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Ältestes von elf
Kindern eines Taglöhners, Kleinbauern und Salpetersieders, "eines blutarmen
Vaters von elf Kindern". Die Familie muss dreimal den Wohnsitz wechseln und
einmal den Konkurs erklären. Wächst als Hirtenjunge in den Bergen auf; einige wenige
Wochen Schulbesuch im Winter; später schwere Arbeit in Feld und Stall. Trostlose
Lebensumstände: Verschuldung, Verlust von zwei Kindern durch eine Seuche, unglückliche
Ehe.
Lernbegieriger Autodidakt, literarisches Naturtalent: Drang zur Schriftstellerei,
die er als Lebenshilfe erfährt. Der Erfolg seines Buches bringt ihm nicht so viel ein,
dass seine Familie davon leben kann; durch seine relative Berühmtheit gerät er vielmehr
in eine unglückliche familiäre und gesellschaftliche Position "zwischen allen
Stühlen".
1761 |
Heirat mit Salome Ambühl; sieben Kinder (1762 Sohn, 1763 Tochter,
1765 Tochter, 1767 Sohn, 1769 Sohn, 1773 zwei Kinder) |
Literarischer
Außenseiter aus der Unterschicht, der durch seine "zur Vermahnung"
der Nachkommen verfasste Autobiographie berühmt wird: Die harte
Lebenswirklichkeit der Unterschicht wird zum erstenmal detailliert geschildert -
in unbeholfener Sprache zwar, aber gerade dadurch umso präziser und
anschaulicher. In seinem Tagebuch thematisiert und registriert B. akribisch auf
über 3500 Seiten selbstanalytische Betrachtungen, Alltagsereignisse,
Familienzwistigkeiten, Dorfklatsch, Preisveränderungen, Wetterverhältnisse,
Lesefrüchte und Reiseimpressionen; diese thematische Vielfalt macht es zusammen
mit der Frische der Darstellung zu einem Dokument von einzigartigem Rang.
Völlig eigenständig entdeckt B. Shakespeare, den er als den größten
Dichter und als seinen Seelenverwandten bezeichnet.
wichtige
Lebensdaten:
1747 |
Aufgabe des "freien Geißbubenlebens";
Unterstützung des Vaters als Knecht; Lesenlernen durch pietistische Traktate und die
Bibel |
1752 |
Abendmahlsunterricht; hohe Verschuldung des Vaters |
1754 |
Umzug vom Dreyschlatt auf die Staig zu Wattwil ins Tal, wo der Vater
ein Gut "zu Lehen" erhält; Knecht (Taglöhner) bei einem Bauern; Liebe zur
Stieftochter des Nachbarn Anna Lüthold von Horgen ("Ännchen"). |
1755 |
Salpetersieder. Der Rechen- und Gabelmacher Laurenz Aller, ein
Bekannter des Vaters, bringt B. mit Versprechungen dazu, sein Dorf zu verlassen, um Soldat
zu werden. In Schaffhausen prellt er seinen Schlepper; B. wird Diener bei einem
preußischen Werbeoffizier und zieht mit ihm nach Rottweil. |
1756 |
Reise mit seinem Herrn nach Straßburg; B. sieht zum ersten Mal eine
große Stadt. Sein Herr kommt in finanzielle Schwierigkeiten, schickt B. unter einem
Vorwand nach Berlin (einmonatiger Fußmarsch); B. merkt bald, dass er als Rekrut an die
preußische Armee verkauft worden ist. Teilnahme an der ersten Schlacht des
Siebenjährigen Kriegs bei Lobositz; Flucht aus dem Kampfgetümmel und auf abenteuerlichen
Wegen (über Prag, Pilsen, Regensburg, Ingolstadt, Bregenz) Rückkehr in die Heimat.
Ännchen ist verheiratet und Mutter eines Kindes. |
1757 |
wieder Salpetersieder |
1759 |
erfolgloser Kleinstunternehmer (Garnhausierer). |
1761 |
Gründung einer Familie (um seine "Sinnlichkeit im Zaum zu
halten"): Das erträumte Glück bleibt aus; seine Frau erweist sich als streng
und zänkisch; Verschuldung durch Hausbau. |
1762 |
Unfalltod des Vaters beim Holzholen im Wald: B. muss vier kleine
Geschwister miternähren; lernt weben. Lesen und das eigene Schreiben (von seiner Frau
missbilligt) werden ihm zum Halt. |
1768 |
Beginn der Tagebuchaufzeichnungen während einer großen Hungersnot
(bis zum Tod weitergeführt) |
1770 |
Hungerjahr |
1772 |
Tod der beiden ältesten Kinder (Ruhr) |
1773 |
Schuldenlast; Schreiben als Kompensation der erbärmlichen
Wirklichkeit. |
1776 |
Eine Preisschrift ermöglicht ihm die Aufnahme in die "Moralische
Gesellschaft zu Lichtensteig"; Zugang zu ihrer Bibliothek: B. kann jetzt seiner
Leseleidenschaft frönen und sich weiterbilden. Lesen und Schreiben entfremdet ihn seiner
Familie, erhebt ihn aber aus der Trostlosigkeit und Enge des Alltags in die "Welt
in seinem Kopf". Lieblingsautor: Shakespeare. |
1777 |
Selbstmordgedanken wegen der Schulden |
1779 |
größerer Auftrag, Baumwolltücher zu weben |
1780 |
Vergrößerung seiner Webanstalt; Fertigung von Tüchern auf eigene
Kosten |
1783 |
Der Pfarrer Imhof schickt Textproben an den Verleger Füssli in
Zürich, der in seinem Kalender zunächst Auszüge aus dem Tagebuch veröffentlicht und
mit unerwartet großem Erfolg die Lebensgeschichte als Buch herausbringt. |
1785 |
Verluste aufgrund einer Rezession |
1791 |
Aufnahme in die Literarische Gesellschaft in St. Gallen;
Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse |
1798 |
Br. erklärt den Bankrott. |
Werke:
(e = entstanden)
Autobiographisches
1792
(ab 1768 e) |
Tagebuch des Armen Mannes im Tockenburg (= Sämtliche Schriften Zweyter
Theil) |
1768 e |
Büchlein zum Trost und Heil |
1789
(1781-85 e) |
Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
(= Sämtliche Schriften Erster Theil) |
1945 |
Leben und Schreiben Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im Tockenburg, hg.v.
Samuel Voellmy, Basel (3 Bde.) |
Essays
1942
(1780 e) |
Etwas
über William Shakespeares Schauspiele |
1780 e |
Der
große Lavater |
1788 e |
Gespräch
im Reiche der Toten (dialogische Meditationen über das Jenseits) |
1985 |
Räisonierendes
Baurengespräch über das Bücherlesen und den üsserlichen Gottesdienst (2 Bde.) |
Drama
1987
(1977 a) |
Die
Gerichtsnacht oder Was ihr wollt (2 Bde.) |
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