Goethe und sein Umfeld

Hausarbeiten des LK Deutsch 13
Schuljahr 2000/2001

Myriam Günth: Italienreise | Ulrike Bacher: Zum Abschied! Briefe der Charlotte von Stein | Natascha Buch: Das Tagebuch der Charlotte von Stein | Eva Nagel: Christiane Vulpius. Ein Leben | Veronica Catalán, Diane Geiß: Schiller und Goethe


Christian Markus Florian Breun
 
Goethes Reise nach Italien 1786

Rom, den 7. November 1786

Geliebte Charlotte!

Gewiß bist Du sehr verwundert und vielleicht gar ein wenig verärgert über meine plötzliche unangekündigte Abreise. Aber dies musste einfach geschehen und Du wirst mich auch sicher bald verstehen. Laß mich bitte versuchen Dir die Gründe meiner Entscheidung darzulegen.
   Ich musste fort, ich konnte so länger nicht weiterleben. Der Hof, mein ganzes Leben im übrigen auch, war mir zu eng geworden. Mich erdrückte langsam das monoton dahinfließende Leben. Meine beamtliche Tätigkeit war nur noch eine immerwährende Wiederholung mehr oder weniger gleicher Maßnahmen. Diese Art von Verrichtung, diese Arbeit konnte und durfte nicht länger meine Lebensbeschäftigung sein, sonst wäre ich zugrunde gegangen.
   Auch die Gesellschaft, die Menschen in meiner nächsten Nähe, gewiß, sie gaben mir stets das, was sie mir zu geben in der Lage sind,aber das reichte mir nicht mehr.
   Ich habe das Gefühl, trotz aller Hochachtung, dass sich niemand weiter entwickelt, sich keiner verändert. Ich empfinde Stillstand, Trägheit, kein Weiterkommen, wie wenn sich alles in einem Zirkulus drehte, wie wenn alle in einem nebligen Wald ohne Ziel dahinirren würden; ohne wirkliches Weiterkommen. Oder wenn da eine Mauer wäre, an der man entlang schreitet, ohne dass ein Tor kommt.
   Ich konnte das nicht länger ertragen. Überall empfinde ich Grenzen.
   Charlotte, ich musste gehen.
   Liebste Charlotte, ich verspüre tief in meinem Herzen einen unbändigen Drang nach Freiheit, nach großen Eindrücken, nach neuen Aufgaben. Ich musste einfach fort von hinnen.
   Wie Du weißt, träume ich schon mein ganzes Leben von Italien. Mit Italien verbinden sich meine frühesten Kindheitserinnerungen. Oft hatte mir mein Vater von seiner Italienreise berichtet, und wenn mir mein werter Herr Vater etwas ganz Besonderes erweisen wollte, so erzählte er mir von Venedig und Neapel.
   Eine Landkarte hing in seinem Zimmer, auf der man die Route seiner damaligen Reise von 1740 verfolgen konnte. Stiche der Peterskirche, der Engelsburg, der Piazza de Popolo , der Piazza Navona und andere mehr schmückten unseren Vorsaal und die Treppenabsätze; und als Höchstes pflegte mein Vater mir ab und zu das Modell einer venezianischen Gondel zu zeigen.
   Es war einfach herrlich gewesen als Knabe den Erzählungen zu lauschen und die römischen Stiche zu bewundern.
   Die Erzählungen-, die Stiche – dies hat sich unauslöschlich im meine Seele eingebrannt und seither ward meine Sehnsucht nach Italien geweckt.
   Die ersten Schnäbel vom Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles grüßte ich wie alte Bekanntschaften!
   Alle Träume meiner Jugend sehe ich nun lebendig, die ersten Kupferbilder, deren ich mich erinnere und alles was ich in Gemälden und Zeichnungen, Kupfern-, und Holzschnitten in Gips und Holz schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir, wohin ich gehe find ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Alles ist wie ich mir´s dachte und alles neu.
   Rom, liebste Charlotte ist die höchste Schule, die mich im Leben erwartet, und, wenn man´s gesehen hat, hat man alles gesehen.
   Endlich bin ich in dieser Hauptstadt der alten Welt angelangt! Wenn ich sie in guter Begleitung, angeführt von einem recht verständigen Manne, vor fünfzehn Jahren gesehen hätte, wollte ich mich glücklich preisen. Sollt ich sie aber allein, mit eignen Augen sehen und besuchen; so ist es gut, dass mir diese Freude so spät zuteil ward.
   Über das Tiroler Gebirg bin ich gleichsam weggeflogen, Verona, Vicenza, Padua, Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologna flüchtig und Florenz kaum gesehn. Die Begierde nach Rom zu kommen war so groß, wuchs so sehr mit jedem Augenblicke, dass kein Bleiben mehr war, und ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt.
   Nun bin ich hier und ruhig, und wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt. Denn es fängt, man darf wohl sagen, ein neues Leben an.
   Ich wohne hier bei dem Maler Johann Heinrich Tischbein, mit dem ich schon seit geraumer Zeit in Verbindung stehe. Ich schätze ihn sehr und bin ihm für seine überaus großzügige und selbstlose Gastfreundschaft sehr dankbar.
   So genieße ich es hier, ein recht einfaches und bescheidenes Leben zu führen. Ich wohne in einem kleinen Stübchen mit Fenster zur belebten Straße hin gewand und erfreue mich einfacher Mahlzeit.
   Des Morgens pflege ich ein paar Stunden, die besonders von friedvoller und glücklicher Ruhe erfüllt sind, an meiner „Iphigenie" zu arbeiten; auch bereitet es mir des öfteren Freude an meinem „Faust" zu schreiben.
   Ab neun Uhr breche ich dann mit Tischbein auf, um die hiesigen großen Kunstwerke zu betrachten. Nebenbei bemerkt, lasse ich mich derzeit kaum von den „großen" Weltmenschen stören, gebe und empfange keinen Besuch außer von Künstlern.
   Neben den großartigen Kunstwerken Roms und der südländischen Landschaft zieht mich die Sinnesfreudigkeit des italienischen Volkslebens an. Ich besuche Theateraufführungen, wohne Gerichtsverhandlungen bei und darf Prozessionen und Kirchenfeste sehen und miterleben.
   Abends kehren wir dann ermüdet in unser schlichtes Heim zurück. Diese Einfachheit, die Erfahrung; all diese neuen Eindrücke bedeuten für mich nach den vorausgegangenen Jahren eine seelische Erlösung und Tröstung. Täglich werfe ich eine neue Schale ab, ja ich erfahre eine Veränderung bis aufs innerste Knochenmark, eine Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet. Fast nie zuvor in meinem Leben hatte ich das uneingeschränkte Gefühl glücklich zu sein.
   Ich habe endlich das Ziel meiner Wünsche erreicht und lebe hier mit einer Klarheit und Ruhe, die Ihr Euch denkt, weil Ihr mich kennt. Meine Übung alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und zu lesen, meine Treue das Auge licht sein zu lassen, meine völlige Entäußerung von aller Prätention, machen mich hier im stillen höchst glücklich. Alle Tage ein neuer merkwürdiger Gegenstand, täglich neue, große, seltsame Bilder und ein Ganzes, das man sich lange denkt und träumt, nie mit der Einbildungskraft erreicht.
   Heute war ich bei der Pyramide des Cestius und abends auf dem Palatin, oben auf den Ruinen der Kaiserpaläste, die wie Felsenwände dastehn.
   Von all diesem mag und kann ich nichts sagen, das sei zur Wiederkunft aufgespart. Was ich aber sagen kann und was mich am tiefsten freut, ist die Wirkung, die ich schon in meiner Seele fühle: es ist eine innre Solidität mit der der Geist gleichsam gestempelt wird; Ernst ohne Trockenheit und ein gesetztes Wesen mit Freude. Ich denke, die gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben zu fühlen.
   Liebste Charlotte, Du bist stets an meiner Seite und nimmst an Allem teil. Ich freue mich darauf, Dir mein Tagebuch zu schenken, das ich für Dich schreibe.
   Wie gewöhnlich, meine Liebe, wenn das Ave Maria della sera gebetet wird, wende ich meine Gedanken zu Dir; obgleich ich mich nicht so ausdrücken darf, denn sie sind den ganzen Tag bei Dir. Auch dass wir doch recht wussten, was wir aneinander haben, wenn wir beisammen sind.
   Was ich Euch bereite, gerät mir glücklich: ich habe schon Freudentränen vergossen, dass ich Euch Freude machen werde.
   Leb wohl Geliebteste !
   Mein Herz ist bei Dir, und jetzt, da die weite Ferne die Abwesenheit alles gleichsam weggeläutert hat, was die letzte Zeit über uns schwebte, so brennt und leuchtet die schöne Flamme der Liebe, der Treue, das Andenkens wieder fröhlich in meinem Herzen !

In Liebe

Dein Johann Wolfgang Goethe

Informationen aus:
- Goethe von Peter Boerner
- Goethe Italienische Reise Annalen
- Johann Wolfgang Goethe Werke, Kommentare und Register
- Goethes Leben in Bilddokumenten, Bechtermutz Verlag

- Goethe von Peter Boerner
- Goethe Italienische Reise Annalen
- Johann Wolfgang Goethe Werke, Kommentare und Register
- Goethes Leben in Bilddokumenten, Bechtermünz Verlag