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Arno Holz

vollst.: Arno Hermann Oscar Alfred

Pseudonyme: Bjarne B. Holmsen, Hans Volkmar

Lebensdaten
Werk

Holz-Texte im Netz



* 26. April 1863 Rastenburg
(Ostpreußen; heute Ketrzyn/Polen)

+ 26. Oktober 1929 Berlin

Grabstätte: Berlin, Friedhof Heerstraße (Ehrengrab)

 

Radierung von Hermann Struck
       

Lyriker, Dramatiker, Erzähler, Literaturtheoretiker des Naturalismus. Die in enger Zusammenarbeit mit Johannes Schlaf (1862-1941) entstandene Erzählskizze Papa Hamlet setzt die Theorie des "konsequenten Naturalismus" (vgl. Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze) in die Praxis um und wird richtungsweisend, vor allem für das naturalistische Drama ("phonographische Methode": Sekundenstil,  Erzählzeit kommt mit der erzählten Zeit zur Deckung): Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein; Formel: Kunst = Natur - x. Um die Mitte der neunziger Jahre beginnt der naturalistische Antrieb nachzulassen: Holz' spätere Dramen weichen vom konsequenten Naturalismus ab.
Seine Gedichte sind anfangs trotz neuer sozialer Themen noch von traditionellen Einflüssen bestimmt (Heine, Geibel). Später der Versuch, die Lyrik  durch Verzicht auf alle herkömmlichen Mittel der gebundenen Rede wie Reim, Strophe, Alliteration usw. zu revolutionieren: "Als formal letztes in jeder Lyrik, das überhaupt uneliminierbar ist, bleibt für alle Ewigkeit der Rhythmus." (Revolution der Lyrik, 1899). Sein lyrisches Hauptwerk, den Gedichtzyklus Phantasus, konzipiert Holz zunehmend als Spiegel des Kosmos und erweitert es bis zum Lebensende als worttrunkenes "Weltgedicht" ins Monumentale: Der Zyklus, ursprünglich aus 100 kurzen Gedichten bestehend (Zeilen auf Mittelachse gestellt), umfasst in der letzten von Holz veröffentlichten Fassung von 1925 drei Bände mit zusammen 1345 Seiten. Lyrische Intensität und Unmittelbarkeit, bereits impressionistisch, ästhetizistisch und surrealistisch eingefärbt. Als sprachliches Experiment bedeutsam für die Entwicklung der modernen Poesie.

Viertes von zehn Kindern des Apothekers Hermann Holz (1825-1886) und seiner Frau Franziska, geb. Werner (1833-1920). Frühe Entscheidung, sein Leben der literarischen Arbeit zu widmen. In Berlin Mitglied im literarischen Verein Durch! (Brüder Heinrich und Julius Hart, Bölsche, Hauptmann u.a.). Zeitlebens wirtschaftliche Probleme, Unterstützung durch Freunde und Verwandte (zeitweise Versuch, sich den Lebensunterhalt durch das Herstellen von Kinderspielzeug zu verdienen). Die Hoffnungen auf den Literaturnobelpreis - Holz wird insgesamt fünfmal vorgeschlagen - erfüllen sich nicht.
  

1893

Eheschließung mit Emilie Wittenberg ("Milli", *1867); gesch. 1926; 3 Söhne

1926

2. Ehe: Anita Gewelke (1889-1975)

Auszeichnungen:

1885

Schillerpreis

1923

Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg

1929

Ehrenbürgerschaft der Stadt Rastenburg


Wichtige Lebensdaten:

1875

Übersiedlung der Familie nach Berlin. Besuch des Humboldt-, später des Königstädter Gymnasiums.

1881

Abgang vom Gymnasium aus wirtschaftlichen Gründen. Zunächst Versuche als Journalist, dann freier Schriftsteller.

1887-1892

Freundschaft und Zusammenarbeit mit Johannes Schlaf (1862-1941).

1890

Kurzzeitig Redakteur der Zeitschrift Freie Bühne für modernes Leben.

1896

Zusammenarbeit mit Paul Ernst.

1898

Schlaf erhebt den Anspruch, alleiniger Initiator der neuen dramatischen Richtung zu sein. In der Folge öffentlich ausgetragener Streit um den jeweiligen Anteil an den gemeinsamen Werken.

1905/06

Das Zerwürfnis zwischen Holz und Schlaf mündet im gegenseitigen Hass.

1926

Scheidung von seiner Frau Emilie. Zweite Ehe mit Anita Gewelke. - Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. 


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung; Zeitschriftenveröffentlichung)

Lyrik

1883

Klinginsherz! (Gedichtbd.)

1884

Deutsche Weisen (Gedichtbd. zus. m. Oskar Jerschke)

1886

Das Buch der Zeit (u.a.: Gedichtzyklus Phantasus!, 13 Ged.; endgültige Ausgabe: 1924)

1898/99

Phantasus (2 Hefte mit jeweils 50 reimlosen Gedichten; erw. Ausgaben 1913, 1916; 1924/25 Gesamtausgabe, 3 Bde.; 1961/62 erw. Nachlassausgabe, 3 Bde.)

1903

Lieder auf einer alten Laute. Lyrisches Portrait aus dem 17. Jahrhundert

1904

Dafnis. Lyrisches Porträt aus dem 17. Jahrhundert (verm. Neuauflage der Lieder auf einer alten Laute; endgültige Ausgabe 1924)

1919

Flördeliese

1919

Seltzsame und höchst ebenteuerliche Historie von der Insul Pimperle, daran sich der Tichter offt im Traum ergezzt

1921

Fünf neue Dafnis-Lieder
Li-Tai-Pe. Lied aus dem Phantasus

1922

Neue Dafnis-Lieder

1925

Neun Liebesgedichte

1926

Zwölf Liebesgedichte

Erzählungen

1889

Papa Hamlet (Erzählbd. zus. m. Johannes Schlaf u. d. Pseudonym Bjarne P. Holmsen):

  • Der erste Schultag

  • Ein Tod

  • Papa Hamlet

1890 Z

Die papierne Passion. Eine Berliner Studie (zus. m. Johannes Schlaf)

1892

Neue Gleise. Gemeinsames (Sammelbd. zus. m. Johannes Schlaf):
 

I. Die papierne Passion

  • Krumme Windgasse 20

  • Die kleine Emmi

  • Ein Abschied

  • Die papierne Passion (Z 1890)

II. Papa Hamlet

  • Der erste Schultag (1889)

  • Ein Tod (1889)

  • Papa Hamlet (1889)

III. Die Familie Selicke

Verserzählung

1892

Der geschundne Pegasus. Eine Mirlitoniade in Versen (zus. mit Johannes Schlaf)

Dramen

1890 a Berlin

Die Familie Selicke (zus. m. Johannes Schlaf)

1896
1897
a Berlin

Socialaristokraten (= Berlin. Das Ende einer Zeit in Dramen; Komödie; )

1902

Die Blechschmiede (lyr.-satir. Drama; erw. Ausgaben 1917, 1921, 1924, 1963)

1903

Heimkehr (zus. mit Oskar Jerschke)

1904 a Berlin

Traumulus (zus. mit Oskar Jerschke; 1935 mit Emil Jannings verfilmt)

1907

Frei! Eine Männerkomödie (zus. mit Oskar Jerschke)

1908

Gaudeamus! (zus. mit Oskar Jerschke)

1908
1913
a Hamburg


Sonnenfinsternis. Tragödie (= Berlin. Das Ende einer Zeit in Dramen; veränd. 1919)

1911

Büxl. Komödie (zus. mit Oskar Jerschke)

1913
1927
a Düsseldorf
1986
a Prato

Ignorabimus. Tragödie ( = Berlin. Das Ende einer Zeit in Dramen)

Autobiographisches

1924

Kindheitsparadies

Schriften

1891/92

Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze

1899

Revolution der Lyrik

1900

Dr. Richard M. Meyer, ein litterarischer Ehrabschneider

1902

Johannes Schlaf. Ein nothgedrungenes Kapitel

1921

Die befreite deutsche Wortkunst

1926

Entwurf einer "Deutschen Akademie" als Vertreterin der geeinten deutschen Geistesarbeiterschaft

Werkausgaben

1919

Das ausgewählte Werk, Berlin: Bong

1924/25

Das Werk. Gesamtausgabe, hg. v. Hans W. Fischer, Berlin: Dietz (10 Bde.)

1926

Das Werk. Monumentalausgabe, hg. v. Hans W. Fischer, Berlin: Holten

1943

Mein Staub verstob, wie ein Stern strahlt mein Gedächtnis!, hg. v. A. R. Meyer, Nürnberg: Hesperos

1961-64

Werke, hg. v. Wilhelm Emrich und Anita Holz, Neuwied/Berlin: Luchterhand (7 Bde.)


      

 
Ihr Dach stiess fast bis an die Sterne,

Vom Hof her stampfte die Fabrik,

Es war die richtge Miethskaserne

Mit Flur- und Leiermannsmusik!

Im Keller nistete die Ratte,

Parterre gab's Branntwein, Grogk und Bier,

Und bis ins fünfte Stockwerk hatte

Das Vorstadtelend sein Quartier.


Dort sass er nachts vor seinem Lichte

– Duck nieder, nieder, wilder Hohn! –

Und fieberte und schrieb Gedichte,

Ein Träumer, ein verlorner Sohn!

Sein Stübchen konnte grade fassen

Ein Tischchen und ein schmales Bett;

Er war so arm und so verlassen,

Wie jener Gott aus Nazareth!
  

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,

Die Welt, ihn aus: Er ist verrückt!

Ihm hatte leuchtend auf die Stirne

Der Genius seinen Kuss gedrückt.

Und wenn vom holden Wahnsinn trunken,

Er zitternd Vers an Vers gereiht,

Dann schien auf ewig ihm versunken

Die Welt und ihre Nüchternheit.


In Fetzen hing ihm seine Blouse,

Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod,

Er aber stammelte: O Muse!

Und wusste nichts von seiner Noth.

Er sass nur still vor seinem Lichte,

Allnächtlich, wenn der Tag entflohn,

Und fieberte und schrieb Gedichte,

Ein Träumer, ein verlorner Sohn!
    

(aus: Phantasus!, 1886)

Schönes,
grünes, weiches
Gras.

Drin
liege ich.

Inmitten goldgelber
Butterblumen!

über mir ... warm ... der Himmel:

Ein
weites, schütteres,
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes
Weiß,
das mir die
Augen
langsam ... ganz ... langsam
schließt.

Wehende ... Luft ... kaum merklich
ein Duft, ein
zartes . . . Summen.

Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz, und
deutlich . . . spüre ich . . . wie die
Sonne
mir durchs Blut
rinnt.

Minutenlang.

Versunken
alles . . . Nur noch
ich.

Selig!

              

(aus: Phantasus, 1898)

Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt

war ich eine Schwertlilie.

 

Meine Wurzeln

saugten sich

in einen Stern.

 

Auf seinem dunklen Wasser

schwamm

meine blaue Riesenblüte

                

(aus: Phantasus, 1899)

 

    

   

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