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Rudolf Borchardt
 

Lebensdaten
| Werk


 
* 9. Juni 1877
Königsberg

+ 10. Januar 1945 Trins/Tirol (Herzversagen)

Grabstätte: Trins (bei Steinach am Brenner), Friedhof bei St. Georg
 


 
Aus protestantischer Kaufmannsfamilie jüdischen Ursprungs; zweites von sieben Kindern des Kaufmanns und späteren Bankiers und Direktors der Berliner Handelsgesellschaft Robert Martin Borchardt (1848-1908) und seiner Ehefrau Rose, geb. Bernstein (1854-1943); auf der Bahnreise von Moskau nach Königsberg geboren; wächst zuerst in Moskau, ab 1882 in Berlin auf. Geschwister: Else (*1876), Philipp (1879-1952), Helene (1880-1963), Vera (1882-1954), Ernst (1886-1931), Robert (1890-1916). Vor der Gymnasialzeit Hausunterricht.
  Unstetes Leben mit zahlreichen Reisen und unglaublich häufigen Wohnungswechseln. Ab 1906 und wieder 1921 feste (aber häufig wechselnde) Wohnsitze in der Toskana; im Deutschland vor 1914 "konnte er nicht leben".
  Aristokratischer Einzelgänger; deutscher Patriot. Mit vielen bekannt, die in der intellektuellen und in der politischen Welt der Zeit Rang und Namen haben: u.a. mit Hofmannsthal, R. A. Schröder, Beer-Hofmann, Schnitzler, Franz Blei, Rathenau, Buber, Wassermann, Benedetto Croce, Katja Pringsheim, Thomas Mann, Willy Haas, Ludwig Curtius, Konrad Burdach, Max Brod, Kronprinz Rupprecht von Bayern.
 

1906

1. Ehe mit der Malerin Karoline Ehrmann (1873-1944; Tod im KZ Theresienstadt); 1919 Scheidung

1920

2. Ehe mit Marie Luise Voigt (1896-1989; "Marel", Nichte von Rudolf Alexander Schröder); Kinder: Kaspar (*1921), Corona (*1923), Johann Gottfried (*1926), Christoph Cornelius (*1928)

 
Literat, Essayist, Redner, Philologe mit umfassendem Wissen, kongenialer Übersetzer. B. will als "konservativer Revolutionär" mit einem Programm der "schöpferischen Restauration" die deutsche Kultur von zersetzenden Mächten reinigen und aus dem Erbe abendländischen Geistes (Antike, Mittelalter, Reformationszeitalter, Klassik) erneuern: Sein Traditionsbewusstsein setzt ihn in Opposition zu den Strömungen der literarischen Moderne. Selbstgestellter Anspruch: mit jedem Werk ein Muster seiner Gattung zu schaffen. Angriffe gegen den Naturalismus, Klage über die Verwischung klarer Formen. Geistesfreundschaft mit Hofmannsthal, den er neben George als einzigen zeitgenössischen Dichter anerkennt ("größter Dichter unserer Tage"). Künstler, Gelehrter, Magier, Mentor, Philosoph, Phantast, Revolutionär, Reaktionär, Weltmann, Einsiedler (Uhde-Bernays).
 


Wichtige Lebensdaten:

1877

Rückkehr der Familie nach Moskau, wo der Vater die Königsberger Thee Compagnie vertritt.

1882-1904

Übersiedlung der Familie nach Berlin (Kronprinzenufer 5); Sommer am Kleinen Wannsee (Conradstraße 8).

1885-87

Französisches Gymnasium in Berlin.

1887-92

Königliches Gymnasium in Marienburg/Westpreußen.

1893-95

Gymnasialjahre in Wesel am Niederrhein (Pensionär in der Familie Witte). Archäologische Interessen.

1895

Febr.: Abitur in Wesel. Apr.: Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin (Klassische und Orientalische Philologie, Archäologie, Theologie).

1896

Wechsel an die Universität Bonn (Klassische Philologie, Archäologie, Germanistik, Ägyptologie). Entscheidende geistige Prägung durch die Lektüre Herders.

1898

Die Lektüre des Frühwerks Hofmannsthals und des Werks Stefan Georges hinterlässt bleibende Eindrücke. Juli - Okt.: Aufenthalt in Oberitalien und der Toskana. Nov.: Fortsetzung des Studiums in Göttingen; Arbeit an einer Dissertation über die Gattungen der griechischen Lyrik (nicht abgeschlossen).

1900

Mai: Exmatrikulation; Aug.: Reise nach Wales; Freundschaft mit Heinz Pringsheim, dem Bruder der späteren Thomas Mann-Gattin. Okt.: Pistolenduell mit einem Kommilitonen wegen einer Eifersuchtsaffäre. 

1901

Febr.: Gefährliche Erkrankung; Pflege im Göttinger Diakonissenstift Alt-Bethlehem. Apr. - Okt.: Kuraufenthalt in Bad Nassau; Begegnung mit Margarete Ruer ("Vivian"). Sept.: Reise zu Margarete nach Bad Pyrmont. Beiträge für die Insel.

1902

Jan.: Zerwürfnis mit dem Vater wegen verweigerter Monatszahlungen; B. gibt Plan einer Universitätslaufbahn auf. Reise nach Wien (Beer-Hofmann, Schnitzler, Bahr u.a.); Febr.: bei Hofmannsthal in Rodaun. Apr.: abgewiesener Heiratsantrag an Margarete. Mai: Göttingen; Dez.: Berlin; wieder finanzielle Unterstützung durch die Familie.

1902-06

Unstetes Wanderleben, meist in Italien.

1903

Jan.: Florenz, Typhus-Erkrankung; Pflege im Armenspital Casa delle suore tedesche. Juni: Rekonvaleszenz in Bagni di Lucca; Verlobung mit der Gouvernante Margaret Musgrave. Sept. - März 1904: krank im Ospedale di Santa Chiara in Pisa.

1904

Apr.: Volterra; Mai: in San Gimignano erste Begegnung mit Karoline Ehrmann. Nov.: Florenz.

1905

Dez. 1904 - Apr.: Bozen; dort Wiederbegegnung mit Karoline Ehrmann. Venedig, München. Mai - Aug: Volterra, San Gimignano. Sept.: Rückkehr nach Deutschland.

1906

Nov. 1905 - Mai: Wohnung in Arlesheim (Lochbrunner Hof); März - Mai: Leutstetten am Starnberger See bei Karoline; München (Friedrich von der Leyen, Franz Blei). 5. Juli: in London Heirat mit Karoline.

1906

Aug: Wohnsitz bei Lucca (Villa Sardi di Vallebuia).

1907

Apr.: erster Besuch von Rudolf Alexander Schröder. Nov.: Umzug in die Villa dell'Orologio bei Lucca.

1908

Juli: Tod des Vaters. Nov.: Umzug in die Palazzina der Villa Burlamacchi-Altieri in  Gattaiola bei Lucca. Freundschaft mit der Principessa Olga Altieri geb. Cantacuzène.

1910

Umzug in die Villa Geggiano bei Siena.

1911-14

Streit mit der Familie über Erbschaftsangelegenheiten; Abbruch der Familienkontakte.

1912

Die Villa Geggiano muss aus finanziellen Gründen aufgegeben werden; Wohnsitz ab Juni: Villa Mansi in Monsagrati Alto bei S. Martino in Freddana/Lucca. Vertrag über eine Zusammenarbeit mit dem Verlag Bremer Presse, München, als Autor, Übersetzer und Berater. Liebesbeziehung mit der Offizierstochter Christa Winsloe (bis 1913).

1914

Aug.: bei Ausbruch des Weltkriegs Meldung als Freiwilliger; Okt.: Einberufung nach Lörrach; in Müllheim/Baden Rekrutenausbildung im 7. Badischen Infanterie-Regiment Nr. 142.

1915

Liebesbeziehung zu Maximiliane von Fischer-Treuenfeld, geb. Wyneken. Nov.: Westfront.

1916

Apr.: mit Rippenfellentzündung im Lazarett.

1917

Jan.: Versetzung nach Berlin in die Abteilung ›Nachrichten-Offizier Berlin‹ beim Stellvertretenden Großen Generalstab. Apr.: erste Begegnung mit Marie Luise Voigt.

1918

Entfremdung von Karoline; getrennte Wohnungen. Sept.: Liebesbeziehung mit Marie Luise.

1919

März: gemeinsame Wohnung mit Marie Luise (Berlin, Blumeshof 2). Okt.: Scheidung von Karoline. Auseinandersetzungen mit den Familien Schröder und Voigt wegen der geplanten Heirat. Dez.: Versöhnung.

1920

Eheschließung mit Marie Luise Voigt.

1921

Erneute Übersiedlung nach Italien (Umgebung von Lucca); bis 1933 zu Vortragsreisen in Deutschland.

1923

Wohnung zeitweilig in Bremen bei den Schwiegereltern.

1925

Wohnsitz Villa di Bigiano bei Pistoia.

1931

Umzug in die Villa Bernardini in Saltocchio bei Lucca. Bekenntnis zu einer rechtsorientierten totalitären Staatsführung, "blind bis zum letzten" (W. Haas).

1935

Bemühung um paying guests. Besuche der deutschen Kronprinzessin Cecilie und des Kronprinzen Rupprecht von Bayern mit Gefolge in der Villa Bernardini.

1938

Besuch von Königin Margherita von Italien. Nov. - Dez.: Der Bruder Philipp wird im KZ Dachau interniert.

1938-39

Der emigrierte Franz Blei als Wohngast bei B.

1942

Karoline Borchardt (Jüdin) wird nach Theresienstadt deportiert.

1943

Umzug nach Forte dei Marmi, Villa Pallavicino. März: Freitod der Mutter in Berlin aus Angst vor Deportation.

1944

Apr.: Umzug nach S. Michele di Moriano bei Lucca, Villa Castoldi; 31. Aug.: Nach einem Fluchtversuch Verhaftung durch die deutsche Wehrmacht und Verschleppung der Familie über Modena, Mantua und Verona nach Innsbruck. 13.9.: von unbekanntem Feldwebel freigelassen. Ab Okt. im Trinser Hof in Trins/Tirol.

1945

10.1.: Tod durch Herzversagen.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Gedichte

1896

Zehn Gedichte

1900

Heroische Elegie

1901

Pathetische Elegie
Saturnische Elegie

1913
(1901-06 e)

Jugendgedichte (u.a. Gedichte an Vivian)

1920

Die halbgerettete Seele

1923

Die Schöpfung aus Liebe (Sammlung)

1924
(1906-16 e)

Vermischte Gedichte (u.a. Zyklus Der Mann und die Liebe)

1924

Der ruhende Herakles

1957

Späte Gedichte (aus dem Nachlaß)

Verserzählungen

1905

Geschichte des Heimkehrenden (Das Buch Joram)

1920 (1904 e)

Der Durant

1923

Poetische Erzählungen:

  • Das Buch Joram (1905)

  • Die Beichte Bocchino Belfortis

  • Der Durant (1920)

  • Geschichte des Erben

1924

Klage der Daphne

Erzählungen

1929

Das hoffnungslose Geschlecht. Vier zeitgenössische Erzählungen:

  • Der unwürdige Liebhaber

  • Der Hausbesuch

  • Die neue Dido

  • Das Gespenst

Roman

1937

Vereinigung durch den Feind hindurch

Dramatische Werke

1907 (1923 a)

Verkündigung (legendarische Ballade)

1920

Die Päpstin Jutta. Ein dramatisches Gedicht

1922

Krippenspiel

1923

Die geliebte Kleinigkeit (einaktiges Schäferspiel)

1934

Pamela (Komödie)

1936

Staufer. Tragische Pentalogie I: Alpenübergang

Sonstige Prosa

1905

Das Gespräch über Formen
Rede über Hofmannsthal

1908

Villa (landschaftshist. Monographie)

1915

Der Krieg und die deutsche Selbsteinkehr (Rede)

1916

Der Krieg und die deutsche Verantwortung

1924

Über den Dichter und das Dichterische (Rede)

1924

Eranos-Brief (zu Hofmannsthals 50. Geburtstag)

1925

Gartenphantasie

1928

Handlungen und Abhandlungen

1929

Die Aufgaben der Zeit gegenüber der Literatur (Rede)

1931

Deutsche Literatur im Kampfe um ihr Recht

1932

Deutsche Reisende - Deutsches Schicksal

1938

Pisa. Ein Versuch

1951

Der leidenschaftliche Gärtner. Ein Gartenbuch

Autobiographisches

1966

Kindheit und Jugend. Von ihm selbst erzählt

Übertragungen

1905

Platon, Lysis

1914

Tacitus, Germania (Deutschland)

1919

Swinburne, Gedichte

1922

Dante, Divina Commedia
Dante, Vita Nova

1923

Landor, Imaginäre Unterhaltungen

1924

Altionische Götterlieder

1924

Die großen Trobadors

1925

Hartmann von Aue, Der Arme Heinrich

1929

Pindarische Gedichte

1931

Aischylos, Die Perser

1931

Pindarische Gedichte

1936

Englische Dichter

Herausgeberschaft

1925

Deutsche Denkreden

1926

Ewiger Vorrat deutscher Poesie (Slg. deutscher Gedichte)

1927

Der Deutsche in der Landschaft (Landschaftsschilderungen deutscher Reisender)

Werkausgaben

1920-24

Schriften, Berlin: Rowohlt (12 Bde.)

1925

Ausgewählte Werke. 1900-1918, Berlin: Rowohlt

1934-35

Schriften, Bremen (2 Bde.)

1956-90

Gesammelte Werke in Einzelbänden, Stuttgart: Klett-Cotta (14 Bde.)

1985

Vivian. Briefe. Gedichte. Entwürfe. 1901-20, hg. v. Friedhelm Kemp u. Gerhard Schuster, Marbach

    
Rudolf-Borchardt-Gesellschaft e.V.


     
    
 
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