Friedrich Hebbel
vollst.: Christian Friedrich Hebbel
Lebensdaten Werk


*18. März 1813 Wesselburen/Dithmarschen (unter dänischer Oberherrschaft)

+13. Dezember 1863 Wien (Knochenerweichung)

Grabstätte: Wien, Matzleinsdorfer Friedhof


Gemälde von Karl Rahl

In bitterer Armut aufgewachsen; Vater: Claus Friedrich Hebbel (+1827), Maurer im Tagelohn, "ein herzensguter wohlmeinender Mann, bei dem aber die Armut die Stelle der Seele eingenommen hatte"; Mutter: Antje Margaretha, geb. Schubart (Schusterstochter, +1838), lebensmutig, opferbereit. Jüngerer Bruder: Johann.
"Es war nicht verwunderlich, daß der heranwachsende Knabe, so hellwach und phantasiekräftig er von früh an um sich schaute, viel in sich hineingrübelte und außerordentlich empfindlich wurde."
Autodidakt, keine abgeschlossene Schulbildung. Materielle Sicherheit, Zugang zur Gesellschaft und Kontakte zum Theater durch die Heirat mit der Burgschauspielerin Christine Enghaus.

Gottfried Benn: Der junge Hebbel (1913)

Ihr schnitzt und bildet: den gelenken Meißel
in einer feinen weichen Hand.
Ich schlage mit der Stirn am Marmorblock
die Form heraus,
meine Hände schaffen ums Brot.

[...]

Meine Mutter ist eine so arme Frau,
daß ihr lachen würdet, wenn ihr sie sähet,
wir wohnen in einer engen Bucht,
ausgebaut an des Dorfes Ende.



Meine Jugend ist mir wie ein Schorf:
eine Wunde darunter,
da sickert täglich Blut hervor.
Davon bin ich so entstellt.

Schlaf brauche ich keinen.
Essen nur so viel, daß ich nicht verrecke!
[...]

 

1839-1843

Zusammenleben mit Elise Lensing (1804-1854, Näherin); 2 frühverstorbene Söhne: Max (1840-43), Ernst (1844-1847)

1846

Heirat mit Christine Engehausen (auch: Enghaus; Burgschauspielerin; Sohn: Karl, den H. adoptiert); Kinder: Emil (1846-1847); Christine (*1847)

Dramatiker, Lyriker, Erzähler. Hauptthema: Spannung zwischen dem Weltganzen und dem Individuum. Vorstellung von der tragischen Grundverfassung der Welt (Pantragismus). H. bricht mit der idealistischen Auffassung, dass in der Welt ein übergeordnetes moralisches Prinzip waltet. In seinen Tragödien geht es nicht um Schuld oder Unschuld des Menschen; das Geschehen vollzieht sich vielmehr in einem unüberwindbaren Konflikt zwischen Geschichte und Individuum. Der Wille des Menschen ist die Voraussetzung für den Fortgang der Geschichte, die sich aber gegen die Veränderung wehrt und den einzelnen vernichtet: "Es gibt nur eine Notwendigkeit , die, daß die Welt besteht; wie es den Individuen aber in der Welt ergeht, ist gleichgültig." (Tagebuch, Nov. 1843).
  Neue Ausprägung des bürgerlichen Trauerspiels (Maria Magdalene): Die Konflikte liegen innerhalb des Bürgertums; Kritik am Bürgertum und seiner moralischen Verhärtung.

Auszeichnung:

1863

Schillerpreis für Die Nibelungen


wichtige Lebensdaten:

1817

Klippschule (= Vorschule).

1819

Die Familie verliert aufgrund einer Bürgschaft, die der Vater eingegangen ist, ihr Haus. Elementarschule; Förderung durch den Lehrer Dethlefsen.

1825

Maurerlehrling; Handlangerdienste auf der Baustelle des Vaters.

1827

Tod des Vaters; materielle Not.

1827-1835

Zuerst Botenläufer, dann Schreiber im Hause des Kirchspielvogts (= Verwaltungs- u. Gerichtsbeamter) in dänischen Diensten Johann Jakob Mohr, erhält H. Wohnung, Kost, Kleidung. Leiden unter demütigender Behandlung; durch den Zugang zur Bibliothek Mohrs entscheidende Anregungen für die weitere Entwicklung.

1829

Erstes Gedicht erscheint im Eiderstedter Boten.

1835

Amalie Schoppe, die Herausgeberin der Hamburger Neue Pariser Modeblätter, in denen einige Gedichte Hebbels veröffentlicht werden, wird auf den jungen Dichter aufmerksam, unterstützt ihn materiell und ruft ihn nach Hamburg. Abbruch der Abiturvorbereitungen am Johanneum. Literarische Tätigkeit  im Wissenschaftlichen Verein von 1817. 18.3.: Beschluss, ein Tagebuch zu führen. Freundschaft mit der neun Jahre älteren Näherin Elise Lensing, die ihn unterstützt und ihm in allen Krisen seelischen Halt gibt.

1836

Mit einem Stipendium seiner Gönner nach Heidelberg; Gasthörer bei juristischen Vorlesungen; mittellos und isoliert; einziger Freund. Emil Rousseau. Sept.: Fußmarsch über Straßburg, Stuttgart (erfolgloser Besuch beim Cotta-Verlag), Tübingen (Besuch beim bewunderten Uhland) nach München. Wohnung beim Tischlermeister Anton Schwarz. Besuch von Vorlesungen von Görres und Schelling.

1838

Tod der Mutter und des Freundes Rousseau, der H. nach München nachgereist war. Dem Verhungern nah: Monatelang lebt H. von Kaffee und Brot. Beziehung zur Tischlerstochter Josepha Schwarz ("Beppi").

1839

Fußwanderung unter unsäglichen Strapazen nach Hamburg; völlige Erschöpfung, Lungenentzündung, am Rande des Todes. Die liebende Fürsorge Elises rettet H.; Depressionen. Auf Vermittlung Karl Gutzkows Rezensent bei der Zeitschrift Der Telegraph.

1840

Zerwürfnis mit Amalie Schoppe; leidenschaftliche, hoffnungslose Liebe zur Patriziertochter Emma Schröder. Geburt des ersten Sohnes.

1842

Mai: Großfeuer in Hamburg: Ein Fünftel der Stadt liegt in Schutt und Asche; Juli: auf der Durchreise Besuch Uhlands bei H. Nov.: Reise nach Kopenhagen, um sich bei König Christian VIII. um die Professur für Ästhetik in Kiel zu bewerben, erfolglos.

1843

Jan.: zweite Audienz: Aussicht auf Gewährung eines Reisegelds. März: Gelenkrheumatismus: physische Qual für den Rest seines Lebens. April: Reisestipendium für zwei Jahre mit je 600 Reichstalern; Rückkehr nach Hamburg. Schiffsreise nach Le Havre; von dort nach Paris: Bekanntschaft mit Heinrich Heine, Freundschaft mit Felix Bamberg. Einjähriger Aufenthalt. Schwere briefliche Auseinandersetzungen mit der schwangeren Elise. Tod des Sohnes.

1844

Geburt des zweiten Sohnes. Herbst: zu Schiff über Lyon, Avignon, Marseille nach Rom; Elise drängt brieflich auf Heirat, H. stemmt sich dagegen.

1845

Mai: Neapel; Okt.: Rückkehr nach Rom; über Ancona, Triest, Graz nach Wien; im Schriftstellerverein Concordia; Bekanntschaft mit der Burgschauspielerin Christine Engehausen (Enghaus); Verlobung am Silvestertag.

1846

Heirat mit Christine; erstmals ohne Geldsorgen; bittere briefliche Auseinandersetzungen mit Elise. Doktor der Philosophie der Universität Erlangen mit einer Dissertation Über einige Probleme des Dramas (= Mein Wort über das Drama); Geburt des Sohnes Emil.

1847

Tod der Söhne Emil und Ernst. Christine lädt die seelisch gebrochene Elise nach Wien ein: "tragisch geklärtes Seelenbündnis" (E. Kuh). Gastspielreisen mit Christine; Dez.: Geburt der Tochter Christine ("Titi").

1848

Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung. H. begrüßt die Revolution, bleibt aber skeptisch gegenüber radikalen demokratischen Forderungen. Kandidatur für die Frankfurter Nationalversammlung. Rückkehr Elises mit Hebbels Stiefsohn Karl nach Hamburg.

1849-50

Leitung des Feuilletons der Österreichischen Reichszeitung; Freundschaft mit Emil Kuh.

1850

Reisen nach Agram und Hamburg.

1852

Reise nach Venedig, Mailand.

1854

Besuch des Ehepaars H. bei Elise; Nov.: Tod Elises.

1855

Erwerb eines Landhauses in Orth bei Gmunden am Traunsee, Aufenthaltsort in den Sommermonaten.

1857

Besuch bei Schopenhauer in Frankfurt und Mörike in Stuttgart.

1858

Reise nach Weimar. Bekanntschaft mit der Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein.

1860

Bruch mit Kuh; Reise nach Paris.

1861

Plan, nach Weimar zu ziehen.

1862

Reise nach London.

1863

Knochenerweichung; Tod.


Werke:
(e = entstanden; a = uraufgeführt in)

Dramen

1841
(1840 e a Berlin)

Judith (Tragödie)

1843
(1841 e, 1849 a Prag [tschech.], 1854 a Wien)

Genoveva (Tragödie, dt. Urauff. u. d. T. Magellona)

1847
(1841 e)

Der Diamant (Märchenkomödie)

1844
(1843 e, 1846 a Leipzig)

Maria Magadalene. Bürgerliches Trauerspiel

1851
(1847 e)

Ein Trauerspiel in Sizilien (Tragikomödie)

1851
(1847 e)

Julia

1850
(1848 e, 1849 a Wien)

Herodes und Mariamne (Tragödie, Versdrama)

1851
(1849 a Wien)

Der Rubin. Ein Märchenlustspiel

1855
(1850 e, 1851 a Wien)

Michel Angelo

1855
(1851 e, 1852 a München)

Agnes Bernauer. Ein deutsches Trauerspiel

1856
(1854 e, 1889 a Wien)

Gyges und sein Ring (Tragödie, Versdrama)

1862
(1860 e, 1861 a Weimar)

Die Nibelungen. Ein deutsches Trauerspiel in drei Abteilungen (2 Bde.)

  • Der gehörnte Siegfried

  • Siegfrieds Tod

  • Kriemhilds Rache

1864
(1869 a Berlin)

Demetrius (Trauerspiel, Frgm.)

Gedichte

1842

Gedichte

1847

Neue Gedichte

1857

Gesamtausgabe der Gedichte

Verserzählung

1859
(1857 e)

Mutter und Kind

Erzählungen

1847
(1836 e)

Anna

1848
(1837 e)

Schnock. Ein niederländisches Gemälde

1847
(1837 e)

Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel auf der Freudenjagd

1848

Herr Haidvogel und seine Familie

1849

Die Kuh

1855

Erzählungen und Novellen

Autobiographisches

1854

Aufzeichnungen aus meinem Leben

1885/87

Tagebücher (2 Bde.)

Schriften

1843

Mein Wort über das Drama

1861-62

Wiener Briefe

Ausgaben

1866

Sämmtliche Werke, hg. v. Emil Kuh, Hamburg (12 Bde.)

1913

Sämtliche Werke, hg. v. Hermann Krumm, Leipzig (14 Bde.)

1904-07

Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, hg. v. Richard Maria Werner, Berlin (24 Bde., 3 Abteilungen)

1911-13

Säkularausgabe (= 3. Aufl. der hist.-krit. Ausgabe)

Links:

Hebbel-Museum Wesselburen

Hebbel-Gesellschaft Wien

Hebbel-Seite von Carl Gerhard Spilcke-Liss


Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
  Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
  Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
  Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
  Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

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