Georg Heym
vollst.:
Georg Theodor Franz Artur Heym
Lebensdaten | Werk | Link
| Textbeispiele
+16. Januar 1912 Berlin (beim Eislaufen auf der Havel eingebrochen und ertrunken) begraben: Charlottenburg, Friedhof
der Luisengemeinde |
|
Sohn des Staats- und späteren Militäranwalts Hermann Heym (1850-1920) und seiner Ehefrau Jenny, geb. Taistrzik (1850-1923); Schwester: Gertrud (1889-1920). Wohlhabendes, konservatives Elternhaus, dessen Werte sich an protestantischer Frömmigkeit und am preußischen Soldatentum orientieren. H. leidet schon als Kind unter der dumpfen Atmosphäre des bürgerlichen Alltags; früh Selbstmordgedanken. Hass auf sein Jurastudium: "...nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Arsch-Scheiß-Lause-Sau Juristerei, es ist zum Kotzen."
Neben Stadler und Trakl bedeutendster Repräsentant des Frühexpressionismus. Literarische Vorbilder: Hölderlin, Nietzsche, Rimbaud, Büchner, Kleist, Grabbe. Visionäre Kraft seiner Verse; zentrale Themen: Anonymität und Feindseligkeit der industriellen Großstadtatmosphäre, die Irre und Selbstmörder hervorbringt; Krieg, Tod, Verfall, Endzeitstimmung in einer untergehenden Welt. Visionen kommender Kultureinbrüche. Reihung expressiver, drastischer, düster-apokalyptischer Metaphern. In der Spätphase auch Liebeslyrik. Die thematisch mit den Gedichten verwandten Novellen werden zu Unrecht weniger beachtet als die Lyrik.wichtige Lebensdaten:
1892 |
Versetzung des Vaters: Umzug nach Posen. |
|
1893 |
Grundschule in Posen. |
1894 |
Umzug nach Gnesen. |
1896 |
Beginn der gymnasialen Ausbildung in Gnesen. Sommer: Der Vater wird wiederum nach Posen berufen; Schulwechsel auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Posen. |
1899 |
Erste literarische Versuche: H. legt Gedichtbücher an, die er bis zu seinem Tod führt. |
1900 |
Übersiedlung nach Berlin: Hermann Heym wird Kaiserlicher Militäranwalt am Reichskammergericht; Herbst: Besuch des Königlich Joachimsthalschen Gymnasiums. |
1904 |
Beginn der Tagebucheintragungen. Beginn der Freundschaft mit Ernst und Rudolf Balcke. |
1905 |
H. wird wegen eines Schülerstreichs (er setzt das schuleigene Ruderboot in Brand) vom Gymnasium relegiert und wechselt auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Neuruppin. |
|
1907 |
März: Reifeprüfung in Neuruppin. Mai: Jurastudium in Würzburg, Mitglied im Corps Rhenania; Sommer: Reise nach Innsbruck und München; Herbst: Berlin-Aufenthalt. |
1908 |
Reise ins Riesengebirge; Sommer: Corpsreise an den Rhein und die Mosel; Aug.: Berlin. Nov. Weiterführung des Studiums an der Universität Berlin. |
1910 |
Mai: Immatrikulation an der Universität Jena; Aug.: Rückkehr nach Berlin. Mit den Berlin-Gedichten Durchbruch zu seinem persönlichen Stil; H. schließt sich dem Neuen Club an, einer Keimzelle des Expressionismus; |
1911 |
Jan.: erstes Staatsexamen; Abbruch des Referendariats nach drei Monaten (H. hat eine Grundbuchakte vernichtet); Mitarbeit an der expressionistischen Zeitschrift Die Aktion; Sommer: Freundschaft mit Hildegard Krohn. Fortsetzung des Referendariats in Wusterhausen bei Berlin. Promotion zum Dr. jur. in Rostock mit einer Arbeit über den Freiherrn von Stein. Sept.: Studium des Chinesischen am Orientalischen Seminar der Universität Berlin; Berufswunsch: fernöstlicher diplomatischer Dienst; parallel dazu Bewerbung um die Stelle eines Fahnenjunkers bei mehreren Regimentern: "Ich weiß nicht mehr, wo mein Weg hingeht. [...] Am liebsten wäre ich, man denke sich, Kürassierleutnant, - heute - und morgen wäre ich am liebsten Terrorist." Reise nach München. |
1912 |
Reise nach Metz. Am Nachmittag des 16. Januar bricht H. bei Schwanenwerder beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ein und ertrinkt (wohl bei dem Versuch, seinen im Eis eingebrochenen Freund Ernst Balcke zu retten, der ebenfalls ertrinkt). |
Gedichte
1911 |
Der ewige Tag (u.a. Berlin I, Berlin II, Robespierre, Die Vorstadt, Ophelia, Der Winter, Der Gott der Stadt, Columbus) |
1912 |
Umbra vitae (43 nachgelassene Gedichte; u.a. Deine Wimpern, die langen; Der Krieg I; Umbra vitae [Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen...]; Die Morgue) |
1914 |
Marathon I-XII (I-XXII) (Zyklus) |
Novellen
1913 |
Der Dieb. Ein Novellenbuch (Der fünfte Oktober, Ein Nachmittag, Jonathan, Das Schiff, Der Irre, Der Dieb) |
Dramen
1907 |
Der Athener Ausfahrt (Trauerspiel in einem Aufzug; = Der Feldzug nach Sizilien I. Akt) |
|
1911 e |
Atalanta (Tragödie) |
Schrift
1909 e |
Versuch einer neuen Religion |
Gesamtausgaben
Link:
Heym-Seite des Hölderlin-Gymnasiums Heidelberg
| Columbus 12. Oktober 1492 Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere, Schon
fliegen große Vögel auf den Wassern Schon
tauchen andre Sterne auf in Chören, Am
Bugspriet vorne träumt der Genueser Im
Nachtgewölke spiegeln große Städte, Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne |
Der
Gott der Stadt Auf einem
Häuserblocke sitzt er breit. Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen. Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. |
| Die
Gefangenen I
Sie trampeln um den Hof im engen Kreis Wie in den Mühlen dreht der Rädergang, Es regnet dünn auf ihren kurzen Rock. Man treibt sie ein, wie Schafe zu der
Schur. |
Die
Hölle I
Ich
dachte viel der Schrecken zu erfahren, Und
sah ein Land voll ausgespannter Öde, Die
Unterwelt, sie gleicht zu sehr der Erde: Wanderer
gingen in den Sonntagsröcken, Laternen
wurden durch die Nacht geschwungen, |
(update: 31.07.2007)