Gottfried Benn
Leben Werk


 
*2. Mai 1886
Mansfeld
(Kreis Westpriegnitz)

+7. Juli 1956 Berlin (Rückenmarkkrebs)

begraben: Berlin-Dahlem, Waldfriedhof
 


 
Sohn des Pastors Gustav Benn (1857-1939) und seiner Frau Caroline, geb. Jequier (1858-1912); aufgewachsen in Sellin in der Neumark; sieben Geschwister; erster Unterricht im Pfarrhaus.

1914

1. Ehe mit der Schauspielerin Edith Osterloh, verw. Brosin (1878-1922); Tochter Nele (*1915); Stiefsohn: Andreas

1938

2. Ehe mit Herta von Wedemeyer (1907-1945, Selbstmord)

1946

3. Ehe mit der Zahnärztin Dr. Ilse Kaul (*1913)

Ausgangspunkt: Nietzsche, der Expressionismus, Desillusionierung, Negation der überlieferten Weltanschauungen. Entscheidender Einfluss auf die nachfolgende Dichtergeneration.
In seinen frühen Gedichten provokante Erschütterung der konventionellen Vorstellung von Lyrik ("medi-zynisches" Weltbild"): brutale Wirklichkeit der Welt von Leichenschauhaus und Hospital; unsentimentale Aneinanderreihung von Bildern der Krankheit und des fleischlichen Zerfalls ohne Sinndeutung: "Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch". Das Ich treibt in einer absurden Welt verloren dahin; dementsprechend das Stilprinzip der Montage von disparaten "Weltbruchstücken". Ersatz für die metaphysische Leere: "die Transzendenz der schöpferischen Lust"; Kunst als "Ja über den Abgründen". Formvollendung als Antithese zur "Verhirnung": "Das Gehirn ist ein Irrweg. Ein Bluff für den Mittelstand. Wir wollen den Traum. Wir wollen den Rausch. Wir rufen Dionysos und Ithaka."
In Benns "monologischer" Prosa Auflösung des traditionellen Erzählens.

"Wenn man wie ich die letzten fünfzehn Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Überläufer, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in die Öffentlichkeit einzudringen..." (1949).

Auszeichnungen:

1951

Büchner-Preis


wichtige Lebensdaten:

1886

Übersiedlung der Familie nach Sellin.

1896-1903

Besuch des humanistischen Friedrichs-Gymnasiums in Frankfurt/Oder. Abitur.

1903-04

Auf Wunsch des Vaters zwei Semester Theologie und Philologie in Marburg.

1904

Sommersemester: Fortsetzung des Studiums in Berlin.

1905-10

Medizinstudium an der Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin.

1910

Abschluss des Medizinstudiums; 1. Preis der medizinischen Fakultät der Universität Berlin für seine Schrift Ätiologie der Pubertätsepilepsie.

1910-11

Unterarzt in der Charité.

1911-12

Unterarzt im Infanterie-Regiment in Prenzlau; quittiert den militärärztlichen Dienst aus gesundheitlichen Gründen (Wanderniere). 

1912

Febr.: Promotion mit der Dissertation Über die Häufigkeit des Diabetes mellitus im Heer; Approbation als Arzt; Pathologe und Serologe im Krankenhaus Charlottenburg-Westend. April: Tod der Mutter (Brustkrebs).
Iim Café des Westens Kontakt zum Kreis der Berliner Expressionisten, enge Freundschaft mit Else Lasker-Schüler; durch die Veröffentlichung der schockierenden Morgue-Gedichte mit einem Schlag berühmt-berüchtigt.

1913

Im Sommerurlaub auf Hiddensee erste Begegnung mit der Witwe Edith Osterloh. Nov.: Leitung des Pathologischen Instituts am Städt. Krankenhaus in der Sophie-Charlottenstraße.

1914

März - Juni: Reisen als Schiffsarzt nach Amerika. Bei Kriegsausbruch Heirat in München. Teilnahme als Militärarzt an den Kämpfen in Belgien.

1915-17

In der Etappe in Brüssel; steht im regen Verkehr mit Sternheim, Flake, Carl Einstein.

1917

Nov.: Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin.

1922

Tod von Edith Benn bei einer Gallenoperation; B. gibt seine Tochter zu einer dänischen Freundin nach Kopenhagen, wo sie aufwächst und Dänin wird.

1929

B.s Geliebte, die Schauspielerin Lili Breda, stürzt sich aus dem 5. Stock in den Tod.

1932

Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, Abteilung Dichtung. Beginn des Briefwechsels mit Friedrich Wilhelm Oelze.

1933-34

Vorübergehend im Bann des Nationalsozialismus; erkennt nach dem Röhm-Putsch den kriminellen Charakter des nationalsozialistischen Regimes.

1935

Reaktivierung als Militärarzt bei der Wehrmacht ("aristokratische Form der Emigration"): Oberstabsarzt in der Wehrersatzinspektion Hannover; 

1936

Schwere Angriffe gegen ihn im "Völkischen Beobachter" und in der SS-Zeitung "Das Schwarze Korps".

1937

Versetzung nach Berlin; Versorgungsarzt.

1938

Jan.: 2. Eheschließung mit seiner Sekretärin Herta von Wedemeyer. März: Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer (Veröffentlichungsverbot).

1943-45

Oberstabsarzt in Landsberg an der Warthe.

1945

Rückkehr nach Berlin. 2.7.: Benns zweite Frau (die an Arthritis leidet und deshalb aufs Land geschickt wurde) nimmt sich auf der Flucht vor der Roten Armee in Neuhaus an der Elbe mit Morphium das Leben.

1946

Dez.: 3. Ehe mit der Zahnärztin Dr. Ilse Kaul. Auf der Liste der unerwünschten Autoren des Deutschen Kulturbundes (Johannes R. Becher).

ab 1948

Erscheinen des Spätwerks.

1951

Bekanntschaft mit Astrid Claes (*1928).

1954

Bekanntschaft mit Ursula Ziebarth (*1921).


Werke:
e = entstanden

Lyrik

1912

Morgue und andere Gedichte (u.a. Schöne Jugend, Kleine Aster, Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke)

1913

Söhne. Neue Gedichte

1917

Fleisch. Gesammelte Lyrik (u.a. Nachtcafé)

1924

Schutt (Gedichte)

1925

Spaltung. Neue Gedichte

1927

Gesammelte Gedichte

1936

Ausgewählte Gedichte. 1911-1936 (u.a. Einsamer nie)

1936

Gedichte

1943

Zweiundzwanzig Gedichte (u.a. Ein Wort, Verlorenes Ich)

1948

Statische Gedichte (u.a. Trunkene Flut)

1949

Trunkene Flut. Ausgewählte Gedichte

1951

Fragmente. Neue Gedichte

1953

Destillationen. Neue Gedichte (u.a. Zwei Dinge)

1955

Aprèslude (Gedichte)

1956

Gesammelte Gedichte

1958

Primäre Tage. Gedichte und Fragmente aus dem Nachlass

Erzählungen/Prosa

1916

Gehirne. Novellen ("Rönne-Novellen": Gehirne, Die Eroberung, Die Reise, Die Insel, Der Geburtstag)

1918

Diesterweg. Eine Novelle

1949

Der Ptolemäer (Der Ptolemäer. Berliner Novelle 1947; Weinhaus Wolf; Roman des Phänotyp)

Dramatische Szenen/Gespräche

1919

Der Vermessungsdirigent. Erkenntnistheoretisches Drama

1919

Etappe

1949

Drei alte Männer. Gespräche

1952

Die Stimme hinter dem Vorhang (Hörspiel)

Oratorium

1931

Das Unaufhörliche. Oratorium in 3 Teilen (Vertonung Paul Hindemith)

Essays, Aphorismen, Reden und Vorträge

1928

Totenrede für Klabund

1929

Zur Problematik des Dichterischen

1930

Fazit der Perspektiven

1931

Rede auf Heinrich Mann

1932

Nach dem Nihilismus (urspr. Der Nihilismus und seine Überwindung)

1933

Der neue Staat und die Intellektuellen

1934

Kunst und Macht (Sammelbd.; u.a. Lebensweg eines Intellektualisten)

1949
(1940-45 e)

Ausdruckswelt. Essays und Aphorismen

1951

Probleme der Lyrik

1954

Altern als Problem für Künstler

1956

Soll die Dichtung das Leben bessern?

Autobiographie

1950

Doppelleben. Zwei Selbstdarstellungen

Ausgaben zu Lebzeiten

1922

Die gesammelten Schriften

1927

Gesammelte Gedichte

1928

Gesammelte Prosa

1936

Ausgewählte Gedichte. 1911-1936

1949

Trunkene Flut. Ausgewählte Gedichte (bis 1935)

1950

Frühe Prosa und Reden

1951

Essays

1952

Frühe Lyrik und Dramen

1955

Reden

1956

Gesammelte Gedichte


Link:

Gottfried-Benn-Gesellschaft e.V.

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