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Friedrich Hölderlin

vollst.: Johann Christian Friedrich

Lebensdaten
| Werk

Hölderlin-Texte im Netz


* 20. März 1770 Lauffen am Neckar

+ 7. Juni 1843 Tübingen (in geistiger Umnachtung)

Grabstätte: Stadtfriedhof Tübingen

 

 
Nach dem Pastellgemälde von Franz K. Hiemer 
(1792)
 

   

Aus alter schwäbischer Pfarrer- und Beamtenfamilie; Sohn des früh verstorbenen Klosterhofmeisters Heinrich Friedrich Hölderlin (1736-1772) und seiner Ehefrau Johanna Christiana, geb. Heyn (1748-1828); der Stiefvater Johann Christoph Gok (1748-1779) stirbt ebenfalls früh. Geschwister: Johanna Christiana Friederica (1771-1775), Maria Eleonora Heinrike (1772-1850); vier Halbgeschwister, von denen nur Carl Christoph Friedrich Gok (1776-1849) überlebt. Pietistische Erziehung; übliche standesgemäße Ausbildung; Studiengang, an dessen Ende die theologische Laufbahn stehen sollte. Die zweite Lebenshälfte dahindämmernd in geistiger Umnachtung.

     

Nicht in die Epocheneinteilung der Literaturgeschichte einzuordnen; bedeutendster deutscher Dichter zwischen Klassik und Romantik. Lange Zeit vergessen; Wiederentdeckung zu Beginn des 20. Jhs. durch den George-Kreis. Größte Bedeutung als Lyriker: Anpassung an antike Versformen: klassische Oden, Elegien, Hymnen. "Wir ehren und verehren in Hölderlin den größten Sprachgenius unseres Volkes" (Josef Weinheber).
Sehnsucht nach Entgrenzung, Freiheit, Schönheit; Trauer um das verflossene Glück der Menschheit: ideal gesehenes griechisches Altertum, in dem die Utopien der Humanität verwirklicht waren, Schönheit und Vernunft nicht in Gegensatz standen. In der Französischen Revolution sieht H. seine republikanisch-demokratischen Ideale verwirklicht; revolutionäre Begeisterung taucht in seinem Werk aber nur sublimiert auf.

  


Wichtige Lebensdaten:

1772

Tod des Vaters (Schlaganfall).

1774

Wiederverheiratung der Mutter mit dem Kammerrat und Bürgermeister von Nürtingen Johann Christoph Gok; Umzug nach Nürtingen.

1775

Tod der Schwester Friederike.

1776

Lateinschule in Nürtingen; Privatunterricht. Der Halbbruder Karl kommt zur Welt.

1779

Tod des Stiefvaters (Lungenentzündung).

1784

Niedere Klosterschule in Denkendorf bei Nürtingen.

1786

Höhere Klosterschule in Maulbronn; Wunsch, die Ausbildung zum Geistlichen abzubrechen; Liebe zu Louise Nast, Tochter des Maulbronner Klosterverwalters (1768-1839).

1788

Reise in die Pfalz (Bruchsal, Speyer, Schwetzingen, Heidelberg, Mannheim); Abgang von der Klosterschule in Maulbronn; Verlobung mit Louise Nast; Eintritt in das Tübinger Stift (Hegel, Schelling). - Aufnahme in den Dichterbund Christian Neuffers und Rudolf Magenaus.

1789

Auflösung der Verlobung; Osterferien: bei Neuffer in Stuttgart; Bekanntschaft mit Stäudlin und Schubart.

1790

Magisterexamen; Liebe zu Elise Lebret (1774-1839), Tochter des Kanzlers der Universität.

1791

Erste Veröffentlichung (vier Gedichte in Stäudlins Musenalmanach fürs Jahr 1792). Apr.: Reise in die Schweiz (Besuch bei Lavater in Zürich).

1793

Bekanntschaft mit dem Jura-Studenten Isaak von Sinclair (1775-1815). Dez.: Theologisches Konsistorialexamen in Stuttgart.

1794

Hofmeister in Waltershausen im Grabfeld (Unterfranken) bei Charlotte von Kalb (auf Vermittlung Schillers). Nov.: mit dem Zögling Fritz von Kalb in Jena (Schiller; erstes Zusammentreffen mit Goethe); Dez.: Übersiedlung nach Weimar mit Charlotte und Fritz von Kalb (Herder).

1795

Jan.: Beendigung des Hofmeisterdienstes; Rückkehr nach Jena; Beginn der Freundschaft mit Sinclair. Im Frühsommer überstürzte Rückkehr nach Nürtingen.

1796

Jan.: Hauslehrerstelle bei der Bankiersfamilie Gontard in Frankfurt; Liebe zur Hausherrin Susette (1769-1802; "Diotima"). Juli: wegen der nahenden französischen Truppen Reise mit Susette und den Kindern nach Kassel; Zusammentreffen mit Wilhelm Heinse; gemeinsame Weiterreise nach Bad Driburg/Westfalen. Herbst: Rückkehr nach Frankfurt. - Freitod Stäudlins.

1797

Umgang mit Hegel, der eine Hofmeisterstelle in Frankfurt angetreten hat.

1798

Sept.: Trennung vom Haus Gontard und Übersiedlung nach Homburg vor der Höhe zu Isaak von Sinclair.

1800

Juni: Rückkehr in die Heimat; Hauslehrer bei der Kaufmannsfamilie Landauer in Stuttgart.

1801

Jan.-Apr. Hofmeister bei der Familie Gonzenbach in Hauptwil bei St. Gallen; Rückkehr nach Nürtingen; Dez.: Beginn der Fußwanderung nach Bordeaux.

1802

Hauslehrer bei Konsul Meyer in Bordeaux; Juni: zurück nach Nürtingen. 22.6.: Tod Susettes. Sept.: Reise mit Sinclair nach Regensburg zum Fürstenkongress; "Verworrenheit des Verstandes".

1803

In Nürtingen bei der Mutter.

1804

Juni: zweiter Homburg-Aufenthalt; Anstellung als Hofbibliothekar (von Sinclair vermittelt).

1805

Hochverratsprozess gegen Sinclair; Vorwurf, einen Anschlag auf den Herzog von Württemberg geplant zu haben. Juli: Haftentlassung Sinclairs.

1806

Ausbruch der Krankheit; 11.9.: Einlieferung gegen heftigen Widerstand in die Autenriethsche Klinik in Tübingen.

1807

Als unheilbar krank aus der Klinik entlassen. Pflege bei Schreinermeister Zimmer im "Hölderlinturm" in Tübingen (bis zu seinem Tod). Klavierspiel und Spaziergänge sind die Lieblingsbeschäftigungen des Kranken.

1812

Schwere Krise.

1822-26

Wilhelm Waiblinger kümmert sich besonders um den Kranken.

1838

Tod Zimmers; seine Tochter Lotte setzt die Pflege fort.

1843

7. Juni: Tod eine Stunde vor Mitternacht ("sanft ohne noch einen besonderen Todeskampf zu bekommen").


Werke:
(e = entstanden)

Roman

1797

Hyperion oder der Eremit in Griechenland (Bd. 1; Briefroman) 

1799

Hyperion (Bd. 2) 

Drama

1826/1846 (1798-1800 e)

Der Tod des Empedokles (Trauerspiel; Frgm.; 3 Fassungen)

Gedichtsammlungen

1791

Erste Gedichte (in Stäudlins Musenalmanach für das Jahr 1792)

1804

Nachtgesänge (Zyklus):

  • Chiron

  • Tränen

  • An die Hoffnung

  • Vulkan

  • Blödigkeit

  • Ganymed

  • Hälfte des Lebens

  • Lebensalter

  • Der Winkel von Hardt

1826

Gedichte (hg. von Uhland und Schwab, Stuttgart/Tübingen: Cotta)

Einzelgedichte (Auswahl)

1797

Der Wanderer (2. Fassung: 1801; Elegie)

1800

Empedokles; Heidelberg (Oden)

1802 (1801 e)

Die Wanderung (Hymne)

1804 (1800 e)

Der Archipelagus (Elegie)

1807 (1801 e)

Der Rhein (Hymne)

1890/96 (1801 e)

Germanien (Hymne)

1916 (1800 e)

Der Mutter Erde (Hymne; Frgm.)

1954 (1801 e)

Friedensfeier (Hymne)

Theoretische Schriften (Auswahl)

1911 (1799 e)

Über die verschiednen Arten zu dichten

1911 (1800 e)

Über die Verfahrungsweise des poetischen Geistes
Über den Unterschied der Dichtarten

1922 (1803 e)

Die Bedeutung der Tragödien

1962 (1795 e)

Urteil und Sein

Übertragungen (Auswahl)

1786-88 e

Homer, Ilias (I,1-II,493; Prosa)

1790 e

Lucan, Pharsalia (Anf., 590 Verse; Hexameter)

1804

Sophokles: Oedipus Tyrannus; Antigonae (2 Bde.)

1910 (1799-1805 e)

Pindar-Fragmente

Gesamtausgaben

1846

Sämmtliche Werke, hg. v. Ch. Th. Schwab, Stuttgart/Tübingen: Cotta (2 Bde.)

1913-23

Sämtliche Werke, hist.-krit. Ausgabe, bes. v. N. v. Hellingrath, München/Berlin: Müller/Propyläen (6 Bde.)

1914-26

Sämtliche Werke und Briefe, krit.-hist. Ausgabe, hg. v. F. Zinkernagel, Leipzig: Insel (5 Bde.)

1943-72

Sämtliche Werke. Große Stuttgarter Ausgabe, hg. v. F. Beißner, Stuttgart: Cotta (8 Bde.)

1969

Werke und Briefe, hg. v. F. Beißner u. J. Schmidt, Frankfurt/M.: Insel (3 Bde.)

1970

Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. G. Mieth, Berlin: Aufbau (4 Bde.)

   

Hölderlin-Gesellschaft


  

Hälfte des Leben
 

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

 

Weh mir, wo nehm´ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein, und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

 

(1804)

 

Hölderlin-Gedenkstätte in Lauffen am Neckar

Foto: W. Vocke

Seliges Land! Kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock,

Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.

Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge,

Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt.
(aus: Der Wanderer, 1797)

 
 

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