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Paul Celan
 

eigentl. Paul Antschel (rumän. Schreibweise: Ancel; Anagramm Celan seit 1947)
 
LebensdatenWerk

Celan-Texte im Netz


 
* 23. November 1920
Czernowitz

+ 20. (?) April 1970 Paris
 
(Todesdatum und -umstände ungeklärt; vermutlich Freitod in der Seine)

Grabstätte: Thiais (Val-de-Marne), Friedhof

 

   

Passfoto (1938)
Bildquelle: Wikipedia

   

 
Aus deutschsprachiger jüdischer Familie. Einziges Kind des Bautechnikers Leo Antschel-Teitler (1890-1942), der den Lebensunterhalt der Familie als Brennholzmakler verdient, und seiner Ehefrau Friederike ("Fritzi"), geb. Schrager (1895-1942). Jugend in der kaiserlich-österreichisch geprägten Vielvölkerstadt Czernowitz, deren Einwohner zur Hälfte deutschsprachige Juden, zur anderen Hälfte Rumänen und Ukrainer sind (seit 1918 rumänisch). Inhaltlich wurzelt Celans Werk in der jüdischen Kulturtradition und der kulturellen Vielfalt der Bukowina ebenso wie in den leidvollen persönlichen Erfahrungen (Judenverfolgung, Verschleppung bzw. Erdmordung seiner Eltern, "Goll-Affäre", schwere psychische Erkrankung in den letzten Lebensjahren).
   

1952

Heirat mit der Grafikerin Gisèle Lestrange (1927-1991); Sohn: Eric (*1955)

Lyriker und Übersetzer.
 Schon die frühesten Gedichte faszinieren durch ihre hermetische, surrealistisch anmutende Metaphernflut und stoßen beim naiven Leser auf Ratlosigkeit. Celan selbst verweist aber auf ihren sehr konkretem Wirklichkeitsbezug ("wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend", 1958 Bremer Preisrede). Seine Muttersprache ist die Sprache der Mörder seiner Mutter mit der Konsequenz: "Welches der Worte du sprichst - / du dankst / dem Verderben" (1955, Von Schwelle zu Schwelle). "[Die Sprache] mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie [...] ging hindurch und durfte wieder zutage treten, ´angereichert´ von all dem." (1958 bei der Verleihung des Bremer Literaturpreises). Die extreme Verdichtung und Reduktion des sprachlichen Ausdrucks bis an die Grenze sprachlicher Artikulation wird so zum dichterischen Prinzip, das auf das Unsagbare hinzielt (vgl. das "erschwiegene Wort" im Gedicht Argumentum e silentio aus der Slg. Von Schwelle zu Schwelle).
 Celans bekanntestes Gedicht ist die Todesfuge, mit dem er versucht Auschwitz in Chiffren zu fassen.
  Übersetzungen aus dem Französischen, Russischen, Englischen, Rumänischen, Italienischen, Portugiesischen und Hebräischen ins Deutsche (Einzelgedichte und Gedichtsammlungen von insgesamt 42 Dichtern).

Auszeichnungen:

1958

Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen

1960

Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt

1964

Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen


Wichtige Lebensdaten:

1934

Abgang vom Oberrealgymnasium von Czernowitz wegen des eskalierenden Antisemitismus.

1938

Abitur am rumänischen Staatsgymnasium. Medizinstudium im französischen Tours, da an rumänischen Universitäten ein Numerus clausus besteht.

1939

Der Ausbruch des 2. Weltkriegs verhindert die Fortsetzung des Studiums in Frankreich; Studium der Romanistik an der Universität Czernowitz.

1940

20.6.: Annexion der Nordbukowina mit Czernowitz durch die Sowjetunion. Freundschaft mit der Schauspielerin Ruth Lachner.

1941

5.7.: Besetzung der Stadt durch rumänische und deutsche Truppen. Als Jude in einem rumänischen Arbeitslager an der südlichen Moldau. Verschleppung der Eltern in das KZ Michailowka in der Ukraine.

1942

Tod des Vaters (Typhus), Erschießung der Mutter.

1944

Februar: Entlassung aus dem Arbeitslager, Rückkehr nach Czernowitz; März: Besetzung der Stadt durch die Rote Armee. Umgang u.a. mit Rose Ausländer; Wiederaufnahme des Studiums (Anglistik).

1945

Verlagslektor und Übersetzer in Bukarest. Erste Veröffentlichungen in der Literaturzeitschrift Agora.

1947

Dez.: Flucht aus dem stalinistischen Rumänien über Ungarn nach Wien. Freundschaft u.a. mit Edgar Jené und Milo Dor.

1948

Liebesverhältnis mit Ingeborg Bachmann. Übersiedlung nach Paris. Studium der Germanistik und Sprachwissenschaft.

1951

Nov.: Bekanntschaft mit Gisèle Lestrange.

ab 1953

Ungerechtfertigte Plagiatsvorwürfe der Witwe des deutsch-französischen Dichters Yvan Goll, Claire Goll, überschatten sein Leben bis zum Tod.

1955

Französische Staatsbürgerschaft.

1957

Wiederaufnahme der Beziehung zu Ingeborg Bachmann (bis Sommer 1958).

ab 1959

Dozent für Deutsche Sprache und Literatur an der École Normale Supérieure.

1960

Die Goll-Affäre eskaliert.

ab 1962

Zerrüttung des psychischen Gleichgewichts.

1965

Wahnanfall: C. versucht in der Nacht vom 23. auf den 24.11. seine Frau zu töten; Einweisung in die psychiatrische Anstalt Suresnes.

1966

Juni: Entlassung aus der Klinik.

1967

Nach einem Selbstmordversuch erneute Einweisung in die Psychiatrie; Entlassung am Ende des Jahres. Aufgrund seiner Wahnvorstellungen (er müsse wie Abraham seinen Sohn opfern) trennt sich C.s Frau von ihm; zunehmende Verdüsterung seines Lebens.

1969

Reise nach Israel.

1970

1. Mai: Der Leichnam Celans wird bei Courbevoie (10 km flussabwärts von Paris) aus der Seine geborgen.


Werke:
(e = entstanden)

Gedichtbände

1938-44 e
1986

Typoskript 1944 (u.a. Todesfuge)

1948

Der Sand aus den Urnen (wegen zahlreicher Druckfehler zurückgezogen)

1952

Mohn und Gedächtnis (mit 30 Gedichten aus Sand aus den Urnen)

1955

Von Schwelle zu Schwelle

1959

Sprachgitter

1963

Die Niemandsrose

1967

Atemwende

1968

Fadensonnen

1970

Lichtzwang

1971

Schneepart

1976

Zeitgehöft. Späte Gedichte aus dem Nachlass 

Prosatext

1960 (1959 e)

Gespräch im Gebirg (Thema: jüdische Identitätssuche)

Rede

1960

Der Meridian (Büchner-Preis-Rede)

Übersetzungen (Auswahl)

1949

Jean Cocteau: Der goldene Vorhang

1958

Arthur Rimbaud: Das trunkene Schiff

1959

Ossip Mandelstam: Gedichte

1960

Paul Valéry: Die junge Parze

1963

Drei russische Dichter. Alexander Block, Ossip Mandelstam, Sergej Jessenin

Werkausgaben

1975

Gedichte, hg. v. Beda Allemann, Frankfurt/M.: Suhrkamp (2 Bde.)

1983

Gesammelte Werke, hg. v. Beda Allemann und Stefan Reichert, Frankfurt/M.: Suhrkamp (5 Bde.)

1989

Das Frühwerk, hg. v. Barbara Wiedemann, Frankfurt/M.: Suhrkamp

1990-2017

Werke, hist.-krit. Ausgabe, hg. v. Beda Allemann u.a., Frankfurt/M./Berlin: Suhrkamp (16 Bde., "Bonner Ausgabe")

1996-2005

Werke, hg. v. Jürgen Wertheimer, Frankfurt/M.: Suhrkamp (9 Bde., "Tübinger Ausgabe")

1997

Die Gedichte aus dem Nachlaß, hg. v. Bertrand Badiou u.a., Frankfurt/M.: Suhrkamp

2003

Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, hg . v. Barbara Wiedemann, Frankfurt/M.: Suhrkamp


    
     

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