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Robert Walser

vollst.: Robert Otto Walser

Lebensdaten | Werk

Walser-Texte online



* 15. April 1878 Bi
el
/Kanton Bern

+ 25. Dezember 1956 Herisau/Kanton Appenzell (Herzschlag)

Grabstätte: Herisau, Friedhof

Grabschrift:
Ich mache meinen Gang;
der führt ein Stückchen weit
und heim; dann ohne Klang
und Wort bin ich beiseit’.

 


Jugendbild
 

Schweizer Lyriker und Erzähler. Oft als Vorläufer Kafkas apostrophiert, von dessen Erzählweise sich seine subjektiv-verspielte Sprache aber deutlich abhebt. Themen der Romane: Orientierungslosigkeit und Entfremdung des Menschen in der lauten, betriebsamen materialistischen Welt der technischen Zivilisation. Die poetischen und hintergründigen Skizzen ("Prosastückli") schöpfen ihre Stoffe aus Alltag, Mythos und Literatur.
   Die literaturwissenschaftliche "Entdeckung" Walsers beginnt erst in den siebziger Jahren mit dem Erscheinen des Gesamtwerks.

Siebtes von acht Kindern des Buchbinders Adolf Walser (1833-1914), der sein Papierwarengeschäft aufgeben muss, als seine Frau Elisa, geb. Marti, psychisch erkrankt. Die Mutter (1839-1894) und der Bruder Ernst (1873-1916) sterben in geistiger Umnachtung, der Bruder Hermann (1870-1919) begeht Selbstmord. Der Bruder Karl (1877-1943) wird ein bekannter Bühnenbildner, Grafiker und Maler.
   Antibürgerlich und antimaterialistisch eingestellter Wanderer (auch buchstäblich: Hunderte von Kilometern zu Fuß); Naturbursche, der sich gleichwohl in Kneipen, Bahnhofshallen, Theatern und Rummelplätzen zu Hause fühlt. Bis 1929 entsprechend unstetes Leben mit häufigen Wohnungs- und Stellungswechseln: Bankkommis, Schreiber, Diener, Sekretär, Bibliothekar.
   Gilt anfangs als literarische Hoffnung (Morgenstern, Hesse, Kafka); seinen von Zeitgenossen oft als "merkwürdig" qualifizierten Ro
manen ist aber kein kommerzieller Erfolg beschieden. In den zwanziger Jahren seelische Krisen (Selbstmordversuche), Erfolglosigkeit und Einsamkeit. "Von allen alleinstehenden Dichtern der alleinstehendste" (Martin Walser). Im letzten Lebensdrittel in Heil- und Pflegeanstalten. Zahlreiche zu Lebzeiten unpublizierte "Mikrogramme" in mikroskopisch kleiner Bleistiftschrift. 23 Jahre vor seinem physischen Tod stellt W. das Schreiben und damit "sich" ein: "Ich werde mit mir zu Ende sein, sobald ich mit Dichten fertig bin..." 

"Das Leben lag am Ufer wie ein Kahn,
Der nicht mehr fähig ist zum Schaukeln, Gleiten."


Wichtige Lebensdaten:

1878

Geburt im Haus Gelb Quartier 113 (später: Dufour-Str. 3).

1879

Eröffung des Magazins Adolf Walser in der Nidaugasse 36.

1884

Volksschule in Biel.

1885

Geschäftlicher Niedergang und Verarmung der Familie: "Sturz aus jedem bürgerlichen Glanz"; die Mutter verfällt in Depressionen.

1888

Übertritt ins Progymnasium.

1892

Schulabbruch wegen finanzieller Schwierigkeiten der Familie.

1892-95

Banklehre in Biel.

1894

Frühe Theaterbegeisterung; Vorsatz, Schauspieler zu werden. - 22.10.: Tod der Mutter.

1895

Vorzeitige Beendigung der Lehre. Apr. - Aug.: als Kommis in Basel; nimmt heimlich Schauspielunterricht. Anschließend in Stuttgart bei seinem Bruder Karl; Bürokraft u.a. beim Cotta-Verlag.

1896

Theaterambitionen zerschlagen sich (missglückte Sprechprobe). Zu Fuß Rückkehr in die Schweiz (Zürich); neues Ziel: Dichterkarriere. Ab Okt.: Hilfsbuchhalter bei einer Versicherung.

1897

Häufiger Wohnungswechsel. Ende Nov.: Reise nach Berlin. Dez.: Rückkehr nach Zürich.

1898

Erste Veröffentlichung einiger Gedichte im Berner Sonntagsblatt des ,Bund´; dadurch Bekanntschaft mit Franz Blei.

1899

Thun; Mai - Okt.: München; durch Franz Blei Einführung in den Dichterkreis um Die Insel; Bekanntschaft u.a. mit Wedekind, Dauthendey und Kubin. Okt. - Apr. 1900: in Solothurn.

1901

Sept.: 2. München-Aufenthalt. Wanderung nach Würzburg, Besuch bei Max Dauthendey.

1902

Jan.: Berlin; Febr. - Apr. bei der Schwester Lisa in Täuffelen am Bieler See; anschließend wieder in Zürich.

1903

März: Winterthur; Mai/Juni: Rekrutenschule in Bern; Juli - Jan.: Gehülfe beim Ingenieur Dubler in Wädenswil am Zürichsee.

1904

In Zürich Angestellter der Zürcher Kantonalbank.

1905

Kündigung bei der Kantonalbank; März: Der Bruder Karl (Bühnenmaler bei Max Reinhardt) holt W. nach Berlin; Ausbildung als Diener; Okt. - Dez. Diener auf Schloss Dambrau in Oberschlesien.

1906

Jan.: Rückkehr nach Berlin. Gesellschaftlicher Verkehr im Literatenmilieu um die Verleger Paul und Bruno Cassirer (Dehmel, Hesse, Morgenstern); Sekretär von Paul Cassirer; Beiträge u.a. für die Neue Rundschau und Die Schaubühne.

1907

Sommer: Eigene Wohnung in Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 141.

1908

Ballonfahrt von Berlin nach Königsberg mit Paul Cassirer. Bis 1912 Lebensumstände unbekannt.

1912

Nov.: Wohnung in Charlottenburg, Spandauerberg 1.

1913

März: Rückkehr in die Schweiz; kurzzeitig bei der Schwester Lisa (Lehrerin in der Pflegeanstalt für Geisteskranke Bellelay) und beim Vater (Biel). Beginn der Freundschaft mit der Wäscherin Frieda Mermet (1877-1969). Juli: Mansarde im Hotel Blaues Kreuz in Biel. 

1914

9.2.: Tod des Vaters; Aug. - Okt.: Militärdienst in Erlach und St. Maurice.

1915

Frühjahr/Herbst: Militärdienst in Cudrefin/Jura und Wisen.

1916

17.11.: Tod des Bruders Ernst in der Heilanstalt Waldau bei Bern. - Vergeblicher Heiratsantrag an die Bieler Lehrerin Marguerite Chavanne.

1917

Juli - Sept.: Militärdienst im Tessin.

1918

Febr./März: Militärdienst in Courroux.

1919

1.5.: Selbstmord des Bruders Hermann (Geographie-Professor in Bern). - Akute Geldnot.

1921

Übersiedlung nach Bern; Jan. - Mai: Aushilfsbibliothekar im Berner Staatsarchiv. - Erbschaft aus der Hinterlassenschaft des Bruders Hermann (5000 Franken).

1922

10 000 Franken aus dem Nachlass eines Basler Onkels.

1923

Juni: Krankenhausaufenthalt (Ischias); Herbst: Wanderung nach Genf.

1924

Austritt aus dem Schweizerischen Schriftstellerverein.

1925

Sept.: Ferienaufenthalt mit Frieda Mermet in Murten. Okt.: Beginn des Briefwechsels mit Therese Breitbach.

1928

W. hört "Stimmen", leidet an Angstzuständen und Schlaflosigkeit, stößt seine Umgebung vor den Kopf.

1929

25.1.: Auf Drängen der Schwester Lisa "freiwilliger" Eintritt in die Heilanstalt Waldau bei Bern; Diagnose: Schizophrenie. Fortsetzung des literarischen Schaffens bis 1933.

1933

W. verweigert die mögliche Entlassung aus der Heilanstalt, weil seine Schwester ihn (aus finanziellen Gründen) nicht aufnehmen will. Juni: Auf Veranlassung seiner Schwester und gegen seinen Willen Verbringung in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau. W. stellt seine Schreibtätigkeit ein. Letzte Lebensstation. 

1934

Unter Vormundschaft.

1936

Beginn gemeinsamer sonntäglicher Wanderungen mit dem Journalisten und Schriftsteller Carl Seelig.

1943

28.9.: Tod des Bruders Karl.

1944

7.1.: Tod der Schwester Lisa. Carl Seelig, der einzige Freund im Alter, übernimmt die Vormundschaft.

1956

Am Weihnachstag einsamer Tod bei einem Spaziergang.


Werke:
(e = entstanden, Z = Zeitschriftenveröffentlichung)

Romane

1907

Geschwister Tanner

1908

Der Gehülfe

1909

Jakob von Gunten. Ein Tagebuch

1919 e

Tobold (nicht erschienen)

1921 e

Theodor (Manuskript verloren)

1972 (1925 e)

Der Räuber

Prosa/Prosa-Sammlungen

1899

Der Greifensee

1902 Z
1904

Fritz Kochers Aufsätze:

  • Fritz Kochers Aufsätze

  • Der Commis (1902)

  • Der Wald

  • Ein Maler

1908 Z
1950

Die Schlacht bei Sempach. Eine Geschichte

1913

Aufsätze

1914

Kleine Dichtungen
Geschichten

1917

Kleine Prosa
Der Spaziergang
Prosastücke (18 Skizzen)

1918
recte 1917

Poetenleben:

  • Wanderung

  • Dauthendey

  • Marie

  • Hungertod

  • Poetenleben

1918 e

Kammermusik (nicht erschienen)

1919

Mäuschen (nicht erschienen)

1919
recte 1920

Seeland

1925

Die Rose (37 Kurztexte: Essays, Miniaturen)

1947

Dichterbildnisse:

  • Büchners Flucht

  • Hölderlin

  • Brentano

  • Lenau

  • Jean Paul

  • Hauff

  • Kotzebue

  • Dickens

  • Lord Byron

1953-61

Dichtungen in Prosa, hg. v. Carl Seelig, Genf/Darmstadt/Frankfurt/M.: Holle/Kossodo (5 Bde.)

Gedichte

1909

Gedichte (bibliophile Ausgabe mit Radierungen v. Karl Walser; verm. Neuauflage 1944)

1958

Unbekannte Gedichte, hg. v. Carl Seelig, St. Gallen: Tschudy

Dramolette

1900 Z

Dichter

1901 Z

Aschenbrödel
Schneewittchen

1902 Z

Die Knaben

1919

Komödie

  • Die Knaben (1902 Z)

  • Dichter (1900 Z)

  • Aschenbrödel (1901 Z)

  • Schneewittchen (1901 Z)

Auswahlbände

1937

Große kleine Welt

1944

Vom Glück des Unglücks und der Armut
Stille Freuden

Werkausgaben

1966-75

Das Gesamtwerk, hg. v. Jochen Greven, Genf/Hamburg: Kossodo (13 Bde.)

1978

Das Gesamtwerk, hg. v. Jochen Greven, Zürich/Frankfurt/M.: Suhrkamp (12 Bde.)

1985ff.

Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hg. v. Jochen Greven, Frankfurt/M.: Suhrkamp/Insel (20 Bde.)

1985/86

Aus dem Bleistiftgebiet. Mikrogramme aus den Jahren 1924-25, hg. v. B. Echte und W. Morlang, Frankfurt/M.: Suhrkamp/Insel (3 Bde.)


            

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