Begriff:
"Klassik"
von lat. classicus: eigentl. "zur höchsten Steuerklasse gehörig";
"bevorzugt, mustergültig"; dann: "antik, vorbildlich,
unübertrefflich".
Örtliches Zentrum der Klassik ist die kleine Residenzstadt Weimar durch den von
der Herzogin Anna Amalia begründeten und von ihrem Sohn Herzog Karl August fortgeführten
"Weimarer Musenhof" (u.a. Wieland, Goethe, Herder).
Datierung:
Auftakt mit Goethes
italienischer Reise (1786-88), auf der er die antike Überlieferung studiert und eigene
Werke nach ihrem Vorbild überarbeitet; ab 1787 hält sich auch Schiller öfter in Weimar
auf; ab 1794 Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller; 1799 Übersiedlung Schillers.
1805 Schillers Tod.
Grundzüge:
Gegen die Unruhe der
Zeit (Französische Revolution, Aufstieg Napoleons, Frühindustrialisierung) setzt die
Klassik Harmonie und Humanität als Leitideen. Ausrichtung am Idealbild der gr.-röm.
Klassik, das auf den Schriften Johann Joachim Winckelmanns (1717-68) beruht
(charakterisierende Formel von der edlen Einfalt und stillen Größe): In der
antiken Kultur und ihren künstlerischen Zeugnissen sieht man die Harmonie zwischen Leben
und Ideal, Natur und Freiheit (Schiller) und eine der Natur entsprechende Schönheit
(Goethe) erreicht.
Dem starren Rationalismus der Aufklärung stehen
in der Klassik die Ideale des Guten, Wahren, Schönen entgegen; Abkehr vom Subjektivismus
des Sturm und Drang; statt der dynamisch auf "Unendlichkeit" gerichteten
"Universalpoesie" der Romantik: Statik, Vollendung und Schönheit als Harmonie
zwischen sinnlichem Trieb und Vernunft.
Sittlicher Idealismus: Sittengesetz
als allgemeines Gesetz für das Vernunftwesen Mensch (kategorischer Imperativ Kants: "Handle
so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen
jederzeit als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst"). Der Mensch gewinnt
Freiheit und Autonomie dadurch, dass er die moralischen Gebote in den eigenen Willen
aufnimmt. Die "reine Menschlichkeit" als Ideal. Werte: Menschlichkeit, Toleranz,
Maß, Vollendung, Ausgleich; Übereinstimmung von Geist und Gemüt, Mensch und Natur,
Individuum und Gesellschaft.´
Menschenbild:
Mittelstellung des
Menschen zwischen Geist und Materie; Mensch hat durch seinen Geist an der
"Gottheit", durch seine Natur an der "Tierheit" teil. Bildung zur
Humanität durch Kunst und Dichtung (Schiller: "ästhetische Erziehung");
Erziehungsideal: der in sich ruhende gute und schöne Mensch, in dessen Handeln Pflicht
und Neigung sich in Übereinstimmung befinden (die "schöne Seele"); stimmen
Pflicht und Neigung nicht überein, so tritt in der Überwindung der Neigung die Würde
des Menschen, seine "Erhabenheit" hervor.
Überwindung nationaler Schranken: Gedanke des Weltbürgertums.
Kunstideal:
Bändigung, Maß,
Formung: Nach Schiller liegt das Wesen der Schönheit in der Harmonie zwischen sinnlichem
Trieb und dem Gesetz der Vernunft; antikes Griechentum als Muster der Humanität und der
künstlerischen Darstellung des "schönen" Menschen.
Kunstgegenstand ist nicht "das Leben",
sondern die Gesetzlichkeit des Lebens, nicht die Wirklichkeit, sondern die Wahrheit.
Goethe: Der Dichter muss in der individuellen Gestalt den Typus erkennen lassen, dem Typus
durch individuelle Gestalt Leben verleihen.
Entsprechend Wille zur Form, strenges Formideal:
Naturgemäßheit, Beschränkung in den Mitteln, Ordnung im Aufbau, Harmonie der Teile;
Fünf-Akt-Schema im Drama, Orientierung an den drei Einheiten; wohlgestaltete Sprache;
Übernahme antiker Formen (Versmaße); Sparen an Personen und realistischem Detail;
allgemeingültige Formulierungen.
Themen:
Abwendung von der
Alltagswirklichkeit: erhabene Gegenstände, große Charaktere; Stoffe von grundsätzlicher
Bedeutung (Goethe: Genie und Gesellschaft im Tasso; Humanität in der Iphigenie;
Schiller: Freiheit, der Einzelne und das Schicksal, Schuld, Läuterung). Übernahme
antiker Inhalte (Mythologie).
bevorzugte
Formen:
Drama als wichtigste
Gattung; Gedankenlyrik (Ideengedichte); Balladen; Bildungsroman ("Wilhelm
Meister").
Zeitschriften:
Rheinische Thalia (1785,
Mannheim; hgg. Schiller, ein Heft)
Neue Thalia (1792-93,
Leipzig; hgg. Schiller)
Allgemeine Literatur-Zeitung
(1785-1804, Jena; gegr. v. Wieland u. Friedrich Justin Bertuch, hgg. Chr.
Gottfr. Schütz und Gottlob Hufeland; Mitarbeiter: Goethe, Schiller, Kant, Humboldt,
A. W. u. Karoline Schlegel, Schelling u.a.)
Journal des Luxus und der
Moden (ab 1815 Journal für Literatur, Kunst, Luxus, Mode; 1786-1827,
Weimar; hgg. Bertuch u. Georg Melchior Kraus)
Die Horen (1795-1797,
Tübingen; hgg. Schiller; Mitarbeiter: Goethe, Heinrich Meyer, W. v. Humboldt, Fichte, A.
W. Schlegel, Herder, Kerner, Voß)
Die Propyläen
(1798-1800, Tübingen; hgg. Goethe u. H. Meyer)
Über Kunst und Altertum (1816-1832,
Stuttgart; hgg. Goethe u. H. Meyer)
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Autoren:
Anselm
Feuerbach: Iphigenie (1871) |