Autoren | Epochen
 

Johann Peter Hebel
 
Lebensdaten
| Werk

Hebel-Texte im Netz


 
* 10. Mai 1760 Basel

+ 22. September 1826 Schwetzingen

Grabstätte:
Schwetzingen, alter Friedhof (aufgelassen); Hebels Grab befindet sich aber noch an Ort und Stelle (heute: Hebelplatz)
 

 

 
Kreidezeichnung von Feodor Iwanowitsch (1809)
   

Theologe, Pädagoge, Schriftsteller. Seine Alemannischen Gedichte, früher Höhepunkt deutscher Dialektdichtung, stießen trotz ihrer regionalen Bezogenheit sofort auf Anerkennung (vgl. Goethes freundlich gemeintes Diktum: "Wenn antike ... Dichter das sogenannte Leblose durch idealische Figuren beleben und höhere, göttergleiche Naturen ... an die Stelle der Felsen, Quellen, Bäume setzen: so verwandelt der Verfasser diese Naturgegenstände zu Landleuten und verbauert auf die naivste anmuthigste Weise durchaus das Universum"; 1805). Die Gedichte werden zum Vorbild vieler Mundartdichter. Die schulische Rezeption von Hebels Kalendergeschichten ist bis heute ungebrochen.

Sohn von Johann Jakob Hebel (1720-1761, Leineweber aus Simmern im Hunsrück) und seiner Ehefrau Ursula, geb. Örtlin (1727-1773, aus Hausen im südbadischen Wiesental), Dienstboten der Basler Patrizierfamilie Iselin-Ryhiner:  Im Sommer arbeiten die Eltern auf dem Landgut vor den Toren Basels, im Winter als Weber in Hausen. Hebel verbringt seine Jugend so abwechselnd in Basel und Hausen. Die Verbundenheit mit Landschaft, Sprache und bäuerlicher Kultur des südlichen Schwarzwalds prägen sein dichterisches Schaffen.

Auszeichnungen:

1820

Ritterkreuz und Kommandeurkreuz des Zähringer Löwenordens

1821

Ehrendoktor der theologischen Fakultät der Universität Heidelberg


Wichtige Lebensdaten:

1760

Geburt im Haus am Basler "Totentanz" (Nr. 2).

1761

Tod des Vaters und der erst einen Monat alten Schwester Susanne (Typhus).

ab 1766

Volksschule in Hausen; in den Sommermonaten Gemeindeschule St. Peter in Basel.

ab 1769

Lateinschule in Schopfheim.

ab 1772

Besuch des Gymnasiums auf dem Münsterplatz in Basel.

1773

Tod der Mutter im Beisein Hebels auf dem Krankentransport (mit dem Ochsenkarren) von Basel nach Hausen.

1774

Konfirmation. Eintritt in das Gymnasium illustre in Karlsruhe. Freitisch auf Vermittlung von Pfarrer Obermüller aus Schopfheim.

1775

Sehr gute Leistungen: Vorzeitige Aufnahme in die "Prima", den Schlusskurs für angehende Theologen.

1778

Abschlussexamen.

1778-1780

Theologiestudium an der Universität Erlangen.

1780

Rückkehr nach Karlsruhe. Schlussexamen mit eher mäßigem Ergebnis; die bisherigen Gönner ziehen sich zurück. Die Hoffnung auf ein Pfarramt erfüllt sich nicht. Nov.: Hauslehrer bei Pfarrer Schlotterbeck in Hertingen.

1782

Ordination. Seelsorgetätigkeit in Hertingen und Tannenkirch.

1783

Ernennung zum Präzeptoratsvikarius (Hilfslehrer) am Pädagogium Lörrach. 

1783-1791

Wohnung und Verpflegung im Haushalt des Prorektors Tobias Günttert (später Pfarrer in Weil). Umfangreiche Lektüre, ausgedehnte Wanderungen.

1787

Beginn des Freundschaftsbundes mit dem Kollegen und späteren Pfarrer von Rötteln, Friedrich Wilhelm Hitzig (1767-1849). 

1788

Beginn der Neigung zu Güntterts Schwägerin Gustave Fecht (1768-1828).

1791

Nach langer Zeit des Wartens auf eine behördliche Anstellung (H. trägt sich mit Gedanken, zur Medizin zu wechseln oder auszuwandern) endlich Berufung als Subdiakon ans Karlsruher Gymnasium.

1792

Beförderung zum Hofdiakon. Beginn der Freundschaft mit dem Kollegen Nikolaus Sander.

1796

Hebel, der neben Latein und Griechisch auch Hebräisch, Rhetorik und "Realien" (z.B. Buchführung) unterrichtet, übernimmt für seinen Kollegen Gmelin, der das Naturalienkabinett vor den nahenden Kriegshandlungen nach Ansbach in Sicherheit bringt, den Unterricht in Naturgeschichte.
Zum ersten Mal wieder im Oberland, lernt H. die Schrecken des Krieges kennen, als er in die Wirren des französischen Rückzugs über den Rhein gerät.

1798

Ernennung zum außerordentlichen Professor.

1799

Ehrenmitglied der Mineralogischen Gesellschaft in Jena.

1800

Erste Gedichte in alemannischer Mundart.

1803

Die Allemannischen Gedichte erscheinen in der Karlsruher Hofbuchhandlung. Rezensionen von Johann Georg Jacobi und Jean Paul.

1805

Erster Besuch bei der Familie seines ehemaligen Lörracher Schülers Haufe in Straßburg. Ab da regelmäßiger Kontakt und Briefwechsel mit Sophie Haufe.
Ernennung zum Kirchenrat. Goethes positive Rezension der Allemanischen Gedichte.

1806

H. schlägt Berufung zum Stadtpfarrer in Freiburg aus.

1807

H. wird die Redaktion des badischen Landkalenders - Privileg und Einnahmequelle des Karlsruher Gymnasiums -  übertragen.

1808 - 1815

H. gibt den Kalender unter dem neuen Namen Rheinländischer Hausfreund heraus; schreibt dafür Erzählungen und Betrachtungen. Zeitweise 50.000 Exemplare Jahresauflage.

1808

Ernennung zum Direktor des Karlsruher Gymnasiums.

1809

Mitglied der evangelischen Kirchen- und Prüfungskommission.

1811

Unter dem Titel Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes erscheint eine Auswahl der Kalendertexte bei Cotta.

1812

Letzte Reise in die südbadische Heimat, letzte Begegnung mit Gustave in Weil.

1814

Begegnung mit Jakob Grimm. Berufung in die evangelische Ministerialsektion, Rücktritt als Direktor des Gymnasiums.

1815

Aufgabe der Kalenderredaktion aufgrund konfessioneller Auseinandersetzungen um Hebels Erzählung Der fromme Rat.
In Karlsruhe Begegnung mit Goethe.

1817

Direktor des altbadischen evangelischen Pfarrwitwenfiskus.

1818

Noch einmal Redaktion des Rheinländischen Hausfreundes für das Jahr 1819. Beginn der Arbeit an den Biblischen Geschichten.

1819

Ernennung zum Prälaten der Evangelischen Landeskirche; damit Mitglied der Ersten Kammer des badischen Landtags.

1824

Beendigung der Lehrtätigkeit am Gymnasium.

1826

Trotz schwerer Krankheit Reise zu Schulprüfungen nach Mannheim. Nach den Prüfungen auf der Weiterreise nach Heidelberg Tod in der Dienstwohnung des befreundeten Gartendirektors Zeyher in Schwetzingen (unmittelbar am Schlosspark).


Werke:

Lyrik

1803

Allemannische Gedichte. Für Freunde ländlicher Natur und Sitten (32 Gedichte in alemannischer Mundart; 1. Aufl. anonym; verm. Neuauflage 1820)

Kalendergeschichten, Anekdoten und andere Prosa

1803-15

Beiträge im Badischen Landkalender und ab 1807 im Rheinländischen Hausfreund; u.a:

  • Das wohlfeile Mittagessen (1804)

  • Der kluge Richter (1805)

  • Das Mittagessen im Hof (1805)

  • Der schlaue Husar (1807)

  • Drei Wünsche (1808)

  • Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne (1809)

  • Kannitverstan (1809)

  • Der Barbierjunge von Segringen (1809)

  • Der Husar in Neiße (1809)

  • Wie der Zundelfrieder und sein Bruder dem roten Dieter ... einen Streich spielten (1810)

  • Der Heiner und der Brassenheimer Müller (1810)

  • Unverhofftes Wiedersehen (1811)

  • Der Schneider in Pensa (1815)

1811

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes (Auswahl aus den Kalenderbeiträgen 1803-1811)

1822

Biblische Geschichten für die Jugend bearbeitet

Schriften

1795

Etwas über die Bevestigung des Glaubens an die göttliche Wahrheit und Güte ...

1828

Christlicher Katechismus. Aus den hinterlassenen Papieren

Ausgaben

1832-34

Sämmtliche Werke, Karlsruhe: Müller (8 Bde.)

1883/84

Werke, hg. v. Otto Behaghel, Stuttgart: Spemann (2 Bde.)

1905

Sämtliche poetische Werke, hg. v. Ernst Keller, Leipzig: Max Hesse (6 Bde.)

1911

Werke in vier Teilen, hg. v. Adolf Sütterlin, Berlin: Bong (2 Bde.)

1923/24

Werke, hg. v. Wilhelm Zentner, Karlsruhe: C. F. Müller (3 Bde.)

1943

Werke, hg. v. Wilhelm Altwegg, Zürich/Berlin: Atlantis (3 Bde.)

1961

Poetische Werke, hg. v. Theodor Salfinger, München: Winkler

1968

Werke, hg. v. E. Meckel, Frankfurt/M.: Insel (2 Bde.)

1988ff.

Sämtliche Schriften. Historisch-kritische Gesamtausausgabe, hg. v. Adrian Braunbehrens u.a., Frankfurt/M.: Stroemfeld (16 Bde. geplant)


    

Hebelbund Lörrach

  
      

Grabdenkmal aus dem Jahr 1859
Schwetzingen, Hebelplatz

Foto: W. Vocke

        

 
Unverhofftes Wiedersehen
   

In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge, hübsche Braut und sagte zu ihr: "Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein." —"Und Friede und Liebe soll darin wohnen", sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln, "denn du bist mein einziges und alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein als an einem andern Ort." Als sie aber vor Sankt Luciä der Pfarrer zum zweiten Male in der Kirche ausgerufen hatte: "So nun jemand Hindernis wüßte anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen", da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeitstag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergaß ihn nie.
Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte Russisch-Finnland, und die Französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten eine Öffnung durchgraben wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war, also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte, "es ist mein Verlobter", sagte sie endlich, "um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er auf die Grube gegangen und nimmer gekommen." Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stübchen tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein auf, legte ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um und begleitete ihn in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: "Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten", sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute.

    


 

 

GOWEBCounter by INLINE

Besucher seit dem 19.01.2001

   

  

up