Empfindsamkeit (1740-1780)
 


Begriff:

zu "empfindsam" (Lessings Verdeutschung von engl. sentimental)

Datierung:

Ab 1740 im Rahmen der Aufklärung aufkommende gefühlsbetonte Dichtung; Höhepunkt Klopstocks Messias (1748). Empfindsame Tendenzen auch in Werken des Sturm und Drang (z.B. im  Werther).

Grundzüge:

Reaktion auf die rationalistischen Strömungen der Aufklärung; dem Verstand wird das Gefühl entgegengesetzt. Die polit. und gesellschaftl. Unterdrückung des Bürgertums sucht sich ein Ventil in Gefühlsüberschwang und Schwärmerei: gefühlsgetragene, enthusiastisch-"sentimentale" Weltsicht.
Vorbereitet durch den Pietismus (am Ende des 17. Jhs. aufgekommene Strömung des deutschen Protestantismus; "die Stillen im Lande"); gegen Dogmatismus; Ansprache des Herzens; für "innere Wiedergeburt", Verinnerlichung des relig. Lebens durch mystische Versenkung, Sensibilität für seelische Vorgänge, In-sich-Hineinlauschen.
Entscheidend sind englische Vorbilder: Richardson (moralisierende Tugendromane), Sterne, Goldsmith (humoristisch-idyllische Romane), Young, Macpherson/Ossian (Naturdichtung). Anregungen aus Frankreich (Abbé Prévost, Comédie larmoyante).

Themen:

Beobachtung seelischer Regungen; Ergriffenheit im Zusammenhang mit Anmut, Tugend; Freundschaft; Entdeckung und bewusstes Erleben der Natur; idyllisch-heiterer Lebensgenuss (Lyrik, Idylle).

Dichter:

Junge Akademiker aus dem Bürgertum; literarischer Freundschaftsbund des "Hain" (nach der Klopstock-Ode Der Hügel und der Hain) in Göttingen (1772-74; Boie, Voß, die Brüder Stolberg, Miller, Hölty; nahestehend Claudius, Bürger); Darmstädter Kreis (Merck, Karoline Flachsland spätere Herder, Herder, Goethe). Gefühls- und Freundschaftskult.

Bevorzugte Formen:

Lyrik, Idylle; Epos (Klopstocks Messias); Roman (Briefroman); Drama (bürgerl. Rührstück)
 


Autoren:


D. N. Chodowiecki: Empfindungen (1779)

 

Matthias Claudius

Abendlied
 

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

(1778 e)
 

 
 
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