Heimito von Doderer
eigentl. Franz Carl Heimito Ritter von Doderer
Lebensdaten Werk



*5. September 1896
Hadersdorf-Weidlingau
bei Wien

+23. Dezember 1966 Wien (Darmkrebs)

Ehrengrab: Wien, Grinzinger Friedhof
 


Jüngstes von sechs Kindern des Architekten und Bauunternehmers Wilhelm Carl Gustav Ritter von Doderer (1854-1932) und seiner Frau Louise (Willy), geb. von Hügel (1862-1946); protestantische Familie, die eine Generation zuvor den Erbadel erhalten hatte. Die Urgroßmutter väterlicherseits war eine Halbschwester Nikolaus Lenaus. Der Vater wirkte in leitender Position beim Bau der Karawankenbahn, des Nord-Ostsee-Kanals, der Stadtbahn und bei der Wienflussregulierung mit. Die Doderers waren eine der reichsten Familien in Österreich-Ungarn, die aber im 1. Weltkrieg einen Großteil ihres Vermögens verlor. Geschwister Heimitos: Ilse (1882-1979), Almuth (1884-1978), Wilhelm (Immo, 1886-1975), Helga (1887-1927), Astri (1893-1989). Name: Reminiszenz aus einem Spanien-Urlaub ("Jaimito": eingedeutsche Koseform für Jaime).

1930

1. Ehe mit Auguste ("Gusti") Hasterlik; 1932 Trennung, 1938 Scheidung

1952

2. Ehe mit Emma Maria Thoma (1896-1984)

D. ist der bedeutendste österreichische Romancier.
  Hält an der Erzählbarkeit der Welt fest: setzt gegen die moderne Erzähltechnik der Auflösung der Wirklichkeit in assoziative Bilder und Gedanken wieder die Erzählhandlung; Aufgabe des Romanciers sei die "Wiedereroberung der Außenwelt".
Seine breit angelegten Gesellschaftsromane kreisen thematisch um das Absterben der alten österreichischen Gesellschaft. Hauptthema: Wirken des Schicksals ("Fatalogie"); Einbruch des Chaos in das Leben des einzelnen, Entfesselung des Dämonischen im Massenzeitalter. Hauptwerk: Die Dämonen.

Auszeichnung:

1958

Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur


wichtige Lebensdaten:

1902-14

Humanistisches K. K. Staatsgymnasium in der Kundmanngasse.

1914

Matura; Jurastudium in Wien.

1915

Als Einjährig-Freiwilliger in der Breitenseer Kaserne beim K. u. K. Dragoner-Regiment Nr. 3.

1916

Teilnahme am Russland-Feldzug in Galizien und der Bukowina; Juli: als Leutnant eines Ulanenregiments in der Schlacht von Olesza/Ostgalizien gefangengenommen.

1916-20

Kriegsgefangenschaft in Sibirien (Lager Krasnaja Rjetschka bei Chabarowsk); Entschluss, Schriftsteller zu werden.

1918

Von den Bolschewiki entlassen; in den Wirren des Bürgerkrieges kommen die Entlassenen mit dem Zug nur bis Samara; Entschluss zur Rückreise in ein Lager in der Nähe von Nowosibirsk, das vor der herannahenden Roten Armee später nach Krasnojarsk verlegt wird.

1920

Endgültige Entlassung; 14.8.: Heimkehr nach Wien.

1920-25

Wiederaufnahme des Studiums (Geschichte und Psychologie) in Wien.

1921

Beginn der Liebesbeziehung zu Auguste Hasterlik (ausgebildete Pianistin aus Wiener Arztfamilie; katholisch getaufte Jüdin). Heiratsversprechen.

1923

Aufnahmeprüfung für das Institut für österreichische Geschichtsforschung

1925

Promotion zum Dr. phil. (Dissertation: Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung in Wien während des 15. Jahrhunderts).

1926-31

Tätigkeit als Journalist (historische Feuilletons); Einfluss Otto Weiningers.

1927

Selbstmord der Schwester Helga.

1928

Eigene Wohnung im Bezirk Döbling.

1929

Lektüre der Bekenntnisse eines modernen Malers von Albert Paris Gütersloh ("Bekehrungsakt").

1930-32

Scheinehe mit Auguste (getrennte Wohnungen).

1932

Schwere persönliche Krise.

1933

Eintritt in die österreichische nationalsozialistische Partei.

1936-38

Übersiedelung nach Deutschland (Dachau). Eintritt in die NSDAP; Antrag zur Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer.

1937

Allmähliche Distanzierung vom Nationalsozialismus. Erste Begegnung mit Emma Maria Thoma.

1938

Aug.: Rückkehr nach Wien; Wohnung zusammen mit Albert Paris Gütersloh (Wien VIII., Buchfeldgasse 6). Nach dem Anschluss Österreichs lässt sich Doderer nicht mehr als Parteimitglied führen.

1940

Übertritt zum Katholizismus. Jahresende: als Reserveoffizier der Kavallerie zur Luftwaffe abgeordnet (Verwaltungsarbeit im Hinterland); Breslau, Verlegung nach Frankreich.

1942

Verlegung an die russische Front bei Kursk. Versetzung in den Krankenstand wegen heftiger Neuralgien: Frankfurt/O., Wiesbaden, Schongau.

1943-45

Wiener Neustadt, Bad Vöslau und weitere Standorte.

1945

Apr.: Oslo; bei Kriegsende Internierung in Norwegen. Jahresende: Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft.

1946

Jan.: Rückkehr nach Wien. Publikationsverbot wegen NSDAP-Mitgliedschaft.

1947

Streichung von der Liste der Belasteten.

1948-50

Kurs am Institut für Österreichische Geschichtsforschung (Ausbildungsstätte für Bibliothekare) in der Hoffnung auf berufliche Qualifikation.

1951

Literarischer Durchbruch mit der Strudlhofstiege.

1952

2. Heirat; wieder keine gemeinsame Wohnung (Emma Maria bleibt in Landshut); über die Sommermonate und den Jahreswechsel gewöhnlich in Bayern.

1955

Juni: Bekanntschaft mit der Autorin Dorothea Zeemann (1909-1993), die seine Geliebte wird.

1956

1.5.: Bezug der Wohnung in der Währingerstraße 50 (Wien IX.).

1960

Kehlkopfoperation infolge übermäßigen Alkohol- und Nikotingenusses.


Werke:
(e = entstanden)

Romane

1930

Das Geheimnis des Reiches. Roman aus dem russischen Bürgerkrieg

1938

Ein Mord, den jeder begeht

1940
(1934 e)

Der Umweg

1951
(1939/40 e)

Die erleuchteten Fenster oder Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal

1951
(1941-48 e)

Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre

1956
(1931-40; 51-56 e)

Die Dämonen. Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff

1962

Die Merowinger oder Die totale Familie (Romangroteske)

1963

Die Wasserfälle von Slunj (1. Teil einer geplanten Tetralogie "Roman No. 7")

1967

Der Grenzwald (2. Teil der Tetralogie; Frgm.)

Erzählungen

1924

Die Bresche. Ein Vorgang in vierundzwanzig Stunden

1953
(1936 e)

Das letzte Abenteuer

1958
(1951 e)

Die Posaunen von Jericho (= 7. Divertimento)

1959

Die Peinigung der Lederbeutelchen (Erz.; Titelgeschichte 1954, 1931 e)

1966

Unter schwarzen Sternen (Erz.)

1966

Meine neunzehn Lebensläufe und neun andere Geschichten

1958

Frühe Prosa (u.a. Jutta Bamberger, 1924 e, Frgm.)

1972
(1921-26 e)

Divertimenti (sechs Erz.)

Lyrik

1923

Gassen und Landschaft (Ged.)

1957

Ein Weg im Dunklen. Gedichte u. epigrammatische Verse

Tagebücher

1964

Tangenten. Tagebuch eines Schriftstellers 1940-1950

1976

Commentarii 1951 bis 1956. Tagebücher aus dem Nachlass

1986

Commentarii 1957 bis 1966. Tagebücher aus dem Nachlass, 2. Bd.

sonstige Prosa

1930

Der Fall Gütersloh: Ein Schicksal und seine Deutung (Essay)

1959

Grundlagen und Funktion des Romans

1969

Repertorium

1970

Die Wiederkehr der Drachen. Aufsätze, Traktate, Reden


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