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Elias Canetti

vollst.: Elias Salomon Canetti

Lebensdaten | Werk



* 25. Juli 1905 Rustschuk (Russe)

(seinerzeit Fürstentum Bulgarien, Vasallenstaat des Osmanischen Reiches)

  

+ 14. August 1994 Zürich

Grabstätte:

Zürich, Friedhof Fluntern. Ehrengrab neben dem Grab von James Joyce

  

Bildquelle: wikipedia
  

   
Äußerst vielseitiger, facettenreicher Schriftsteller: Romancier, Dramatiker, Essayist und Aphoristiker. Sein Werk ist keiner literarischen Tradition zuzuordnen. Die Leitgedanken kreisen um das Thema Tod ("Mein Haß gegen den Tod setzt ein unaufhörliches Bewußtsein von ihm voraus"). Bis Anfang der 60er Jahre im deutschen Sprachraum kaum bekannt. Essayistisches Hauptwerk: Masse und Macht.

Europäischer Denker mit multikultureller Identität: "Rustschuk, an der unteren Donau, wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt für ein Kind, und wenn ich sage, dass sie in Bulgarien liegt, gebe ich eine unzulängliche Vorstellung von ihr, denn es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören." Nach der Verleihung des Nobelpreises ehren ihn sieben Staaten: Bulgarien, Deutschland, England, Österreich, Israel, Spanien und die Schweiz. Seine vierte Sprache, Deutsch, wird zur Sprache seiner Literatur ("Zu Haus fühle ich mich erst, wenn ich mit dem Bleistift in der Hand deutsche Wörter niederschreibe und alles um mich herum spricht englisch.")
    

  Ältester Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Jacques Elias (Elieser) Canetti (1881-1912) und seiner Frau Mathilde (Masal), geb. Arditti (1886-1937), beides sephardische Juden. Brüder: Nissim (1909-1997) und Georges (1911-1971). Muttersprache: Ladino (das mittelalterliche Spanisch der Sepharden); in der Schule in Manchester lernt C. Englisch, von der französischen  Gouvernante Französisch, und erst mit 8 Jahren auf Initiative der Mutter hin die deutsche Sprache. Den größten Teil seines Lebens verbringt C. im Exil (England, Österreich, Deutschland, Schweiz), bleibt aber auch nach der endgültigen bulgarischen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich (1908) türkischer Staatsbürger. Seit 1934 staatenlos, 1952 Annahme der britischen Staatsbürgerschaft. 

  Exaltierter, nonkonformer, egozentrischer Charakter mit anti-bürgerlichem Privatleben: zahlreiche Affären (u.a. mit Anna Mahler, Tochter Anna Mahler-Werfels; mit der Schriftstellerin Friedl Benedikt, 1916-1953, jahrelang Nebenfrau; mit der Malerin Marie-Louise von Motesiczky, 1906-1996; mit der Schriftstellerin Iris Murdoch, 1919-1999). In England zeitweilig ménage à quatre.

     

1934

Heirat mit Venetiana Taubner-Calderon ("Veza", 1897-1963)

1971

2. Ehe mit Hera Buschor (1933-1988). Tochter: Johanna (*1972)

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl)

1949

Grand Prix International du Club Français du Livre

1966

Literaturpreis der Stadt Wien

1968

Großer Österreichischer Staatspreis

1972

Georg-Büchner-Preis

1975

Ehrendoktor der Universität Manchester

1976

Ehrendoktor der Ludwig-Maximilians-Universität München

1977

Gottfried-Keller-Preis

1979

Orden Pour le Mérite (Friedensklasse)

1981

Kafka-Preis
Nobelpreis für Literatur


 
Wichtige Lebensdaten:
 

1911

Aus geschäftlichen Gründen Übersiedlung der Familie nach Manchester. Einschulung.

1912

Tod des Vaters.

1913

Dreimonatiger Aufenthalt in Lausanne. Die Mutter bringt ihrem Sohn Deutsch bei (unter "Hohn und Qualen"). Deutsch wird zur Sprache seiner Literatur. Herbst: Übersiedlung nach Wien. Volksschule und Talmud-Thora-Schule.

1916

Zusammenbruch und Sanatoriumsaufenthalt der Mutter. Sommer: Umzug nach Zürich.

1917

Realgymnasium der Kantonsschule Zürich.

1919

Rückkehr der Mutter nach Wien; die beiden jüngeren Söhne im Pensionat in Lausanne, Elias bleibt allein in Zürich (Villa Yalta) zurück, um weiterhin das Gymnasium besuchen zu können ("einzig vollkommen glückliche Jahre").

1921

Abgang von der Kantonsschule. Auf Drängen der Mutter hin Übersiedlung nach Frankfurt a. M. ("Vertreibung aus dem Paradies"); Besuch des Wöhler-Realgymnasiums. - Miterleben der Unruhen der Nachkriegszeit (Inflation, Ermordung Rathenaus).

1924

Abitur. Ab Herbst: Studium der Chemie in Wien. Autodidaktisches Bildungsprogramm. Vorlesungen bei Karl Kraus werden entscheidend für den literarischen Werdegang. Erste Begegnung mit Venetiana Taubner-Calderon, Tochter einer alteingesessenen sephardischen Wiener Familie (Schriftstellerin, 8 Jahre älter).

1927

Zimmer in Wien-Hacking (Hagenberggasse 47). 15. Juli: "Blutiger Freitag": Brand des Justizpalastes; blutige Niederschlagung einer Massendemonstration gegen ein skandalöses Gerichtsurteil  (Schlüsselerlebnis).

1928

Juli-Sept.: in Berlin. Bekanntschaft mit Bert Brecht, George Grosz, Isaak Babel.

1929

Frühjahr: Abschluss des Chemie-Studiums mit Promotion. In Berlin Mitarbeiter des Malik-Verlegers Wieland Herzfelde. Übersetzung dreier Bücher von Upton Sinclair; ab jetzt professioneller Literat; Beginn der Niederschrift der Blendung.

1932

Begegnung mit Hermann Broch; freundschaftliche Beziehung zu dem jüdischen Lyriker, Philosophen und Psychologen Abraham Sonne (1883-1950). Bekanntschaft mit Alban Berg, Robert Musil, Fritz Wotruba. Kurzzeitige Beziehung zu Gustav Mahlers Tochter Anna.

1934

Heirat; Canetti gilt als staatenlos.

1935

Wohnung in Grinzing, Himmelstr. 30.

1937

Nach dem Tod der Mutter (15.6.) schwere psychische Krise. Temporäre Wahnzustände. Erste Bekanntschaft mit Friedl Benedikt.

1938

12.3.: Einmarsch deutscher Truppen in Österreich. 2.9.: Ehepaar Canetti muss seine Wohnung verlassen; Einquartierung in einer Pension. 19.11.: Nach der Reichkristallnacht Flucht zum Bruder Georges nach Paris.

1939

Jan.: Emigration nach London. Veza C. verdient den gemeinsamen Lebensunterhalt durch Übersetzungen und Verlagsarbeiten.

1940

Bekanntschaft mit der ebenfalls emigrierten Malerin Marie-Louise von Motesiczky (1906-1996).

1941

Umzug nach Chesham Bois und Amersham bei London. Liberale Ehe mit getrennten Wohnungen. 

1952

Britische Staatsbürgerschaft.

1954

Dreiwöchige Reise nach Marrakesch als Begleiter eines Filmteams. Umzug nach Hampstead (Thurlow Road 8), wieder ständiges Zusammenleben mit Veza.

1963

1. Mai: Tod der Ehefrau in einer Londoner Klinik. Dez.: Die Restauratorin Hera Buschor rettet Canetti aus einer Depression. In den folgenden Jahren pendelt C. zwischen London und Zürich, wo Hera Buschor im Kunsthaus arbeitet.

1970

Korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

1971

Heirat mit Hera Buschor in Wien.

1972

Geburt der Tochter Johanna. Wohnung in der Klosbachstr. 88 in Zürich.

1981

Nobelpreis für Literatur; in den kommenden Jahren zurückgezogenes Leben.

1988

29. April: Tod Hera Canettis. Auflösung der Londoner Wohnung, um bei seiner Tochter zu sein.

1994

Nacht zum 14. Aug.: Tod im Schlaf.


Werke:

(e = entstanden; a = Uraufführung in)

Roman

1935 (1931 e)

Die Blendung

 
Dramen

1932 (1965 a Braunschweig)

Hochzeit

1950 (1934 e, 1965 a Braunschweig)

Komödie der Eitelkeit

1964 (1956 a Oxford [engl.]; 1967 Wien)

Die Befristeten (a u.d.T. The Numbered)

Aphorismen

1965

Aufzeichnungen 1942-1948

1970

Alle vergeudete Verehrung. Aufzeichnungen 1949-1960

1973

Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942-1972

1987

Das Geheimherz der Uhr. Aufzeichnungen 1973-1985

1992

Die Fliegenpein

2005 (1942 e)

Aufzeichnungen für Marie-Louise

Essays 

1955

Fritz Wotruba (Essays)

1960

Masse und Macht

1968

Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise

1969

Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice

1972

Macht und Überleben, Drei Essays

Die gespaltene Zukunft. Aufsätze und Gespräche

1974

Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere

1975

Das Gewissen der Worte (gesammelte Essays)

1994

Nachträge aus Hampstead

2014

Das Buch gegen den Tod

Autobiographisches

1977

Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend

1980

Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931

1985

Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937

2003

Party im Blitz. Die englischen Jahre

Übersetzungen

1930

Upton Sinclair: Das Geld schreibt (Money Writes!). Eine Studie über die amerikanische Literatur
Upton Sinclair: Leidweg der Liebe (Love's Pilgrimage)

1932

Upton Sinclair: Alkohol (The Wet Parade)

Werkausgaben

1992-2005

Gesammelte Werke, München: Hanser (10 Bde.)

1995

Werke, Frankfurt/M: Fischer Tb (13 + 1 Bde.)

 


 

Internationale Elias Canetti Gesellschaft

 

25.04.2015

  

   
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