar und der Herzog hat ihn
zu uns gebracht. Sein Aussehen entspricht wohl wirklich Zimmermanns Beschreibung und sein
Verstand ist von einer Art, die alles fuer sich einnimmt. ,,Seine steife Haltung, die enge
Bewegung seiner Arme und sein Perpendikulargang fielen allgemein auf.´´ Aber sein Wesen,
das so stuermisch und unkonventionell ist, ist wohl nicht meine Vorliebe.
Unser Erbprinz und Goethe kennen sich sehr gut und Karl August wuerde es
gerne sehen, wenn Goethe hier bliebe. Mal sehen, welche Ereignisse dieser Mann noch
bewirken wird.
* * *
13. Maerz 1776
,,Ich fuehls, Goethe und ich werden niemals Freunde. Auch seine Art, mit unsern Geschlecht
umzugehen, gefaellt mir nicht. Er ist eigentlich, was man coquet nennt. Es ist nicht
Achtung genug in seinem Umgang.´´ Er hat mich am 6.Dezember das erste Mal in meinem
geliebten Kochberg besucht, wo sich die Gelegenheit zu einem laengeren, intensiven
Gespraech geboten hat.
Zimmermann hat mir auch berichtet, daß Goethe seine zweite Charakteristik
meines Schattenrisses fuer unbrauchbar haelt, nachdem er m ich nun kennengelernt hat.
Goethe hatte mir folgendes zugeordnet: ,,Festigkeit. Gefaelliges, unveraendertes Wohnen
des Gegenstandes. Behagen in sich selbst. Liebevolle Gefaelligkeit. Naivitaet und Guete,
selbstfließende Rede. Nachgiebige Festigkeit. Wohlwollend. Treu bleibend. Siegt mit
Netzen.´´ Ich halte diese Beschreibung fuer nichts weiter als einen Zufallstreffer, aber
daß Goethe diese nun fuer unwahr erklaert, finde ich nicht sehr freundlich von ihm.
Zimmermann meint, daß er wohl damit sagen will, daß er neue Tugenden und Schoenheiten in
mir gefunden habe. Ob ich das glauben kann, weiß ich selbst nicht so recht. Mir faellt es
schwer diesen stuermischen Charakter einzuschaetzen.
* * *
25.Maerz 1776
Goethe will wohl in Weimar bleiben. Warum, ist fuer uns alle schwer verstaendlich, da
diese kleine Stadt mit ihren engen, verwinkelten, ungepflegten Gassen und der Schlossruine
nichts interessantes zu bieten hat fuer ein Genie wie Goethe.
Karl August und Goethe toben sich aus und die Weimarer Gesellschaft macht den
Herrn Goethe fuer das unwuerdige Genietreiben hier verantwortlich. Es gehen unglaubliche
Geruechte umher, von denen keiner weiß, was Wahres dran ist. Ich kann diese Spiel, das da
vor meinen Augen abrollt, nicht gutheißen. Dieses Treiben entspricht ganz und gar nicht
meinen Vorstellungen und es widert mich an, da ich zur Vornehmheit und Dezenz erzogen
wurde. Mir ist das alles unverstaendlich! Auf Grund seines Treibens ist Goethe hier
,,geliebt und gehasst´´. Es gibt hier ,,genug Dickkoepfe´´, ,,die ihn nicht
verstehen´´. ,,Ich wuenschte selbst, er moechte etwas von seinem wilden Wesen, darum ihn
die Leute hier so schief beurteilen, ablegen´´. Eigentlich besteht sein Treiben auch nur
darin, ,,daß er jagt, scharf reitt, mit der großen Peitsche klatscht, alles in
Gesellschaft des Herzogs. Gewiß sind dies seine Neigungen nicht; aber eine Weile muß ers
so treiben, um den Herzog zu gewinnen und dann Gutes zu stiften.´´
,,Er war so gut gegen mich , nennte mich im Vertrauen seines Herzens Du, das
verwies ich ihm mit dem sanftesten Ton von der Welt, sichs nicht anzugewoehnen, weil es
nun eben niemand wie ich zu verstehen weiß und er ohnedies oft gewisse Verhaeltnisse aus
den Augen setz.´´
,,Schon einigemal habe ich´´auch ,,bittern Verdruß um ihn gehabt, das
weiß er nicht und solls nie wissen... Ich habe erstaunlich viel auf meinem Herzen, das
ich den Unmensch sagen muß. Es ist nicht moeglich, mit seinen Betragen koemmt er nicht
durch die Welt... Und nun sein unanstaendges Betragen mit Fluchen, mit poebelhaften,
niedern Ausdruecken. Auf ein moralisches, sobald es aufs Handeln abkommt, wirds vielleicht
keinen Einfluß haben; aber er verdirbt andre. Der Herzog hat sich wunderbar
geaendert.´´
* * *
3. April 1776
Ich habe ein Zettelchen von Goethe erhalten auf dem folgendes geschrieben steht: ,,Und wie
ich Ihnen meine Liebe nicht sagen kann, kann ich Ihnen auch meine Freude nicht sagen.´´
Er nennt mich auch seine ,,Besaenftigerin´´. Mir geht dies alles zu weit. Er muß sich
in die von Konventionen eingerichteten Schranken fuegen. Auch kann ich der Aufrichtigkeit
seiner Zuneigung und seiner Liebesbeteuerungen nicht glauben. Goethe drueckt noch viele
Haende und kueßt viele huebsche Maedchen. Was soll er schon an mir finden? Ich bin sieben
Jahre aelter als er, gelte mit Sicherheit nicht als eine blendende Schoenheit, verfuege
nur ueber die uebliche Bildung adliger Toechter, bin eher resigniert und muede. Ich
kraenkele haeufig und meine Einstellung zum Leben ist wohl im Vergleich zu ihm eher
verneinend und ernst.
Seit Januar erhalte ich nun immer wieder kleine zaertliche Zettelchen oder
Briefe von Goethe. Ich bin verheiratet und werde die Konventionen nie verletzen. Was also
verspricht er sich von seinen Bemuehungen? Vielleicht denkt er sich, daß eine Liebelei
,it mir fuer ihn nicht die Konsequenzen einer Ehe haette.
Letztens hat er mir sogar berichtet, wie er auf einer Redoute bei der ich
nicht anwesend war, sich mit einer anderen getroestet hat. Solch ein Betragen kann ich
nicht gutheißen und laeßt mich auch an seiner Ernsthaftigkeit seiner Gefuehle zu mir
zweifeln. Sein Verhalten erscheint mir unzuverlaessig, kindisch und unausgegoren.
Sein Zwang zum Liebeln und die Damen der Hofgesellschaft, die auf seine
sueßen Worte und schoenen Augen hereinfallen, erwecken nur mein Mitleid. Das es wahre
Liebe ist, was er fuer mich fuehlt, kann nicht stimmen.
25.
April 1776
Ich versuche aus Goethe einen anstaendigen weniger wilden Mann zu machen, um ihn besser in
die Gesellschaft eingegliedert zu wissen. Er ist oft widerstrebend, schmollend oder
aufbrausend, wenn ich ihn kritisiere, laeßt es sich aber ansonsten trotz allem gefallen
und ich glaube, daß ich eine gute Lehrmeisterin bin, worin auch er mir schon zugestimmt
hat.
Seine Leidenschaft ruft allerdings Unbehagen in mir hervor. ,,Erlaubt ist,
was sich schickt.´´ Ich mß ihn stets in seine Schranken weisen, da er sonst zu
uebermuetig wird. Dadurch entstehen natuerlich gewisse Schwierigkeiten, da er auch fast
ein taeglicher Gast ist. Die Klatschsucht in Weimar ist weit verbreitet, schließlich
haben die Leute zu viel ueberfluessige Zeit. Ich moechte aber auf keinen Fall ins Gerede
kommen und danach hat sich auch der liebe Dichter zu richten.
Goethe ist uebrigens Geheimer Legationsrat geworden bei Karl August und somit
fest an Weimar gebunden.
Es freut mich, ihn nun sicher in dieser Stadt zu wissen.
* * *
16. Mai 1776
Goethe besitzt nun auch ein Gartenhaus hier in Weimar und kuemmert sich intensiv um die
ihm vom Herzog uebertragenen Aufgaben.
Irgendwie hat dieser Mann eine beruhigende Wirkung auf mich und gibt mir
gleichzeitig eine neue Perspektive in meinem Leben. Ich konzentriere mich darauf einen
Kavalier aus ihm zu machen und rate ihm auch sich eine Frau zum Heiraten zu suchen. Ich
kann ihm seine kleinen Vertraulichkeiten auf keinen Fall erlauben und muß ihn abweisen.
Das ist fuer uns beide wohl das beste, auch wenn mein lieber Freund das wohl nicht so
sieht. Er ist unzufrieden mit meinem Betragen ihm gegenueber und fordert mehr von mir als
ich ihm geben kann oder will.
Goethe scheint sich zum Ziel gesetzt zu haben mir wieder mehr Lebensfreude zu
vermitteln und meine Resignation zu brechen. Er schrieb mir am 25.Maerz von einer kurzen
Reise: ,,Das Feuer, das nie verlischt, keine Ewigkeit nicht! beste Frau, auch in Dir
nicht, die Du manchmal waehnst, der heilige Geist des Lebens habe Dich verlassen´´und am
31.Maerz: ,,Wenn ich nur den tiefen Unglauben Ihrer Seele an sich selbst begreifen
koennte, Ihrer Seele, an die Tausende glauben sollten, um selig zu werden.´´ Seine
Bemuehungen ruehren mich und doch weiß ich nichts von seiner Ernsthaftigkeit mir
gegenueber.
* * *
2. Oktober 1776
Goethe hat ein Stueck geschrieben, das unsere Beziehung darstellen soll. Es heißt ,,Die
Geschwister´´ und handelt von einer Liebe: Marianne, die in Wirklichkeit die Tochter
einer verstorbenen Geliebten Wilhelms ist, glaubt dessen Schwester zu sein und ihn deshalb
nicht lieben zu duerfen. Am Ende kommt es dann aber doch zu einer Vereinigung der beiden
Liebenden.
Goethe hat mir auch ein Gedicht geschrieben, das die Beglueckungen und die
Schwierigkeiten unserer Beziehung beschreibt. Ich habe es hier hinein geklebt:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
Unsrer Liebe, unserm Erdengluecke
Waehnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefuehle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewuehle
Unser wahr Verhaeltnis auszuspaehn?
Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnem Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwartte Morgenroete tagt.
Nur uns armen liebevollen beiden
Ist das wechselseitge Glueck versagt,
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
In dem andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglueck auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.
Gluecklich, den ein leerer Traum
beschaeftigt!
Gluecklich, dem die Ahndung eitel waer!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekraeftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.
Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spaehtest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt;
Tropftest Maeßigung dem heißen Blute,
Richtest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstoerte Brust sich wieder aus;
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukelst ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Fueßen lag,
Fuehlt sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fuehlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinne sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut!
Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fuehlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelt,
Daemmernd ist um uns der hellste Tag.
Gluecklich, daß das Schicksal, das uns quaelet,
Uns doch nicht veraendern mag!
Mir gefallen diese Zeilen sehr, auch wenn
ich seine Gefuehle fuer mich nun noch weniger verstehe.
Es kann fuer uns kein freudiges Verliebtsein geben. Unsere Situation muß so
verquert bleiben wie sie ist. Herr Goethe zeigt mir hiermit auch, daß er einer Liebe
zwischen uns keine wirkliche Ueberlebenschance gibt und unserer Beziehung nicht traut.
Dieses Gedicht ist fuer mich auch eine Bestaetigung dafuer, daß meine Schule
des hoefischen, beherrschten Benehmens einen dankbaren Zoegling gefunden hat.
Seine Klagen kommen mir vor wie jene ganz zu Beginn unseres Kennenlernens. Er
klagt als draengender Liebhaber mir wieder sein Leid und versteht nicht, daß ich meine
Position einfach nicht aendern kann.
* * *
4. Oktober 1776
Ich versuche noch immer Goethe auf Distanz zu halten, aber es ist ziemlioch schwer, da er
mir ja auch taeglich seine Liebe gesteht und sie unter Beweis stellt.
Trotzdem gebe ich mir alle Muehe, seinem ungestuemen Wesen Einhalt zu
gebieten, ihm das Geniegebaren abzugewoehnen. Ich nehme so etwas wie die Rolle einer
ratenden, helfenden, manchmal schimpfenden Schwester ein, was ich fuer eine hilfreiche
Vorstellung bei diesem Erziehungsprozess halte. Diese Position ist beruhigender als jede
andere, die ich im Stande waere einzunehmen.
Ich habe sogar selbst eine kleine Aenderung durch Herrn Goethe vollzogen:
meine Briefe schreibe ich jetzt in Deutsch. Ob dies wohl die einzige Veraenderung bleiben
wird?
* * *
10. Oktober 1776
,,Mir gehts mit Goethen wunderbar. Nach acht Tagen, wie er mich so heftig verlassen hat,
kommt er mit einem Uebermaß an Liebe wieder.´´
* * *
11. Oktober 1776
Eine Corona Schroeter verehrt er jetzt. So eine Schauspielerin. Was er an der nur findet?
Ich habe Herrn Lenz zu mir gebeten. Ich bemitleide diesen armen Mann, der bei
Hofe nicht gerade beliebt ist. Goethe hat sich darueber beklagt, daß ich diesen in meine
Naehe lasse und ihn selbst nicht. Aber das hat er selber ausgeloest. Er soll sich mit
seiner Frau Schroeter abgeben.
* * *
18. Oktober 1776
Ich bin aus Kochberg zurueckgekehrt.
Goethe hat mich aufgesucht und mir heute einen Liebesbrief gesandt. Er
schrieb mir,daß er sich wuenschte, mich nicht mehr zu sehen, um mir keine Schmerzen mehr
zuzufuegen. In seiner Liebe sieht er mich als eine ,,Madonna, die gen Himmel faehrt´´und
,,nur in den Glanz versunken, der sie umgibt, nur voll Sehnsucht nach der Krone, die ihr
ueberm Haupt schwebt.´´Wie sehr hat mich dieser Brief geruehrt und im Innersten
getroffen.
,,Obs unrecht ist, was ich empfinde -- und ob ich bueßen muß die mir so
liebe Suende, will mein Gewissen mir nicht sagen; vernicht es Himmel, du! Wenn michs je
koennt anklagen.´´
Das Gefuehl, das Goethe mir nun gibt, laesst mich in meinem Inneren zaudern
und macht mich in meinem moralischen Denken unsicher. Mein Gewissen scheint mich im Stich
zu lassen. Diese Gefuehle der Liebe sind, gemessen an meinen Normen, unrecht und suendig,
aber sie sind mir doch so lieb!
Nur erfahren darf diese Gedanken niemand!
* * *
13. Dezember 1777
Unsere neue Wohnung hat Goethe nun fertig eingerichtet und so konnten wir jetzt endlich in
den ehemaligen Husarenstall an der Ackerwand umziehen. Wir wohnen jetzt nicht mehr so nahe
beim Hause meiner Eltern.
Die Beziehung zum Geheimrat hat sich nicht sehr veraendert. Meine Liebe zu
ihm kann ich unmoeglich oeffentlich machen. Sie wird ein Geheimnis bleiben.
Gestern haben wir uns wieder zum Schlittschufahren getroffen, was er mir
beibringt und von dem er meint, daß ich es sehr gut beherrsche.
Außerdem erscheint er fast jeden Tag zum Essen und bringt dazu auch jedes
Mal eine Kleinigkeit mit. Oefter spielt er auch mit meinen Soehnen und meinen kleinen
Fritz hat er auch besonders gern. Auch auf saemtlichen Hofveranstaltungen sind wir immer
gemeinsam zu sehen, so daß er mein Leben fast ganz allein in Besitz genommen hat. Meine
ansonsten wenigen Vertrauten, so wie Knebel und Herzogin Luise, haben kaum noch einen
Anspruch auf einen Teil meiner Zeit.
Goethe ging es letztens ziemlich schlecht, da seine geliebte Schwester
Cornelia gestorben ist, mit der auch ich, weil er mich darum gebeten hatte, regen Kontakt
fuehrte. Natuerlich habe ich ihm Trost gespendet, aber es fiel ihm wohl nicht leicht
darueber hinwegzukommen.
In letzter Zeit fuehren wir aber auch oft ernstere Gespraeche, in denen ich
versuche ihm seine Fehler vor Augen zu fuehren, aber er scheint die Kritik nicht mehr so
ganz zu vertragen, obwohl sie begruendet ist, denn er wird immer schnell muerrisch und
abweisend.
Seit Juli, als ich meinen kranken Mann in Bad Pyrmont besuchte, bin ich nicht
mehr so haeufig in Weimar, da ich mich lieber auf mein Gut zurueckziehe, wo mich Goethe
auch des oefteren besuchen kommt. Aber Herzogin Luise ist nicht erfreut darueber. Sie
wuenscht mich als ihre Vertraute zurueck an den Hof. Deshalb darf ich meine Einsamkeit
dort draußen nie so lange genießen wie ich es gerne moechte.
* * *
20. Dezember 1777
Carl Ludwig von Knebel, der ehemalige Erzieher Konstantins, ist mir inzwischen ein treuer
Freund geworden. Ich schaetze ihn sehr und weiß, daß ich ihm vertrauen kann. Auch ihn
muß ich wie Goethe haeufiger besaenftigen, doch nicht weil seine Verehrung zu mir in
dieselben Bereiche steigt wie Goethes, sondern weil ihn die Untaetigkeit nach seiner
Pensionierung reizbar und unzufrieden macht. Mir gegenueber ist er immer freundlich
gesinnt. Er schaetzt meine Ehrlichkeit, meine Bildungsbereitschaft, wie auch meinen Sinn
fuer Schickliche. Er ist fuer mich das, was ich an einem Menschen mag. Er bietet dem
Betrachter genausowenig Extreme wie ich und besitzt nichts Unberechenbares oder Spontanes,
was mir eher verhasst ist.
Goethe meint wohl aber von mir, doch etwas Unberechenbares in mir erkennen zu
koennen, da ich ihn trotz meiner Gefuehle abweise, aber bin ich mir derer denn sicher?
Doch fuer eine innige, reine Freundschaft, ist Goethe nicht reif genug. Meine Tugend
verbietet mir aber mehr.
* * *
2. Januar 1778
Goethe hat mich als Neujahrsgeschenk um mein Halstuch, meine Handschuhe oder mein
Schnupftuch gebeten. Dies ist aber nicht nach meinem Geschmack. Es sind wohl zu deutliche
Zeichen einer Liebe.
Ich habe ihm letzte Woche ein Besuchsverbot erteilt, weil mir seine
Annaeherungen dann doch zu weit gingen, aber er hat mir nun geschworen, sich etwas
zurueckzunehmen.
Immer wieder versucht er mir begreifbar zu machen, daß er mich liebt, daß
mein Mißtrauen unbegruendet ist, aber es kann mich einfach nicht richtig erfreuen, denn
die Anforderungen sind einfach zu groß.
Goethe fuehlt seine Liebe nicht genug gewuerdigt von mir, aber wie soll ich
wuerdigen, was ich nicht begreife?
* * *
13. Juni 1778
,,Ich geb nichts gern wieder, was ich von Ihnen(Goethe) habe.´´ Die Briefe, die ich von
ihm erhielt, wie auch die Geschenkchen, die er mir als Liebesbeweis uebergab, das alles
werde ich bis zu meienem Tode in meinem Besitze belassen.
* * *
30. November 1778
Ich war seit September in Kochberg und nun da ich zurueckkehre, kommt mir mein geliebter
Geheimrat ghanz veraendert vor. Er ist veraergert und spricht davon, von einer
,,Eiskruste´´ umgeben zu sein. Dennoch bittet er mich, ihn lieb zu haben. Trotz der
großen Kaelte wohnt er noch immer im Gartenhaus. Er meint, daß er von so meine
erleuchteten Fenster sehen kann, und es ihm ein wohligeres Gefuehl vermittelt.
* * *
3. Juli 1779
Heute habe ich gerade wieder an Goethes wundervolles Werk ,,Iphigenie´´ denken muessen.
Diese Frau, die mir so aehnlich sei mit ihrer besaenftigenden Wirkung,die beruhige und
sogar heile. Den Bezug dieses Charakters auf mich schmeichelt mir immer mehr.
* * *
13. Januar 1780
Goethe ist endlich von seiner Reise mit dem Herzog zurueckgekehrt, so daß ich ihm
nochmals persoenlich fuer den Schreibtisch, den er mir zuschicken ließ, bedanken kann.
Ich moechte ihm als Dank einen Ring als Beweis meiner Zuneigung schenken.
* * *
20. August 1780
Ich habe Goethe meine Liebe gestanden!
Nach meiner Rueckkehr vom Gut meiner Schwester Luise, hat er mir seine
Freimaurerhandschuhe geschenkt. Da diese nur der Frau zugedacht sind, der man die groeßte
Achtung entgegenbringt, kann ich mir nun sicher sein, daß ich seinem Herzen am naechsten
stehe. Ich kann gar nicht sagen, wie wohl und befreit ich mich nun fuehle.
Auch meine staendigen Kraenkeleien haben nachgelassen. Ich bluehe in seiner
Verehrung regelrecht auf. Das Leben scheint wieder einen Sinn fuer mich zu haben und
Freude.
Selbst Knebel habe ich nun meine Gefuehle zu Goethe gestanden: ,, Auf mich
wirkt die Liebe zum Autor mit...´´ Ich fuehle mich einfach rundum wohl und sehe keinen
Grund mehr diese so reinen Gefuehle vor allen zu verbergen.
Goethe dagegen ist in letzter Zeit haeufig unzufrieden gewesen, aber ich
zerstreue seinen haeufigen, scheinbar grundlosen Kummer und mildere seine depressiven
Anfaelle. Er scheint irgendwie an sich zu zweifeln und an der Welt zu leiden.
Mein Gestaendnis hat aber in ihm einen Funken der Freude ausgeloest, den ich
lange nicht mehr an ihm gesehen.
* * *
5. Dezember 1781
Goethe hat mir ein sehr deutliches Zeichen seiner Liebe gemacht, in der Gestalt der
Prinzessin Leonore von Este in seinem Werk ,,Torquato Tasso´´. Diese Figur ist ein Bild
von mir und meiner Liebe zu ihm, was in diesem Stueck sehr deutlich wird. Goethe ist wohl
nun auch ein sicherer, gluecklich Liebender. Ihn stoeren unsere getrennten Wohnungen, da
ihm das zeigt, daß er mich nicht ganz fuer sich haben kann. Als meine Kinder und ich
krank waren, hat er sich sehr um uns geaengstigt und kuemmerte sich liebevoll um uns alle.
Goethe versteht sich ausgezeichnet mit meinem Mann, was es uns leichter
macht, zusammen ein fast eheliches Leben zu fuehren. Wir teilen Freude und Leid und
fuehlen uns fuereinander verantwortlich und tief verbunden.
Goethe hat mir zuliebe auch sein Verhaeltnis zur schoenen Corona Schroeter
geklaert, bei der er haeufig Trost gesucht hatte, wenn es in unserer Beziehung zu
Mißverstaendnissen gekommen war. Ich ersetze alle Geliebten, meint Goethe. Seine
,,Mutter,Schwester und Geliebten nach und nach geerbt´´ habe ich und bin so zur einzigen
in seinem Leben geworden.
Sein Gedicht, das er mir am 9. Oktober geschickt hat, gibt mir recht in
meinem Wunsch, die einzige Frau in seinem Leben zu sein. Darauf werde ich immer
eifersuechtig bestehen.
Den einzigen, Lotte, welchen du lieben
kannst,
Forderst du ganz fuer dich und mit Recht.
Auch er ist einzig dein. Denn seit ich von dir bin,
Scheint mir des schnellsten Lebens laermende Bewegung
Nur ein leichter Flor, durch den ich deine Gestalt
Immerfort wie in Wolken erblicke,
Sie leuchtet mir freundlich und treu,
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen
Ewige Sterne schimmern.
Fuer diese Wundervolle Zeugnis seiner Liebe
schwoere ich ihm, ihm weiterhin ,,wohltaetig,, zu sein und ihm eine ,,bleibende Liebe´´
entgegenzubringen.
* * *
5. Februar 1783
Unsere Liebe ist immer noch wunderschoen. Ich bin voller Zuversicht. Noch immer erhalte
ich Versicherungen seiner Liebe in Form von Briefen, Gedichten und kleinen Geschenken.
Goethe meinte einst, ich sei die Erfuellung seines Lebenstraumes und der Garant fuer sein
weiteres glueckliches Leben. Ich sei die einzige Frau, die er lieben koenne und durch die
er sich beruhigt und sein Leben geordnet sieht. Seine Bitten, in meiner Liebe nicht
nachzulassen, muß ich erfuellen. Ich kann gar nicht anders.
Diese Liebe ist fuer mich auch eine Aufgabe. Ich soll Goethe gut machen, mein
Werk an ihm vollenden. ,,Ich kann nicht instinktmaeßig lieben,wie ich´s bei vielen
sehe...es verlangt mich nach Vollkommenheit, so viel es hier moeglich ist, in dem
Gegenstand, der mich an sich zieht.´´ Eine Liebe um der Liebe willen ist mir fremd. Ich
kann nur lieben, wenn ich einen Menschen gefunden habe, der sich meiner Liebe wert
erweist. So wie Goethe es tut in seinem bedaechtigen Streben nach Vollkommenheit. Ich bin
nicht leicht zufrieden zu stellen, das wissen auch meine Soehne, aber der Wille vorwaerts
zu kommen ist fuer mich das wichtigste Kriterium an einem Menschen.
* * *
27. Maerz 1783
Ich habe Goethe meinen Fritz zur Erziehung ueberlassen. Er kuemmert sich wahrlich
vaeterlich um meinen Liebsten. Karl, mein Aeltester, ist zum Studium fort und Ernst
erlernt Forstwirtschaft. Jetzt ist auch noch mein Kleinster aus dem Haus. So ist es auch
das Beste. Ich habe sowieso keine Zeit fuer meine Kinder. Meine Einwilligung ihm Fritzen
zu ueberlassen, hat Goethe als Vertrauensbeweis erkannt. Da Goethe ja auch ein Domizil in
der Stadt hat seit Juni 1782, ein Haus am Frauenplan, ist die Entfernung zu meinen zwei
Liebsten auch nicht sehr groß.
Goethe und ich zeichnen, essen und lesen seither auch jeden Tag gemeinsam.
Ich besuche sogar eine Zeichenschule um much zu verbessern, bisher allerdings ohne
jeglichen Erfolg. Mir fehlt wohl einfach die Begabung dazu. Goethe gefallen meine Bilder,
aber ich glaube, daß er das nur aus reiner Sympathie zu mir sagt. Mein Bildungseifer wird
duch unser gemeinsames Lesen und Diskutieren weiter angeregt. ,,Ich halte mich gluecklich,
daß mir beschieden ist, seine goldenen Sprueche zu hoeren.´´ Goethe laeßt sich auch
von mir anspornen. Er ueberlaeßt mir seine Werke und auch seine Briefe zumeist zur
Lektuere. Auch ich habe mich seinetwillen fuer Spinoza und Naturwissenschaften erwaermt.
Es gibt aber auch immer wieder Unstimmigkeiten zwischen uns aus den
unterschiedlichsten Gruenden. Ich weiß nicht, warum ich nachgeben soll oder verzeihen.
Ich sehe nichts Unrechtes, das ich gesagt oder getan haben soll, und vergeben kann ich
nur, wenn ich eine logische Begruendung dafuer erkenne, was ich nur selten tue. Daher
kommt es immer wieder zu Streit zwischen uns, der auch eine Weile anhaelz, und nur zu
langsamer Wiederannaeherungen. Trotz diesen haeufigen Verstimmungen, beweist Goethe mir
doch immer erneut seine Liebe. Den ,,Werther´´ hat er sogar fuer mich umgeschrieben und
eine Stelle eingefuegt, die an mich erinnert, an meine Liebe zu Kanarienvoegeln, auf die
Goethe genauso eifersuechtig ist, wie auf meinen Hund.
Trotz meinem Wissen um seine Liebe zu mir, kann ich nicht ruhig bleiben, wenn
er sich allzu nonchalant betraegt oder sich zu unbedacht und locker aeußert. Ich habe
schließlich viel Zeit dazu gebraucht, ihm Manieren beizubringen. Ich wuensche keine
Extreme, zeige ich doch selbst auch keine.
* * *
8. August 1786
Goethe scheint sich in Weimar nicht mehr wirklich wohl zu fuehlen. Seine Arbeit in der
Regierung und seine zunehmenden Aemter lassen ihm keine Zeit mehr fuer seine Dichtung. Er
klagt mir haeufig sein Leid, da er doch schließlich zum Schriftsteller geboren sei.
,,Aber als ei weiser Mann wird er sichs wohl mit der Zeit zurechtlegen.´´ Er meinte auch
schon zu mir, ich sei der einzige Grund fuer ihn zu bleiben. Verstehen kann ich ihn nicht
so recht. Er muesste doch eigentlich gluecklich sein!
Ich halte mich in den letzten Jahren auch immer haeufiger und laenger in
Kochberg auf, da das Gut so herunterhgekommen ist und es Zeit ist, daß sich jemand darum
kuemmert. Es bringt uns keinen großen Gewinn und mein Mann hat keine Ahnung von der
Verwaltung. Goethe meint, daß es ihm gefaellt, daß ich auf solch praktische Art aktiv
werde, und daß seine Liebe zu mir dadurch noch verstaerkt werde.
Ich habe in Kochberg auch immer viele Besucher. Außer Goethe kommen auch
haeufiger meine Freundin Charlotte von Schardt, meine Mutter und mein ,,Toechterchen´´
Charlotte von Lengefeld.
Zu diesen mir sehr werten Freunden kommt noch Herr Knebel dazu, der in Weimar
oft um mich herum ist. Die oberflaechlichen Damen des Hofes sind nicht nach meiner
Gesinnung. Herzogin Luise dagegen kann ich getreu noch zu meinen werten Vertrauten
zaehlen. Ich troeste sie haeufiger auf Grund ihrer ungluecklichen Ehe oder ihrer
Schwangerschaft. Auch meine Schwester Luise bedurfte oft schon meines Trostes wegen ihrer
Ehe und weil sie und ihr Mann nun noch zusaetzlich in einer finanziellen Misere steckten.
Goethe kuemmert sich immer noch um meinen kleinen Fritz, was unser
Zusammengehoerigkeitsgefuehl bestaerkt. Karl ist ungluecklich bei seinem Studium und hat
Schulden und Ernst ist schwer krank. Das Unabaenderliche steht fest: er hat Knochenkrebs
und ihm ist nicht mehr zu helfen. ,,Dem sind die Uebel huebsch bei Zeiten auf den Hals
gerueckt! Den Vorteil hat er, daß er nicht braucht vom Wahn der Jugend zurueckzukommen,
da ihn die Natur fruehzeitig, wie es scheint, hinausweist.´´
Ich fuhr auch wieder zur Kur nach Karlsbad. Goethe meinte, ich solle doch den
Ernst mitnehmen, aber ich fuhr lieber allein. Der liebe Geheimrat macht sich wirkliche
Muehe um meine Familie und mich: er holte den Rat mehrerer Aerzte ein und kuemmerte sich
um Ernst und versuchte ihn aufzumuntern. Auch um meine Gesundheit ist er sehr besorgt.
Ich habe eine fluechtige Bekannte Briefe von Goethe an mich lesen lassen. Sie
war entzueckt. Vielleicht kann ich ja Goethe besser wieder an das Leben in Weimar binden,
wenn ich ihn durch oeffentliches Zeigen unserer Liebe hier festbanne.
Seine muerrische undverschlossene Art nimmt von Tag zu Tag zu. Er wird immer
schwieriger und unzufriedener. ,,Er ist immer der Schweigende´´. ,,Wem wohl ist der
spricht!´´ ,,Goethe lebt in seinen Betrachtungen, aber er teilt sie nicht mit.´´
Ich habe das Gefuehl, daß auch ich an seiner Situation und seiner Gesinnung
nichts aendern kann.
Am 27. Juli ist er zu mir nach Karlsbad gekommen und er hat vor mich am 14.
August ein Stueck auf der Rueckreise zu begleiten.
Wenn ich ihn nur wieder gluecklicher sehen koennte. Es beschaeftigt mich sehr
ihn so leiden zu sehen, denn wir sind mieinander auf ewig verbunden. ,, ,,Wir sind nicht
mehr zu trennen´´, sagtest du einmal. Du hattest recht. Solange man dich kennt, wird man
auch von mir wissen.´´
* * *
15. September 1787
Ein Jahr ist es jetzt her, daß er auf die gemeinste Art mich verlassen hat. Nicht einmal
Nachricht hatte er mir hinterlassen, mein ,,ehemaliger Freund´´. Wochenlang hoerte ich
nichts von ihm. Mir war dies peinlich und ist es noch, denn jeder meinte, ich muesse doch
etwas ueber Goethes Verschwinden wissen. Selbst seine Mutte wandte sich an mich und klagte
mich noch an, weil ich ihrem Sohn eine Reise nicht goenne. Aber nicht nur dies. Ich sorgte
mich schließlich auch um ihn. Aber der Zorn und die Wut ueber sein klammheimliches
Verschwinden ueberwiegten noch. Ich bin nichts weiter als eine Verlassene, die vom
ungetreuen Freund im Stich gelassen worden ist. Ich habe in meiner Einsamkeit ein Gedicht
geschrieben:
Ihr Gedanken, fliehet mich,
Wie mein Freund von mir entwich!
Ihr erinnert mich der Stunden
Mit ihm liebevoll verschwunden.
O, wie bin ich nun allein!
Ewig werd ich einsam sein.
Wenn mein Aug die Traene quillt
Und der Schmerz das Herz aufschwillt,
Wenn es Dich den Lueften nennet,
Aus der Brust der Atem brennet,
Bleibt doch alles um mich leer,
Keine Antwort wird mir mehr.
Ach, ich moechte fort und fort
Eilen und weiß keinen Ort,
Weiß mein Herz an nichts zu binden,
Weiß nichts Gutes mehr zu finden:
Alles, alles floh mit Dir,
Ich allein verarmt in mir.
Was mir seine Liebe gab,
Huell ich wie ins tiefe Grab.
Ach, es sind Erinnrungsleiden,
Sueßer abgeschiedner Freuden,
Was mich sonst so oft entzueckt
Und ich an mein Herz gedrueckt.
Schutzgeist! Huell mir auch noch ein
Seines Bildes letzten Schein,
Wie er mir sein Herz verschlossen,
Das er sonst so gern ergossen,
Wie er sich von meiner Hand
Stumm und kalt fast weggewandt.
Inzwischen halte ich es nicht mehr fuer
noetig, Goethe liebevolle, verstaendnisvolle Zeilen zu widmen. Er hat mich aufs
schmaehlichste hintergangen. Seine Briefe, die ich nun immer mal wieder erhalte, flehen um
Vergebung, aber ich kann nicht verzeihen - das nicht. Durch seine Schuld bin ich erkrankt,
ich habe Fritz wieder zu mir genommen und ich will meine Briefe zurueck. Nichts soll uns
je wieder so verbinden. Seine Gruende sind mir unverstaendlich und uch werde mir auch
keine Muehe machen, seine Beweggruende zu begreifen. Ich bin zutiefst enttaeusvcht und das
wird er niemals wieder gut machen koennen.
Ich versuche mir nach außen hin meine Enttaeuschung nicht anmerken zu
lassen, auch wenn das wohl nicht immer so gelingt, wie ich mir das vorstelle.
Ich muß zugeben, daß die Jahre mit Goethe einen Genuß fuer mich bedeutet
haben. Ich hatte das Verlangen gespuert, jemanden taeglich zu sehen, hatte meine trueben
Vorahnungen verbannt, ein neues Leben angefangen. Ich war schon bereit gewesen zu
resignieren, als er in mein Leben trat, und alles zum Guten wandte, wie ich damals
glaubte. Aber ich hatte mich getaeuscht. Die damals empfundene Lebensfreude war nur von
kurzer Dauer. Sein Verschwinden hat mich zutiefst verletzt und mich von meinen
Zukunftsvisionen eines gemeinsamen Zusammenlebens herausgerissen. Zunaechst war ich wie
betaeubt und schwankte hilflos zwischen Zorn und Verzweilung. Inzwischen versuche ich
etwas besse damit umzugehen, auch wenn der Schmerz noch immer praesent ist.
Wir haben vor kurzem unseren regelmaeßigen Briefwechsel wieder aufgenommen.
Er denkt auch im fernen Italien an mich. Aber trotzdem kann ich diesen Vertrauensbruch
niemals vergeben. Und auch die Entfernung wird zu einer weiteren Entfremdung zwischen uns
fuehren. Er macht taeglich ,,reiche Erfahrungen´´ und ich sitze hier in Weimar und habe
rein gar nichts zu berichten, da ich ,,dort stehenblieb, wo man (ihn) mich verlassen
hatte´´.
* * *
19. Juni 1788
Gestern soll Goethe aus Italien zurueckgekehrt sein, habe ich gehoert. Unser Verhaeltnis
wird wohl nicht wieder fortzufuehren zu sein, auch wenn Goethe in seinen Briefen immer
noch voll Hoffnung schien. Aber die Vorwuerfe, die in seinen Zeilen neben den Bitten um
Vergebung meist steckten, kann ich nicht vergessen. Er habe gehofft in Italien zu
gesunden, da Weimar und ich ihn wohl krank gemacht hatten, er hatte Offenheit und
Vertrauen in unserer Beziehung vermißt. Einen Neuanfang wollte er, aber den kann ich ihm
nicht geben. Lange hatte ich auch geglaubt, ihn nie wieder zu sehen, mir eingeredet, er
wuerde dort sterben, oder es gefiele ihm so gut, daß er nicht zurueck wolle. Oft war ich
von solch duesteren Ideen besessen.
Wie haette ich seinen Aufenthalt dort ganz selbstlos als seine große Chance
betrachten sollen, wenn er mich doch hier im Stich laesst?
Und diese ewigen Fragen, ob er wohl nur mir nichts ueber die Plaene gesagt
hatte, damit ich ihn nicht versuche zurueckzuhalten?
Sein Verschwinden war nichts als eine Beleidigung fuer mich. ,,Ich habe keine
glueckliche Natur, bei mir vernarbt keine Wunde.´´
Ich habe nie aufgehoert ihn zu lieben, aber diese Kraenkung verzeihen werde
ich auch nicht.
Trotzdem habe ich mich die letzten Monate darum bemueht, liebevollere,
freundlichere Briefe als zuvor zu schreiben, wenn mein Groll mal schwieg, aber unser
Verhaeltnis bleibt gestoert.
Goethe schrieb immer wieder wie gluecklich er doch in Italien sei, wie soll
ich da daran glauben, daß er sich auf ein Wiedersehen freue?!
Auf meinen Wunsch, meine Briefe zu verbrennen, bestehe ich weiterhin. Ich
habe keinen Glauben mehr an den Bestand dieser Liebe.
Die Entfernung zwischen uns machte unser Verhaeltnis wieder so problematisch
wie am Anfang. Alle heiklen Themen tauchten erneut auf: er berichtete mir, daß ,,der
Gedanke, (Dich) mich nicht zu besitzen, (mich) ihn doch im Grunde...aufreibt und
aufzehrt´´ Diese Bekenntnis bedeutet fuer mich einen ungeheuerlichen Rueckfall in alte
Phasen unserer Beziehung. Meine Einwirkung auf ihn hatte wohl mit der Entfernung
abgenommen.
Es ist erneut eine Entfremdung zwischen uns eingetreten. Goethes Briefe waren
manchmal auch voller Boesartigkeiten, die ich nun erst recht nie vergeben kann.
Er hat nichts vom Leben hier mehr richtig mitbekommen, kann an meinen
Schmerzen nicht mehr teilhaben. Soviel ist in der langen Zeit seiner Abwesenheit
geschehen:
Am 14.Juni 1787 ist Ernst seiner Krankheit erlegen, als ich ihn dann doch
einmal mit zur Kur nehmen wollte. Ich befuerchtete, mein Herz koenne aufhoeren zu schlagen
und die Zerstreuungen in Karlsbad boten nicht genuegend Erholung. Sein Tod war nicht
ueberraschend und war somit auch nicht so schmerzhaft, aber er bestaetigte mich noch
zusaetzlich in meiner pessimistischen Grundstimmung. Ich hatte ihn eigentlich schon recht
frueh aufgegeben. Was kann ich schon gegen das Treiben der Natur tun? Ich bin immer
ehrlich zu mir selbst und mache mir keine Illusionen. Das gilt auch fuer das Verhaeltnis
zu Goethe. Welchen Sinn haette es, mir vorzumachen, alles werde gut?
Ich habe ja auch jetzt wieder bestaetigt bekommen, daß meine fruehere
Haltung, die vorteilhaftere war: die Emotionen nicht an sich heranlassen, sich abpanzern,
die Unzuverlaessigkeit der Welt und der Menschen in jedem Augenblick fuerchten!
Die tiefe Zeit der Offenheit kann ich jetzt nur bereuen. Vielleicht habe ich
einem Unwuerdigen zuviel von mir enthuellt?
Knebel ist inzwischen fuer mich der einzige Mensch, den ich noch so liebe,
wie zuvor. Ihm vertraue ich, denn er enttaeuscht mich nicht.
Meine Schwester Luise ist nun auch allein. Imhoff, der genauso unzufrieden
mit der Ehe war, ließ sich todkrank noch scheiden. Vor ein paar Tagen ist er dann
verschieden. Meine Nichte Amalie, die sehr impulsiv und zuweilen egozentrisch ist, ist
eine recht begabte Dichterin und eine selbstbewußte Frau. Sie ist nun haeufiger bei mir
und faellt mir auf die Nerven. Ihr fehlt die Contenance.
Auch mein Mann ist schwer krank. Er leidet unter depressiven Anfaellen und
steigernden Wahnvorstellungen, aber ich tue alles, um ihm sein Leben so angenehm wie
moeglich zu machen. Er hat mich schließlich immer zuvorkommend behandelt und hatte
Respekt vor mir.
Der liebe Herr Geheimrat ist nun auch unabhaengig von mir und benoetigt
keinen Trost mehr. Die Risse in unserer Beziehung sind wohl nicht wieder zu reparieren.
,,Immer wieder suche ich den Beginn unserer Liebe und glaube, wenn ich den
Faden durch das Labyrinth der Ereignisse verfolgen Koennte, mueßte mir auch begreifbar
werden, wie und warum es zu diesem Ende kam.´´
* * *
18. Februar 1794
Goethe hat nun ein Verhaeltnis mit einer Waisen, Christiane Vulpius. Er war nichr bereit
zu einer Annaeherung gewesen, da er seine Schuld nicht anerkannte. Mit dieser Beziehung
aber hat er nun noch einen erneuten Vertrauensbruch begangen. Er hat mir nicht davon
berichtet. Seit dem 12.Juli 1788 geht diese Liebelei zwischen ihnen schon und erst im
Maerz 1789 habe ich davon erfahren. Das hat in mir zusaetzlich noch ein Gefuehl von Scham
und unbaendiger Wut geweckt. Diese Goer ist absolut nicht der geeignete Umgang fuer ihn,
das erkennt die ganze Weimarer Gesellschaft. Das allgemeine Empoeren betrifft nur die
Person dieser jungen Prostituierten. Das hat Italien aus Goethe gemacht. ,,Diese seltsame
Land Italien, hat ihn verwandelt, hat ihn mir entfremdet, mir seine Liebe geraubt.´´
Bevor ich von dieser Beziehung erfuhr, sah es noch so aus, als waere er zu
Zugestaendnissen bereit, als koenne man miteinander reden. Er bittete mich noch, ihn zu
lieben und war bereits ein halbes Jahr mit dieser Christiane zusammen. Als ich ihm dann
einen Brief schrieb, der nach endgueltiger Klarheit verlangte, erhielt ich eine Antwort,
die in mir die letzte Hoffnung auf ein Wiederbeleben der alten Freundschaft und Liebe
zunichte machte. Mit einem derartig harten Brief voller Vorwuerfe hatte ich nicht
gerechnet. Er zeigte mir, wie wenig er doch von meiner Erziehung wie auch unserer Liebe
gehalten hatte. Nun hatte er sich ja Ersatz geschaffen und meinte auch noch, daß mich das
nichts anginge. Unsere Liebe ist somit endgueltig vorbei!
Weitere Briefe, die ich von Goethen erhielt, bestanden nur noch aus
Unwahrheiten und ungeheuerlichen Zumutugen.
An meinem 47. Geburtstag hat Christiane den kleinen August zur Welt gebracht.
Warum blieb mir nicht wenigstens diese Qual erspart? Jetzt muß ich mit ansehen. Wie der
Kleine waechst und wie ein Teil meines ehemaligen Freundes mit einem Teil dieser
unkonventinellen Frau vermischt wird. Ein mir unertraeglicher Gedanke!
Fritz ist inzwischen der Vertraute meiner Seelenpein. Ihm allein habe ich
gestanden, daß ich wohl immer unter der Trennung von Goethe leiden werde. Goethe verfolgt
mich sogar bis in meine Traeume.
Mein lieber Mann ist am 28.Dezember 1793 an einem erneuten Schlaganfall
gestorben. Damit ist auch meine Rolle als Pflegerin beendet, die auch meine Mutter bei
meinem Vater hatte, der bereits im November des Jahres 1790 gestorben ist.
Meine Gesundheit leidet durch die Todesfaelle in der Familie. Meine Schmerzen
rauben mir oft die Lebenslust und lassen mich mir den Tod wuenschen. Aber das Hofleben
lenkt mich oft ab und meine Disziplin laesst mich tapfer durchhalten.
* * *
30. Dezember 1806
Jetzt wo Josias nicht mehr da ist, fuehle ich mich noch einsamer. Karl ist immer in
Kochberg. Er hat ja Fritz auch ausbezahlt und kuemmert sich glaenzend um alles, was dort
so anfaellt. Er hatte es nie leicht dort. Es war ein muehsamer Anfang, obwohl er praktisch
veranlagt ist. Ob er wohl oft am Verzweifeln war, aber sich nicht traute zu mir zu kommen?
Meine Ungeduld hat ihn immer beschaeftigt, und wenn ich ihn kritisiert habe, war das fuer
ihn ein Zeichen dafuer, daß ich ihn nicht liebe. Ich weiß, daß ich schon immer Fritz
ihm vorgezogen habe, aber trotzdem habe ich Karl auf meine Art immer schon geliebt.
Fritz ist in Preußen und wird wohl so bald nicht zurueckkehren.
Meine Freundschaft zur Herzogin Luise ist getruebt. Womoeglich haben wir uns
zu oft gesehen!
Die mir wirklich naechste ist meine getreue Lotte Schiller. Mit ihr kann ich
ueber meine Enttaeuschungen und meine Schmerzen reden. Mit dieser armen jungen Frau, die
einen stets kranken Mann hat, der aus ihr freiwillig(?) eine Hausfrau und Mutter gemacht
hat, kann ich allein vertrauen. ,,Sie ist ein engelgutes Wesen; ihre ganze Existenz
scheint ihr nur um des Mannes und Karlchens Willen da zu sein.´´ Ich bin davon
ueberzeugt, daß es jeder Frau im Jensets besser geht ,,als in der immer angespannten
unnatuerlichen Existenz mit einem schoenen Geist´´ so wie Schiller einer ist.
Meine wechselnde Stimmung Goethe gegenueber hatte sie immer zu ertragen. Mal
Mitleid, dann Spott, Veraergerung oder Erschrecken ueber sein Aussehen. Dies alles hat
mich in all den Jahren beschaeftigt.
Goethe hing ich weiterhin nach, waehrend mein Sohn Karl endlich heiratete. Am
20. Mai 1798 ehelichte er Amelie von Seebach. Eine wundervolle junge Frau, die mir im
Februar 1799 meinen ersten Enkel, Friedrich, schenkte. In Anbetracht dieser Liebe werde
ich melancholisch. ,,Ich glaube, mein Herzversteinert nach und nach; ich fuehle, wie mir
der Ausdruck immer mehr und mehr versagt, Liebe und Wohlwollen zu erkennen, zu
geben...Wenn ich mich recht zur Statue machen kann, bin ich am wohlsten; ich darf mir
weder Freude noch Leid erlauben.´´ Leider kann ich meine Gefuehle nicht ganz so
abtoeten, wie ich es gerne haette. Goethes August hat sich ganz unbemerkt in mein Herz
geschlichen. Meine Zuneigung zu ihm fuehrte auch zu einer gewissen Annaeherung an Goethe.
Dieser schickt mir haeufig wieder einige Koestlichkeiten. Meine Meinung ueber Christiane
hat sich allerdings nicht geaendert. Sie ist fuer mich immer noch eine Peinlichkeit. Der
Gedanke, die Weimarer Gesellschaft koennte denken, ich haette Kontakt zu dieser Frau, ist
entsetzlich. Goethe schickt mir auch wieder seine Werke zur Lektuere, manchmal sehe ich
mir Kupferstiche in seinem Hause an. Als er 1801 schwer erkrankte und alle Welt glaubte,
er wuerde dies nicht ueberstehen, kam es zu einer weiteren Annaeherung zwischen uns. Das
Drama ,,Dido´´, das ich 1794-95 geschrieben habe, beschreibt unser Verhaeltnis und hat
deshalb eine Menge Aufsehen erregt. Ich habe es aber nicht veroeffentlichen lassen. Dazu
haette es zu viele Peinlichkeiten ausgeloest. Aber ich habe mir mit diesem Stueck einen
Teil meiner Wut von der Seele geschrieben.
Mit Knebel habe ich mich 1790 wegen der politischen Verhaeltnisse
verstritten. Ich konnte diese Franzoesische Revolution nicht unterstuetzen. Als er 1798
dann diese Saengerin geheiratet hat, hat er sich ganz zurueckgezogen.
Ich habe in letzter Zeit viel mit Zahnweh, Augen- und Kopfschmerzen, meinem
,,praetentioesen Gast,, zu tun. Mein Gehoer laesst merklich nach und bei jedem
Witterungsumschwung tun mir saemtliche Glieder weh. Der Gedanke an den Tod wird
mittlerweile etwas Natuerliches, zeitweise sogar Erwuenschtes in meinem Leben. ,,Der Tod
hat mir gar nichts Unangenehmes als nur der Ort, wo man hingesetzt wird. Koennte ich in
meinem Kabinettchen liegen bleiben, so waere mir weiter nichts Unholdes in dieser
Vorstellung.´´ Als meine Mutter am 2.Juli 1802 gestorben ist haben mich alle
pessimistischen Gedanken vollkommen in Besitz genommen.
Trotz allem gab es auch Freuden in meinem Leben: Fritz heiratete ebenfalls
und meine Enkel entzuecken mich sehr und bereiten mir große Freude. Auch meine
Freundschaft zu Knebel wurde 1802 neu belebt, was mir sehr gut tat.
Mit Goethe habe ich in der Gesellschaft keinerlei Probleme, aber ansonsten
kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten zwischen uns. Seine konventionelle Art mir nun zu
schreiben, gefaellt mir ebenfalls nicht. Auch wenn ich ihn kritisiere, reagiert er
aeußerst empfindlich, so daß ich mich meist zurueckhalten muß. In den letzten zwei
Jahren war er auch wieder schwer krank, so daß ich mir große Sorgen um ihn machte. Nach
seiner Genesung verstanden wir uns aber wieder etwas besser.
Inzwischen sind auch noch viele andere gestorben: Herder, Corona Schroeter,
meine Schwester Luise und Schiller, weshalb ich Goethe oft troestete.
Seit dem Herbst 1805 haben sich nun alle meine Befurchtungen bestaetigt.
Napoleons Truppen sind in Weimar. Es herrscht ein einziges Chaos. Wir wurden
ausgepluendert und ich besitze so gut wie nichts mehr. Am 15. Diese Monates ist unsere
Herzogin Luise diesem Eroberer entgegengetreten, voller Mut und Stolz. Viele Einwohner
sind ins Schloß gefluechtet, wo Luise ausharrte. Ich habe einen schwer verwundeten
General zu mir genommen, aber in der Nacht drangen Franzosen auf der Suche nach Essen,
Trinken und Geld in mein Haus ein. Ich holte Hilfe und nach unserer Rettung begaben
schließlich auch wir uns ins Schloß. Damit habe ich auch meinen letzten Besitz noch
verloren.
Christiane hat Goethe in dieser Schlacht das Leben gerettet, wofuer er als
Dank sie dann ehelichte, was aber in dieser brisanten Lage fast niemanden mehr
interessierte. Es war keine Zeit fuer Klatsch. Viele hatten gerade nichts als ihr nacktes
Leben gerettet. Besseung unserer Situation ist nicht in Sicht! ,,Man ist beinah gezwungen,
den Glaube an eine Vorsehung zu verlieren... Die Welt ist eine langweilige Wiederholung
von Tyrannei, Hab- undEroberungssucht und, was das Laecherlichste ist, armer Mensch: von
Stolz!´´
20. November 1815
Als mich mein Fritz damals mit seiner Frau Helene und den Kindern Marie und Lothar
besuchten, haette ich wohl auch nie gedacht, daß alles sich so entwickeln werde. Helene
hatte schon damals einen betrueblichen Eindruck gemacht, denn sie liebte meinen Fritz
nicht, der ihrer Meinung nach, nicht dazu faehig war,warmherzig zu sein. Ob wohl wirklich
meine gelegentliche Harschheit auf ihn abgefaerbt hat? Ich habe mich damals darum bemueht
auf Helene einzuwirken, aber ohne Erfolg. Dann kam das Unerwartete: bei ihrer dritten
Geburt des kleinen Guido, am 8.Juli 1808, starb Helene. Ich glaube heute noch, daß wir
der armen jungen Frau wohl oft Unrecht getan haben und bedauere dies sehr. Ich wollte
meinen Fritz nun unterstuetzen, aber meine Beschwerden, wurden auf Grund der Aufregung
immer schlimmer. Ich hatte mir ueberlegt die kleine Marie zu mir zu nehmen, hatte aber
dann bemerkt, daß ich dazu wohl nun zu alt und zu schwach bin. Meine oft heftigen Leiden
hielten mich auch immer wieder von der Gesellschaft interessanter Leute fern.
Im Januar 1810 verlobte sich Fritz dann mit der blutjungenAmalia von
Schlabrendorff. Ich hatte zunaechst wie auch die ehemaligen Schwiegerelter nichts dagegen,
doch dann kam Fritz die Idee, seine Kinder den Eltern der Verstorbenen zu lassen, und ich
mußte heftigen Widerspruch einlegen. Dies entsprach nun ganz und gar nicht meinen
Vorstellungen von einer Familie.
Ende 1810 gab es dann bereits Schwierigkeiten in der kurzen Ehe. Amalia
hatten wenige Monate gereicht, um zu merken, daß sie mit Fritz nicht leben konnte und
wollte. Zu Beginn de Jahres 1811 hatte Amalia Fritz bereits verlassen und war in ihr
Elternhaus zurueckgekehrt. Dieses Mal war ich nicht bereit Fritz die Vorwuerfe zu
ersparen. Vielleicht ist er ein Mensch, der vom Unglueck verfolgt wird. Zunaechst hoffte
ich noch auf eine Versoehnung der beiden, doch nun ist klar, daß die Trennung endgueltig
ist.
Meine Aengste um Fritz griffen wieder auf meine angeschlagene Gesundheit
ueber und im Sommer 1811 bin ich dann ohne rechte Lust wieder in Kur gefahren.
Karl dagegen ist mit seiner Frau sehr gluecklich und ertraegt deshalb auch
die schwersten Notlagen. Diese Schwiegertochter und die Enkel machen mir eine große
Freude. Allerdings Sorge ich mich um die Zukunft der Kleinen. Ob sie wohl auch mal in den
Krieg ziehen muessen? Ich bete bei Gott, daß dies nicht geschieht.
Napoleon quaelte Weimar dann auch noch mit seinen Besuchen. Goethe hatte eine
Audienz bei diesem Menschen, der voller Grausamkeit steckt. Von Goethe weiß ich auch
nicht, was ich nun halten soll. Seine Christiane ist nun zumindest etwas beliebter in der
Gesellschaft geworden nach dem Tode seiner Mutter. Aber was soll ich von seinen
Beteuerungen seiner Zuneigung halten? Er ist unbestaendig. Manchmal ist er
freundschaftlich und liebevoll, dann wieder abweisend. Was ich aber vor allem verabscheue,
sind die diktierten Briefe, die er mir des oefteren zusendet.
Mit widrigen Umstaenden kann ich mich einfach nicht abfinden. Napoleon erregt
immer noch Empoerung, Hass und Resignation in mir. An einen Gott, der alles zum Guten hin
wendet, kann ich nun auch nicht mehr glauben.
1813 sind die verdammten Franzosen dann noch einmal durch Weimar gezogen und
haben gepluendert, und danach marschierten die Preußen, die Russen und die Oesterreicher
hindurch. Ich verlor nun auch noch das letzte bißchen, das ich besessen hatte.
Ich bat Karl seine Frau wegen der Ueberfaelle auf Kochberg zu mir zu
schicken. Ich habe sie sehr gern um mich.
Inzwischen gehe ich nicht mehr viel aus. Ich vertreibe mir die Zeit mit lesen
oder trinke mit Freunden Tee. Mein Gesundheitszustand hat sich seit 1810 rapide
verschlechtert. Dies machte mir auch lange Zeit das Lesen nicht moeglich, worunter ich
wirklich sehr litt. Trotzdem muß ich mich aufraffen und meinen kranken Fritz troesten.
Auch meine uebrigen Freunde, die wohl etwas Angst um muich haben, brauchen noch meine
Unterstuetzung. Lotte Schiller besucht mich oft und sorgt sich um mich, das arme Kind.
Seit diesem Jahr ist mein Befinden auch oefter mal sehr bedenklich gewesen, aber ich mache
mir keine Sorgen. Die Angst vor dem Tode habe ich weit hinter mir gelassen. Lotte schreibt
meinen Soehnen auch regelmaeßig ueber meinen Zustand und macht sich nun wieder Sorgen,
weil sie meint, daß ich mish ueberfordere. Aber wenn es mir gutgeht, muß ich etwas tun.
Ich kann schließlich nicht auf noch mehr Besseung warten, denn die Zeit ist nicht mehr
lang. Ich bezweifle, daß ich meinen naechsten Geburtstag noch erlebe.
* * *
3. Mai 1821
Es wird nun zunehmend anstrengender zu schreiben, aber noch ein paar Zeilen ueber Goethe:
Er ist steif und besitzt nicht Knebels ,,Gutmuetigkeit´´, mit dem ich mich
oefter ueber ihn unterhalte. Ich wuerde doch gerne wissen, ob er noch ab und zu an mich
denkt. Um seine Gesundheit mache ich mir mehr Sorgen, als um die meinige, denn durch
Wielands Tod und auch durch den von Christiane 1816, der wohl aeußerst qualvoll gewesen
sein muß, hat sie nochmals einen erheblichen Stoß erlitten. Die kleinsten
Gefaelligkeiten machen mir Freude. Meine Erinnerungen an die gluecklichen Jahre lassen
mich nicht los, so wenig wie der Gedanke an das Scheitern unserer Beziehung.
* * *
11. Juni 1821
Die Zeit hat meine Wunden nicht geheilt. Sogar das Vernarben ist duch meine
,,unglueckliche Natur´´ verhindert worden. Ich werde die Enttaeuschungen nicht mehr
vergessen, soviel steht fest! ,,Wie wenig Maenner wissen ein zartes weibliches Herz zu
behandeln!´´ Als ich mit Goethes Vergangenheit in Form von Lotte Kestner konfrontiert
wurde, die ihren ,,Werther´´ in Weimar besuchte, mußte ich wieder an die alte Zeit
denken. Wie schoen damals doch alles war!
* * *
15. Juli 1821
Ich finde es heute noch sehr schade, daß Goethe nur wegen diesem albernen Streit mit der
Geliebten des Herzogs das Theater verlassen hat. Welch Herrlichkeit war das Schauspiel
doch immer! Wir trafen uns noch immer gelegentlich bei Hofe, so lange mein Zustand noch
besser war. Wenn er aus seinen Werken mir vorlas, wagte ich es meist nicht mehr, eine
Frage zu stellen, weil ich eine schnippische Antwort befuerchtete. Haeufig war Goethe
,,verschlossen´´.
* * *
18.August 1821
Goethe hat ein Essen gegeben. Seine Schwiegertochter hat es ausgerichtet. August und die
huebsche, geistreiche Ottilie von Pogwisch sind nun auch schon seit vier Jahren
verheiratet. Goethes kleiner Enkel Walther Wolfgang zaehlt nun auch schon drei Jahre.
* * *
22. Dezember 1821
Meine Augen haben mir wieder die ganze Zeit sehr zu schaffen gemacht und schlossen mich
wieder aus jeglicher Gesellschaft aus. Meine Freunde ermuntern mich immer wieder, besser
gesagt, die die noch uebrig sind. Meine Schwaegerin Sophie und meine Schwester Malchen
sind beide vor zwei Jahren gestorben. Der Kreis um mich herum wird immer kleiner.
Meine Kochberger werden mir sicherlich zu meinem Geburtstag wieder eine Torte
schicken und alle werden sie dann um mich herum sein. Das ist die Zeit, auf die ich mich
noch freuen kann.
* * *
6. Januar 1822
Lotte ist froh ueber mein ungebrochenes Interesse an allen geistigen Dingen, da sie an
ihrer Mutter das genaue Gegenteil davon mitbekommen hat. Aber auf meine pessimistische
Haltung reagierte sie immer besorgt. Wenn ich mit meinen geliebten Enkeln zusammen bin,
ist das Leben wieder etwas wert, aber nur in diesen Augenblicken. Karls Tochter Louise
erfreut mich sehr. Sie ist oft bei mir, kuemmert sich um mich und leistet mir
Gesellschaft.
Eine mir nun treue Freundin, Charlotte Elisabeth von Ahlefeld, besucht mich
nun auch des oefteren. Ich unterhalte mich gerne mit ihr. Sie ist sehr gebildet.
* * *
17.April 1825
Ich bin nun fast taub. Wenn es mir einigermaßen gut geht, verbringe ich meine Zeit
draußen auf meiner Bank unter den Orangenbaeumen.
Das Weimarer Theater ist letzten Monat bis auf die Grundmauern
niedergebrannt.
* * *
30. Oktober 1825
Ich bin nun Urgroßmutter: meine Enkelin Marie von Zobeltitz hat einen Sohn zur Welt
gebracht. Meine Freude ist riesengroß!
Von Goethe habe ich ein Medaillon erhalten und ihm auch mitgeteilt, daß sein
,,Wohlwollen´´ mir sehr wichtig ist.
Ich glaube mich dem Tode nun immer naeher. Mein treuer Freund Knebel versucht
mich aber immer wieder zu troesten und mich aufzurichten.
* * *
10. Juli 1826
Meine Lotte ist gestern an einer Augenoperation gestorben. Es ist Zeit, daß auch ich nun
diese Welt verlasse!
* * *
9. August 1826
Die Kochberger kuemmern sich einfach ruehrend um mich. Danken kann ich ihnen das wohl nie.
Meine Kraefte nehmen stetig ab.
* * *
13. September 1826
,,Ich bin leider wie fremd auf der Welt, und muß viel Schmerzen leiden, und bin von den
Meinigen so ganz verlassen, voellig taub und beinage blind... Wenn ich doch vor meinem
Ende noch eine (Dir) fuer Fritz ersprießliche Begebenheit erfahrenkoennte. So werde ich
(Dich) ihn nicht wiedersehen und das raetselhafte Dasein bald vollendet haben.´´
Mein letzter Wunsch ist es, daß der Leichenzug mit meinem Sarg nicht
an Goethes Haus vorbeizieht, da er den Tod nicht haben kann.
* * *
Charlotte von Stein hat ihren letzten
Geburtstag nicht mehr bei vollem Bewußtsein erlebt. Ihr Sohn Karl mit seiner Familie und
ihre Freundin Charlotte Elisabeth von Ahlefeld waren bis zuletzt bei ihr und berichteten
dann auch Knebel von ihrem Tod. Sie ist am Abend des 6.Januar 1827, so gegen 19Uhr, ruhig
und schmerzlos gestorben. Am 9.Januar wurde sie dann begraben. Ihr letzter Wusch wurde von
den Behörden nicht berücksichtigt: Der Trauerzug ging wie gewohnt an Goethes Haus am
Frauenplan vorbei.
Goethe setzte in einem späten Gedicht, dessen Entstehungsdatum nicht mehr
festzustellen ist, Charlotte, seiner ,,Lida´´, noch einmal ein Denkmal. In diesen
rückblickenden Versen wird ihre Bedeutung für sein Leben ohne Einschränkung anerkannt,
sie steht in ihrer Wichtigkeit neben Shakespeare; diese Frau hat Goethes Leben
entscheidend geprägt, und er bestimmte ihr Leben. Doch darüber darf nicht vergessen
werden, daß auch ihr eigenes Schicksal, ihre Persönlichkeit, ihr Handeln und ihr Denken
unsere Aufmerksamkeit verdienen, auch wenn sie nicht von Goethe losgelöst betrachtet
werden kann.
Einer Einzigen angehören,
Einen Einzigen verehren,
Wie vereint es Herz und Sinn!
Lida! Glück der nächsten Nähe,
William! Stern der schönsten Höhe,
Euch verdank´ ich, was ich bin.
Tag und Jahre sind verschwunden,
Und doch ruht auf jenen Stunden
Meines Wertes Vollgewinn.
Bibliographie:
Maurer, Doris: Charlotte von Stein, Frankfurt am Main, 1997, insel taschenbuch Verlag
Internet: http://www.rz.uni-frankfurt.de/~timor/lotte.htm:
Charlotte von Stein Home page
Maurer, Doris: Charlotte von Stein, Frankfurt am Main, 1997, insel taschenbuch Verlag
Internet: http://www.rz.uni-frankfurt.de/~timor/lotte.htm:
Charlotte von Stein Homepage

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