Gottfried Keller
Lebensdaten Werk


*19. Juli 1819 Zürich

+15. Juli 1890 Zürich

begraben: Zürich, Friedhof Sihlfeld


Ölskizze von Karl Stauffer-Bern (1886)

Zweites Kind des Drechslermeisters Johann Rudolf Keller (+1824) und seiner Frau Elisabeth, geb. Scheuchzer (+1864); Schwester Regula (1822-1888).
K. will wie Goethe und Stifter zuerst Maler werden; gibt den Plan nach einem Studienaufenthalt in München auf. Geprägt vom frühen Tod des Vaters und dem Scheitern der zweiten Ehe seiner Mutter. Kleinwüchsig, ohne Glück in der Liebe, trinkfester Wirtshausbesucher, resignierter Junggeselle, dem die Schwester den Haushalt führt.

Einer der bedeutendsten Vertreter des poetischen Realismus: Die erlebte Realität wird nicht unmittelbar reproduziert, sondern symbolisch verdichtet. Zu den großen Bildungsromanen des 19. Jhs. gehört der stark autobiographisch geprägte Roman Der grüne Heinrich. Die teils heiter-ironischen, teils tragischen Novellen haben Motive der eidgenössischen Dorf- und Stadtgeschichte und der zeitgenössischen Politik zum Gegenstand; daneben mittelalterliche Stoffe. Grundthema: die Frage, wie ein vernünftiges Zusammenleben, eine humane Gesellschaft verwirklicht werden kann.
  Lyrik: K. beginnt - von Herwegh und Freiligrath beeinflusst - mit politischer Lyrik. Starkes Naturgefühl in der späteren Lyrik. Bejahung des Weltlichen als Folge seiner Begegnung mit dem materialistischen Philosophen und Atheisten Ludwig Feuerbach in der Heidelberger Zeit.

Ehrungen:

1869

Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Zürich

1878

Ehrenbürgerrecht der Stadt Zürich


wichtige Lebensdaten:

1824

Tod des Vaters.

1825

Besuch der Armenschule.

1826

Wiederverehelichung der Mutter (1834 Scheidung).

1831

Landknabeninstitut (= Realschule).

1833

Kantonale Industrieschule.

1834

Schulausschluss (Rädelsführer eines "Aufstands" gegen einen unbeliebten Lehrer); bald wieder abgebrochene Lithographen-Lehre.

1837-38

Schüler des Kunstmalers Rudolf Meyer.

1840

Zur künstlerischen Ausbildung nach München, Autodidakt; Hungerjahre; Redaktion einer Kneipzeitung.

1842

Rückkehr nach Zürich.

1843

Erste Gedichte.

1844

Verkehr in jungdeutschen Emigrantenkreisen (Follen, Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben); 1844 und 1845 Teilnahme an den Freischarenzügen gegen Luzern.

1846

Unerwiderte Liebe zu Marie Melos; Reise nach Graubünden.

1847

Unerwiderte Liebe zu Luise Rieter (1828-1879); Volontariat in der Staatskanzlei des Kantons Zürich.

1848-50

Studium in Heidelberg mit einem Staatsstipendium; Freundschaft mit Hermann Hettner (1821-1882); Vorlesungen bei Ludwig Feuerbach; unerwiderte Liebe zu Johanna Kapp (1824-1883).

1850-55

Mit neuem Staatsstipendium nach Berlin; Verkehr in literarischen Salons (Fanny Lewald, Varnhagen van Ense).

1855

Unerklärte Liebe zu Betty Tendering (1831-1902); Rückkehr nach Zürich; Verkehr im Haus Wesendonck; Bekanntschaft mit Vischer, Semper, Wagner, Heyse, Jacob Burckhardt.

1861

Wahl zum Ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich (vornehme und gutbezahlte Stelle; Leitung der Staatskanzlei).

1864

Tod der Mutter; Schwester Regula führt Keller den Haushalt.

1866

Verlobung mit der 22-jährigen Luise Scheidegger; die schwermütige Braut verliert auch aufgrund einer Pressekampagne gegen Keller den Mut zur Ehe und ertränkt sich.

1869

Freundschaft mit dem Wiener Rechtsgelehrten Adolf Exner und seiner Schwester Marie (1844-1925).

1872

Marie Exner in Zürich; Reise nach München.

1873

Bei den Exners am Mondsee im Salzkammergut.

1874

Reise nach Wien.

1876

Niederlegung des Amtes.

1885

Freundschaft mit Arnold Böcklin

1888

Tod der Schwester Regula.

1889

Gesammelte Werke (10 Bde.).


Werke:
e = entstanden

Romane

1854-55
(1846-50 e)

Der grüne Heinrich (4 Bde.; 1. Fassung)

1879-80

Der grüne Heinrich (4 Bde.; 2. Fassung)

1886

Martin Salander

Novellen, Novellenzyklen

1856

Die Leute von Seldwyla I:

  • Pankraz, der Schmoller

  • Romeo und Julia auf dem Dorfe

  • Frau Regel Amrain und ihr Jüngster

  • Die drei gerechten Kammacher

  • Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen

1861

Das Fähnlein der sieben Aufrechten

1865

Die mißbrauchten Liebesbriefe

1872

Sieben Legenden:

  • Eugenia

  • Die Jungfrau und der Teufel

  • Die Jungfrau als Ritter

  • Die Jungfrau und die Nonne

  • Der schlimm-heilige Vitalis

  • Dorotheas Blumenkörbchen

  • Das Tanzlegendchen

1874

Die Leute von Seldwyla II:

  • Kleider machen Leute

  • Der Schmied seines Glückes

  • Die mißbrauchten Liebesbriefe

  • Dietegen

  • Das verlorne Lachen

1876/77
(Buchausg. 1877/78)

Züricher Novellen:

  • Hadlaub

  • Der Narr auf Manegg

  • Der Landvogt von Greifensee

  • Das Fähnlein der sieben Aufrechten

  • Ursula

1881

Das Sinngedicht

  • Von einer törichten Jungfrau

  • Regine

  • Die arme Baronin

  • Die Geisterseher

  • Don Correa

  • Die Berlocken

Gedichte

1845

Lieder eines Autodidakten (u.a. Ça ira!)

1846

Gedichte

1851
(1854 erw. Aufl.)

Neuere Gedichte (u.a. Schifferliedchen, Winternacht)

1860

Der Apotheker von Chamounix (1. Fassung)

1879

Abendlied

1883

Gesammelte Gedichte:

  • Buch der Natur

  • Erstes Lieben

  • Sonette

  • Lebendig begraben

  • Feuer-Idylle

  • Rhein- und Nachbarlieder

  • Sonnwende und Entsagen

  • Festlieder und Gelegentliches

  • Pandora

  • Trinklaube

  • Vermischte Gedichte

  • Der Apotheker von Chamounix

Gesamtausgabe

1889

Gesammelte Werke (10 Bde.)

Link:

Gottfreid Keller Homepage


Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet sie
An der harten Decke her und hin -
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

(1851)

Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh,
Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn,
Wie zwei Sternlein innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!

(1879)

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