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Zweites
von drei Kindern
des Pfarrers Johann Gottfried Bürger (+1764) und seiner Frau Gertraud Elisabeth, geb.
Bauer (+1775). Der Vater kümmert sich kaum um die Erziehung des Sohnes, der bis
zum 10. Lebensjahr nur Rechnen und Schreiben lernt.
B. leidet bis zuletzt unter persönlichem Unglück, Geldnot, privaten und
beruflichen Verdrießlichkeiten und Erniedrigungen; seine Amtspflichten
verhindern eine vollständige Homer-Übersetzung und andere literarische
Projekte.
| 1774 |
Eheschließung mit der Amtmannsstochter Dorothea Marianne Leonhart
("Dorette", 1755-1784); zeitweilig
Ehe zu dritt mit Dorettes Schwester Auguste ("Molly") |
| 1785 |
Heirat mit Auguste Leonhart ("Molly",
1758-1786) |
| 1790 |
dritte Ehe mit Elise Hahn (1769-1833; später
Schriftstellerin); 1792 Scheidung |
Balladendichter,
Lyriker, Übersetzer. Neben Goethe der bedeutendste Lyriker des Sturm und Drang; mit
seiner Lenore beginnt die Geschichte der deutschen Kunstballade. Sucht das
Volkstümliche und Ursprüngliche. Unmittelbarkeit, Lebendigkeit, und Spontaneität
zeichnen seine Gedichte aus. Sein Münchhausen-Buch ist bis heute sein
populärstes Werk geblieben (zu Lebzeiten als Verfasser nicht bekannt). Zum beruflichen
und persönlichen Desaster Bürgers trägt die vernichtende Kritik Schillers bei, der
seinen Gedichten fehlende Idealisierung und Veredelung vorwirft.
wichtige Lebensdaten:
| 1759 |
Schulbildung auf Initiative des Großvaters Jakob Philipp
Bauer, der B. bei sich aufnimmt; Stadtschule in Aschersleben. |
| 1760-63 |
Pädagogium in Halle. |
| 1764 |
Tod des Vaters; auf Wunsch des Großvaters Studium der
Theologie in Halle. Freundschaft mit Christian Adolph Klotz: Beschäftigung
mit Literatur. |
| 1768 |
Wechsel an die Universität Göttingen; Jurastudium; erste
literarische Texte. |
| 1771 |
Erste Beiträge im Göttinger Musenalmanach.
Beginn des Briefwechsels mit Gleim. |
| 1772 |
Kontakt mit den Dichtern des Göttinger Hainbundes
(Boie, Voß, Hölty, Brüder Stolberg). Enge Freundschaft mit dem Göttinger
Verleger Johann Christian Dieterich. |
| 1772-84 |
Auf Vermittlung Boies Amtmann
der gräflichen Familie von Uslar in der Gerichtshalterstelle zu Gelliehausen bei
Göttingen (Gericht Altengleichen). |
| 1774 |
Umzug nach Niedeck; Nov.: übereilte Ehe mit Dorette, obwohl
B. bereits die Schwester Auguste (Molly) liebt. |
| 1775 |
Umzug nach Wöllmarshausen;
Freundschaft mit Leopold Friedrich Günther Goecking, Redakteur des Göttinger
Museunalmanachs. Tod der Mutter. |
| 1777 |
Tod des Schwiegervaters, des
Amtmanns Leonhart. Tod des Töchterchens. |
| 1778-94 |
Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs. |
| 1780-84 |
Auf dem gepachteten Gut Appenrode ménage a trois mit Dorette und
Molly; Schulden und Krankheiten. Ständige Schikanen der Familie von Uslar. Untersuchung gegen B. wegen nachlässiger
Geschäftsführung. |
| 1784 |
Jan.: Aufgabe der Stelle als Amtmann; Juli: Tod Dorettes im
Kindbett. Dank
Förderung u.a. von Lichtenberg Privatdozent für Ästhetik, Philosophie und Deutsche
Sprache an der Universität Göttingen (Vorlesungen gratis et frustra).
Wohnung im Hause seines Verlegers Dieterich. |
| 1785 |
Juni: Heirat mit Molly. |
| 1786 |
9.1.: Tod Mollys bei der Geburt einer Tochter. |
| 1787 |
Dr. h.c. |
| 1789 |
Ernennung zum außerordentlichen Professor für Ästhetik (unbesoldet).
Begeisterung für die Französische Revolution. |
| 1790 |
Das "Schwabenmädchen" Elise Hahn, das sich ihm öffentlich
poetisch zur Ehe angetragen hat, macht B. durch seine Treulosigkeit zum
Gespött der
Göttinger Gesellschaft. |
| 1791 |
Vernichtende Kritik Schillers an Bürgers Lyrik (anonym in der Jenaischen
Allgemeinen Literaturzeitung). Schwindsucht. |
| 1792 |
März: Scheidung von Elise; B. eckt mit seinem öffentlichen Bekenntnis zu
den Ideen der Französischen Revolution gesellschaftlich und politisch an. Herbst: sein
Gesundheitszustand lässt keine Vorlesungen mehr zu; katastrophale materielle Lage. |
Werke:
(e = entstanden)
lyrische
Gedichte und Balladen
| 1773 |
Des armen Suschens Traum, Lenore (Balladen)
Der Bauer. An seinen Durchlauchtigen Tyrannen |
| 1775 (1773 e) |
Der Raubgraf (Ballade) |
| 1776 (1774 e) |
Die Weiber von Weinsberg (Ballade) |
| 1777 (1776 e) |
Das Lied vom braven Manne (Ballade) |
| 1778 |
Gedichte |
| 1781 |
Des Pfarrers Tochter von Taubenhain (Ballade) |
1785
(1775/78 e) |
Der wilde Jäger (Ballade) |
| 1789 |
Gedichte (2 Bde.) |
Erzählungen
| 1786 |
Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige
Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel
seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt (Übersetzung, Bearbeitung und Erweiterung von
Rudolf Erich Raspes Baron Münchhausen's Narrative of his Marvellous Travels and
Campaigns in Russia) (anonym) |
Schriften
und Reden
| 1771 |
Gedanken über die Beschaffenheit einer deutschen
Übersetzung des Homer, nebst einigen Probefragmenten |
| 1776 |
Über Volkspoesie. Aus Daniel Wunderlichs Buch (darin u.a.
Herzensausguß über Volkspoesie) |
| 1790 |
Ermunterung zur Freiheit (Freimaurerrede) |
| 1791 |
Vorläufige Antikritik (gegen Schillers Kritik) |
| 1835 (1784 e) |
Von der Popularität der Poesie |
Übersetzungen
| 1771/76/84 |
Homer, Ilias (Fragmente) |
| 1783 |
Shakespeare, Macbeth |
Ausgaben
| 1835 |
Sämtliche Schriften, Göttingen |
| 1902 |
Sämtliche Werke, hg. v. W. v. Wurzbach |
| 1905 |
Sämtliche Werke, hg. v. E. Walter |
| 1987 |
Sämtliche Werke, hg. v. Günter u. Hiltrud Häntzschel,
München |
Link:
Bürgermuseum
Molmerswende
Der Bauer.
An seinen Durchlauchtigen Tyrannen.
Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Roß?
Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut
Darf Klau' und Rachen hau'n?
Wer bist du, daß, durch Saat und Forst
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? -
Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.
Du Fürst hast nicht, bei Egg' und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! -
Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!
(1773)
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