Autoren | Epochen
   

Thomas Bernhard

Lebensdaten | Werk



* 9. Februar 1931 Heerlen
/Niederlande
(Provinz Limburg)

+ 12. Februar 1989 Gmunden/Oberösterreich (Herzversagen)

Grabstätte: Wien, Grinzinger Friedhof
 

  

  

   
Österreichischer Dramatiker, Erzähler, Lyriker. Weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt, Übersetzungen in 45 Sprachen.

Zorniger Misanthrop, Zyniker, Pessimist, Provokateur: der "große Allesbeschimpfer" (FAZ). Themen: Krankheit, Verfall und Zersetzung, Eingeschlossensein; Leben als Krankheitsprozess hin zum Tode: "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt." (Preisrede bei der Verleihung des Kleinen Österreichischen Staatspreises, 1968). Die Helden der Romane sind monologisierende Einzelgänger, auch die Theaterstücke haben monologischen Charakter. Einflüsse von Samuel Beckett.

B. polarisiert: Seine Angriffe auf sakrosankte österreichische Kulturgüter und auf den österreichischen Kulturbetrieb, seine Abrechnung mit der österreichischen Nachkriegsgeschichte, die er vom Nationalsozialismus und einem dominanten Katholizismus bestimmt sieht, provozierten zu seinen Lebzeiten immer wieder landesweite Empörung einerseits und begeisterte Zustimmung andererseits.

      
Unehelicher Sohn des Tischlers und Saisonarbeiters Alois Zuckerstätter (1905-1940) mit
Herta Bernhard (1904-1950, seit 1936 verehelichte Fabjan), der Tochter von Anna Bernhard (1878-1965) und ihres Lebensgefährten, des Heimatschriftstellers Johannes Freumbichler (1881-1949; ab 1938 verh.). Den Vater lernt B. nie kennen. Halbgeschwister: Peter (später Arzt des Vertrauens), Susanne (später verh. Kuhn).

Bei den Großeltern aufgewachsen. Der Großvater, Lehrer und Vorbild, der zusammen mit dem "Lebensmenschen", der Krankenschwester Hedwig Stavianicek (1894-1984) die größte Rolle in Bernhards Leben spielt, setzt sich für die künstlerische Ausbildung des Enkels ein. Lebenslanges Leiden an den Folgen einer früh ausbrechenden Tuberkulose, an denen B. letztlich auch stirbt.

    

"Ich habe immer gestört und ich habe immer irritiert." (Der Keller, 1976)

      

ab 1950

Lebenspartnerschaft mit der verwitweten, 36 Jahre älteren Hedwig Stavianicek, geb. Hofbauer (1894-1984)

Auszeichnungen (Auswahl)

1964

Julius-Campe-Stipendium

1967

Ehrengabe des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie

1968

Österreichischer Förderungspreis für Literatur
Anton-Wildgans-Preis

1970

Georg-Büchner-Preis

1972

Grillparzer-Preis
Adolf-Grimme-Preis

1987

Antonio-Feltrinelli-Preis (abgelehnt)

1988

Prix Médicis


 
Wichtige Lebensdaten:
 

1931

B. kommt in einem unter katholischer Leitung stehenden Geburthaus für ledige Mütter einer Hebammenschule in Heerlen zur Welt; seine Mutter hatte zuvor als Haushaltshilfe in Arnhem gearbeitet. Unterbringung des Kindes in verschiedenen Pflegestellen. - Ab Sommer bei den Großeltern mütterlicherseits in Wien.

1935

Übersiedlung nach Seekirchen am Wallersee.

1936

Eheschließung der Mutter mit dem Friseurgesellen Emil Fabjan (1913-1993).

1937

Mit Großeltern, Mutter und Stiefvater Übersiedlung nach Traunstein in Oberbayern.

1941

Im Heim für schwer erziehbare Kinder im thüringischen Saalfeld (aufgrund einer Namensverwechslung mit dem vom Sozialamt empfohlenen salzburgischen Saalfelden).

1943-46

Im Internat "Johanneum" in Salzburg.

1946

Übersiedlung der Familie nach Salzburg-Aiglhof. Besuch des Humanistischen Staatsgymnasiums ("Geistesvernichtungsanstalt").

1947

Schulabbruch; kaufmännische Lehre; Kaufmannsgehilfenprüfung.

1948

Vom Großvater bezahlte Gesangsstunden, Unterweisung in Musiktheorie.

1949

Jan.: Lungentuberkulose infolge einer nassen Rippenfellentzündung. 11.2.: Tod des Großvaters.

1949-51

Sanatoriumsaufenthalte in Großgmain und der Lungenheilstätte Grafenhof in St. Veit (Pongau).

1950

Erste Veröffentlichung im Salzburger Volksblatt: die Kurzgeschichte Das rote Licht (unter Pseudonym Thomas Fabian). - 27.7.: in St. Veit erste Begegnung mit Hedwig Stavianicek. 13.10.: Tod der Mutter (Krebs).

1952-55

Freier Mitarbeiter beim Demokratischen Volksblatt in Salzburg.

1955

Erste gemeinsame Auslandsreise mit Hedwig Stavianicek nach Kroatien.

1955-57

Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste Mozarteum in Salzburg.

1957

B. zieht zu Hedwig Stavianicek nach Wien-Döbling (Obkirchergasse).

1957-60

Freundschaft mit dem Komponisten Gerhard Lampersberg und dessen Frau Maja. Aufführung mehrerer kleiner Stücke durch Schauspieler des Wiener Theaters am Fleischmarkt auf Lampersbergs Tonhof in Maria Saal (Kärnten).

1962

Aufenthalt in Polen.

1963

Literarischer Durchbruch mit dem Roman Frost.

1965

Erwerb des verfallenen Vierkanthofs aus dem 14. Jahrhundert in Ohlsdorf/Obernathal bei Gmunden, den er zu einem Landsitz ausbaut (Bernhard-Haus, seit 1990 zugänglich).

1968

Eklat bei der Dankesrede anlässlich der Verleihung des Kleinen Österreichischen Staatspreises.

1971

Erwerb einer kleinen Alm am Grasberg auf der Gemarkung Altmünster bei Gmunden (die Krucka).

1972

"Notlicht"-Skandal bei der Uraufführung des Theaterstücks Der Ignorant und der Wahnsinnige im Rahmen der Salzburger Festspiele (Regie: Claus Peymann): Am Ende Stückes soll die Notbeleuchtung gelöscht werden, was entgegen der Absprache jedoch nicht passiert; Folge: Schauspielerstreik und Pressezirkus. - Kauf eines Hauses in Niederpuchheim/Ottnang nahe Wolfsegg (Quirchtenhaus; Besichtigung nach Voranmeldung).

1979

Austritt aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; Grund: Aufnahme des damaligen deutschen Bundespräsidenten Walter Scheel als Ehrenmitglied. - Zum langjährigen Lungenleiden tritt eine unheilbare Herzschwäche.

1984

28.4.: Tod Hedwig Stavianiceks.
Holzfällen-Affäre
: Durch den Roman Holzfällen. Eine Erregung fühlt sich der ehemalige Förderer Gerhard Lampersberg verunglimpft; seine Klage führt per einstweiliger Verfügung zur Beschlagnahme des Buches. B. reagiert mit einem Vertriebsverbot seiner Werke für Österreich. Holzfällen wird durch den werbewirksamen Skandal letztlich zum erfolgreichsten Buch Bernhards.

1985

Lampersberg zieht seine Klage zurück.

1988

Einer der größten Theaterskandale in der Geschichte Österreichs: österreichweite Kampagne gegen das Stück Heldenplatz, das am 4.11. unter der Regie von Claus Peymann am Wiener Burgtheater Premiere feiert ("Österreichbesudelung"); Störaktionen und demonstrativer Applaus während der Aufführung. Letzter öffentlicher Auftritt des bereits vom Tod gekennzeichneten Bernhard. - Ende Nov.: Reise an die Costa del Sol (Torremolinos), um Erholung zu finden.

1989

Jan.: Gesundheitszustand verschlechtert sich, Rücktransport nach Österreich. Letzter Monat in der Gmundener Wohnung, Lerchenfeldgasse 11, betreut und umsorgt von den Halbgeschwistern Susanne Kuhn und Dr. Peter Fabjan. Das zwei Tage vor dem Tod abgefasste Testament bestimmt den Halbbruder zum Nachlassverwalter: Verfügung, dass nach seinem Ableben in Österreich nichts mehr von ihm vorgetragen, gedruckt oder aufgeführt werden dürfe. - Tod am 12.2.; Beisetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 16.2. auf dem Grinzinger Friedhof neben Hedwig Stavianicek.

1998

Mit der Gründung der Thomas-Bernhard-Privatstiftung auf Initiative von Dr. Peter Fabjan wird das Aufführungs-, Vortrags- und Druckverbot für Österreich aufgehoben.


Werke:

(e = entstanden, a = Uraufführung in)

Gedichte

1952

Mein Weltenstück

1957

Auf der Erde und in der Hölle (Gedichtbd.)

1958

In hora mortis (Gedichtbd.)
Unter dem Eisen des Mondes (Gedichtbd.)

1981 (1959/60 e)

Ave Vergil

Oper

1959 (1958 a)

die rosen der einöde. fünf sätze für ballett, stimmen und orchester (Oper von Gerhard Lampersberg)


Erzählungen/Kurzprosa

1950

Das rote Licht (u. d. Pseud. Thomas Fabian)

1951

Die Siedler (u. d. Pseud. Thomas Fabian)

1952

Von einem Nachmittag in einer großen Stadt
Von sieben Tannen und vom Schnee...

1953

Die verrückte Magdalena
Das Vermächtnis
Das Armenhaus von St. Laurin
Der große Hunger
Die erste Begegnung

1954

Wintertag im Hochgebirge
Der Untergang des Abendlandes
Die Landschaft der Mutter
Ein älterer Mann namens August
Großer, unbegreiflicher Hunger

1956

Der Schweinehüter

1959

Ereignisse (6 Skizzen)

1961

Der Präsident und andere

1963

Eine Zeugenaussage
Der Briefträger (= Der Kulterer; 1974 verfilmt)
Ein Frühling
Ereignisse (6 Skizzen)

1964

Amras
Der Italiener (1971 verfilmt)

1965

Der Zimmerer
[Über den Zorn]
Ein junger Schriftsteller
Meine eigene Einsamkeit

1966

Jauregg
Die Mütze
Viktor Halbnarr. Ein Wintermärchen
Der neue Erzieher (= Zwei Erzieher)

1967

An der Baumgrenze

1968

Unsterblichkeit ist unmöglich
Beruhigung
Ungenach

1969

Midland in Stilfs
Ein ländlicher Betrüger
Watten. Ein Nachlaß

1970

Als Verwalter im Asyl. Fragment
Eine Frau aus dem Gußwerk und der Mann mit dem Rucksack

1971

Gehen

1973

Ebene

1974

Der Kulterer. Eine Filmgeschichte

1978

Ja

1980

Die Billigesser

1982

Goethe schtirbt
Montaigne
Wiedersehen
Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft

1983/84

In Flammen aufgegangen. Reisebericht an einen einstigen Freund

2009 (1968 e)

Der Hutmacher

Sonstige Prosa

1989 (1959 e)

In der Höhe, Rettungsversuch, Unsinn

Sammelbände Prosa

1967

Prosa:

  • Zwei Erzieher (1966)

  • Die Mütze (1966)

  • Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?

  • Jauregg (1966)

  • Attaché an der französischen Botschaft

  • Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns

  • Der Zimmerer (1965)

1969

An der Baumgrenze:

  • Der Kulterer (1963)

  • Der Italiener. Fragment

  • An der Baumgrenze (1967)

1969

Ereignisse (Kurzprosa)

1971

Der Italiener:

  • Der Italiener. Ein Film

  • Der Italiener. Fragment

  • Drei Tage

  • Notiz

1971

Midland in Stilfs:

  • Midland in Stilfs (1969)

  • Der Wetterfleck

  • Am Ortler

  • Nachricht aus Gomagoi

1978

Der Stimmenimitator (Kurzprosa)

1979

Die Erzählungen

Romane

1963

Frost

1967

Verstörung

1970

Das Kalkwerk

1975

Korrektur

1982

Beton

1983

Der Untergeher

1984

Holzfällen. Eine Erregung

1985

Alte Meister. Komödie

1986

Auslöschung. Ein Zerfall

Theaterstücke

1970 a Hamburg

Ein Fest für Boris

1972 a Salzburg

Der Ignorant und der Wahnsinnige

1974 a Wien

Die Jagdgesellschaft

1974 a Salzburg

Die Macht der Gewohnheit

1975 a Wien

Der Präsident

1976 a Wien

Die Berühmten

1976 a Stuttgart

Minetti

1978 a Stuttgart

Immanuel Kant

1979 a Stuttgart

Vor dem Ruhesatnd

1980 a Bochum

Der Weltverbesserer

1981 a Salzburg

Am Ziel

1982 a Bochum / Ludwigsburg

Über allen Gipfeln ist Ruh

1984 a Bochum

Der Schein trügt

1985 a Salzburg

Der Theatermacher

1986 a Berlin

Einfach kompliziert

1986 a Salzburg

Ritter, Dene, Voss

1987 (1989 a Berlin)

Elisabeth II.

1988 a Wien

Heldenplatz

Sammelbände Kurzdramen

1988

Der deutsche Mittagstisch

1990

Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen

Autobiographisches

1975

Die Ursache. Eine Andeutung

1976

Der Keller. Eine Entziehung

1978

Der Atem. Eine Entscheidung

1981

Die Kälte. Eine Isolation

1982

Ein Kind

2009 (1980 e)

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Werke, hg. v. Martin Huber u. Wendelin Schmidt-Dengler, Berlin: Suhrkamp (22 Bde.)


 

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