Begriff:
zeitgenössisch; aus der
Meteorologie auf die Geistesgeschichte übertragen; nach Kant Ausgang des Menschen aus
seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Datierung:
Zeitraum, in dem die
aufklärerischen
Grundsätze auf die Literatur übertragen wurden; frühe Phase geprägt durch Gottsched,
spätere im Zeichen Lessings.
tragende Schicht:
Bürgertum, das ein neues
Selbstverständnis entwickelt und sich in der Literatur eine eigene Öffentlichkeit im
absolutistischen Staat schafft. Zentren: die großen Städte Hamburg, Zürich, Leipzig,
Berlin und die Universitäten Halle und Göttingen; wichtig für die Verbreitung: die
zahlreichen moralischen Wochenschriften.
Grundzüge:
Philosophische Voraussetzungen:
engl. Empirismus (Locke; Mensch gewinnt Erkenntnis aus der Erfahrung) und Sensualismus
(Hume; Erfahrung beruht auf der Sinneswahrnehmung), franz. Rationalismus (Descartes;
Glaube an die Fähigkeit des Menschen, durch die Vernunft zu uneingeschränkten
Erkenntnissen kommen zu können). Damit muss sich alles (Gesellschaft, Staat, Religion,
Kirche) einer kritischen Überprüfung durch die autonome Vernunft unterwerfen (Kant: Unser
Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik; Sapere aude! Habe Mut, dich
deines eigenen Verstandes zu bedienen!). Aus dieser Haltung erwachsen Ideen und Werte
wie Humanität, Weltbürgertum, Menschenrechte, Vernunftreligion, Toleranz, optimistischer
Glaube an den wissenschaftl. und moralischen Fortschritt der Menschheit.
Übertragung dieser Prinzipien auf Form und Inhalt der Dichtung; pädagogischer Grundzug:
Dichtung muss nützen und erfreuen (statt des horazischen: prodesse aut [oder]
delectare); "vernünftige", streng formalistische Regeln (Gottsched, Versuch
einer critischen Dichtkunst für die Deutschen, 1730) überwunden von Lessing.
Themen:
Toleranz, Humanitätsidee,
Menschenrechte, bürgerl. Moral im Ggs. zur Standesethik des Adels, Vernunftreligion im
Ggs. zur Offenbarungsreligion.
Dichter:
akademisch Gebildete, vor allem
Theologen und Philologen; Schwerpunkt in den protestantischen Ländern.
bevorzugte Formen:
Drama (bürgerliches
Trauerspiel Lessings, das Identifizierung ermöglichen, Mitleid erwecken und
damit moralisch bessern soll; Blankvers, mittlere Stilebene); lehrhafte Kleinformen
(Epigramm, Fabel, Lehrgedicht, Satire); Roman: Wieland
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Autoren:

Holzschnitt
aus dem 16. Jh.
Immanuel Kant:
Was ist Aufklärung?
Aufklärung
ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit
ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des
Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines
anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! ist also
der Wahlspruch der Aufklärung. [...]
(1784)
D.N.
Chodowiecki: Aufklärung (1791)
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