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Paul Flem(m)ing
 

Lebensdaten | Werk

Fleming-Texte im Netz



* 5. Oktober 1609
Hartenstein
(Erzgebirge)
 

+ 2. April 1640 Hamburg (Lungenentzündung)
 

Grabstätte:

Chorumgang der Hauptkirche St. Katharinen
(seit 1959 Gedenktafel)
 

   

Nach dem Stich von
Anna Maria v. Schürmann
(1642)
 

 
Arzt und Dichter; einer der namhaftesten deutschen Barocklyriker (Lieder, Oden und Sonette). Die Hälfte von Flemings Gesamtwerk besteht aus neulateinischen Gedichten; die deutschen Gedichte markieren den ersten Höhepunkt der neuen deutschen Kunstdichtung des 17. Jhs. Zu Lebzeiten vorwiegend Einzeldrucke (zumeist Gelegenheitsgedichte). Der Umfang des dichterischen Schaffens wird erst in den Werkausgaben nach seinem Tod sichtbar.

    

Vorbild: Martin Opitz, aber diesem an Kraft und Frische überlegen. Bedeutendster Vertreter des Petrarkismus im deutschen Sprachraum; allmähliche Entwicklung von der Traditionsgebundenheit bzw. dem Vorbilderkanon und seinen konventionellen Formeln weg zu persönlicher Formgebung und natürlichem Empfinden; Verzicht auf Pathos und Effekte: Die Erlebnisse auf der Expedition nach Persien und die Liebesverwicklungen der Revaler Zeit führen zu einer individuellen dichterischen Ausdrucksform. Die deutschen Gedichte weisen voraus auf die Erlebnisdichtung Günthers und Goethes. 

   

Man wird mich nennen hören / Bis daß die letzte Glut dies alles wird verstören.

(aus der auf dem Totenbett verfassten Grabschrift)

     

Sohn des Pastors Abraham Fleming (1583-1649) und seiner Frau Dorothea, geb. Müller (+1616); Stiefmutter: Ursula Zehler (+1633). Eine Schwester. - Liebevolle Betreuung durch die Stiefmutter; die Ausbildung des begabten Knaben wird ermöglicht durch seine Patin, Katharina Gräfin von Schönburg: Besuch der Stadtschule Mittweida, dann der Thomasschule in Leipzig.

  

Ehrung:
 

1631

Krönung zum poeta laureatus


  

Wichtige Lebensdaten:
 

1623

Thomasschule Leipzig. Prägender Einfluss seines Lehrers, des Thomaskantors Johann Hermann Schein.

1628

Herbst: Immatrikulation an der Universität Leipzig; Studium der Philosophie und Medizin; einer seiner Lehrer ist Adam Olearius.

1630

März: Bekanntschaft mit Martin Opitz, der auf seiner Reise nach Paris in Leipzig Station macht.

1631

Krönung zum poeta laureatus.

1633

Vorläufiger Studienabschluss mit dem Magistergrad. 

1633-1639

Auf Vermittlung von Olearius (inzwischen im Dienst des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf) Teilnehmer an einer holsteinischen Gesandtschaft nach Russland und Persien (als Arzt, Hofjunker und Truchsess; Ziel der Unternehmung: Erschließung einer neuen Handelsroute, um Holstein am Orienthandel zu beteiligen); die Reisebeschreibung von Olearius enthält auch Gedichte Flemings.

1633-1634

8.11.: Aufbruch der Gesandtschaft; von Travemünde mit dem Schiff nach Riga; dann auf dem Landweg nach Nowgorod.

1634

Aug. - Dez.: Aufenthalt in Moskau. Die Verhandlungen mit Zar Michael I. scheitern.

1635-1636

Jan. - März 1636: F. bleibt mit einem Teil der Reisegruppe in Reval zurück. Enge Beziehung zur Familie des Kaufmanns Heinrich Niehusen (3 Töchter); Neigung zur mittleren Tochter Elsabe.

1636

März: Wiederaufnahme der Reise (gegen den Willen Elsabes); von Reval nach Moskau; mit dem Schiff auf der Wolga bis zum Kaspischen Meer; auf dem Landweg weiter Richtung Persien.

1637

Juni: Elsabe Niehusen heiratet einen Professor an der Universität Dorpat. - Aug.: Ankunft in Isfahan, dem Sitz des Schahs. Scheitern der Verhandlungen. - Dez.: Aufbruch zur Rückreise.

1639

Apr. - Juli: wieder in Reval; F. wendet sich der jüngsten Niehusen-Tochter Anna zu: Verlobung. - Über Kiel nach Gottorf; Ende der Gesandtschaftsreise. - Weiterreise nach Leiden; Okt.: Immatrikulation an der Universität Leiden.

1640

Feb.: Promotion zum Doktor der Medizin (Disputation über Geschlechtskrankheiten: De lue venerea). März: Aufbruch aus Leiden; 2. Apr.: Tod auf der Rückreise nach Reval.


Werke:

Deutsche Gedichte
 

1631

Davids, des Hebreischen Königs vnd Propheten Bußpsalme, Vnd Manasse, des Königs Juda Gebet, als er zu Babel gefangen war
Epicedia Götziana. Oder Trawer-Gedichte Vber das noch frühzeitige, doch selige Absterben Der ... Frawen Catharinen, gebornen Schürerin...
Ode Oder Gesang, Auff Herren Damian Glesers vnd Jungfr. Marienn Reiminnen Hochzeit
Ode, Der ... Frawen Marien Eleonoren, der Schweden .. Königin ...

1632

Klagegedichte Vber das unschuldige Leiden vnd Todt vnsers Erlösers Jesu Christi
Ode Auff ... Daniel Dörings ... Vnd ... Rosienen Schwendendörffers Hochzeit

1633

Ode Über ... Marien Schürerin, Christliches Begräbnüß
Königisches Klaglied, Oder Auffgerichtete Ehrenport, vber den vns gar frühzeitigen, jedoch seligen Abschied ... Gustavi Adolphi
New-Jahrs-Ode Darinnen über zweymahlige Verwüstung des Landes, denn auch Königl. Maj. aus Schweden Todesfall geklaget vnd der endliche Friede erseuffzet wird
Auf den Tod der Jungfrau Anna Maria Grossen ...
Triumph und Leichengepränge Zu Ehren dem Großmächtigsten vnd vnvberwindlichsten Herrn Gustav Adolphen ...

1635

Gedichte Auff ... Herrn Reineri Brockmanns ... Vnd ... Dorotheen Temme, Hochzeit
Auf Hrn. Timothei Poli neugebornen Töchterleins Christinen Ableben. Ode

1636

Ode auf die Hochzeit des Professors Arnincks vnd Elsgen van Schoten
Lieffländische Schneegräffinn, auff Andres Rüttings, vnd Annen von Holten Hochzeit

1639

Ode Auff ... Hrn. Hartman Grahmanns ... Vnd Elisabeth Fonnens jhre Hochzeit

1641

Poetischer Gedichten So nach seinem Tode haben sollen herauß gegeben werden. Prodromus, Hamburg: Gunderman

1642

Teütsche Poemata, bes. v. Adam Olearius, Lübeck: Jauch (Neuauflage 1651: Geist- und Weltliche Poëmata):

  • Poetische Wälder (6 Bücher)
  • Buch der Uberschrifften
  • Oden (5 Bücher)
  • Sonnette (4 Bücher)
Werkausgaben

1649

Nova Epigrammata, hg. v. Adam Olearius, Hamburg: Naumann

1863

Lateinische Gedichte, hg. v. J. M. Lappenberg, Stuttgart: Litterarischer Verein

1865

Deutsche Gedichte, hg. v. J. M. Lappenberg, Stuttgart: Litterarischer Verein (2 Teile; Neudruck Darmstadt 1965)

1986

Deutsche Gedichte, hg. v. Volker Meid, Stuttgart: Reclam

2009

Gedichte, Frankfurt/M./Leipzig: Insel


     
       

 
In allen meinen Taten

In allen meinen Taten
laß ich den Höchsten raten,
der alles kann und hat;
er muß zu allen Dingen,
soll's anders wohl gelingen,
mir selber geben Rat und Tat.

Nichts ist es spät und frühe
um alle meine Mühe,
mein Sorgen ist umsonst;
er mag's mit meinen Sachen
nach seinem Willen machen,
ich stell's in seine Vatergunst.

Es kann mir nichts geschehen,
als was er hat ersehen
und was mir selig ist.
Ich nehm es, wie er's gibet;
was ihm von mir beliebet,
dasselbe hab auch ich erkiest.

Ich traue seiner Gnaden,
die mich vor allem Schaden,
vor allem Übel schützt;
leb ich nach seinen Sätzen,
so wird mich nichts verletzen,
nichts fehlen, was mir ewig nützt.

Er wolle meiner Sünden
in Gnaden mich entbinden,
durchstreichen meine Schuld;
er wird auf solch Verbrechen
nicht stracks das Urteil sprechen
und haben noch mit mir Geduld.

Ihm hab ich mich ergeben
zu sterben und zu leben,
sobald er mir gebeut;
es sei heut oder morgen,
dafür laß ich ihn sorgen,
er weiß allein die rechte Zeit.

So sei nun, Seele, deine
und traue dem alleine,
der dich geschaffen hat.
Es gehe, wie es gehe,
dein Vater in der Höhe,
der weiß zu allen Sachen Rat.

  

 
Wie er wolle geküsset seyn

Nirgends hin / als auff den Mund /
da sinckts in deß Hertzens Grund.
Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /
nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig / nicht zu viel!
Beydes wird sonst Kinder-spiel.
Nicht zu laut / und nicht zu leise /
Beyder Maß' ist rechte Weise.

Nicht zu nahe / nicht zu weit.
Diß macht Kummer / jenes Leid.
Nicht zu trucken / nicht zu feuchte /
wie Adonis Venus reichte.

Nicht zu harte / nicht zu weich.
Bald zugleich / bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam / nicht zu schnelle.
Nicht ohn Unterscheid der Stelle.

Halb gebissen / halb gehaucht.
Halb die Lippen eingetaucht.
Nicht ohn Unterscheid der Zeiten.
Mehr alleine denn bei Leuten.

Küsse nun ein Jedermann /
wie er weiß / will / soll und kan.
Ich nur und die Liebste wissen /
wie wir uns recht sollen küssen.

An sich

Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht, steh' höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht' es für kein Leid /
Hat sich gleich wieder dich Glück' / Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt / halt' alles für erkohren;
Nim dein Verhangnüß an. Laß alles unbereut.
Thue / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeuth.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.

Was klagt? Was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Jst jhm ein jeder selbst. Schaw alle Sachen an.
Dieß alles ist in dir. Laß deinen eiteln Wahn /

Und eh du förder gehst / so geh' in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherschen kan /
Dem ist die weite Welt und alles unterthan.

  

    

22. Mai 2016
  
 
 
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