Franz Kafka
Lebensdaten Werk



*3. Juli 1883
Prag

+3. Juni 1924 Kierling bei Klosterneuburg (Kehlkopftuberkulose)

begraben: Prag-Strasnice, Neuer Jüdischer Friedhof


Kafka 1906

Ältestes Kind des Kaufmanns Hermann Kafka (1852-1931) und seiner Frau Julie, geb. Löwy (1856-1934); Geschwister: Georg (1885-1886), Heinrich (1887-1888), Gabriele (Elli, 1889-1941), Valerie (Valli, 1890-1942), Ottilie (Ottla, 1892-1943).
  Als liberaler Jude isoliert von den orthodoxen, als Jude von den Christen, als Deutscher von den Tschechen, als Künstler vom Bürgertum. Lebensschwierigkeiten aufgrund frühkindlicher Beziehungskonflikte: Mutterfixierung, problematisches Verhältnis zum dominanten, lieblosen Vater (Leitmotiv seiner Erzählungen und Romane; vgl. den "Brief an den Vater"): Entscheidungsschwäche, fehlendes Selbstvertrauen, Beziehungsunfähigkeit (drei gelöste Verlobungen), depressive Grundstimmung, Einsamkeit.

1912-1917

Beziehung zu Felice Bauer (1887-1960; Tochter eines Berliner Versicherungsvertreters; Prokuristin in einer Firma für Diktiergeräte): 2 Verlobungen (1.6.1914/10.7.1917) und Entlobungen (12.7.1914/27.12.1917).

1918-1920

Beziehung mit Julie Wohryzek (1891-1944; Tochter des Gemeindedieners in der Synagoge Prag-Weinberge; in Auschwitz ermordet): Sept. 1919 Verlobung; Auflösung im Juli 1920.

1920-1921

Beziehung zur Journalistin Milena Jesenská, verheiratete Pollack (1896-1944; Tschechin, Christin; gestorben im KZ Ravensbrück); freundschaftliche Verbindung bis zu Kafkas Tod.

1923-1924

Verbindung mit der in Berlin lebenden Polin Dora Diamant (1898-1952); gemeinsame Wohnung in Berlin-Steglitz bis März 1924; Dora pflegt K. bis zu seinem Tod.

Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler des 20. Jhs.; weltweiter Einfluss auf die moderne Literatur. Trotz der testamentarischen Verfügung Kafkas, dass sein literarischer Nachlass zu verbrennen sei, veröffentlichte sein Freund Max Brod seit 1925 das gesamte Werk. Eine breite Auseinandersetzung mit Kafkas Werk setzte erst nach 1945 ein, zuerst in Westeuropa und Amerika, dann in Deutschland.
   Hauptthema: Mensch in der Selbstentfremdung; aussichtsloser Kampf des Protagonisten gegen anonyme Mächte und undurchschaubare ("kafkaeske") Situationen, denen die eigene Existenz ausgeliefert ist und die er trotz aller verzweifelter Mühe nicht aufheben kann. Welt als Falle (vgl. Kleine Fabel), als Schauplatz vergeblicher Anstrengungen (Gibs auf), als Raum von Entfremdung und Sinnlosigkeit. Kafkas fiktionale Wirklichkeit ist nur äußerlich die der zeitgenössischen bürgerlichen Welt, unter der Oberfläche aber alogisch und defekt, so dass sie den Leser auf Schritt und Tritt überrascht und verstört. Die hermetische Welt der Erzählungen bildet eine stetige Herausforderung an die Interpreten (psychoanalytische, mythologische, religionspsychologische, strukturanalytische Ansätze), sperrt sich aber gegen jede eindeutige Festlegung.

Auszeichnung:

1915 

Fontane-Preis


wichtige Lebensdaten:

1889-93

Volksschule am Fleischmarkt.

1893-01

Altstädter Deutsches Staatsgymnasium.

1896-07

Wohnung der Familie in der Zeltnergasse 3.

1901

Reifeprüfung. Sommer. Reise nach Helgoland und Norderney. Okt.: Studium an der Deutschen Universität Prag; Studienfächer: kurzzeitig Chemie, Germanistik; dann Jura; daneben kunstgeschichtliche Vorlesungen.

1902

Ferien in Liboch und Triesch (beim Onkel Siegfried, dem Landarzt); erste Begegnung mit Max Brod.

1903

Rechtshistorische Staatsprüfung.

1905

Sommer: Sanatoriumsaufenthalt in Zuckmantel (Schlesien).

1906

Juni: Promotion zum Dr. jur.; Advokatur, ein Jahr "Rechtspraxis" (= Referendariat).

1907

Okt.: Eintritt in die Versicherungsanstalt Assicurazioni Generali als Aushilfskraft.

1907-13

Wohnung in der Niklasstraße 36.

1908-22

Bis zur Pensionierung Beamter bei der halbstaatlichen Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt.

1909

Sept.: Ferien mit Max und Otto Brod in Riva/Gardasee.

1910

Okt.: Paris-Reise mit Max und Otto Brod.

1911

Aug.: mit Max Brod Ferien an den oberitalienischen Seen und in Paris.

1912

Juli: Reise mit Max Brod nach Leipzig und Weimar; anschließend allein im Naturheilsanatorium Just´s Jungborn bei Stapelburg/Harz. Aug: bei Max Brod erste Begegnung mit Felice Bauer; Korrespondenz (bis 1917 mehr als 500 Briefe). Erste öffentliche Lesung in Prag (Das Urteil).

1913

An Ostern und Pfingsten Besuche in Berlin bei Felice. Beförderung zum Vice-Sekretär (Stellvertreter des Abteilungsleiters). Sept.: Wien, Venedig, Riva; Liebe zur 18-jährigen Lübecker Kaufmannstochter (?) Gertrud Wasner ("die Schweizerin"). Okt./Nov.: Wohnung im Oppelt-Haus, Altstädter Ring 6 (heute 5).

1914

Beginn des Briefwechsels mit Felices Freundin Grete Bloch (1892-1944, Auschwitz). Juni: 1. Verlobung mit Felice in Berlin; Juli: Lösung des Verlöbnisses. Reise an die Ostsee (über Lübeck).

1915

Januar: Wiedersehen mit Felice. Febr.: erstes eigenes Zimmer in der Bilekgasse 10; März: Lange Gasse 18 (16: "Zum goldenen Hecht").

1916

Juli: Urlaub mit Felice in Marienbad; Zimmer im Haus der Schwester Ottla in der Alchimistengasse 22.

1917

März: Zweizimmerwohnung im Schönborn-Palais. Juli: 2. Verlobung mit Felice. MIt Felice zu deren Schwester nach Ungarn. Nach der Rückkehr am 12./13. August: Blutsturz; Konstatierung der Lungentuberkulose. Übersiedlung zu Ottla nach Zürau, um sich zu erholen; Weihnachten: 2. Entlobung in Prag und endgültige Trennung.

1918

Zürau; Apr.: Rückkehr nach Prag in die elterliche Wohnung am Altstädter Ring. Nov: zur Erholung in Schelesen (nördl. v. Prag) in der Pension Stüdl, wo er Julie Wohryzek kennen lernt.

1919

Frühjahr: wieder in Prag; Sept.: Verlobung mit Julie Wohryzek; Auseinandersetzung mit dem Vater, der den Rat gibt, lieber ins Bordell zu gehen ("Gibt es da keine anderen Möglichkeiten?""). Nov: wieder in  Schelesen (Brief an den Vater, der aber nicht abgeschickt wird). Dez.: Rückkehr nach Prag.

1920

Beförderung zum Abteilungsleiter. Erste Begegnung mit der tschechischen Journalistin Milena Jesenská, die K.s Werke ins Tschechische übersetzen will; Apr.-Juni: Meran; Briefwechsel mit Milena. Juni/Juli: Treffen mit Milena in Wien. Juli: Lösung der Verlobung mit Julie. Aug.: zweites Treffen mit Milena in Gmünd. Rückkehr nach Prag; Dez.: Kur in Matliary (Hohe Tatra).

1921

Matliary; Freundschaft mit dem jungen Medizinstudenten Robert Klopstock. Im Herbst wieder in Prag (dienstunfähig); Besuche Milenas. Okt.: K. übergibt ihr sämtliche Tagebücher.

1922

Spindlermühle (Riesengebirge); Prag; bei Ottla in Planá; 1.7.: Pensionierung. Prag.

1923

Prag; Juli: mit der Schwester Elli in Müritz (Ostsee), wo er die aus Polen stammende Jüdin Dora Diamant kennen lernt (Helferin in der Ferienkolonie des Berliner Jüdischen Volksheims). Schelesen (Ottla). Sept.: Übersiedlung nach Berlin zu Dora.

1924

März: Max Brod und der Onkel Siegfried bringen den Schwerkranken zurück nach Prag; Sanatorium Wiener Wald in Ortmann/Niederösterreich; auf 95 Pfund abgemagert; Diagnose: Kehlkopftuberkulose; K. kann nur noch flüstern. Danach Sanatorium Dr. Hoffmann in Kierling. Bis zu seinem Tod sind Dora Diamant und Robert Klopstock bei K.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Romane

1927
(1911-14 e) 

Amerika (= Der Verschollene) (Frgm.)

1925
(1914-15 e) 

Der Prozeß (Frgm.)

1926
(1935 erw.; 1922 e) 

Das Schloß (Frgm.)

Erzählungen; kleine Prosa

1908
(1903/04)

Die Bäume

1936
(1904/05 e) 

Beschreibung eines Kampfes (Frgm.; 2 Fass.)

1908
(1907 e) 

Der Kaufmann

1953
(1907/08 e) 

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (Frgm.; 3 Fass.)

1912 

Der plötzliche Spaziergang

1912 

Entschlüsse

1913
(1912 e) 

Das Urteil

1913 

Der Heizer (= 1. Kap. von: Amerika)

1915
(1912 e) 

Die Verwandlung

1915
(1914 e)

Vor dem Gesetz (aus: Der Prozeß)

1919
(1914 e)

In der Strafkolonie

1935
(1914-15 e) 

Der Dorfschullehrer (= Der Riesenmaulwurf) (Frgm.)

1919
(1916/17 e) 

Auf der Galerie

1917 

Ein Landarzt 

1919
(1917 e) 

Eine kaiserliche Botschaft (aus: Beim Bau der chinesischen Mauer)
Ein Bericht für eine Akademie
Die Sorgen des Hausvaters
Das nächste Dorf

1921
(1917 e) 

Der Kübelreiter 

1931
(1917 e) 

Der Jäger Gracchus
Beim Bau der chinesischen Mauer
Der Schlag ans Hoftor
Der Nachbar 

1931
(1920 e)

Kleine Fabel 

1936
(1920 e) 

Die Truppenaushebung
Heimkehr
Der Steuermann 

1922 

Ein Hungerkünstler 

1931
(1922 e) 

Forschungen eines Hundes 

1936
(1922 e) 

Gibs auf
Der Aufbruch 

1931
(1923/24 e)

Der Bau (Frgm.)

Autobiographisches

1952
(1919 e) 

Brief an den Vater 

Ausgaben der Erzählungen zu Lebzeiten

1912

Betrachtung (18 kurze Erzählungen)

1919

Ein Landarzt . Kleine Erzählungen (14) 

1924

Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten 

Ausgaben aus dem Nachlass

1931

Beim Bau der chinesischen Mauer (19 Erzählungen) 

1953

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß 

1936
1954
erw.

Beschreibung eines Kampfes (29 Novellen, Skizzen, Aphorismen)

Links:

Franz-Kafka-Website
www.franzkafka.de
kafkaesk.de
Franz Kafka Homepage von Christoph Kasseckert
Franz Kafka konkret
Franz Kafka - Ausschnitte


 

 
Kleine Fabel

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.

Gibs auf!
Es war sehr früh am Morgen, die Straße rein und leer, ich ging zum Bahnhof, als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte , ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann." "Gibs auf, gibs auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.
 

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