Eduard Graf von Keyserling
Lebensdaten Werk


* 15. Mai (14.? 18.? Angaben schwanken) 1855 Schloss Paddern (bei Hasenpoth/Aizpute, Kurland)

+ 28. September 1918 München (Rückenmarksleiden)

Grabstätte: München, Nordfriedhof

Porträt von Lovis Corinth (1900)
 Neue Pinakothek München

Aus altem kurländischen Adelsgeschlecht, aus dem viele namhafte Persönlichkeiten hervorgegangen sind. Drittletztes von insgesamt 12 Kindern. Jugendjahre auf dem elterlichen Gut, Schule in Hasenpoth, deutsches Gymnasium in Goldingen (Kuldiga). Die letzten Lebensjahre erblindet und gelähmt. Insgesamt ist über Keyserlings Leben wenig bekannt. Nach seinem Tod wurden alle Aufzeichnungen und Dokumente auf seine Verfügung hin von seiner Schwester Hedwig vernichtet.

Nie wieder habe ich so grandios den Kampf des Geistes gegen den Körper miterlebt. [...] Er war das Bild unheimlich schleichender Krankheit und zugleich das Bild aufrechter, lachender Seelengeradheit, [...] heroisch ohne die geringste Pose. (Rudolf von Delius)

Bedeutender impressionistischer Erzähler, Dramatiker, Essayist. Nach naturalistischen Anfängen variiert K. in seinen berühmten Schlossgeschichten  das immer gleiche Thema. Die gleichwohl spannenden und originellen Handlungen kreisen um das aristokratische Milieu des kurländischen und preußischen Adels vor dem 1. Weltkrieg, das geprägt ist von der schwermütigen Endstimmung einer niedergehenden Welt der Standesgebote und Privilegien, der nervösen Langeweile, der Untätigkeit und Lebensferne.
   Nur die treibende Kraft des Erotischen (vgl. "Über die Liebe") führt zu Ausbruchsversuchen aus der Beengtheit der Konventionen hinaus in die Freiheit; die lebensschwachen Protagonisten scheitern jedoch an der Wirklichkeit des Lebens. "Was erziehen wir da für Wesen? Die können ja nicht leben [...], das sind kleine berauschte Gespenster, die vor Verlangen zittern, draußen umzugehen, und wenn sie hinauskommen, nicht atmen können."  (Graf Hamilkar in "Bunte Herzen").
   Ironische Kritik "ohne soziale Attitüde" (Thomas Mann) am dekadenten Ästhetizismus einer privilegierten Schicht, die - dem Land und seinen Bewohnern entfremdet - sich in der Sphäre ihrer Herrenhäuser gegen die hässliche Außenwelt abschottet. Die faszinierende Erzählsprache fängt stimmungsvoll alle sinnlichen Reize ein und setzt sie mit der Innenwelt der Figuren in Verbindung.
   K. erlebt in den letzten Jahrzehnten eine literarische Renaissance.


wichtige Lebensdaten:

1874 Studium der Rechtswissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Dorpat.
1877 Relegation wegen einer (finanziellen? studentischen?) "Inkorrektheit"; in seiner Gesellschaftsschicht "verfemt". 
1877-1890 Fortsetzung des Studiums in Wien; freier Schriftsteller; Kontakt mit Ludwig Anzengruber und Peter Altenberg.
1892-1895 Wieder in Kurland. Bewirtschaftung der mütterlichen Güter Paddern und Telsen.
1893 Anzeichen eines schweren Rückenmarksleidens als Folge einer Syphilisinfektion.
1894 Tod der Mutter; der mütterliche Gutsbesitz fällt an die beiden verheirateten Brüder.
1895 Sommer: Kur in Bad Oeynhausen. Dez.: Umzug nach München zusammen mit seinen Schwestern Henriette (+1908) und Elise (+1915): Rambergstr. 3; Kontakte zu Künstler- und Literatenkreisen (Max Halbe, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke, Rudolf Kassner, Alfred Kubin); Treffpunkte sind das Café Stefanie und die Torggelstuben.
1896 Veröffentlichungen u.a. in den Zeitschriften Kunst für alle, Freistatt, Kunst und Künstler, Der Tag, Die neue Rundschau, Die Zeit.
1897 Verschlimmerung des Rückenmarkleidens, das ihn zunehmend ans Bett fesselt.
1899-1900 Italienreise zusammen mit den Schwestern: Venedig, Florenz, Siena, Rom, Neapel, Paestum.
1900 Umzug in die Ainmillerstraße 19.
1907 Völlige Erblindung als Folge seiner Krankheit; zunehmende Vereinsamung.
1914 Wirtschaftliche Not: infolge des Kriegs keine Einkünfte aus den kurländischen Besitzungen.
1915 Nach dem Tod der Schwester Elise übernimmt seine Schwester Hedwig die Pflege des Bettlägerigen. Bis zu seinem Tod besuchen ihn Halbe, Kassner, die Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe und die Baronin Marie von der Osten-Sacken.

Werke:
(e = entstanden; a = uraufgeführt in)

Romane

1887 Fräulein Rosa Herz
1892 Die dritte Stiege
1903 Beate und Mareile. Eine Schloßgeschichte
1907 Dumala
1911 Wellen
1914 Abendliche Häuser
1919 Feiertagskinder

Erzählungen

1901 Die Soldatenkersta
1904 Schwüle Tage
1905 Harmonie
1906 Seine Liebeserfahrung
1908 Bunte Herzen
1911 Nachbarn
1914 Am Südhang
1915 Nicky
1917 Fürstinnen
1918 Im stillen Winkel
Die Landpartie

Dramen

1900 Ein Frühlingsopfer
1901 Der dumme Hans (Trauerspiel)
1902 Die schwarze Flasche
1904 Peter Hawel
1906 Benignens Erlebnis. Zwei Akte

Essays

1905 Zur Psychologie des Komforts
1907 Über die Liebe

Ausgaben

1922 Gesammelte Erzählungen, hg. v. Ernst Heilborn, Berlin (4 Bde.)
1973 Werke, hg. v. Rainer Gruenter, Frankfurt/M.

   
 

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