Autoren | Epochen
  

Karoline von Günder(r)ode

vollst. Karoline Friederike Louise Maximiliane v. Günderrode
 
Pseudonym: Tian

 

Lebensdaten | Werk

Günderrode-Texte im Netz


* 11. Februar 1780 Karlsruhe

+ 26. Juli 1806 Winkel am Rhein (Freitod)

Begraben (?): Winkel, Friedhof (Grabstein in der Friedhofsmauer)

 


Anonymes Gemälde (um 1800)
   

 
Tochter des markgräflich-badischen Regierungsrats und Kammerherrn Hector von Günderrode (1755-1786) und seiner Frau Louise (1759-1819); ältestes von 6 Kindern, von denen 3 im Kindesalter an Typhus und Schwindsucht sterben.

In den 70-er Jahren des 20. Jhs. als Identifikationsfigur der Frauenbewegung wieder entdeckt: »Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir.« (Brief an Gunda Brentano, 1801)

    

»Ich bin eigentlich lebensmüde, ich fühle daß meine Zeit aus ist, und daß ich nur fortlebe durch einen Irrthum der Natur; dies Gefühl ist zuweilen lebhafter in mir, zuweilen blässer. Das ist mein Lebenslauf.« (Juli 1806)

    
"Sappho der Romantik" (v. Pigenot); innig-schwermütige Gedichte. Ihr Nachruhm gründet sich weniger auf ihre Dichtungen als auf die Tragik ihres Lebenswegs, der früh im Selbstmord endet. Lit. Denkmal durch Bettine v. Arnim (Briefwechsel "Die Günderode", 1840).
 


Wichtige Lebensdaten:

1786

Tod des Vaters; Übersiedlung von Mutter und Kindern nach Hanau; zusammen mit der Mutter gerichtliche Auseinandersetzungen um das väterliche Erbe.

1797

Eintritt in das Cronstetten-Hynspergische adlige evangelische Damenstift in Frankfurt a.M.; Freiheitsbedürfnis.

1799

Bekanntschaft mit Karl Friedrich von Savigny (1779-1861; späterer Mann von Gunda Brentano, der Schwester von Clemens und Bettine Brentano).

1800

Freundschaft mit Bettine Brentano; Kontakte zum frühromantischen Freundeskreis, der sich öfter auf den Gütern der Savignys (Trages bei Hanau) oder Franz Brentanos (Winkel am Rhein) trifft; Liebe zu Savigny bleibt unerwidert.

1804

Besuch in Heidelberg, wo K. im Aug. auf einem Ausflug zum Stift Neuburg den klassischen Philologen, Religionshistoriker und Mythenforscher Georg Friedrich Creuzer (1771-1853) kennen lernt. Okt.: Creuzer, unglücklich mit der 13 Jahre älteren Sophie Leske verheiratet, gesteht K. bei einem Besuch in Frankfurt seine Liebe; sie weist ihn zuerst ab, erwidert dann seine Liebe.
Creuzers Scheidung kommt nicht zustande; K. und Creuzer versprechen einander, sich bis in den Tod zu lieben.

1806

Auf den Rat Creuzers hin Bruch mit Bettine Brentano; letztes Treffen mit Creuzer in Frankfurt; C. kehrt erschöpft zurück, fällt in ein schweres Nervenfieber; er gelobt seiner Frau, das Verhältnis mit Karoline abzubrechen. Nach der Genesung teilt er K. schriftlich mit, dass ihr Verhältnis aufgelöst sei: K., die sich in Winkel aufhält, verabschiedet sich zu einem Spaziergang und erdolcht sich am Rheinufer. Am nächsten Tag findet man ihren Leichnam, der Oberkörper liegt im Wasser. "Eine tiefe Wunde, nicht ganz ein Zoll lang; der Stich zwischen 4. und 5. Rippe in die linke Herzkammer eingedrungen" (ärztl. Protokoll).


Werke:

(e = entstanden)

Lyr.-epische-dramat. Dichtungen (Sammlungen)

1804

Gedichte und Phantasien (unter dem Pseudonym "Tian")

1805

Poetische Fragmente (Ps. Tian):

  • Hildgund (Drama)

  • Piedro (Ballade)

  • Die Pilger (Gedicht)

  • Mahomed, der Prophet von Mekka (Drama)

1906 (1806 e)

Melete von Ion (Ps.; Frgm.; vorwiegend lyr. Dichtungen)

Drama

1805

Udohla

Ausgaben

1857

Gesammelte Dichtungen, hg. v. Friedrich Götz, Mannheim: Notter

1896

Briefe und Dichtungen (zus. mit Creuzer); hg. v. Erwin Rohde, Heidelberg: Winter

1920-22

Gesammelte Werke, hg. v. Leopold Hirschberg, Berlin: Goldschmidt-Gabrielli (3 Bde.)

1922

Dichtungen, hg. v. Ludwig von Pigenot, München: Bruckmann

1923

Gesammelte Dichtungen, hg. v. Elisabeth Salomon, München: Drei Masken

1985

Gedichte, hg. v. Franz Josef Görtz, Frankfurt/M.: Insel


        

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel'ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachtend,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

 

Die eine Klage

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muß was er erkohren,
Das geliebte Herz,
 
Der versteht in Lust die Thränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Gränzen schwinden
Und des Daseins Pein.
 
Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt' ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet's nicht
Daß für Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind's doch nicht.
 
Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück.
 

      

      

GOWEBCounter by INLINE

Besucher seit dem 19.01.2001
 

up