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Literatur der Jahrhundertwende (1890-1914)
   

    
Begriff:

Chronologischer Hilfsbegriff, der eine Vielzahl von gegennaturalistischen literarischen Strömungen und Stiltendenzen zusammenfasst. Dementsprechend existiert auch eine Vielzahl von Begrifflichkeiten, zwischen denen eine scharfe Trennlinie oft nicht gezogen werden kann, setzen sie ihre Schwerpunkte  doch unterschiedlich auf kulturhistorische, sprachlich-formale, inhaltliche oder sogar auf geographische Kriterien (»Wiener Moderne«); teilweise werden sie auch synonym gebraucht. Ein klassisches Einteilungsschema existiert also nicht.

Datierung:

Um 1890 erste Werke antinaturalistischer Autoren. Historische Eckdaten: Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. 1888 bzw. Verschärfung des Nationalitätskonflikts in der österreichischen Doppelmonarchie um 1890. - 1914 Ausbruch des 1. Weltkriegs. 

Grundzüge:

In Opposition zum Naturalismus. Dem Fortschrittsoptimismus, der Industrialisierung und der wirtschaftlich-politischen Expansion steht ein entschiedener Kulturpessimisus gegenüber (Einfluss Schopenhauers und Nietzsches). Ausblendung der zeitgenössischen Wirklichkeit; hermetisch abgeschlossene poetische Welt als neue Ordnung. Pochen auf Autonomie der Kunst; Ablehnung des Hässlichen als Gegenstand; Rückwendung zum Irrationalen, zur Metaphysik, zur Seele, zum Mythos; Lebensmüdigkeit, Glaubenssehnsucht. -  Sprachskepsis: Zweifel, die Wirklichkeit erkennen und sprachlich erfassen zu können; die eindeutige Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnung ist fragwürdig geworden (Wiener Moderne; vgl. Hofmannsthal, Chandos-Brief); poetische Überhöhung der Sprache als einzige Ausdrucksmöglichkeit für eine »höhere« Wahrheit (George, Rilke). - Dagegen optimistische Grundhaltung, Aufbruchstimmung im literarischen Jugendstil.

Strömungen/Stiltendenzen:

  • Décadence/Fin de siècle

(Frz. décadence = Verfall); Begriff für Phänomene des kulturellen Niedergangs, zuerst von Nietzsche benutzt. Von Frankreich ausgehend (Baudelaire, Huysmans). Merkmale: pessimistisches Spätzeitbewusstsein; Weltschmerz; Rückwärtsgewandtheit; Lebensferne; müde Resignation, aber Sehnsucht nach Vitalität; Verfeinerung; Ekel, Überdruss; Verlangen nach künstlichem Sinnengenuss, Rausch; Reizsteigerung; nervöser, überreizter, morbider Ästhetizismus; Wendung nach innen, Selbstisolation, Tendenz zu Niedergang und Tod; Verabsolutierung der Kunst (l'art pour l'art). S. auch Impressionismus, Neuromantik.

  • Ästhetizismus

Das Schöne, Zweckfreie wird zum höchsten Wert erhoben; alles Nützliche ist hässlich (vgl. Décadence, Symbolismus, Jugendstil, Neuromantik). 

  • Impressionismus

Begriff (»Eindruckskunst«): nach Monets Bild Impression, le soleil levant (Kritiker Louis Leroy). Wiedergabe des subjektiven Eindrucks, von feinsten Stimmungen als Kunstideal. Sensualistisch: analog zur Malerei Auflösung des Gegenstands in eine Vielfalt von Augenblicksempfindungen. Beobachtende, passive Haltung des Autors. Stileigentümlichkeiten: Reihung der Aussage, Neutralpronomen (»es«, »man«), Oxymoron, Klangmalerei, Synästhesie; Hang zum Episodischen.

  • Symbolismus

Nimmt von Frankreich seinen Ausgang (Verlaine, Rimbaud, Mallarmé); Begriff nach Jean Moréas' Manifest Le symbolisme (1886). Abwendung von der sozialen Wirklichkeit. Zweck- und moralfreies Ideal der »reinen Dichtung« (poésie pure) Irrationale Welt- und Kunstanschauung; idealistische, spiritualistische Grundhaltung; magisch-mystisches Beschwören der Schönheit und Vollkommenheit. Vorstellung eines hintergründigen Zusammenhangs alles Seienden; nur ein erlesener Kreis eingeweihter Kunstverehrer kann die Dichtung richtig aufnehmen.

Hauptgattungen: Lyrik, Drama.

  • Literarischer Jugendstil

Namensgeber: Die Münchner Zeitschrift Jugend. Optimistisch, sensibel; idealisierende Stilisierung; Affinität in Themen- und Motivwahl zur Kunstrichtung: Alltagsferne, schönes Leben. Ornamentaler Stil:  Keine Botschaft, auch keine Symbolik, nur »Schönheit«. Beschränkt auf Lyrik.

  • Neuromantik

Begriff geprägt v. Hermann Bahr. Problematische Sammelbezeichnung für Strömungen, die mehr dem Symbolismus bzw. dem Jugendstil zuzuordnen sind. Gefallen am Geheimnisvollen, Magischen, Wunderbaren, Metaphysischen; Sage, Mythos, Legende, Märchen; Gefühls-, Seelen-, Schönheitskult. 

  • Neuklassik (Neoklassizismus)

Anknüpfung an die klassische Kunsttradition.  Hauptsächlich Versuch einer Erneuerung des Dramas im Geiste der antiken Tragödie. Am Ideal des Guten, Wahren, Schönen orientiert. Sprach- und Formstrenge. Als unzeitgemäßer Ansatz eher theoretisierend als in die dichterische Praxis umgesetzt.

  • Heimatkunst

Jede Art von bodenständiger Dichtung. Gegen die »entartete« Décadence (Begriff in Anlehnung an Goethes Verdikt über die Romantik als »Krankheit«), gegen die »Großstadtdichtung« des Naturalismus, gegen Intellektualisierung und Internationalisierung. Verehrung der »heimatlichen Scholle« als Quell des reinen Menschentums: Dorfgeschichten, Bauernromane.

Dichter:

Größtenteils aus dem mittleren und gehobenen Bürgertum. Junge Generation, die ihr Unbehagen an einer epigonalen und als unzeitgemäß empfundenen Literatur äußert und in Opposition zum Naturalismus steht. Anschluss an ausländische Vorbilder. Kaum ein Schriftsteller, der sich ausschließlich einer Strömung zurechnen ließe. Stilisierung der eigenen Lebensweise als Künstlerdasein (George, Hofmannsthal).

Literarische Zentren:

  • Wien (Wiener Moderne: Gruppierung Jung-Wien um Bahr, Hofmannsthal, Schnitzler, Altenberg; Künstlerlokal: Café Griensteidl)

  • Berlin

  • München

  • Leipzig

Publikationsorgane: 

Blätter für die Kunst (George), Der Kunstwart, (Avenarius), Jugend (Jugendstil), Ver sacrum (Wiener Secession), Pan (Jugendstil), Die Insel, Simplicissimus (Satire), Charon, Die Neue Rundschau, Heimat, Hochland, Der Gral, Die Zukunft, Die Fackel (Kraus)

 
Autorinnen/Autoren:


Décadence

Impressionismus

Symbolismus

Neuromantik

Jugendstil

Wiener Moderne

Neuklassik

  • Paul Ernst

  • Wilhelm von Scholz

Heimatkunst

  • Hermann Löns

  • Heinrich Waggerl

  • Ludwig Thoma

  • Heinrich Federer

  • Peter Rosegger

  

  
Titelblatt von Melchior Lechter, 1897 

  

Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, […], sein Zauber ist gebrochen. […] es ist doch ein Unterschied zwischen der alten Kunst und der neuen – wenn man sie nur ein bißchen eindringlicher prüft. Freilich: die alte Kunst will den Ausdruck des Menschen und die neue Kunst will den Ausdruck des Menschen; darin stimmen sie überein gegen den Naturalismus. Aber wenn der Klassizismus Mensch sagt, so meint er Vernunft und Gefühl; und wenn die Romantik Mensch sagt, so meint sie Leidenschaft und Sinne; und wenn die Moderne Mensch sagt, so meint sie Nerven. Da ist die große Einigkeit schon wieder vorbei. Ich glaube, daß der Naturalismus überwunden werden wird durch eine nervöse Romantik.

(Hermann Bahr, Die Überwindung des Naturalismus, 1891)

   

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Wir lassen uns unsere Zeit nicht verekeln! Ein anständiger Vogel besudelt sein Nest nicht, das ihn warm hält, und ein anständiger Kerl ist auch mit der Zeit solidarisch [...]. Unsere Zeit ist nicht alt, nicht müde! Wir leben nicht unter den letzten Atemzügen einer ersterbenden Epoche, wir stehen am Morgen einer kerngesunden Zeit, es ist eine Lust zu leben!
(Fritz von Ostini, Anti-Fin de siècle. In: Jugend 1/1898)

  

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Mein Fall ist in Kürze dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. […] Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen, [...] die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.

(Hugo v. Hofmannsthal, Ein Brief, 1902)

     

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Das gesamte höhere Leben der Menschheit ist eine Aufgabe der Form.

(Paul Ernst, Der Weg zur Form, 1906)

    

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Wir betonen, dass wir diese Heimatkunst nur als gesunde Grundlage einer sonnigen und stolzen Höhenkunst gegenüber dem engen und dumpfen Stubenproblem einer allzu sehr klügelnden und missmutigen Kunst des »fin de siècle« auffassen.

(Fritz Lienhard, 1900)

  

   

  

  

  

   

   

   

   

   

   

 

   

  

 

  

© Willi Vocke

2000

 

 

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