Robert Walser
vollst.: Robert Otto Walser
Lebensdaten Werk



* 15. April 1878
Biel
/Kanton Bern

+ 25. Dezember 1956 Herisau/Kanton Appenzell (Herzschlag)

Grabstätte: Herisau
 


Jugendbild

Siebtes von acht Kindern des Buchbinders Adolf Walser (+1914), der sein Papierwarengeschäft aufgeben muss, als seine Frau Elise, geb. Marti, psychisch erkrankt. Die Mutter (+1894) und der Bruder Ernst (+1916) sterben in geistiger Umnachtung, der Bruder Hermann (+1919) begeht Selbstmord. Der Bruder Karl (+1943) wird ein bekannter Bühnenbildner, Grafiker und Maler.
   Antibürgerlich und antimaterialistisch eingestellter Wanderer (auch buchstäblich: Hunderte von Kilometern zu Fuß); Naturbursche, der sich gleichwohl in Kneipen, Bahnhofshallen, Theatern und Rummelplätzen zu Hause fühlt. Bis 1929 entsprechend unstetes Leben mit häufigen Wohnungs- und Stellungswechseln: Bankkommis, Schreiber, Diener, Sekretär, Bibliothekar.
   Gilt anfangs als literarische Hoffnung (Morgenstern, Hesse, Kafka); seinen von Zeitgenossen oft als "merkwürdig" qualifizierten Romanen ist aber kein kommerzieller Erfolg beschieden. In den zwanziger Jahren seelische Krisen (Selbstmordversuche), Erfolglosigkeit und Einsamkeit. "Von allen alleinstehenden Dichtern der alleinstehendste" (Martin Walser). Im letzten Lebensdrittel in Heil- und Pflegeanstalten. Zahlreiche zu Lebzeiten unpublizierte "Mikrogramme" in mikroskopisch kleiner Bleistiftschrift. 23 Jahre vor seinem physischen Tod stellt W. das Schreiben und damit "sich" ein: "Ich werde mit mir zu Ende sein, sobald ich mit Dichten fertig bin..." 

"Das Leben lag am Ufer wie ein Kahn,
Der nicht mehr fähig ist zum Schaukeln, Gleiten."

Schweizerischer Lyriker und Erzähler. Oft als Vorläufer Kafkas apostrophiert, von dessen Erzählweise sich seine subjektiv-verspielte Sprache aber deutlich abhebt. Themen der  Romane: Orientierungslosigkeit und Entfremdung des Menschen in der lauten, betriebsamen materialistischen Welt der technischen Zivilisation. Die poetischen und hintergründigen Skizzen ("Prosastückli") schöpfen ihre Stoffe aus Alltag, Mythos und Literatur.
   Die literaturwissenschaftliche "Entdeckung" Walsers beginnt erst in den siebziger Jahren mit dem Erscheinen des Gesamtwerks.


wichtige Lebensdaten:

1884-92 Volksschule und Progymnasium in Biel; Schulabbruch wegen finanzieller Schwierigkeiten der Familie. Frühe Theaterbegeisterung.
1892-95 Banklehre in Biel.
1894 22.10.: Tod der Mutter.
1895 Apr. - Aug.: als Kommis in Basel; anschließend in Stuttgart bei seinem Bruder Karl.; Bürokraft u.a. beim Cotta-Verlag. Versuch, Schauspieler zu werden.
1896 Zu Fuß Rückkehr in die Schweiz (Zürich).
1897 Okt./Nov.: Hilfsbuchhalter bei einer Versicherung; Ende Nov.: Reise nach Berlin.
1898 Erste Veröffentlichung einiger Gedichte im Berner Sonntagsblatt des Bund; dadurch Bekanntschaft mit Franz Blei.
1899 Thun; Mai - Okt.: München; durch Franz Blei Einführung in den Dichterkreis um Die Insel; Bekanntschaft u.a. mit Wedekind, Dauthendey und Kubin.
1899-1900 Okt. - April: Solothurn.
1901 Sept.: 2. München-Aufenthalt. Wanderung nach Würzburg, Besuch Max Dauthendeys.
1902 Jan.: Berlin; Febr. - Apr. bei der Schwester Lisa in Täuffelen am Bieler See; anschließend wieder in Zürich.
1903 März: Winterthur; Mai/Juni: Rekrutenschule in Bern; Juli - Dez.: Gehülfe beim Ingenieur Dubler in Wädenswil am Zürichsee.
1904 In Zürich Angestellter der Zürcher Kantonalbank.
1905 März: Der Bruder Karl (Bühnenmaler bei Max Reinhardt) holt W. nach Berlin; Ausbildung als Diener; Okt. - Dez. Diener auf Schloss Dambrau in Oberschlesien.
1906 Rückkehr nach Berlin. Gesellschaftlicher Verkehr im Literatenmilieu um die Verleger Paul und Bruno Cassirer (Dehmel, Hesse, Morgenstern); Sekretär von Paul Cassirer; Beiträge u.a. für die Neue Rundschau und Die Schaubühne.
1907 Eigene Wohnung in Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 141.
1908 Ballonfahrt von Berlin nach Königsberg mit Paul Cassirer. Bis 1912 Lebensumstände unbekannt.
1912 Nov.: Wohnung in Charlottenburg, Spandauerberg 1.
1913 März: Rückkehr in die Schweiz; kurzzeitig bei der Schwester Lisa (Lehrerin in der Pflegeanstalt für Geisteskranke Bellelay) und beim Vater (Biel). Beginn der Freundschaft mit der Wäscherin Frieda Mermet. Juli: Mansarde im Hotel Blaues Kreuz in Biel. 
1914 9.2.: Tod des Vaters; Aug. - Okt.: Militärdienst in Erlach und St. Maurice.
1915 Militärdienst In Cudrefin/Jura und Wisen.
1916 17.11.: Tod des Bruders Ernst in der Heilanstalt Waldau bei Bern.
1917 Juli - Sept.: Militärdienst im Tessin.
1918 Febr./März: Militärdienst in Courroux.
1919 1.5.: Selbstmord des Bruders Hermann (Geographie-Professor in Bern).
1921 Übersiedlung nach Bern; Bibliothekar im Berner Staatsarchiv.
1923 Juni: Krankenhausaufenthalt wegen Ischias; Herbst: Wanderung nach Genf.
1924 Austritt aus dem Schweizerischen Schriftstellerverein.
1925 Sept.: Ferienaufenthalt mit Frieda Mermet in Murten. Okt.: Beginn des Briefwechsels mit Therese Breitbach.
1928 W. hört "Stimmen", leidet an Angstzuständen und Schlaflosigkeit, stößt seine Umgebung vor den Kopf.
1929 25.1.: auf Drängen der Schwester Lisa "freiwilliger" Eintritt in die Heilanstalt Waldau bei Bern; Diagnose: Schizophrenie. Fortsetzung des literarischen Schaffens bis 1933.
1933 W. verweigert die mögliche Entlassung aus der Heilanstalt, weil seine Schwester ihn (aus finanziellen Gründen) nicht aufnehmen will. Juni: auf Veranlassung seiner Schwester und gegen seinen Willen Verbringung in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau. W. stellt seine Schreibtätigkeit ein. Letzte Lebensstation. 
1936 Beginn gemeinsamer sonntäglicher Wanderungen mit Carl Seelig.
1943 28.9.: Tod des Bruders Karl.
1944 7.1.: Tod der Schwester Lisa. Carl Seelig, der einzige Freund im Alter, übernimmt die Vormundschaft.
1956 Am Weihnachstag einsamer Tod bei einem Spaziergang.

Werke:
(e = entstanden; a = uraufgeführt in)

Romane

1907 Geschwister Tanner
1908 Der Gehülfe
1909 Jakob von Gunten
1919 e Tobold (nicht erschienen)
1921 e Theodor (Manuskript verloren)
1972
(1925 e)
Der Räuber

Prosasammlungen

1904 Fritz Kochers Aufsätze
1913 Aufsätze
1914 Geschichten
Kleine Dichtungen
1917 Der Spaziergang
Prosastücke 
Kleine Prosa 
Poetenleben (Druckvermerk "1918")
1918 e Kammermusik (nicht erschienen)
1919 Komödie
Mäuschen (nicht erschienen)
1920 Seeland (Druckvermerk "1919")
1925 Die Rose

Gedichte

1909 Gedichte (bibliophile Ausgabe mit Radierungen v. Karl Walser)
1958 Unbekannte Gedichte (aus dem Nachlass)

Auswahlbände

1937 Große kleine Welt
1944 Vom Glück des Unglücks und der Armut
Stille Freuden
1947 Dichterbildnisse

Ausgaben

1966-75 Das Gesamtwerk, hg. v. Jochen Greven, Genf/Hamburg (13 Bde.)
1978 Das Gesamtwerk, hg. v. Jochen Greven, Zürich/Frankfurt a.M. (12 Bde.)
1985ff. Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hg. v. Jochen Greven, Frankfurt a. M. (20 Bde.)
1985/86 Aus dem Bleistiftgebiet. Mikrogramme aus den Jahren 1924-25, hg. v. B. Echte und W. Morlang, Frankfurt a.M. (3 Bde.)

Links:

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