Robert Walser
vollst.: Robert Otto
Walser
Lebensdaten Werk
+ 25. Dezember 1956 Herisau/Kanton Appenzell (Herzschlag) Grabstätte: Herisau |
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Siebtes
von acht Kindern des Buchbinders Adolf Walser (+1914), der sein Papierwarengeschäft aufgeben muss,
als seine Frau Elise, geb. Marti, psychisch erkrankt. Die Mutter (+1894) und der
Bruder Ernst (+1916) sterben in geistiger Umnachtung, der Bruder Hermann (+1919)
begeht Selbstmord. Der Bruder Karl (+1943) wird ein bekannter Bühnenbildner,
Grafiker und Maler.
Antibürgerlich
und antimaterialistisch eingestellter Wanderer (auch buchstäblich: Hunderte von Kilometern zu Fuß);
Naturbursche, der sich gleichwohl in Kneipen, Bahnhofshallen,
Theatern und Rummelplätzen zu Hause fühlt. Bis
1929 entsprechend unstetes Leben mit häufigen Wohnungs- und Stellungswechseln:
Bankkommis, Schreiber, Diener, Sekretär, Bibliothekar.
Gilt anfangs als
literarische Hoffnung (Morgenstern, Hesse, Kafka); seinen von
Zeitgenossen oft als "merkwürdig"
qualifizierten Romanen
ist aber kein kommerzieller Erfolg
beschieden. In den zwanziger Jahren seelische Krisen (Selbstmordversuche), Erfolglosigkeit
und Einsamkeit. "Von allen alleinstehenden Dichtern der
alleinstehendste" (Martin Walser). Im letzten Lebensdrittel in Heil- und
Pflegeanstalten. Zahlreiche
zu Lebzeiten unpublizierte "Mikrogramme" in mikroskopisch kleiner Bleistiftschrift.
23 Jahre vor seinem physischen Tod stellt W. das Schreiben
und damit "sich" ein:
"Ich werde mit mir zu Ende sein, sobald ich mit Dichten fertig
bin..."
"Das Leben lag am Ufer wie ein Kahn,
Der nicht mehr fähig ist zum Schaukeln, Gleiten."
Schweizerischer
Lyriker und Erzähler. Oft als Vorläufer Kafkas apostrophiert, von dessen
Erzählweise sich seine subjektiv-verspielte Sprache aber deutlich abhebt. Themen der
Romane:
Orientierungslosigkeit und Entfremdung des Menschen in der lauten, betriebsamen
materialistischen Welt der technischen Zivilisation. Die poetischen und
hintergründigen Skizzen ("Prosastückli") schöpfen ihre Stoffe aus Alltag,
Mythos und Literatur.
Die
literaturwissenschaftliche "Entdeckung" Walsers beginnt erst in den
siebziger Jahren mit dem Erscheinen des Gesamtwerks.
| 1884-92 | Volksschule und Progymnasium in Biel; Schulabbruch wegen finanzieller Schwierigkeiten der Familie. Frühe Theaterbegeisterung. |
| 1892-95 | Banklehre in Biel. |
| 1894 | 22.10.: Tod der Mutter. |
| 1895 | Apr. - Aug.: als Kommis in Basel; anschließend in Stuttgart bei seinem Bruder Karl.; Bürokraft u.a. beim Cotta-Verlag. Versuch, Schauspieler zu werden. |
| 1896 | Zu Fuß Rückkehr in die Schweiz (Zürich). |
| 1897 | Okt./Nov.: Hilfsbuchhalter bei einer Versicherung; Ende Nov.: Reise nach Berlin. |
| 1898 | Erste Veröffentlichung einiger Gedichte im Berner Sonntagsblatt des Bund; dadurch Bekanntschaft mit Franz Blei. |
| 1899 | Thun; Mai - Okt.: München; durch Franz Blei Einführung in den Dichterkreis um Die Insel; Bekanntschaft u.a. mit Wedekind, Dauthendey und Kubin. |
| 1899-1900 | Okt. - April: Solothurn. |
| 1901 | Sept.: 2. München-Aufenthalt. Wanderung nach Würzburg, Besuch Max Dauthendeys. |
| 1902 | Jan.: Berlin; Febr. - Apr. bei der Schwester Lisa in Täuffelen am Bieler See; anschließend wieder in Zürich. |
| 1903 | März: Winterthur; Mai/Juni: Rekrutenschule in Bern; Juli - Dez.: Gehülfe beim Ingenieur Dubler in Wädenswil am Zürichsee. |
| 1904 | In Zürich Angestellter der Zürcher Kantonalbank. |
| 1905 | März: Der Bruder Karl (Bühnenmaler bei Max Reinhardt) holt W. nach Berlin; Ausbildung als Diener; Okt. - Dez. Diener auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. |
| 1906 | Rückkehr nach Berlin. Gesellschaftlicher Verkehr im Literatenmilieu um die Verleger Paul und Bruno Cassirer (Dehmel, Hesse, Morgenstern); Sekretär von Paul Cassirer; Beiträge u.a. für die Neue Rundschau und Die Schaubühne. |
| 1907 | Eigene Wohnung in Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 141. |
| 1908 | Ballonfahrt von Berlin nach Königsberg mit Paul Cassirer. Bis 1912 Lebensumstände unbekannt. |
| 1912 | Nov.: Wohnung in Charlottenburg, Spandauerberg 1. |
| 1913 | März: Rückkehr in die Schweiz; kurzzeitig bei der Schwester Lisa (Lehrerin in der Pflegeanstalt für Geisteskranke Bellelay) und beim Vater (Biel). Beginn der Freundschaft mit der Wäscherin Frieda Mermet. Juli: Mansarde im Hotel Blaues Kreuz in Biel. |
| 1914 | 9.2.: Tod des Vaters; Aug. - Okt.: Militärdienst in Erlach und St. Maurice. |
| 1915 | Militärdienst In Cudrefin/Jura und Wisen. |
| 1916 | 17.11.: Tod des Bruders Ernst in der Heilanstalt Waldau bei Bern. |
| 1917 | Juli - Sept.: Militärdienst im Tessin. |
| 1918 | Febr./März: Militärdienst in Courroux. |
| 1919 | 1.5.: Selbstmord des Bruders Hermann (Geographie-Professor in Bern). |
| 1921 | Übersiedlung nach Bern; Bibliothekar im Berner Staatsarchiv. |
| 1923 | Juni: Krankenhausaufenthalt wegen Ischias; Herbst: Wanderung nach Genf. |
| 1924 | Austritt aus dem Schweizerischen Schriftstellerverein. |
| 1925 | Sept.: Ferienaufenthalt mit Frieda Mermet in Murten. Okt.: Beginn des Briefwechsels mit Therese Breitbach. |
| 1928 | W. hört "Stimmen", leidet an Angstzuständen und Schlaflosigkeit, stößt seine Umgebung vor den Kopf. |
| 1929 | 25.1.: auf Drängen der Schwester Lisa "freiwilliger" Eintritt in die Heilanstalt Waldau bei Bern; Diagnose: Schizophrenie. Fortsetzung des literarischen Schaffens bis 1933. |
| 1933 | W. verweigert die mögliche Entlassung aus der Heilanstalt, weil seine Schwester ihn (aus finanziellen Gründen) nicht aufnehmen will. Juni: auf Veranlassung seiner Schwester und gegen seinen Willen Verbringung in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau. W. stellt seine Schreibtätigkeit ein. Letzte Lebensstation. |
| 1936 | Beginn gemeinsamer sonntäglicher Wanderungen mit Carl Seelig. |
| 1943 | 28.9.: Tod des Bruders Karl. |
| 1944 | 7.1.: Tod der Schwester Lisa. Carl Seelig, der einzige Freund im Alter, übernimmt die Vormundschaft. |
| 1956 | Am Weihnachstag einsamer Tod bei einem Spaziergang. |
Werke:
(e = entstanden; a = uraufgeführt in)
Romane
| 1907 | Geschwister Tanner |
| 1908 | Der Gehülfe |
| 1909 | Jakob von Gunten |
| 1919 e | Tobold (nicht erschienen) |
| 1921 e | Theodor (Manuskript verloren) |
| 1972 (1925 e) |
Der Räuber |
Prosasammlungen
| 1904 | Fritz Kochers Aufsätze |
| 1913 | Aufsätze |
| 1914 | Geschichten Kleine Dichtungen |
| 1917 | Der Spaziergang Prosastücke Kleine Prosa Poetenleben (Druckvermerk "1918") |
| 1918 e | Kammermusik (nicht erschienen) |
| 1919 | Komödie Mäuschen (nicht erschienen) |
| 1920 | Seeland (Druckvermerk "1919") |
| 1925 | Die Rose |
Gedichte
| 1909 | Gedichte (bibliophile Ausgabe mit Radierungen v. Karl Walser) |
| 1958 | Unbekannte Gedichte (aus dem Nachlass) |
Auswahlbände
| 1937 | Große kleine Welt |
| 1944 | Vom Glück des Unglücks und der Armut Stille Freuden |
| 1947 | Dichterbildnisse |
Ausgaben
| 1966-75 | Das Gesamtwerk, hg. v. Jochen Greven, Genf/Hamburg (13 Bde.) |
| 1978 | Das Gesamtwerk, hg. v. Jochen Greven, Zürich/Frankfurt a.M. (12 Bde.) |
| 1985ff. | Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hg. v. Jochen Greven, Frankfurt a. M. (20 Bde.) |
| 1985/86 | Aus dem Bleistiftgebiet. Mikrogramme aus den Jahren 1924-25, hg. v. B. Echte und W. Morlang, Frankfurt a.M. (3 Bde.) |
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