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Humanismus - Reformatio
n (1470-1600)
 

 
Begriff:

Humanismus zu lat. humanus, "menschlich, gebildet"; Reformation von lat. reformatio, "Umformung, Erneuerung" (gebraucht im geistig-relig. Bereich). Den Begriff "Renaissance" kennt die Zeit nicht: ital. rinascita (Wiedergeburt) zum ersten Mal bei Vasari (16. Jh.); "Renaissance" zuerst in der frz. Kunstgeschichtsschreibung des 19. Jhs. (Michelet).

Datierung:

Wurzeln liegen in der Sehnsucht des mittelalterl. Menschen nach geistiger Erneuerung und innerer Wiedergeburt; auslösende äußere Faktoren: Fall Konstantinopels, Zustrom griechischer Gelehrter nach Italien (1453), Entdeckung Amerikas (1492), Reformation (1517).

Tragende Schicht:

die neue Schicht der humanistisch Gebildeten (unabhängig von der sozialen Herkunft).

Grundzüge:

Von Italien ausgehende Bildungsbewegung:

Wiederentdeckung der gr. und lat. Sprache; Rückbesinnung auf die kulturellen Leistungen der Antike und damit verbunden die Wiederbelebung ihrer literarischen, philosophischen und kulturellen Ideale. Bewusste Nachahmung antiker Vorbilder.
Höchstes Ziel ist die Erziehung zur "Menschlichkeit", humanitas, die man in der Antike verwirklicht sieht, und die Entfaltung des Individuums, gefördert durch Bildung; Opposition zur Scholastik; Weltbejahung.
Heiterkeit und Diesseitigkeit als typ. Merkmale der italien. Renaissance, die aus alter Kulturtradition erwächst, fehlen in Deutschland weitgehend; angestrebt wird eine von der Vormundschaft der Kirche befreite Wissenschaft.
Sprache der Gelehrsamkeit und Dichtung ist Latein ("neulateinische Dichtung"). Luther erkennt, dass die relig. Erneuerung nur zum Erfolg führt, wenn sie sich der dt. Sprache bedient; in seiner Nachfolge Hutten; deutsch schreiben Hans Sachs und die Satiriker Brant, Murner und Fischart.

Themen:

Selbstwert des menschl. Lebens (Vorläufer: Joh. v. Tepl: Der Ackermann aus Böhmen), Geißelung menschl. Schwächen (Satire); Sage, Schildbürger, Doktor Faust (Volksbuch); relig. u. polit. Themen.

Zentren:

Vor allem im Süden: die Städte Augsburg, Nürnberg, Bamberg, Ulm, Schlettstadt, Erfurt und die Universitäten Prag (Hof Karls IV.), Wien, Heidelberg, Straßburg, Basel, Tübingen.

Bevorzugte Formen:

Streitgespräch; Satire; Briefform; Novelle; Meistersang; Schwank; Fabel; Volksbuch; weltl.u. geistl. Volkslied, prot. Kirchenlied; Lehrgedicht, Spruch;  Fastnachtsspiel; Humanistendrama (auch dt. Auff.)

 

 
Autoren:

  • Sebastian Brant

  • Thomas Murner

  • Ulrich von Hutten

  • Martin Luther

  • Hans Sachs

  • Jörg Wickram

  • Johann Fischart
     

Ulrich von Hutten als poeta laureatus
(Holzschnitt von Erhard Schön, 1522)

    

Die Wahrheit ist aufs neu geboren,
        Betrug hat seinen Schein verloren,
Des sag Gott jeder Lob und Ehr
        Und acht nicht fürder Lügen mehr.
Die Wahrheit, die einst unterdrückt,
        Ist wieder nun ans Licht gerückt.
Die dazu Arbeit taten willig,
        Soll man dafür belohnen billig.
Denn vielen Nutzen draus ersprießt,
        Wiewohl es viele auch verdrießt,
Die faulen Pfaffen lobens nit,
        Darum ich jeden freundlich bitt,
Daß er gemeinen Nutz bedenke
        Und sich nicht kehr an lose Schwänke!
Es ist ein Papst doch niemals Gott,
        Auch ihm ist einst gewiß der Tod.
Ach, fromme Deutsche, haltet Rat,
        Da 's nun so weit gegangen hat,
Daß nit geh wieder hinter sich!
        Mit treuen habs gefordert ich,
Und will des weiter kein Genießen,
        Denn wo ich deshalb hätt Verdrießen,
Daß man mit Hilf mich nit verlaß;
        So will ich auch geloben das:
Von Wahrheit will ich nimmer weichen,
        Das soll kein Mann bei mir erreichen,
Auch schafft, daß man mich mundtot macht,
        Vom Papste weder Bann noch Acht,
Wie stark man mich zu schrecken meint!
        Ob auch die fromme Mutter weint,
Daß ich die Sache angefangen;
        Gott tröste sie – ans Ziel gelangen
Muß ich, sollts brechen auch vorm End,
        Wills Gott, so wird es nit gewendt,
Drum will ich brauchen Füß und Händ.
                                 Ich habs gewagt!
 

Ulrich von Hutten, Gesprächbüchlein. 1521

 

   

    

    

© Willi Vocke

2000

    

     

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